Warum werden Dissertationen immer länger?

Anfangen mit der Diss: Abgeschlossene Diskussionen (Doktorvatersuche, Expose...)
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Laplace

Warum werden Dissertationen immer länger?

Beitrag von Laplace »

Ich habe schon von verschiedenen (älteren) Professoren kritische Meinungen dazu gehört, dass Dissertationen immer länger werden (Ingenieure, Mathematiker). Und eigentlich kann ich sie gut verstehen.

Das Auseinandersetzen mit den Arbeiten anderer ist auf der einen Seite wichtig. Auf der anderen Seite lesen sich viele Dissertationsteile zu solchen Themen so, als hätte der Doktorand sich eine Hand voll Reviews geschnappt, ein paar Dutzend Abstracts gelesen und daraus was zusammengestückelt. Braucht eigentlich kein Mensch. Genausowenig die Wiedergabe von Grundlagen: Das ist meist in zahlreichen Lehrbüchern ausführlicher und besser dargestellt, als der Doktorand auf zehn oder zwanzig Seiten es schaffen kann. Diskussionen "Wofür wird dieses oder jenes gebraucht?". Der Fachmann, der die Leistung des Doktoranden überhaupt verstehen kann, weiß das sowieso. Andere Leute werden sich kaum durch solch eine Arbeit quälen.

Meine Arbeit ist sicherlich kaum anders. Ich verstehe zwar, was ich aufschreibe (sollte man auch erwarten kurz vor Abgabe :D ), oder ich bilde es mir mindestens ein. Aber andere haben vieles davon schon gesagt, und das viel besser. Wenn ich solche Teile weglassen würde, könnte ich (aus dem Bauch heraus) 1/3 der Seiten weglassen.

Warum werden die Texte immer länger? Wie ist das in anderen Fachrichtungen?

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Renegade

Re: Warum werden Dissertationen immer länger?

Beitrag von Renegade »

Was heißt für dich denn "immer länger"? Bei uns schafft man normalerweise 120-150 Seiten in 3-4 Jahren. Finde das nicht zu lang.
Bara
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Re: Warum werden Dissertationen immer länger?

Beitrag von Bara »

Neulich habe ich noch in diesem Forum vertreten, dass in meinem Fach die Arbeiten eher selten "kurz" sind. In den letzten Tagen habe ich dann gleich mehrere (nicht einmal schlechte) Arbeiten gefunden, die unter 200 Seiten umfassen. Der Trend geht nach meiner jüngsten Beobachtung damit zu 1) kurzen Arbeiten, die sich das Auswalzen von längst geklärten wissenschaftlichen Fragen schenken und darauf nur in einer Fußnote mit Literaturhinweisen Bezug nehmen, 2) aber leider auch zu Arbeiten mit 500 bis 600 Seiten, die häufig die mangelnde Originalität mit Masse aufzuwiegen versuchen.
Auf der anderen Seite lesen sich viele Dissertationsteile zu solchen Themen so, als hätte der Doktorand sich eine Hand voll Reviews geschnappt, ein paar Dutzend Abstracts gelesen und daraus was zusammengestückelt.
Genau das ist das Problem. Eine lange Arbeit, die wirklich lang sein muss (umfangreiche eigene Erhebungen, neue Methodik, sehr viel erhebliche! Literatur), wird dadurch gleich im ersten Eindruck geschmälert. Da sollten mE die Betreuer mehr tun. Auch schon bei der Themenwahl und -eingrenzung: Wenn es zu einem Thema in 100 Facetten schon jeweils 30 bis 50 Arbeiten gibt, haben es neue Arbeiten schwer, wirklich etwas zur Forschung beizusteuern. Die "Systematisierungsleistung" ist bei solchen Themen dann auch meist schon anderweitig erbracht, sodass die jüngsten Arbeiten immer aussehen wie Zusammenfassungen der älteren. Das ist mE nur sinnvoll, wenn man wirklich etwas aus diesem Zusammentrag ziehen kann - wenn dann nach 400 Seiten die Thesen kommen wie "1. Das Thema ist zwischenzeitlich von der Wissenschaft gut aufgearbeitet.", stimmt irgendwas nicht.
flip
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Re: Warum werden Dissertationen immer länger?

Beitrag von flip »

Naja, du hast dir ja die Frage mit der Länge eigentlich schon beantwortet. Wenn jeder Doktorand meint, die Grundlagen noch einmal zusammenfassen zu müssen, dann wird die Diss automatisch länger. Denn die Grundlagen werden ja mir der Zeit mehr. ;)

Ich würde eher sagen, dass der Trend eher zur kumulativen Diss geht. Und dort entfallen die Grundlagen schlichtweg.
xiotres
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Re: Warum werden Dissertationen immer länger?

Beitrag von xiotres »

Hallo zusammen,

das Thema hat mich auch schon - seinerzeit aus persönlichem Anlass und einer gehörigen Portion Wut im Bauch - beschäftigt.
Letztlich bin ich zu dem Schluss gekommen, dass es daran liegt, dass häufig ein "Forschungsüberblick" wenn auch nicht formal in der PromO, so doch häufig informell gefordert wird. Dieser wird aber - wie hier schon festgestellt - immer "mehr". Und wenn man dann noch eine Nische besetzen bzw. interdisziplinär arbeiten will, verdoppelt sich die Menge der relevanten Literatur gern noch einmal. Hinzu kommen dann noch fachlich bunt gemischte Prom-Ausschüsse und der (ja, wie oben ebenfalls festgestellt) aberwitzige Anspruch, die fertige Arbeit müsse für JEDEN mit einigermaßen Verstand nachvollziehbar sein.

Im Rückblick denke ich zwar, dass ich dadurch nur 10 Prozent weniger Seiten gehabt hätte. Dennoch: Wir bräuchten mutigere Doktoranden ;-) und vor allem BetreuerInnnen, die nicht jedes allgemeinverständliche (und auch in seiner Alltagsbedeutung genutzte) Wort nochmal definiert und auf den Prüfstand anhamd der weltweit verfügbaren Literatur gestellt haben wollen. Und Ersteres würde erst auf Zweitgenanntes folgen können!

My 2 cents!

Xiotres
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