Situation nach Abgabe: Antriebslos und unmotiviert

... und die Fragen, die sich davor und dabei ergeben.
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deen_everstin
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Re: Situation nach Abgabe: Antriebslos und unmotiviert

Beitrag von deen_everstin »

Hey DissMaus!

Lieb, dass du nachfragst. :) In Kurzform: ich habe bestanden! :mrgreen:

Um auf deine Frage etwas genauer einzugehen, hier nun die lange Version. In meiner Promotionsordnung ist geregelt, dass zur Verteidigung der Dissertation eine Disputation erfolgt, welche aus einem 30-minütigen Vortrag und einer daran anschließenden ca. 60-minütigen Diskussion besteht. In meinem Fall schreibt die Promotionsordnung vor, dass die Disputation fakultätsöffentlich stattfindet. D.h., alle Studierenden und Mitarbeitenden der Fakultät hatten Zutritt zur Verteidigung, andere - wie beispielsweise meine Familie - mussten draußen warten. In meinem Fall kam abseits der vierköpfigen Kommission (Vorsitzende, DV + Zweitgutachter sowie Schriftführerin) niemand dazu, was mir persönlich ganz recht war.

Meine Vorbereitung sah so aus, dass ich mir einen Foliensatz gebastelt habe, der in etwa so aufgebaut war: 1. Ausgangslage & Motivation, 2. Fragestellungen, 3. Theoretische Grundlagen & Forschungsdesign, 4. Ergebnisse, 5. Transfer in die Praxis & Fazit. Weil ich komplett eskaliert bin, hatte ich in einem ersten Entwurf um die 80 Folien. Nach und nach hab ich dann am Ende auf ca. 35 Folien gekürzt und den Rest in den "Themenspeicher" gehauen, also eine Art Backup für die anschließende Diskussion (hab ich später auch tatsächlich an 2-3 Stellen genutzt und kam ganz gut an, war aber auch im Vorfeld mit meinem DV so besprochen und abgesegnet). Und dann hab ich geübt, in der Zeit zu bleiben. Ähnlich wie hier komme ich auch im echten Leben gerne ins Schwafeln. Da ich mir dessen bewusst war, wusste ich um meine größte Schwäche und hab so viele Durchgänge vor Publikum geprobt, bis ich innerhalb der halben Stunde war. Es hat vier Anläufe gebraucht, um mich von 56 Minuten auf ziemlich exakt 30 Minuten herunter z zu kürzen.

Am Tag der Disputatio hat sich herausgestellt, dass die Übung echt wichtig war. Natürlich bin ich ziemlich aufgeregt gewesen und hatte dann auch noch die Aufgabe, die Tische, Stühle und Technik des Raums so umzustellen und zu prüfen, dass es für die Prüfungssituation angemessen war und das mit allen kleinen Hindernissen (der Beamer hat meinen Laptop 20 Minuten lang nicht erkannt). Am Ende stand alles und die Kommission kam pünktlich und vollzählig. Nach kurzer förmlicher Eröffnung wurde mir dann mitgeteilt, dass die Zeit für den Vortrag ab jetzt laufe. Die ersten Sekunden war ich natürlich aufgeregt, aber die vorherige Übung hatte echt geholfen, sodass sich nach wenigen Augenblicken eine gewisse Routine einstellte. Am Ende war ich nach 30 Minuten und 30 Sekunden fertig und hab erst einmal durchgeatmet. Und dann kam der einzige Part, den ich vorher nicht üben konnte: die Fragen. Hier muss ich sagen, dass es durchaus ein paar herausfordernde, wenngleich erwartbare und für den Rahmen angemessene Fragen gegeben hat. Beispielsweise "Du hast ja eben deine Ergebnisse dargestellt. Kommen wir doch nochmal zurück zu den Modellen, die du in der Theorie dargestellt hast. Inwiefern würdest du sagen, bilden deine Ergebnisse die theoretischen Überlegungen des Modell x von Autor y ab? Ordne das doch nochmal ein." oder "Du hast ja auf Folie x die Ergebnisse deiner inferenzstatistischen Verfahren dargestellt. Unter anderem Berechnungen zu Analyse x. Die Modellgüte hast du hier durch R² mit .101 angegeben. Ordne das doch bitte in seiner Bedeutung ein." und so weiter. Da hat sich dann gezeigt, ob man die eigene Diss wirklich gegenüber Fachpublikum vertreten konnte. Ganz ehrlich, hier hatte ich nen Salzwasserstand bis zur Po-Ritze. Aaaaber am Ende ging die Stunde schnell vorbei und insgesamt waren alle Fragen fair und meist in unmittelbarem Zusammenhang zu meinen Folien.

