Publikationsbasierte / kumulierte Dissertation: Frust

Fragen aus der laufenden Arbeit an der Dissertation.
Literatursuche, Motivationsprobleme, Lehrtätigkeit, Ärger mit dem Prof u.v.m.
Marvin
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Publikationsbasierte / kumulierte Dissertation: Frust

Beitrag von Marvin » 26.10.2007, 22:24

Hallo zusammen,

ich wollte mir mal Euren Rat einholen, da ich schon seit längerer Zeit gefrustet bin.
Ich arbeite als 100% wissenschaftliche Hilfskraft seit 2,5 Jahren an einem Lehrstuhl welcher sehr interdisziplinär ausgerichtet ist. (Schnittstelle Wiwi/Technik/Mathe)
Mein Problem ist, dass wir überwiegend an sehr mathematischen Dingen arbeiten und ich als Wiwi nur eine relativ bescheidene Vorbildung hatte. Genau das hat mich an der Stelle aber auch gereizt, da ich mich gerne in diese Richtung entwickeln wollte.

Da der Lehrstuhl aber sehr Drittmittelorientiert ist, setzt mein Chef seine Ressourcen so ein, dass er am meisten einstreichen kann. Als Folge arbeite ich die meiste zeit an Verwaltungs- und Datenarbeiten, oder ich schreibe Textvorlagen für die Modelle vom Chef. Insbesondere die Datenarbeiten sind so schrecklich langeweilig (sehr komplexe und völlig sinnlose Access Datenbanken), dass ich mir am liebsten Körperteile abbeissen möchte.

Im Prinzip wurde ich angelogen, da mir die Stelle als sehr theoretisch und gehaltvoll beschrieben wurde. Das ärgert mich eigentlich am meisten.

Da mein Name häufiger schon (ungerechtfertigt) auf gute paper draufgekommen ist und ich auch schon das eine oder andere einfache selbst geschrieben habe, denke ich, dass ich die (kumulierte) Diss trotz allem schaffen werde. Dies würde allerdings noch relativ lange dauern.

Habe mit meinem (sehr netten) Chef darüber geredet und er verspricht immer wieder Besserung, aber seit zwei Jahren hat sich nichts verändert. jemand muss den scheiß ja machen.

Insgesamt habe ich den Eindruck, dass ich überhaupt nichts lerne und ich denke ich verpasse viel interessantere Dinge. Als Idealist kommt mir der Titel den ich erwerben könnte als das Tragen fremder Federn vor. Ich erhalte Ihn nicht für akademische Leistung, sondern für erlittene Qualen. Damit hat er für mich keinen Wert. Mein frust ist so groß, dass ich sehr unproduktiv geworden bin, Kaffeeklatsch halte und zu viel im Internet surfe. damit ziehe ich das Problem nur in die Länge, ohne es zu verbessern.
Meine Kollegen sind von mir auch schon total genervt, aber die meisten von denen haben meine Probleme nicht.

Meint Ihr ich werde auf große Probleme stossen, wenn ich jetzt ganz aufhöre?

Meint Ihr ich werde auf große Probleme stossen, wenn ich die Diss fertig mache ohne wirklich etwas zu können? Datenbank-Verwalter kommt als Job jedenfalls nicht in Frage.
Ich glaube, dass ich auf eine total schiefe Bahn geraten bin.

Meint Ihr ein Wechsel des Betreuers ist nach zwei Jahren noch möglich; insbesondere dann wenn man gar nix geleistet und gelernt hat?
Das würde mir auch sehr schwer fallen, da mein Chef trotz allem ein sehr netter Typ ist.

Vielen dank für jeden Ratschlag,
Marvin :cry:
Zuletzt geändert von Sebastian am 21.09.2009, 16:30, insgesamt 3-mal geändert.
Grund: Betreff für die Suchmaschine geändert.

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acoma
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Beitrag von acoma » 26.10.2007, 22:56

Ich erhalte Ihn [d.h. Titel] nicht für akademische Leistung, sondern für erlittene Qualen. Damit hat er für mich keinen Wert.
Das seh ich nicht so. Leistung und zu erleidende Qualen sind in der Realität
verquickt. "Wer gut sein will, muß viel leiden." (Rostropovitch). Das gilt auch
für die äußeren Umstände. Nach Deiner Schilderung seh ich die aber nicht
wirklich verhindernd. Man lernt oft auch viel, ohne daß man es gleich merkt,
später siehst Du das Resultat, den Titel, und was Du selber damit geworden
bist, eigentliche akademische bzw. wissenschaftliche Leistung kommt sowieso
erst später.

Marvin
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Beitrag von Marvin » 27.10.2007, 10:23

Hallo acoma,

vielen Dank für deine Antwort. Das Argument kenne ich schon zu Genüge, aber es passt nicht.

