Disputation: Ich bin nicht der Experte

... und die Fragen, die sich davor und dabei ergeben.
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halfblood_princess
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Disputation: Ich bin nicht der Experte

Beitrag von halfblood_princess » 07.05.2019, 15:41

Hallo zusammen,

ich muss mir etwas von der Seele reden, was schon lange schwelt und sich jetzt aus gegebenem Anlass zuspitzt. Ich fühle mich vollkommen unwissend in meinem Promotionsthema und habe eine Riesen Angst vor der Verteidigung (in ca. einem Monat).
Ich denke das Problem liegt unter anderem darin begründet, dass ich auf deiner Projektstelle promoviert habe, wobei der Projektleiter (gleichzeitig "Betreuer") auch sehr aktiv am Projekt beteiligt war. Dadurch, dass das Thema und die einzelnen Projektteile schon feststanden und auch sehr schnell umgesetzt werden mussten, habe ich das Gefühl mich nie richtig ins Thema eingearbeitet zu haben und gedanklich immer meinem "Betreuer" hinterherzuhinken. Ich habe kumulativ promoviert.
Das Gefühl der absoluten Unwissenheit war während der Schreibphase besonders schlimm weil ich gar nicht richtig wusste, was ich schreiben soll und super viel von der Grundlagen Literatur aufarbeiten musste. Jetzt, zwei Monate nach Abgabe, habe ich schon wieder alles vergessen. Nun habe ich schreckliche Angst vor den Fragen in der Disputation, dass meine Unfähigkeit dort auffliegen wird. Die Note ist mir egal. Ich fürchte mich nur vor quälenden endlos langen Sekunden oder Minuten, in denen ich entweder gar nichts sage, die Frage zum x-ten Mal nicht verstehe oder irgendeinen Mist rede, wo ich genau weiß, dass alle im Raum wissen, dass es Mist ist. Häufig wird ja gesagt, man brauche sich vor der Verteidigung nicht verrückt machen, denn man sei Experte auf seinem Gebiet. Aber eben genau das fehlt mir. Geht es noch jemandem so? Ist es normal, sich so vollkommen unwissend zu fühlen?

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Jamilyn
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Re: Disputation: Ich bin nicht der Experte

Beitrag von Jamilyn » 08.05.2019, 17:36

halfblood_princess hat geschrieben:
07.05.2019, 15:41
Ich denke das Problem liegt unter anderem darin begründet, dass ich auf deiner Projektstelle promoviert habe, wobei der Projektleiter (gleichzeitig "Betreuer") auch sehr aktiv am Projekt beteiligt war. Dadurch, dass das Thema und die einzelnen Projektteile schon feststanden und auch sehr schnell umgesetzt werden mussten, habe ich das Gefühl mich nie richtig ins Thema eingearbeitet zu haben und gedanklich immer meinem "Betreuer" hinterherzuhinken.
Letzten Endes verteidigst du nicht das Projekt, sondern das, was du konkret selbst gemacht hast. Wichtig ist, dass du sagen kannst, warum du was gemacht hast, und dass du das Ergebnis verstehst. Ins Projekt rundherum musst du deine Arbeit grob einordnen können, aber nach den Details der Arbeit anderer wird man dich wahrscheinlich nicht fragen.

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Re: Disputation: Ich bin nicht der Experte

Beitrag von daherrdoggda » 08.05.2019, 21:21

Hast du bei deinen Publikationen Erstautorenschaften? Dann solltest du diese doch immerhin kennen und Fragen dazu beantworten können.

Nomen Nescio
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Re: Disputation: Ich bin nicht der Experte

