Während der Diss pendeln zwischen zwei Welten?

Conchologist

Während der Diss pendeln zwischen zwei Welten?

Beitrag von Conchologist »

Hallo liebes Forum,

ich bin seit Mitte des Jahres Doktorand und auch recht neu in diesem Forum. Habe schon einige interessante Themen quergelesen und jetzt selber eine Frage, die mich grad umtreibt. Habe auch die Suchfunktion schon genutzt, aber nichts gefunden, was dazu passt, falls doch, gerne schließen.

Kurz zur Situation: Ich promoviere seit März im Rahmen eines großen Projektverbundes. Bei dem bin ich noch etwa gute drei Jahre angestellt und bekomme für Doktorandenverhältnisse ein ganz ordentliches Gehalt. Ich habe den Luxus, dass ich so gut wie keine Institutsarbeit machen muss, kaum Lehre (ich muss sogar drauf insistieren, mal was machen zu dürfen), bislang keine Betreuung, keine großen Orga- oder Zuarbeiten (sind ne winzige Arbeitsgruppe in einer thematischen Nische). Dieser Projektverbund, bei dem ich formal auch angestellt bin, verlangt jedoch neben der Dissertation die Teilnahme an recht vielen Terminen: Plena, Arbeitsgruppen, Workshops usw.

Ich bin an diesem Standort nun inkl. Studium und Beruf, den ich vor der Promotionsstelle hatte, beinahe zehn Jahre. So richtig glücklich war ich hier nie, wollte eig schon länger gerne mal weg, zumal das hier alle sehr heimatnah ist. Irgendwie kam aber immer was dazwischen (Beziehung, Jobangebot,...). Für die Doktorandenstelle hab ich mich nicht wegen, sondern trotz des Standorts entschieden, weil ich das Thema spannend find und die Herausforderung gesucht hab. Die Entscheidung war auch richtig. Ich bin Anfang 30 und möchte gerne nochmal einen Ortswechsel haben und zwar nicht erst mit Ende 30. Glaube, das wird dann eher schwieriger als leichter.

Mein Plan ist es jetzt, im Laufe der Promotion den Wohnort zu wechseln bzw. einen Zweitwohnsitz aufzumachen an einem bestimten Standort, der mir sehr gut gefällt und wo ich sehr gerne (wieder) hinwill. Mit der Bahn sind die beiden Orte sehr gut verbunden, ca 2h Zugfahrt im stündlichen Takt.

Ich stelle mir das so vor, dass ich etwa drei Tage die Woche hier im Büro Präsenz zeige (Dimido), dann abhaue und die anderen Tage von meinem Zweitwohnsitz aus arbeite. Finanziell muss ich das durchrechnen, aber das soll hier nicht das Thema sein. Auch muss natürlich mein Doktorvater sein ok geben, was vermutlich das dickste Brett in der ganzen Angelegenheit werden wird, da er bei Fragen rund um flexible Arbeitszeiten leider sehr wertkonservativ ist und recht antiquierte Ansichten hat, was Präsenz angeht. Aber auch das muss ich für mich klar kriegen. Vom Projektgeber, bei dem ich formal angestellt bin, ist das formaljuristisch machbar. Bereits jetzt gibt es schon solche Fälle.

Ich stelle mir das organisatorisch durchaus machbar vor und kenne auch nicht wenige Fälle in der Wissenschaft, wo das so gehandhabt wird, teilweise mit viel krasseren Distanzen einmal quer durch die Republik. Ich kenne aber auch die Aussage, dass man dann am Ende vielmehr Stress hat und in keiner der beiden Welten richtig ankommt. Die Gefahr seh ich schon auch ein Stückweit gegeben, auch wenn ich dieses Modell wirklich will.

Meine Frage ist nun an Euch, ob ihr mit sowas Erfahrung habt. Also es entweder selbst so gehandhabt habt/handhabt oder in Eurem Umfeld einen solchen Fall habt und dazu was sagen könnt. Klappt das? Stellt man es sich einfacher vor, als es ist? Gibt's Stolperfallen? Usw.

Ich freue mich über Erfahrungsberichte! Schon jetzt vielen herzlichen Dank!
C

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oclock
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Re: Während der Diss pendeln zwischen zwei Welten?

Beitrag von oclock »

Ehrlich gesagt habe ich noch nicht so genau Deine Motivation verstanden. Du willst weg, weil Du weg willst? Oder hast Du dort jemanden oder etwas, weshalb das ausgerechnet jetzt sein muß?

