Wann sind Hypothesen stichfest?

Fragen aus der laufenden Arbeit an der Dissertation.
Literatursuche, Motivationsprobleme, Lehrtätigkeit, Ärger mit dem Prof u.v.m.
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snoozyandre

Wann sind Hypothesen stichfest?

Beitrag von snoozyandre »

Hi,

Ich führe 30 qualitative Experteninterviews in der Markenforschung.

Kurze Frage: Ab wann kann man herausgefeundene Kausalzusammenhänge als Hypothesen präsentieren und verteidigen? Ist das NUR von der Anzahl der übereinstimmender Aussagen abhängig, oder auf was muss ich da achten und wie hoch sollte die Übereinstimmungsdichte sein?

Danke,

Snooze

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Wissbegierige

Re: Wann sind Hypothesen stichfest?

Beitrag von Wissbegierige »

Wie das bei qualitativer Forschung halt so ist, kann ich dir keine Antwort á la "ab 70% der Fälle" geben, was dir vermutlich klar ist.
Ich arbeite in meiner qualitativen Arbeit mit recht groben Angaben ("ein Viertel der Fälle", "ungefähr ein Drittel der Befragten" ...).
Es geht ja bei qual. Aussagen nicht um irgendwelche Signifikanzniveaus oder Hypothesentests, sondern um Erkenntnisse darüber hinaus, die eher in die Tiefe gehen. (zB Zusammenhang bei Befragtem A und B gleich, jedoch A begründet diesen Zusammenhang völlig anders als B und A findet diesen Zusammenhang sehr wichtig und B überhaupt nicht)
Ich würde da einfach in der Art sagen "mehrheitlich ist es so und so, wobei es in einer Minderheit der Fälle (Fall a, d und g) anders ist." Das muss natürlich alles ausführlich belegt werden.
Außerdem kommt es ja auch sehr auf die Stärke des Zusammenhangs an.
musicus

Re: Wann sind Hypothesen stichfest?

Beitrag von musicus »

Ich bin mal wieder gehässig und sage: wenn Professoren schon erwiesenermaßen keine Ahnung haben, wie sauber zitiert wird, dann werden sie das erst recht nicht wissen. 8)

Zum Thema: Hypothesen sollte man doch eigentlich immer präsentieren können dürfen, oder? Und "verteidigen, stichfest", das klingt mir zu martialisch. Ich würde erstmal auf ein Gegenargument warten, dann kannst du ja weitersehen, es in die Hypothese einfließen lassen oder verwerfen. Hypothesen, die sich als falsch herausstellen sind doch mindestens genauso spannend wie Hypothesen, die sich noch nicht als falsch herausgestellt haben.

Zur Frage: Wann sind Hypothesen stichfest? --> Meine Antwort wäre: nie. :wink:
snoozyandre

Re: Wann sind Hypothesen stichfest?

Beitrag von snoozyandre »

also selbst wenn ich ein übergeordnetes "Endmodell" entwerfen möchte, muss ich darauf hinweisen, dass es im Grunde genommen auch komplett anders gesehen werden kann?

irgendwie hab ich Angst dass ich mich zu festgelegt ausdrücke.
Wissbegierige

Re: Wann sind Hypothesen stichfest?

Beitrag von Wissbegierige »

Ich würde da zu "ja, aber" tendieren. :wink:
Ich halte qualit. Hypothesen dann für stichfest, wenn sie gut begründet sind und sich aus dem Material herleiten (sowohl empirisch als auch theoretisch). Es sind ja Hypothesen, anhand derer du vermutlich vorgehen willst.
Ich mache eine qualitative Studie zur Unternehmenskultur, da würde ich als Ergebnis eher von Theorien mittlerer Reichweite sprechen. Hätte ich ein anderes Unternehmen untersucht, wären meine Ergebnisse sicher anders. Vielleicht in den Gründzügen gleich, aber doch anders.
Die Frage ist hier, welche Gütekriterien du an qualit. Forschung und Ergebnissse anlegst. Die klassischen Gütekriterien (Objektivität, Reliabilität, Validität und Repräsentativität) halte ich da für nicht ganz geeignet. Ich argumentiere jetzt ziemlich mit dem Forschungsstil der Grounded Theory, die als alternative Gütekriterien intersubjektive Nachvollziehbarkeit, empirische Verankerung, Begrenzung des Geltungsbereichs, Kohärenz, Relevanz und reflektierte Subjektivität nennt.
Sorry für die Ausschweifungen, habe mich im Soziologiestudium ziemlich mit diesem Thema beschäftigt...
musicus

Re: Wann sind Hypothesen stichfest?

Beitrag von musicus »

Genau, diese Angst wird im Universitätsbetrieb systematisch erzeugt und aufgebaut. Literatur dazu: Wolf Wagner: Uni-Angst und Uni-Bluff. Ein wirklich hervorragendes Buch, das mir leider erst zu spät die Augen geöffnet hat. Man neigt dazu, viel Worte zu machen, aber nichts auszusagen, vor allem nie eine konkrete und gar persönliche Auffassung durchblicken zu lassen, weil das könnte ja kritisiert werden (und wird es dann auch).

Der typische wissenschaftliche Text fängt so an: man nennt 3 Beispiele, in denen man darstellt, was man bemerkt hat (Induktion aus persönlichen Erfahrungen), dann sagt man sofort, daß man natürlich keinesfalls aus diesen Beispielen ableiten könne, daß dies und jenes allgemein so sei, um dann im weiteren Text doch mit genau dieser Annahme fortzufahren. Am Ende kommt natürlich immer, daß hier noch viel mehr Forschung nötig sei und man lediglich einen Denkanstoß geben wollte.

Mir helfen einige Mantras, die den universitären Habitus aufbrechen: keine Hypothese kann verifiziert werden. Keine Hypothese kann falsifiziert werden. Wissenschaft und Wahrheit hat nichts miteinander zu tun. Der Mensch kann die Wirklichkeit ohnehin nicht erkennen. Wissenschaft erzählt auch nur Mythen. Prüfungen sind ein Theaterstück mit festgelegten Rollenmustern. Wir denken sowieso mit falscher Zweiwertiger Logik (Aristoteles), können von daher auch auf keine endgültig korrekten Schlüsse kommen, usw. :lol: :oops:

Konkrete Hilfe: dein Endmodell kannst du schon in der Entwicklung gegen gegenteilige Einwürfe versuchen zu verteidigen. Klar, ich würde immer sagen: nimmt man an, daß die Erde rund ist, dann ist es so, daß ... Da steckt ja dann drin, daß diese Aussage dann nicht mehr gilt, wenn die Erde nicht rund sein sollte. Ich lege mich ganz klar fest und stehe zu meinen Überzeugungen, die ich auch ausspreche (das gehört zur wissenschaftlichen Ethik dazu, finde ich). Wem das nicht paßt, der hat halt Pech gehabt (oder ich eben). Dieses Vorgehen ist natürlich riskanter als die ganzen "Immunisierungsstrategien".
snoozyandre

Re: Wann sind Hypothesen stichfest?

Beitrag von snoozyandre »

danke für die beiträge, hat mir jetzt schon geholfen. ich werde einfach meine theorie nach allen seiten hin absichern und relativieren. dann bin ich auf der sicheren seite.
Gesperrt