Hürden zu groß für Promotion?

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Trilux

Hürden zu groß für Promotion?

Beitrag von Trilux »

Ich habe nach meinem Abschluss ein Promotionsangebot erhalten. Da ich schon andere Pläne hatte, habe ich mich erst mal beruflich in diese Richtung ausprobiert, fühlte mich aber stark unterfordert und habe mich für die Promotion entschieden, da mir wissenschaftliches Arbeiten liegt. Das ist jetzt etwa ein Jahr her und ich habe inzwischen mehrere Themenwechsel hinter mir und kann kein Exposé vorweisen. Meine Betreuerin (Privatodzentin) stört sich daran nicht merklich. Sie hat mir die Promotion unter der Vorstellung nahegelegt, dass ich danach eine Hochschullaufbahn einschlage. Mein Problem: Ich leide schon seit meiner Kindheit an einem sehr niedrigen Selbstvertrauen. Daher habe ich große Schwierigkeiten mir mich als Hochschullehrer vorzustellen und habe mir vorgenommen, erst mal einfach zu promovieren. Das ständige Zweifeln am Sinn der Doktorarbeit hat mir nach und nach die Motivation genommen und ich bin inzwischen in einem ordentlichen Tief angekommen. Nun war ich beim Arbeitsamt, da ich eine Teilzeitstelle suche, und mir wurde gefragt, ob ich psychische Probleme habe sowie dass ich die Promotion überdenken soll, da sie nur meinen Berufseintritt verzögert und bei meinem Fach auch nicht förderlich ist. Es folgte noch der Hinweis auf den Nutzen von Doktoranden für den Hirsch-Index des Profs. Die Option Hochschulkarriere habe ich gar nicht erst erwähnt.

Die meiste Zeit habe ich mich irgendwie durchs Leben gekämpft. Es gab auch bessere Phasen, während meiner Abschlussarbeit war ich recht glücklich. Vor einigen Jahren war ich bei einem Therapeuten, der die Lage eher verschlimmert hat, indem er mich mehr als persönliche Freundin denn als Patientin behandelte, meine Aufsätze lesen wollte und mir oft mitteilte wie gutaussehend und intelligent ich sei, bis es dann am Ende hieß, dass er nicht wisse wie er mir helfen solle. Seit einigen Monaten bin ich nun wieder in Therapie, wo mir Ursache und Grad meiner Selbstzweifel und die Tatsache, dass ich mich selbst boykottiere erst richtig bewusst wurden. Der jetzige Therapeut bietet mir an, mir bei der Überwindung meiner Selbstzweifel zu helfen, wenn ich weiß wo ich eigentlich hin möchte. Leider ist kaum aus mir kaum herauszubekommen, was ich selbst eigentlich will, da ich meine eigenen Wünsche systematisch verdränge, um mich vor Ängsten und Enttäuschungen zu bewahren. So war das Arbeitsfeld, in das ich nach der Uni kurz reingeschaut habe eines, bei dem ich wenig Kontakt mit Menschen oder Anforderungen gehabt hätte. In Zeiten, in denen es mir besser ging, konnte ich mir ein Leben als Wissenschaftler noch mehr oder weniger vorstellen, heute macht mir die Vorstellung des Konkurrenzdrucks so große Angst, dass ich davor zurückschrecke. Meine Betreuerin weiß davon nichts, nur dass es Probleme mit meinen Eltern gab. Ob ihr meine gedrückte Stimmung aufgefallen ist, kann ich nicht sagen.

Ich habe mir seit dem Vorfall auf dem Amt viele Gedanken gemacht und sehe zwei Wege: Entweder ich reiße mich zusammen, setze mir als Ziel, in der Wissenschaft zu bleiben, arbeite an meinem Selbstvertrauen und setze mich an die Diss, oder ich beschließe, dass ich meine Probleme nicht rechtzeitig überwinden können werde und so dem Konkurrenzdruck nicht standhalten würde: Dann wäre es besser für mich, mir einen Job zu suchen, der mich vielleicht weniger befriedigt, aber in dem in nicht so sehr Gefahr laufe, unterzugehen. Ich denke, ich wäre mit Option 1 glücklicher, doch selbst wenn sich meine psychische Situation bessert, werde ich davon nie ganz loskommen und Berufe, in denen man sich stark über Anerkennung durch andere definiert stellen für Menschen mit geringem Selbstvertrauen ein Risiko da, da diese dazu tendieren, sich selbst nur dann anzunehmen, wenn andere das tun.
Hat hierzu jemand Erfahrungswerte oder Einschätzungen?