Beitrag von Nomen Nescio » 09.05.2019, 10:40

@daherr Du liegst mit deinem Hinweis höchstwahrscheinlich richtig, aber ich schätze, dass das Problem von TE nicht im Bereich der Fakten liegt.
@TE Ob du die Expertin auf deinem Promotionsgebiet bist, entscheidest nur du! Faktisch weisst du sicherlich mehr darüber, auch wenn dein Betreuer mehr Erfahrung und Überblick hat und dadurch deinen Teil leichter und sicherer ins "große Ganze" einordnen kann. Mein DV war/ist - ich muss im Rückblick sagen: "leider" - sehr nah an meinem Diss-Projekt. Seine Forschungsarbeit begann fast in der Zeit, als es noch eine Leistung war, einem Gewirr von Stangen, Gelenken und Greifer beizubringen, einen Würfel anzuheben. Ich erinnere mich an Abende, die ich mich durch "Smith A., Smith B., Jones C. 'Grip and tension' " o.ä. gewühlt habe und er bei der nächsten AG-Sitzung aus dem Stand anmerkte: "Ja, habe ich gelesen, aber Henderson@al hat das vor 10 Jahren schon untersucht, mMn viel prägnanter. Schau mal in die Diss von XY, da steht die Quelle.". Das kann frustrieren. ;) Aber bei den 3armigen Monstern, die 5 Tennisbälle jonglieren konnten, war ich der Boss. Und wenn mein Nachfolger in dem Projekt 4Armer mit 6 rohen Eiern jonglieren lässt, ist DV grob immer noch auf dem Stand meiner Diss. Was aber immer noch reichen wird, auch meinen Nachfolger gelegentlich zu frustieren. ;) Die Disp ist für die anwesenden Großkopfeten die letzte Chance, manche sagen auch Pflicht, den Bald-Doctores ihre Grenzen zu zeigen. Spiel das Spiel mit, du hast sowieso keine andere Chance!
Ich habe vor kurzem in einem anderen, ähnlich gelagerten thread das Stat. Bundesamt zitiert: In 2017 sind bei leicht mehr als 28.000 Prüfungen 7 Prüflinge durchgefallen. Falls Prüfung dort Disp/Rig. bedeutete, waren dies knapp unter 1/4 promille 'failed in disp'. Falls es die Summe von Durchfallern bei Gutachten und bei Disp war, reduziert sich die Durchfallquote für Disp nochmal.
Du hast deine Gutachten und bist zur Disp zugelassen. Check bitte die folgenden Punkte:
1) Unter deinen Gutachten steht etwas wie: "Eigentlich sollte man Analphabeten vor Promotionsbeginn ausfiltern. Ich lasse dieses Machwerk durch, weil ich auf keinen Fall eine Zweitversion davon auf meinem Schreibtisch haben will."
2) Du hast hinweisresistent den Parkplatz von Dekan bzw Betreuer als deinen angesehen.
3) Während einer Tagung deines Betreuer hast du die Pflege seiner Zimmerpflanzen übernommen, und selbst die Kakteen sind in der Zeit vertrocknet.
Trifft keine dieser Möglichkeiten zu, wirst du dich mit dem Gedanken anfreunden müssen, bald die Urkunde zu erhalten. ;)
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obscura
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Re: Disputation: Ich bin nicht der Experte

Beitrag von obscura » 09.05.2019, 22:52

Ferndiagnostisch lässt sich schwer sagen, wie "korrekt" deine momentane Selbsteinschätzung ist. Du erinnerst mich an eine Freundin, die vor ihrer Verteidigung genau dasselbe gesagt hat (und sogar suizidale Gedanken entwickelte, weil sie felsenfest von ihrer Unfähigkeit überzeugt war) – und dann hat sie eine super Leistung hingelegt und eine summa cum laude eingeheimst. So kann es also auch laufen.

Wenn du es schon so weit geschafft hast, ohne wirklich Expertin zu sein, will das schon mal was bedeuten. Den Monat, den du jetzt noch hast, würde ich zur Vorbereitung nutzen, gewinne ein bisschen Sicherheit. Am Tag der Wahrheit so professionell wie möglich auftreten. Wenn du auf eine Frage nicht wirklich zu antworten weißt, würde ich mir einen Aspekt herausgreifen, der irgendwie mit dem Ganzen verwandt ist und darüber reden.

Und vergiss nicht: Dein Betreuer wird dich, zumal du in seinem Projekt so eingebunden warst, ganz sicher verteidigen und "durchbringen".

Das wirst du schon schaffen!
Liebe Grüße!

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Re: Disputation: Ich bin nicht der Experte

Beitrag von halfblood_princess » 11.05.2019, 09:33

Danke für die teils sehr ausführlichen Beiträge!