Natürlich ist eine gute Arbeit immer mit Qualen verbunden. Jeder Doktorand muss ja auch seine Zahlen zusammenbekommen, sich ggfs. Methoden aneignen und über die gestellten Probleme nachdenken.

Im Prinzip will ich ja gerade die Qualen bzgl. der Methode. Einfach wäre das bestimmt nicht.

Das Problem bei mir ist, dass ich bei vielen Projekten immer NUR den Datenteil bekomme, während die Kollegen aus der Mathematik/ der Chef die Methodik entwickeln.
Das ist sicherlich ein wichtiger Teil, aber isoliert gesehen ist das nichts wert.
Ich bin der Arsch, der denen den Rücken freihält.

Für mich Interessante (Nachfolge-) Stellen sind so formuliert: Sie kennen sich mit statistischen Methoden sicher aus....blahblah

und nicht :
Sie kennen sich mit Datensammeln aus und dürfen sich nun alle notwendigen Kentnisse nach Ihrere Diss aneigen.

Vielleicht kann man das aus der ferne nicht nachvollziehen.
Ich wollte eher wissen, was Ihr für weniger schlimm haltet: Jetzt oder später aufhören.
Main Bauch sagt jetzt; mein Kopf hat Angst.


Gruß,
Marvin

acoma
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Beitrag von acoma » 27.10.2007, 15:05

Naja, also wie ich Dich einschätze, hast Du nicht Schwerpunkt VWL, sondern BWL gehabt.
Als BWLer kannst Du doch um Mathe, Statistik usw. herumschiffen. In dem
Bereich gibt es ja später auch nur was für die Spezialisten, wenn Du mit Mathe,
Statistik usw. Schwierigkeiten hast, dann ist Deine Situation in dem Bereich aussichtslos.

Es kann aber sein, daß ein Dr-Titel über entsprechende Themen Dir trotzdem
weiterhilft. Ich würde aber schon während der Promotion eine Umorientierung
machen. Oder, wie Du meinst, Schluß damit, nach 2,5 Jahren fast schon zu spät,
geht aber noch, abhängig von Deinem Alter. Ansonsten würde ich sagen, daß Du
zügig fertig werden solltest, also nicht noch 2,5 Jahre dazu.

Sondiere doch erstmal Deine Chancen, versuch NEBENBEI eine Umorientierung,
ohne gleich das Promotionsprojekt zu schmeißen, bewirb Dich z.B., überlege,
wie es weitergehen kann, BEVOR Du die Promotion abbrichst.

Marvin
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Beitrag von Marvin » 27.10.2007, 18:21

Ich bin VWLer :evil:. Aber auch in BWL werden im Bereich Finance und Operations Research durchaus spannende Sachen gemacht. Im Studium hatte ich damit überhaupt keine Probleme (Statistik, OR, viel Differntialrechnung). Zu meinen Sachen passt allerdings eher der Bereich OR. Ich habe da zB so Ideen im Bereich dynamischer Kontrollprobleme.
Falls Du Ökonom bist, solltest Du eigentlich wissen, dass die Methoden aus dem Studium ziemlich olle sind. Gerade deshalb habe ich mich zur Promotion entschlossen, da ich das noch lernen wollte.
Natürlich habe ich schon versucht nach Projektarbeit etwas zu lernen, aber da fehlt einem irgendwann die Kraft. Versuch mal nach stundenlangem Ändern von technischen Konventionen und sortieren von Technologieklassen einen mathematischen Beweis nachzuvollziehen. Glaub mir habe ich alles schon versucht.

Auch meine Kollegen lernen kaum Neues - sie wenden nur bekannte Methoden an. Zudem ist diese Arbeit sehr diffus - man weiss nie wieviel es zu tun gibt und wann man fertig ist und es drohen ständig deadlines. Das macht Zeitmanagement fast unmöglich.

Und Du hast Recht natürlich überlege ich mir vorher was ich machen möchte, unter anderem schreibe ich deshalb hier was hin. Bevor ich kündigen würde, suche ich mir noch was anderes. Gucke schon in Stellenbörsen.

Danke für deine Antworten.

acoma
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Beitrag von acoma » 27.10.2007, 23:11

Ein Bekannter von mir hat theoretische Physik studiert inkl. habil. Das sind 4 Jahre
Studium und 12 Jahre weitere fleißige Anstrengung auf dem Gebiet Mathe/Statistik.
Der ist heute in einer Bank beschäftigt als sog. "Quantitativer". Das ist unglaublich,
was die dem für seine Berechnungen für Moneten hinschieben. Gegen solche Typen
hast Du als durchschnittlicher VWLer absolut null Chance. Aufgrund des jahrelangen
Trainings sind die unglaublich kompetent mit allem, was mathematisch ist, und greifen
locker schnell auf eigentlich fachfremde Gebiete über.

