Private FHs - Warum so viele Stellenausschreibungen? Unterschiede in den Verfahren?

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donkeydoeshisphd
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Private FHs - Warum so viele Stellenausschreibungen? Unterschiede in den Verfahren?

Beitrag von donkeydoeshisphd »

Liebes Forum,

inzwischen habe ich einen Job in der freien Wirtschaft, der mir Spaß macht, nebenher habe ich einen Lehrauftrag an einer großen privaten FH - macht ebenfalls viel Spaß.

Nun habe aus Interesse (noch ohne konkrete Bewerbungsabsicht) einmal geschaut, welche Professuren so an privaten FHs ausgeschrieben sind und bin fast vom Stuhl gefallen. So sucht z.B. die IUBH (an der ich nicht unterrichte) ca. 100 Professuren.... Bei anderen privaten FHS verhält es sich im BWL-Bereich ähnlich.

Durchlaufen die alle das gleiche Bewerbungsverfahren, wie z.B. an staatlichen FHs? Ist das Gehalt W2 analog, also W2 nur als Angestelltengehalt? Und treten bei so vielen ausgeschriebenen Professuren nicht "Kannibalisierungseffekte" zwischen den einzelnen Standorten auf? Bin gerade wirklich etwas baff und bin gespannt auf eure Antworten.

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mashdoc
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Re: Private FHs - Warum so viele Stellenausschreibungen? Unterschiede in den Verfahren?

Beitrag von mashdoc »

Schau dir doch mal die Studierendenzahlen an privaten FH an, die boomen regelrecht. Siehe https://www.wiwo.de/blick-hinter-die-za ... 65666.html

Das erklärt dann die Nachfrage bzw. das Stellenangebot.
Woher der Boom kommt, weiß ich aber nicht. Aber nach der Erfahrung, die ein Angehöriger von mir vor kurzem im Bachelor Wirtschaftsinformatik an einer staatlichen FH machte (u.a. "auf Papier programmieren"), kann ein z.B. Digital Business Bachelor an einer Privaten gar nicht schlechter sein.

Bei staatlich anerkannten dürfte das Verfahren in etwa gleich sein. Gehalt etwas niedriger, da kein Beamtenverhältnis.
Wierus
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Re: Private FHs - Warum so viele Stellenausschreibungen? Unterschiede in den Verfahren?

Beitrag von Wierus »

mashdoc hat geschrieben: 10.05.2020, 15:11 Schau dir doch mal die Studierendenzahlen an privaten FH an, die boomen regelrecht. Siehe https://www.wiwo.de/blick-hinter-die-za ... 65666.html
Der Boom könnte sich z.T. aus dem relativ neuen "Dualen Studium" erklären. Das ist zur Zeit der Renner um arbeitswillige & aufstrebende Azubis an Land zu ziehen.
echolot
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Re: Private FHs - Warum so viele Stellenausschreibungen? Unterschiede in den Verfahren?

Beitrag von echolot »

Ich kenne beide Varianten aus eigener Anschauung und kann hier gern meinen persönlichen Eindruck wiedergeben.

Das Bewerbungsverfahren ist gleich, da ProfessorInnen an privaten FHs rechtlich mit denen an staatlichen Hochschulen gleichgestellt sind. Das Ministerium überprüft daher vor Vergabe des Professorentitels, ob die Berufungsvoraussetzungen nach Hochschulgesetz des Landes erfüllt sind. Arbeitsrechtlich gibt es den wesentlichen Unterschied, dass man nicht verbeamtet sondern angestellt wird. Das Gehalt ist im Grunde genommen frei verhandelbar. In manchen Fällen wird dort deutlich mehr bezahlt, wenn man sich "große Namen" (oder deren Netzwerke?) zugänglich machen will, oft aber auch weniger. Mit einer Orientierung an der W2-Besoldung macht man in der Verhandlung vermutlich nichts falsch.

Zu unterscheiden ist zudem, dass private FHs natürlich ein bezahltes Studium anbieten und Wirtschaftsunternehmen sind. Das heißt auch, dass man oft mit berufsbegleitendem oder Fernstudium zu tun hat. An der FOM heißt das z.B. oft Vorlesungen am Abend oder Wochenende. Die Studierenden sind entsprechend platt, aber auch meist motiviert, weil sie es ja bezahlen.

