Aufgedrängter Co-Autor / Erzwingen von Beiträgen

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oclock
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Aufgedrängter Co-Autor / Erzwingen von Beiträgen

Beitrag von oclock » 10.02.2012, 02:53

Hi,

ich habe eine Frage, die mich seit heute sehr beschäftigt. Unser neuer Chef zwingt uns quasi dazu, jeden Publikationswunsch weit vor der Einreichungsfrist mit ihm zu besprechen, damit er das Paper mit uns zusammen "erarbeiten" kann. Er leistet dann somit einen Beitrag und dafür will er dann auch Co-Author sein.
Die Situation ist insofern ungewohnt, da der vorherige Chef genau das Gegenteil darstellte. Er wollte eigentlich nie mit drauf stehen, wenn er fachlich nichts beigetragen hat und hat uns einfach machen lassen (Sprich: Er hat uns "learning by doing" praktizieren lassen). Dadurch bin ich meiner Meinung nach ziemlich selbstständig geworden, was das Verfassen wissenschaftlicher Beiträge betrifft und auf Hilfe nicht angewiesen. Tipps nehme ich natürlich immer gerne an diskutiere viel mit Kollegen etc.

Ich fühle mich jetzt plötzlich wie ein kleines Kind bevormundet und es geht mir etwas auf die Nerven, daß sich jemand die Co-Autorenschaft quasi erschleichen möchte, obwohl ich gar nicht will, daß jemand gegen meinen Wunsch etwas zum Inhalt beiträgt.

Beide Personen sind übrigens keine Profs/Doktorvater/Betreuer der Diss, dafür aber Geldgeber.

Wie seht ihr das? Wie lässt sich dieser Konflikt am besten lösen? Soll ich einfach nachgeben? Soll ich "streiken" (=einfach nichts mehr publizieren)? Soll ich "heimlich" versuchen in Journals publizieren (und nicht auf Konferenzen)? Bin ein bisschen ratlos gerade :-/

Bye,
oC

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Sebastian
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Re: Aufgedrängter Co-Autor / Erzwingen von Beiträgen

Beitrag von Sebastian » 10.02.2012, 07:44

Hallo oC,

das klingt unangenehm und eine Patentlösung wüßte ich auch nicht. Hast Du denn noch einen Prof/DV/..., der Dir insofern helfen könnte, als Du beide gegeneinander ausspielst, indem Du bei Deinem Geldgeber vorbringst, Dein DV wolle dieses Papier als Co-Autor mit dir herausbringen - (und hinterher verzichet der DV dann "plötzlich")?

Gruß
Sebastian

Laplace
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Re: Aufgedrängter Co-Autor / Erzwingen von Beiträgen

Beitrag von Laplace » 10.02.2012, 10:10

Willkommen in der Welt der Wissenschaft. Wenn ich jetzt noch zynischer werden wollte, würde ich sagen: Sei doch froh, dass die entsprechende Person immerhin aktiv Intresse an dem Papier zeigt, und nicht "einfach so" mit drauf geschrieben werden will. Eine generelle Lösung gibts da wohl nicht. Geht es den darum, dass diese Person sich hinten oder vorne auf solche Papiere mit drauf schreiben will?
Wenn du es mit dir selbst vereinbaren kannst, ist es mit Sicherheit die "einfachste" Lösnug, das einfach zu akzeptieren. Wenn das für dich nicht in Frage kommt, würde ich versuchen, dass ganze (mehr oder weniger) offen anzusprechen. Aber vorsichtig. Damit sich niemand auf den Schlipps getreten fühlt.