Andererseits, z.B. im öffentlichen Dienst, kann Dir ein Dr-Titel in VWL noch mal
enorme Dienste leisten. Bei vielen Positionen interessiert nicht die Bohne, worüber
Du promoviert hast, aber der Titel, (eventuell noch fachbezogen, meist aber gar nicht
mal), spielt eine Rolle, der hat oft große Image-Effekte, und z.B. wenn Du Sachgebiets-
leiter werden willst, wird das eventuell erwartet, daß ein Dr.-Titel da ist, höher hinauf
umso mehr. Geht natürlich auch ohne, aber der Titel macht es Dir im öffentlichen
Dienst leichter, voranzukommen.

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Beitrag von Sebastian » 28.10.2007, 16:05

Meint Ihr ich werde auf große Probleme stossen, wenn ich jetzt ganz aufhöre?
Auf der Stelle bestimmt nicht mehr, da bist Du ja dann weg. Aber die Diss wirst Du zumindest bei dem DV dann auch nicht mehr abschließen können/wollen, oder?
Wenn Dir das in der Situation schon einigermaßen gleichgültig ist, könntest Du die Überlegung ja mal vorsichtig gegenüber Deinem DV äußern und seine Reaktion abwarten. Klar droht Dir der Vorwurf der "Erpressung" - aber alles Nette hat ja offenbar nichts genutzt.
Meint Ihr ich werde auf große Probleme stossen, wenn ich die Diss fertig mache ohne wirklich etwas zu können? Datenbank-Verwalter kommt als Job jedenfalls nicht in Frage.
Ich glaube, dass ich auf eine total schiefe Bahn geraten bin.
Mit Diss ist (fast) immer besser als ohne Diss. Wie das bei Euch Wiwis läuft, weiß ich nicht, aber nach den echten Inhalten meiner juristischen Diss hat bei der Arbeit noch niemand gefragt. Und wenn die Grund-Ausrichtung (Schnittstelle wie beschrieben) stimmt, dann bist Du mit Deiner fertigen Diss doch auch der Richtige für Stellen, die nach dieser Grundausrichtung rufen. Dass man auf ewig in exakt demselben Forschungsgebiet bleibt, das man in der Diss hatte, ist doch eher selten, oder?
Also: Keine großen fachlichen/beruflichen Probleme wenn Du die Diss fertig machst. Wie Du aber das Menschlich-Alltägliche noch "relativ lange" aushältst, steht auf einem anderen Blatt. Mit welcher Zeit kalkulierst Du denn dort?

Marvin
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okay

Beitrag von Marvin » 28.10.2007, 23:46

Wenn ich die antworten so lese, dann lese ich heraus, dass es besser ist so schnell wie möglich fertig zu werden, meine Ziele herabzusetzen und einfach das Beste aus allem zu machen. Ganz aufhören ist nach der relativ langen zeit wohl nicht mehr ohne Probleme drin.

danke Euch für Eure Antworten. Werde wohl die Zähne zusammenbeissen müssen. Das wird ganz schön hart.

Melde mich gegenbenenfalls nochmal.

Gruß Marvin

Böhnchen
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Beitrag von Böhnchen » 29.10.2007, 09:06

Hallo Marvin,

darf ich noch eine Idee nachwerfen:
Wenn Dich auch die Art des Erwerbs so frustet, wie wäre es, von kumulativ auf eine reguläre Diss-Schrift zu schwenken?
In Kombi mit einem "Chef, wir hatten ja schon ein paar Mal über inhaltliche Veränderungen meiner Arbeit gesprochen, ich würde gern die Diss-Art umstellen und möchte Sie um ein (oder mehrere artähnliche) Projekt/e bitten, die ich dann ganzheitlich abwickeln und in die Diss verpacken möchte."
Ich weiß nicht, ob das praktikabel ist, Du wirst Deinen Chef diesbezüglich besser kennen, aber einen Versuch wäre es vielleicht wert!?

Viele Grüße
vom Böhnchen

Marvin
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kumuliert vs Monografie

Beitrag von Marvin » 30.10.2007, 20:45

Darüber habe ich mir auch schon Gedanken gemacht. Ich habe aber schon 2 Veröffentlichungen und 3 working paper und diverse nicht referierte Mist-Artikel. Die Anzahl der VÖ würde für eine Diss reichen. Problematisch ist nur, dass mindestens ein sehr hochrangiges Journal ein working paper nehmen muss. Das kann schnell oder aber nie passieren.

Meine eigene Einschätzung der Arbeiten geht eher in richtung nie. Man weiss es aber nicht.

Eine Monografie ist natürlich drin, hier müsste ich aber einen detailierten Literaturüberblick auf ca 100 Seiten Text verfassen. Paralell zu meiner Arbeit ist das sehr schwierig (im Ernst!)

Würde lieber noch ein wirklich gutes Paper schreiben, das erscheint mir am realistischsten. Nur hat man hier keine Sicherheit... :cry:

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