Nachteile:
- ~5 Stunden verschwendete Zeit pro Woche wegen Pendeln (~20 Stunden im Monat!)
- Verschwendetes Geld (Miete, Nebenkosten, Internet, Nahrungsmittel, Bahn, Möbel etc. Ich schätze so ca. 20-30.000 Euro, wenn nicht sogar mehr)
- Es wird schwer an einem der beiden Orte wurzeln zu schlagen, eine Beziehung aufzubauen etc.
- Dann noch so Kleinigkeiten wie Wäsche an zwei Orten waschen bzw. dreckige und saubere Wäsche hin und her transportieren, zwei Wohnungen pflegen, Notebook hin und herschleppen etc. Du bist quasi ein permanenter Tourist.

Vorteile:
- Du bist weg, weil Du weg wolltest

Sorry, falls Du keine guten Gründe hast, ist die Idee irgendwie schwachsinning (sorry für diese direkten Worte).

Aber das wolltest Du vermutlich nicht hören. Ich habe am Anfang meiner Promotion zwischen zwei Orten gependelt (Erstwohnsitz <-> Zweitwohnsitz ca. 1.5 Stunden mit dem Auto) und fand das so dermassen nervig und anstrengend. Ich hatte aber gute Gründe :) Du scheinbar nicht. Daher würde ich Dir empfehlen die drei Jahre durchzuziehen und danach an Deinem Wunschort einen Job zu suchen. Du wirst es überleben :)

Andererseits: Mach es doch! Kannst ja jederzeit den Zweitwohnsitz wieder aufgeben, wenn es Dir zu viel wird. Es geht nichts über eigene Erfahrungen :)
Green Goddess

Re: Während der Diss pendeln zwischen zwei Welten?

Beitrag von Green Goddess »

Ich hatte das Startposting unter "Trollfaktor > 90%" abgelegt, so ziemlich wg der von o'clock aufgelisteten Gründe. Da wir hier aber alle sehr lieb sind (*wink@sebastian), will ich einige rein praktische Ratschläge absondern.
Versuch es zunächst im Kleinen:
Miete eine Wohung in StadtNeu an. Das gibt dir den ersten Kick bzgl Finanzen.
Lebe "zweiörtlich" in StadtAlt: Richte deinen Lebensmittelorganisationstil so ein, dass du jeweils Fr morgens und Di morgens NICHTS mehr hast ausser H-Milch, Konserven, etc.
Spende die theoretisch anfallenden Fahrtkosten monatlich an eine Organsiation deiner Wahl.
Streiche MO abends und DO abends aus deinem Arbeitszeitplan. Damit dies nicht in reine Erholung ausartet, räume einfach ein Zimmer um und wieder zurück, das hat disstechnisch etwa den Wert einer Bahnfahrt. (Arbeiten im Zug wird überschätzt.^^)

Mach dir klar, dass o'clock's "20 verlorene Stunden pro Monat" noch unterhalb jedweder Realität liegen. Du schaffst Arbeitsendeplanung auf die Minute, packen und Weg zum Bahnhof , Weg zur aktuellen Wohnung zweimal pro Woche niemals in 1h.

Mach das einige Zeit, kündige dann die Wohnung in StadtNeu und geh zu deinem Betreuer, sag ihm "SO WILL ICH DIE NÄCHSTEN 3 JAHRE LEBEN! DAS IST ES FÜR MICH!". Wenn du an der Stelle in seinem Büro nicht in einen hysterischen Schreikrampf fällst, wird er sicherlich dein Anliegen ernst nehmen. ;)

BTW rein praktisch wurde mir nicht klar, ob du auf deinen Arbeitsvertrag auf 1/2 Stelle ändern lassen willst oder die knapp 40h wöchentlich DIMIDO ableisten willst.
Conchologist

Re: Während der Diss pendeln zwischen zwei Welten?

Beitrag von Conchologist »

Äh - okay.

Also der Form halber erstmal Danke an Euch fürs Durchlesen und fürs Kommentieren.