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Re: Aufgedrängter Co-Autor / Erzwingen von Beiträgen

Beitrag von Wierus » 10.02.2012, 13:35

oclock hat geschrieben:es geht mir etwas auf die Nerven, daß sich jemand die Co-Autorenschaft quasi erschleichen möchte, obwohl ich gar nicht will, daß jemand gegen meinen Wunsch etwas zum Inhalt beiträgt.
Leider wird aber genau das der eigentliche Sinn der ganzen Übung sein. Vielerorts ist eine üppige Publikationsliste gern gesehen und dient - bei Eigenleistungen - auch zu Recht als akademisches Aushängeschild des/der Betreffenden. Da ist es schon klar, dass der ein oder andere seinen Namen überall "reinmogeln" will, um noch besser dazustehen. Anderseits kann es natürlich auch sein, dass hier ernsthaft konstruktive Kritik einfließen soll, der Betreffende also wirklich an soliden Beiträgen seiner "Protégés" interessiert ist und sich dann als Gegenleistung als Co-Autor sieht. Schwer zu sagen, welche Motivation dahinter steckt. Du kannst zumindest darauf bestehen, dass dein Name zuerst genannt wird. Mehr Handhabe wird dir wohl nicht bleiben, wenn du größere Konflikte vermeiden willst.

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Re: Aufgedrängter Co-Autor / Erzwingen von Beiträgen

Beitrag von oclock » 10.02.2012, 22:35

Laplace hat geschrieben:Willkommen in der Welt der Wissenschaft. Wenn ich jetzt noch zynischer werden wollte, würde ich sagen: Sei doch froh, dass die entsprechende Person immerhin aktiv Intresse an dem Papier zeigt, und nicht "einfach so" mit drauf geschrieben werden will.
Am Montag habe ich eine Deadline und genannte Person hat heute die Publikation sehen wollen, ein paar Rechtschreibfehler korrigiert und als "Kommentar" seinen Namen ans Ende der Autorenliste gesetzt. Jo...Willkommenn .-(

oclock
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Re: Aufgedrängter Co-Autor / Erzwingen von Beiträgen

Beitrag von oclock » 10.02.2012, 22:39

Sebastian hat geschrieben:Hallo oC,

das klingt unangenehm und eine Patentlösung wüßte ich auch nicht. Hast Du denn noch einen Prof/DV/..., der Dir insofern helfen könnte, als Du beide gegeneinander ausspielst, indem Du bei Deinem Geldgeber vorbringst, Dein DV wolle dieses Papier als Co-Autor mit dir herausbringen - (und hinterher verzichet der DV dann "plötzlich")?
Das ist leider nicht möglich, da sich beide kennen und ich als "Nullnummer" keine Rückendeckung zu erwarten habe. Vetternwirtschaft halt...

oclock
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Re: Aufgedrängter Co-Autor / Erzwingen von Beiträgen

Beitrag von oclock » 10.02.2012, 22:45

Noch eine etwas allgemeinere Frage:
Welche "Rechte" hat ein Wissenschtl. Mitarbeiter bzgl. dem Publizieren eigener Ergebnisse, die
a) während der Arbeitszeit entstanden
oder
b) Privat entstanden, aber inhaltlich mit der Arbeit zu tun haben?

Darf man das auf eigene Regie veröffentlichen, meinetwegen auch auf eigene Kosten etc.? Oder ist man verpflichtet in jedem Fall den direkten Vorgesetzten zu informieren und um Erlaubnis zu fragen?

MastaofDissasta
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Re: Aufgedrängter Co-Autor / Erzwingen von Beiträgen

Beitrag von MastaofDissasta » 11.02.2012, 00:58

Ich würde Cheffe mal freundlich, aber bestimmt auf die DFG-Empfehlungen zu dieser Frage hinweisen:

"Als Autoren einer wissenschaftlichen Originalveröffentlichung sollen alle diejenigen,
aber auch nur diejenigen, firmieren, die zur Konzeption der Studien oder Experimente,
zur Erarbeitung, Analyse und Interpretation der Daten und zur Formulierung
des Manuskripts selbst wesentlich beigetragen und seiner Veröffentlichung zugestimmt
haben, d. h. sie verantwortlich mittragen."

http://www.dfg.de/download/pdf/dfg_im_p ... s_0198.pdf

"Lesen und abnicken" reicht nicht, Rechtschreibkorrekturen reichen nicht, und - und das ist schon fast überraschend - Gelder einwerben auch nicht. Professoren argumentieren ja gerne, dass sie die finanzielle Grundlage bereitstellen - das Einwerben eines großen Drittmittelprojektes schreiben sie sich aber in die CVs, ergo ist das "abgegolten".