Im Anschluss an die Disputation wurde ich nach draußen in den Flur gebeten, damit die Kommission sich für die Note berät. Im Flur warteten schon meine Eltern, meine Frau und Schwieger-Omi und blickten mich erwartungsvoll an. Ich konnte an der Stelle erst einmal nur nervös mit den Schultern zucken und meinte, dass ich warten müsse und die Kommission sich berät. Mein Gefühl war, dass es zum Bestehen schon gereicht haben wird, ich aber nicht sicher war, wie zufrieden vor allem mein DV mit den Antworten der etwas komplexeren Fragen gewesen ist. Nach gefühlt endlos langen sechs Minuten wurde ich dann schließlich von der Vorsitzenden wieder hinein gebeten. Ohne große Umschweife streckte sie mir die Hand aus, gratulierte mir zu einer "sehr gelungenen Disputation, die wir mit Magna cum laude 0,7 bewertet haben" und dass ich somit die Promotion insgesamt bestanden habe. In dem Moment hat's ne Sekunde in mir gerattert, um das zu verarbeiten und anschließend hab ich gemerkt, dass ich erst einmal kräftig ausgeatmet habe (scheinbar hatte ich vor Anspannung unbewusst die Luft angehalten). Und dann dauerte es noch ein paar weitere Momente, bis die Erkenntnis so langsam einkehrte, dass ich wirklich bestanden habe. Ich hab mich artig (und aufrichtig) bei allen bedankt, bin dann raus in den Flur und hab meiner Familie das Ergebnis mitgeteilt. Da sind dann bei allen ein paar Freudentränen gekullert. Danach gabs ein paar Getränke und Snacks zum Anstoßen und Runterkommen. :D

Das war meine Verteidigung. Wenn du mich nach Tipps fragst, würde ich sagen, üb deine Präsi und schau dir besonders die Parts an, bei denen du selbst das Gefühl hast, dass du eventuell nicht ganz so sattelfest bist. Falls dir die beiden Gutachten zu deiner Diss vorliegen, lies sie aufmerksam und schau, wo die Kritik liegt. Rechne damit, dass das in der Verteidigung nochmal aufgegriffen wird. Falls ja, dann nimm die Kritik an und wenn möglich, ordne sie ein, ohne zu sehr in eine Abwehrhaltung zu gehen und gleichzeitig wertschätzend zu bleiben. Bezüglich der Frage, ob du noch weiter fleißig aktuelle Publikationen studieren solltest, würde ich sagen, dass das davon abhängt, für wie wahrscheinlich du es erachtest, dass deine Kommission im Rahmen der Diskussion so etwas abfragen könnte bzw. ob es dir noch etwas mehr Sicherheit gibt. Ich für mich hab festgestellt, dass ich nicht alles wissen kann und muss, aber alles im Kontext der Diss absolut sitzen sollte. Wenn dann noch Luft ist - super. Falls nicht, ist es in 9 von 10 Fällen für die Verteidigung nicht relevant und eher fürs eigene Gewissen.

Ich hoffe, dir mit meinen ausufernden Schilderungen ein paar interessante Einblicke gegeben zu haben und drücke dir für deine Verteidigung (am ?) alle Daumen und Zehen uuuund würde mich freuen, wenn du ebenfalls eine kurze Rückmeldung im Anschluss gibst, wie es bei dir gelaufen ist. Viel Erfolg!

P.S.: Wenn noch Fragen offen sein sollten, kannst du mir gern auch ne PN schreiben.
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