@Jamilyn & daherrdoggda: Ja, ich habe Erstautorenpublikationen. Anders wäre das von der Promotionsordnung her auch gar nicht möglich. Allerdings sind die auch "aus dem Projekt heraus" entstanden. Mir persönlich fehlt am Ende mein wirklich eigener gedanklicher Beitrag on Top. Vor allem wenn ich mich mit den anderen Doktorand/innen vergleiche (die alle auf Hausstellen sind), habe ich den Eindruck, nur das Projekt bearbeitet und "nichts" selbst geleistet zu haben. Ich habe halt keinen Vergleich zu anderen Promotionen, die aus Drittmittelprojekten entstanden sind.
Für die Disputation werde ich ja nur einen Teil der Publikationen vorstellen können und damit alles eine runde Sache gibt, werde ich da eben nicht nur meine Erstautoren Paper vorstellen. Auch das macht mir ein bisschen zu schaffen im Sinne von
Jamilyn hat geschrieben:
08.05.2019, 17:36
nach den Details der Arbeit anderer wird man dich wahrscheinlich nicht fragen.
@Nomen Nescio: :D Nein, ich habe nicht den Parkplatz blockiert. Die Gutachten sind bei uns vor der Disputation nicht einsehbar, deswegen kann ich nicht sagen was drin steht. Ich glaube auch eigentlich ganz rational nicht, dass ich durchfalle. Das wird schon irgendwie klappen. Ich fürchte mich nur ungemein vor extrem unangenehmen 30-60 Minuten. Ich hatte so eine Situation bei der Vorstellung meiner Bachelor Arbeit im Kolloquium, bei der der Prof. (Betreuer war ein Doktorand) mich während des Vortrags unterbrochen und mir Literatur zu dies und jenem um die Ohren gehauen hat, die alle beweisen würden, dass meine Argumentation ja totaler Käse ist. Im Nachhinein total überzogene Erwartung des Profs an eine Bachelorarbeit, wo man ja nur eine ganz mini winzig kleine Fragestellung bearbeitet und weiß Gott nicht alles an Literatur kennen kann. Dazu kommt noch eine sehr unangenehme Situation mit einem ehemaligen Dozenten bei einer Posterpräsentation, bei der er mir quasi totale Unwissenheit in meinem Themengebiet vorgeworfen hat. Im Nachhinein kann ich das rational erklären, was da gelaufen ist, und dass es eher auf seine als meine Unwissenheit zurückgeht. Aber der Stachel sitzt schon noch ziemlich tief.

@obscura: Das Problem ist ja, dass wahrscheinlich niemand wirklich etwas zu meiner Selbsteinschätzung sagen kann, außer den Gutachtern und das natürlich erst nach der Prüfung. Es tut schon mal gut zu hören, dass es scheinbar auch anderen so geht, die dann aber tatsächlich sehr gut Leistung erbringen. Dass die Selbsteinschätzung eben häufig sehr daneben liegen kann. Auch wenn es mir für deine Freundin leid tut, dass sie sich sogar mit Suizidgedanken geplagt hat. Aber es spricht natürlich keiner darüber. Wer gibt schon vor den Kollegen zu, sich (manchmal) unzulänglich und dumm zu fühlen?
obscura hat geschrieben:
09.05.2019, 22:52

Wenn du es schon so weit geschafft hast, ohne wirklich Expertin zu sein, will das schon mal was bedeuten.
:D Das finde ich gut. So nach dem Motto "ich spiele das Spiel jetzt einfach bis zum Ende". Ich habe ohnehin nicht vor in der Wissenschaft zu bleiben. Ich möchte das Kapitel einfach nur abschließen.

teilchenphysik196
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Re: Disputation: Ich bin nicht der Experte

Beitrag von teilchenphysik196 » 14.05.2019, 11:17

Mir erging es ähnlich wie der Thread-Eröffnerin. Ich habe nebenberuflich promoviert, ich bin keine Expertin in dem Fach und ich kann aufgrund meiner Berufstätigkeit mir auch nicht soviel anlesen wie jemand, der 100% seiner Zeit an der Uni forscht. So saß ich dann in der Disputation. Ja, mir ist es passiert, dass ich sagen musste, "ich kenne Werk X nicht, "ich habe von dieser Studie leider nie gehört" etc. Ich habe mir aber ganz einfach gesagt: Meine Leistung ist erbracht! Die Gutachten waren sehr positiv. Die Diss ist abgeschlossen und ich will nur den Titel, ich will nicht an der Uni bleiben. Ich selber habe meine Disputation als recht schlecht empfunden, letztlich wars aber egal und ich habe trotzdem insgesamt eine Top-Note bekommen. Hinterher fragt doch eh keiner. Man muss einfach gelassen agieren. Ja, es wird immer Bücher und Studien geben, die man nicht kennt. So what. ich war einfach stolz auf mich, dass ich es geschafft habe, in weniger als 2 Jahren eine 500-seitige Diss neben meinem Job in der Industrie her zu schreiben. Wenn dann irgendwelche Bewohner universitärer Elfenbeintürmchen meinen, sie müssen in der Disputation zeigen , wie kompetent sie im Gegensatz zu mir sind, dann lässt mich das echt kalt. Daher rate ich zu Gelassenheit, auch wenn das in einer Prüfungssituation schwerfallen mag.

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