Das ist natürlich nicht ganz einfach gegenüber dem Chef zu kommunizieren. aber die guten Journals haben ähnliche Bedingungen und die können vielleicht herangezogen werden. Soll heißen: Cheffe schreibt sich im Überarbeitungsmodus drauf --> du löschst ihn wieder raus --> du reichst das Paper ein --> du schickst Cheffe eine finale Version "FYI", ohne seinen Namen, aber mit einem Kommentar, in dem steht: "Sorry, Cheffe, wenn's nach mir ginge, stünden Sie ja drauf, aber das blöde Journal ist da echt kleinlich ...".

Ich würde aber an deiner Stelle den Input auch nicht so kritisch sehen ("...obwohl ich gar nicht will, daß jemand gegen meinen Wunsch etwas zum Inhalt beiträgt."), weil das ja eigentlich ganz wesentlicher Teil des wissenschaftlichen Arbeitsprozesses ist. Ich bin auch nicht mit jeder Anmerkung einverstanden, hin und wieder profitiere ich aber schon vom Erfahrungsvorsprung meines Chefs.

maesch
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Re: Aufgedrängter Co-Autor / Erzwingen von Beiträgen

Beitrag von maesch » 11.02.2012, 04:15

Hehehe... :) Kann mich nur den Vorpostern anschließen. Bei mir schwankt die Anteilnahme pro erzwungener Coauthorenaschaft von gar nix bis Feigenblatt ("Also, an dieser Stelle sollten Sie schon noch deutlicher werden"), aber wehe wenn nicht. Ein Präzedenzfall ist mir an unserem Lehrstuhl nicht bekannt. Das Abhängigkeitsverhältnis DV/DM<->Doktorand/in wird also bestens ausgenutzt. Aber das mag auch vom Fachgebiet abhängen. Geisti-Disser beispielsweise mögen mit ihrem Thema beim finalen Unterschriftsleister wg. geringeren Andrangs auf mehr Interesse stoßen und können vielleicht so auf mehr Anteilnahme hoffen.

holladiewaldfee
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Re: Aufgedrängter Co-Autor / Erzwingen von Beiträgen

Beitrag von holladiewaldfee » 11.02.2012, 10:41

Hei,

gibt es bei Euch keine "Beratungsstelle" zu solchen Themen? Das ist doch kein Einzelfall. Irgendwo sollte es die Moeglichkeit zum "Whistleblowing" geben. Wenn der Gute nur Rechtschreibfehler korrigiert, ist es m.E. schon ziemlich klar, woher der Wind weht - hierher "dass hier ernsthaft konstruktive Kritik einfließen soll, der Betreffende also wirklich an soliden Beiträgen seiner "Protégés" interessiert ist" wohl eher - leider - nicht.

Streiken bringt Dir nuescht, jemandem auf den Schlips zu treten noch weniger. Du sitzt am kuerzeren Hebel, also Vorsicht - aber gefallen lassen wuerde ich es mir auf die Dauer nicht. Fuers aktuelle Paper ist es allerdings wohl eh zu spaet?

Kannst Du nicht auf einem Absatz fuer die "Contributions" bestehen? Sowas hier (habe nur fix gegooglet): http://www.ajcn.org/site/misc/ifa_format.xhtml
Aber.. auch das wird schon nicht gut ankommen.

Versoehnlicher (aber unwahrscheinlich, dass der Typ sich darauf einlaesst): Ihn offen darauf ansprechen, dass er ja am Paper inhaltlich wenig beteiligt gewesen sei, ob es nicht korrekter sei, ihn in den Acknowledgements aufzufuehren.

HTH, holladiewaldfee!

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