- Aufsatzsammlungen: Wenn jemand prominent genug ist, gibt es Aufsatzsammlungen nach dem Muster "Gesammelte Aufsätze von Albert Einstein". Bei den grossen Kalibern vermutlich sogar mehrfach, und auch schon zu lebzeiten. Das sind wörtliche Nachdrucke, und das ist auch legitim.
Ich glaube kaum, dass ein Kaliber, das eine eigene Aufsatzsammlung veröffentlicht, noch in einem Doktorandenforum abhängt und um Rat fragt. Das machen für gewöhnlich (wenn es zu Lebzeiten geschieht) nur altgediente Professoren. Und auch hier gilt: es wird auf den Erstveröffentlichungsort hingewiesen. Solche Sammlungen haben immer zum Schluss im Editorial oder schon unter den Artikeln selbst einen Hinweis darauf. Da können Missverständnisse für gewöhnlich gar nicht aufkommen. Wer da die gesammelten Aufsätze wie Erstpublikationen präsentieren würde, würde sich vor der versammelten Gemeinde lächerlich machen.
Übrigens sind nicht nur schriftliche Arbeiten Publikationen (im Ursprungsbeitrag war von Publikationen die Rede), es gibt ja auch z. B. Vorträge, da ist es absolut akzeptiert, das gleiche mehrmals zu erzählen. Es soll auch Wissenschaftler geben, die Radio- oder Fernsehbeiträge machen, auch Publikationen, auch die sind nicht zwangsläufig neu. Sie werden wahrscheinlich nicht wörtlich mit einem Paper identisch sein (das wäre ein urheberrechtliches Problem), aber es gibt grosse Teile der Medienlandschaft wo die "Neuheitsanforderungen", die für "original research papers" gelten, überhaupt keine Rolle spielen.
Halte ich für eine ganz andere Angelegenheit als (Teil-)Mehrfachverwertung von Aufsätzen. Vorträge werden nicht zitiert, haben oft noch einen eher thetischen Charakter, die Aufsätze, die daraus hervorgehen, sind dann der zitierfähige Beitrag, an den auch entsprechend höhere Ansprüche gestellt werden.
Und Auftritte in den Medien sind nochmal etwas völlig anderes, das gehört in den Bereich Wissenschaftskommunikation. Da kannst du dich so oft wiederholen, wie du willst, denn es ist keine Wissenschaft. Nicht alles, was ein Wissenschaftler sagt und tut, ist Wissenschaft oder wissenschaftlich, auch wenn er sich auf seine Wissenschaft bezieht. Der Doktoren- oder Professorentitel heiligt nicht das gesprochene oder geschriebene Wort.
Die verschiedenen Genres, ihre Funktionen und die damit verbundenen Ansprüche sollte man doch sehr klar auseinanderhalten, gibt genug Studenten, die das bis zum Ende ihres Studiums nicht begriffen haben und Zeitungsartikel zitieren, obwohl Fachstudien zu demselben Thema vorhanden sind.
P.S.: zu
z.B. die KI spuckt schon aus, dass die Punkte aus meiner ersten Publikation zentral zu dem Thema sind
Das kann die KI gar nicht wissen, denn sie denkt nicht. Diese Wertung musst du selbst vornehmen. Ich wäre bei solchen Aussagen einer KI immer vorsichtig und würde die Quellen prüfen. Vielleicht kennt die KI deinen Aufsatz bereits und sagt dir nur deshalb, dass die Punkte daraus zentral sind. Gerade wenn es fachwissenschaftlich wird, hat eine KI oft gar nicht so viele Quellen zur Verfügung, generalisiert aber ihre Aussagen weiterhin.
Ich habe eine Studie zu einem absoluten Nischenthema geschrieben (es gibt dazu praktisch nur meine Studie), und immer wenn ich eine KI nach diesem Thema befrage, antwortet sie mir mit Ergebnissen aus meiner Studie, als ob es sich um Allgemeinwissen handelte. Das würde mich ehren, wenn die KI nicht nur eine Maschine wäre. Also guck gerade bei solchen Wertungen nach, wie die KI zu diesem Schluss kommt. Die Antworten darauf sind oft genug erschreckend ...