Ich frage mich, ob ich mit meiner Betreuerin darüber reden soll. Unsere Beziehung ist eigentlich gut, wobei der Kontakt im letzten Jahr abgekühlt ist. Ich weiß dass ich ihr damit einiges aufbürde und sie mir die Entscheidung nicht abnehmen kann. Ich habe ihr aber nie gesagt, dass ich ihren Vorschlag, in die Wissenschaft zu gehen, nie richtig ernst genommen habe und mache ihr etwas vor.
Ist es vertretbar, sie einzuweihen?

Vielen Dank!
Trilux

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praktikum
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Re: Hürden zu groß für Promotion?

Beitrag von praktikum »

Du solltest Dich von irgendwelchen Meinungen vom "Amt" nicht aus der Bahn werfen lassen! Du hast wahrscheinlich Deine Situation kurz angerissen und dann kam dort ein flotter Spruch. Darüber musst Du Dir wirklich keine großen Gedanken machen. Nebenbei: von schlechten Therapeuten hört man immer wieder. Solche scheint es zahlreich zu geben. Anscheinend bist Du mit dem jetzigen einigermaßen zufrieden, ansonsten schon im Voraus weitersuchen. Eine gelegentliche Rückmeldung beim Hausarzt Deines Vertrauens ist auch eine Option, falls Du den Eindruck hast die Therapien helfen Dir nur bedingt.

Beim Lesen gewinne ich den Eindruck, dass Dir jenseits des Therapeuten Ansprechpartner fehlen. Ersatzweise Deine Chefin bzw. Betreurin damit zu konfrontieren ist ein sehr gewagtes Vorhaben und kann langfristig nach hinten losgehen. "Gut verstehen" kann man sich mit jedem, solange es keine Probleme gibt. Ohne Deine Chefin zu kennen, kann Dir keiner guten Gewissens dazu raten, ein solches Gespräch mit ihr zu führen. Du bist (auch moralisch) nicht dazu verpflichtet, Deine Betreuerin über unausgegorene Überlegungen zu informieren. Derzeit ist doch noch alles offen.

Zweifel an der eigenen Doktorarbeit haben einige Kandidaten, das ist nichts ungewöhnliches. Gibt es an Deiner Uni vielleicht bessere Ansprechpartner dafür? Psychologische Beratungsstellen, usw.? Vielleicht gibt es einen Doktorandentreff.

Es ist übrigens Dein gutes Recht, nach abgeschlossener Promotion einen anderen Weg als die Uni einzuschlagen. Du bist zu nichts verpflichtet. Auch dann nicht, falls man Dir eine irgendwie geartete Zusage für irgendetwas abgenötigt hat.[
Zuletzt geändert von praktikum am 10.07.2017, 01:52, insgesamt 1-mal geändert.
Trilux

Re: Hürden zu groß für Promotion?

Beitrag von Trilux »

Hallo,
deine Antwort hat mir sehr weitergeholfen – vielen Dank dafür!
In der Tat war Beratung das was mit gefehlt hat. Ich hatte daran auch schon gedacht, mir aber eingeredet, dass nach der Regelung „nach Abschluss keine Beratung mehr“ verfahren wird und es da keine Ausnahmen gibt. Ich war bei unserer Stelle für Berufsplanung und das Gespräch verlief um einiges positiver als das beim Arbeitsamt, was wohl nicht so verwunderlich ist.
Bei meiner Professorin habe ich dann nur gesagt, dass ich wegen Unsicherheiten so lange brauche und konkrete Frage zu Verfahren und Perspektive gestellt. Da habe ich erst gemerkt, wie viel an Organisatorischem da auch noch nicht angesprochen worden war. Ich bin froh, dass ich auf meine psychischen Probleme ihr gegenüber nicht genauer eingegangen bin, da mir einerseits selbst nicht wohl dabei gewesen wäre und sie andererseits schon bei dem was ich bezüglich meiner Unsicherheit gesagt habe, peinlich berührt wirkte.
Ich habe mir anschließend eine Frist gesetzt, alles durchdacht und Alternativen und einen möglichen Plan B im Falle einer Sackgasse nach der Promotion erwogen. Inzwischen habe ich mich für die Doktorarbeit entschieden.
So schlimm das Gespräch auf dem Amt war, ich bin froh dass ich dadurch endlich in die Krise geraten bin, die nötig war um eine Entscheidung zu fällen.
Nochmals danke für deinen Beitrag.
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