Sonstige Unterschiede zu staatlichen FHs:
- Negativ: Meinem Eindruck nach ist die Lehrlast etwas höher, Forschung findet wenig bis gar nicht statt und die Reputation ist häufig auch schlechter*.
- Positiv: Es geht häufig flexibler und pragmatischer zu, die Verwaltung ist schnell und meist deutlich effizienter / digitaler aufgestellt. Außerdem sind die Gruppen oft kleiner, die Studierenden z.T. schon reifer und motivierter.

Insgesamt würde ich sagen, dass es leichter ist, an einer privaten FH einen Ruf zu erhalten. Interessant ist es aus meiner Sicht, wenn man das in Teilzeit machen will und nebenher selbständig ist oder man ausprobieren will, ob Lehre zu einem passt. Für einen langfristigen Vollzeitjob und bei Interesse an Forschung ist aus meiner Sicht eine staatliche FH mit Verbeamtung das attraktivere Paket.

*Ergänzung: Natürlich gibt es auch sehr reputationsstarke private Hochschulen, z.B. Steinbeis, EBS, WHU, HHL, ESCP. Dort ist aber sicher nicht die Masse der privaten Studierenden eingeschrieben und dort ist es auch deutlich schwerer, einen Ruf zu erhalten (meine persönliche Sicht!)
donkeydoeshisphd
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Re: Private FHs - Warum so viele Stellenausschreibungen? Unterschiede in den Verfahren?

Beitrag von donkeydoeshisphd »

Danke.

Mir fehlt die Erfahrung mit Berufungsverfahren. Allerdings muss ich sagen, dass ich private FHs vom Grundsatz her nicht uninteressant finde, da:

- Ich mich mehr für Lehre als für Forschung interessiere,
- die Kooperation mit Unternehmen für mich hochinteressant ist,
- ich grundsätzlich kein Problem habe, bei Akquise/Vermarktung mitzuwirken. Dazu bin ich sozusagen auch noch "genug BWLer" :D
- weiterhin war es ein riesiger Unterschied als ich mich direkt nach der Promotion um einen Lehrauftrag neben meinem Hauptjob beworben habe. Staatliche FHs haben teilweise noch nicht einmal reagiert, einmal kam eine pampige Absage von einer Sekretärin. Die privaten FHs (drei der bekannten "Ketten") haben sich wirklich sehr bemüht, sind professionell umgegangen. Der Lehrauftrag, für den ich mich schlussendlich entschieden habe, ist durch die Bank für mich von positiven Erfahrungen geprägt - ich habe z.B. die Möglichkeit, mir Termine zu wünschen - ich kriege aktuelle Ausstattung, finde die Entlohnung fair. Alle super.

Aber:
- W2 als Angestelltengehalt entspricht ungefähr meiner aktuellen Entlohnung in der freien Wirtschaft mit 3 Jahren Berufserfahrung nach der Promotion, in 5 Jahren habe ich in der Wirtschaft sicher ein deutlich höheres Gehalt - wobei das vermutlich auch mit einem noch höheren Workload einhergeht
- Mein Job in der Wirtschaft ist recht sicher, da es der Branche gut geht und die Situation sowohl meines Konzerns als auch die Stellensituation insgesamt günstig ist. Das sieht an privaten FHs vermutlich mittelfristig/langfristig ganz anders aus, da sich einfach sehr viele davon um eine begrenzte und schrumpfende Anzahl von Studierenden bemühen. Fliegt man hier irgendwann aus der Stelle dürfte es schwierig sein, wieder etwas zu bekommen.

Ja, das sind so meine Gedanken dazu. Ich denke, dass ich es bei einer Reihe staatlicher Hochschulen versuchen werden. Wenn es nicht klappt, werde ich wohl in der Wirtschaft bleiben und vielleicht nebenher an "meiner" privaten FH ab und an Lehraufträge machen.

Trotzdem freue ich mich natürlich sehr über Erfahrungen, die ihr mit privaten FHs gemacht habt.
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