Ehrlichgesagt bin ich von den Antworten bzw. dem Tonfall etwas irritiert. Ich habe oben meine Situation so kurz wie möglich und so ausführlich wie nötig (i.e. mit den aus meiner Sicht relevant erscheinenden Informationen) dargelegt. Natürlich bin ich nicht intensiv auf die Gründe eingegangen, die mich einen solchen Schritt abwägen lassen. Das hat zum einen den Grund, dass ich hier keinen Seelenstriptease hinlegen möchte (zumal ohne Not) und zum anderen, dass es schlicht den Post unnötig aufgeblasen hätte. Natürlich hab ich Gründe für ein solches Modell. Diese Gründe sind nicht Geldüberfluss, Mitleid mit der Deutschen Bahn oder Langeweile. Aber letztlich sind sie für die Bewertung eines solchen Modells und für etwaige Erfahrungen bei solchen Geschichten mAn auch nicht wirklich relevant. Das dann als "Schwachsinn" oder Hirnfurz abzuqualifizieren finde ich ein bisschen arrogant.

Worum es mir geht, sind Erfahrungswerte. Diese habe ich logischer Weise nicht, bin mir aber umgekehrt im Klaren darüber, dass ein solcher Schritt kein Schnellschuss sein darf, um Folgen für die Arbeit, die Finanzen und die eigene Gesundheit zu vermeiden. Also erkundige ich mich an verschiedenen Stellen, z.B. hier. Ich suche keine Bewertung meines Lebensentwurfes sondern Erfahrungsberichte von Leuten, die genau so etwas gemacht haben, weil sie es wollten oder mussten.

OClock, Du schreibst z.B., dass Du am Anfang gependelt bist. Wöchentlich? Täglich? Warum war das scheisse? Hat sich das auf Deine Arbeitsquantität und -qualität ausgewirkt, weil Du zB im Homeoffice eben doch nichts gemacht hast, obwohl Du es dir vorgenommen hattest? Das sind die spannenden Fragen, nicht diejenigen nach Gründen. Leider gibst Du darauf keine Antworten, sondern bewertest meine Dir nicht bekannten Pläne als Schwachsinn. Vielleicht hast Du ja noch Lust, auf diese Fragen etwas genauer einzugehen, mich würde es interessieren (PS: Warum Du damals gependelt bist, ist mir juck! Nur damit kein falscher Zungenschlag reinkommt...)
Green Goddess

Re: Während der Diss pendeln zwischen zwei Welten?

Beitrag von Green Goddess »

Dann mal ein formales Danke fürs formale Danke.
oclock hat geschrieben:....Sorry, falls Du keine guten Gründe hast, ist die Idee irgendwie schwachsinning (sorry für diese direkten Worte)....
(Hervorhebung von mir)
Ich bin Anfang 30 und möchte gerne nochmal einen Ortswechsel haben und zwar nicht erst mit Ende 30.
Korrigiere mich bitte, aber dies ist die einzige Stelle, an der du so etwas wie "Gründe" anführst. Sei also bitte nicht zu streng mit uns Antwortenden, wenn wir keine "guten Gründe" gefunden haben, womit wir wieder bei o'clock's Formulierung wären.
flip
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Re: Während der Diss pendeln zwischen zwei Welten?

Beitrag von flip »

Conchologist hat geschrieben: Natürlich hab ich Gründe für ein solches Modell. Diese Gründe sind nicht Geldüberfluss, Mitleid mit der Deutschen Bahn oder Langeweile. Aber letztlich sind sie für die Bewertung eines solchen Modells und für etwaige Erfahrungen bei solchen Geschichten mAn auch nicht wirklich relevant.
Wenn du so eine pauschale "Begründung" lieferst, was erwartest du dann für antworten?

Deine Frage hat auch nichts mit der Forschung zu tun, sondern generall mit dem Problem eines Arbeitnehmers, der sich an zwei Wohnnorte koppelt. Was möchtest du denn hören? Dass deine Diss oder gar dein Privatleben nicht darunter leiden werden? Natürlich werden sie das. Die Frage ist, wie stark. Und das kannst nur du selbst regeln. Abhängig von der tatsächlichen Tür zu Tür Anbindung (!), dem dadurch entstehenden Stress, erwartebaren Abweichungen von deinem DiMiDo-Rhythmus, Probleme bei der Diss, die nur vor Ort gelös werden können, usw.
mantor
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Re: Während der Diss pendeln zwischen zwei Welten?

Beitrag von mantor »

Da Du ja nach Erfahrungen gefragt hast: Ich bin eine ganze Weile gependelt und war Mo-Di-Mi am Hochschulort in einer Einzimmerwohnung. Und ich kann alles vorher Geschriebene nur bestätigen: Alle Sonntage waren kaputt, weil ich packen und überlegen musste, was genau ich alles mitnehmen muss (Ergebnis: Man vergisst immer das, was man am dringendsten vor Ort braucht). Dann montags früh in den Zug, stressige Bahnfahrt (Langstrecke, voller ICE, etc.), drei Tage vor Ort durchackern, dienstags abends alles packen, die Wohnung in Ordnung bringen, an der Uni alles regeln, was noch in der Woche weg und auf den Weg muss, Rückreise (volle Züge, im Sommer durch die Hitze, im Winter durch Regen und Schnee), nach Hause kommen, den Mittwoch vergammeln, weil man gefühlt ne echte Reise hinter sich gebracht hat.

Warum hab ich's gemacht? Stelle war befristet, wir hatten gerade Nachwuchs bekommen, waren deshalb standortgebunden. War es gut? Nein! Man lebt immer an zwei Orten, trägt seinen Hausstand hin und her, hat immer irgendeine Datei dummerweise auf dem Dienstrechner-Desktop gespeichert statt in der Cloud, etc. Die Familie ist genervt, weil man die Hälfte der Woche weg ist, der Sonntag kaputt ist und man Donnerstag und Freitag trotzdem immer sein Pensum machen muss. An der Uni ist man dazu derjenige, der montags mittags reinschneit und mittwochs mittags wieder weg ist. Sozialleben an der Uni und zu Hause leidet. Ich war froh, als es vorbei war!

Pendeln kostet Lebenszeit, vor allem aber: Energie!
Conchologist

Re: Während der Diss pendeln zwischen zwei Welten?

Beitrag von Conchologist »

Vielen lieben Dank für Deine Schilderung, das hilft mir weiter !
Paulchen
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Re: Während der Diss pendeln zwischen zwei Welten?

Beitrag von Paulchen »

Also ich kann auch gerne einmal Erfahrungswerte dazu abliefern. Ich bin selber eine zeitlang zwischen Hochschulort und Wohnort (etwa 200 km mit vier Stunden pro einfacher Fahrt) gependelt. Ich war immer drei Tage pro Woche an der Hochschule und zwei habe ich zuhause gearbeitet. Das kann man machen und man kann im Zug auch halbwegs gut arbeiten. Aber gesund ist das nicht. In der Zeit war ich extrem übermüdet und getresst. Man ist alleine schon deshalb gestresst, wenn man nach einem acht bis zehnstündigen Arbeitstag einfach nur noch nach Hause will und dann wegen einer zehnminütigen Verspätung noch eine Stunde länger unterwegs ist, weil man Anschlusszüge verpasst.. An den Tagen, die man dann zuhause ist, muss man dann auch alles erledigen, was liegengeblieben ist. Ein weiterer Faktor sind die Kosten: man muss am Hochschulort eine Unterkunft bezahlen und hat natürlich auch die Fahrtkosten.
Kurzum: Ohne Not würde ich niemals pendeln. Das kostet vor allem Geld und Nerven. Man sollte sowas nur machen, wenn es absolut gar nicht anders geht.
caipirinha11085
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Re: Während der Diss pendeln zwischen zwei Welten?

Beitrag von caipirinha11085 »

Hier auch ein Erfahrungsbericht. Ich habe die komplette Promotionszeit rund 1,5 Std. Fahrtzeit (von Tür zu Tür) entfernt von meiner Uni verbracht. Das erste Jahr bin ich 3-4 Tage an die Uni gefahren. Das war sehr ermüdend.
Danach musste ich nur noch einmal pro Woche anwesend sein. Ich war ab dann schlagartig produktiver mit der Diss, da ich die 3 Std Fahrtzeit am Tag (--> also immerhin 9-12 Std./Woche) auch wirklich effektiv an der Diss gearbeitet habe. Außerdem hat das HomeOffice dazu beigetragen, dass nicht ständig jemand bei mir im Büro stand. ;)

Trotzdem würde ich dir raten, wenn du wirklich wegziehen möchtest, das zu machen. An einem Ort wohnen, wo man nicht wohnen möchte, kann auch blockieren und diese Entscheidung muss man für sich selbst treffen. An deiner Stelle würde ich überlegen, ob es nicht sinnvoller wäre, die drei Tage in der Woche zu pendeln. Das wird hart, aber es ist auch hart, an einem Ort zu wohnen, an dem man nicht sein möchte. Vom Modell "drei Tage hier, zwei Tage da" mit zwei Wohnungen kann ich abraten. Man ist ständig mit Packen beschäftigt und, wie hier jemand sehr treffend meinte, immer nur "Tourist".
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