Unzufrieden mit Ablauf und Ergebnis der Promotion

Irgendjemand

Unzufrieden mit Ablauf und Ergebnis der Promotion

Beitrag von Irgendjemand »

Hi,

ich habe vor einigen Wochen meine Promotion abgeschlossen. Ich habe immer gedacht, dass das ein gutes Gefühl ist, dass ich stolz darauf bin, aber momentan ist da einfach nur eine große Leere und Enttäuschung. Nach der Disputation ist mir zwar ein Stein vom Herzen gefallen, aber danach fühlte ich mich mehr und mehr niedergeschlagen.

Aber erst einmal zur Promotion selbst. Ich werde einige Details auslassen, weil sie doch sehr speziell sind und ich anonym bleiben will, werde aber versuchen die Eckpunkte zu erklären. Ich habe nach ca. 3 Jahren Arbeitszeit allerdings den Doktorvater gewechselt. Das war im beidseitigen Einvernehmen, aber ich war zu dem Zeitpunkt natürlich schon an einer Stelle, bei der viele inhaltliche Entscheidungen schon getroffen worden waren. Der neue Doktorvater war nach seiner Aussage aber damit zufrieden, insbesondere auch da er mit dem ersten Prof schon lange zusammenarbeitet.
Er hat immer wieder mal nach dem Stand der Arbeit gefragt, meine Antworten wurden dann aber meist mit „Du machst das schon“ abgetan. So war es auch, als ich ihn 2-3 Monate vor Abgabe gefragt habe, ob er einen Blick auf die Arbeit werfen kann. Ich habe zu dem Zeitpunkt kein Problem darin gesehen, habe es eher positiv empfunden, dass ich mein Thema abgesprochen hatte und frei daran arbeiten konnte.

Und jetzt kommt der große Sprung: als ich die Gutachten meiner Arbeit gelesen habe, war ich sehr erschrocken. Die Gutachten gingen beide gut los, der theoretische Part der Arbeit wurde sehr gut bewertet, einige andere Dinge auch sehr gelobt, aber dann folgte praktisch ein Verriß. Dieser bezog sich zum einen auf Aspekte, die in meiner Arbeit fehlten. Zum anderen gab es methodischer Kritik, die darauf zurückzuführen ist, dass ich explorativ gearbeitet habe. Das kann man sicherlich als Diskussionspunkt sehen, aber durch das Thema ist in meinen Augen nichts anderes möglich.
Ich habe mein Thema und Zwischenergebnisse schon bei einigen Konferenzen vorgestellt und ich kenne daher die „Angriffspunkte“. Diese decken sich nur zu einem geringen Teil mit dem, was in den Gutachten stand. Ganz im Gegenteil wurden in den Gutachten Fragen gestellt, die grundlegende Fragen jeder empirischen Arbeit sind und für die es keine formalen Beweise gibt. Natürlich habe ich diese Fragen in der Arbeit diskutiert...

Ich habe mit meinem Doktorvater ein längeres Gespräch geführt, in dem er mir seine Sicht der Dinge erläutert hat. Er hat dabei eingestanden, dass er nicht immer aufmerksam war und vieles im Vorfeld auch falsch eingeschätzt hat, was ihm dann erst beim Lesen der Arbeit wirklich klar wurde. Bei deisem Gespräch hatte ich auch immer wieder den Eindruck dass er die Arbeit nicht 100% verstanden hat bzw. einige Seiten übersprungen hat. Leider hilft einem das nicht weiter, wenn wenig später die Disputation ansteht und die Gutachten geschrieben sind. :(

Hinzu kommt, dass ich das Gefühl hatte, dass sich die beiden Gutachten synchronisiert haben, was sich auch im persönlichen Gespräch bestätigt hat. Sie haben laut eigener Aussage einige Stunden über ihre Kritikpunkte diskutiert und danach die Gutachten geschrieben. Das lässt sich aus meiner Sicht klar am Text erkennen.

Die Disputation selbst habe ich auch als sehr unfair empfunden. Ich hatte vorher mit meinem Doktorvater besprochen, wie ich meinen Vortrag aufbauen soll und habe das auch genau so gemacht. Das Hauptziel war Ansätze für Diskussionen zu geben. Während mein Zweitgutachter in der Prüfung immer wieder versucht hat die Diskussion breiter zu gestalten, hat ein Kommissionsmitglied immer wieder auf einem kleinen Aspekt der Arbeit herumgeritten, teilweise auch unterstützt von meinem Doktorvater. Dadurch hatte ich nicht das Gefühl, dass ich tatsächlich meine Arbeit präsentieren konnte, sondern nur auf diesen einen Punkt festgenagelt wurde. Ich habe schon andere Disputationen erlebt, in denen eher ein Fachgespräch aufkam und man munter über das Thema diskutiert hat. Das war bei mir vielleicht 20% so.
Hinzu kam auch, dass das Prüfungsgespräch nach der minimalen Zeit abgebrochen wurde, da ein Kommissionsmitglied noch einen anderen Termin hatte. Am Ende habe ich ein „cum laude“ bekommen.

Lange Rede, kurzer Sinn: ich bin enttäuscht und fühle mich unfair behandelt.
Ich denke nicht, dass meine Arbeit ein „summa cum laude“ verdient hätte und es gibt sicherlich einiges daran zu kritisieren. Wie das aber nun bei mir verlaufen ist, finde ich nur unfair.
Mit dem Ergebnis kann ich leben - außerhalb der Wissenschaft wird mich niemand mehr nach der Note fragen, aber es nagt einfach in mir und macht mich gleichzeitig wütend und traurig.

Danke dass ihr den langen Text gelesen habt. Ich würde mich freuen ein wenig Feedback zu bekommen, wie man am besten mit dieser Situation umgehen kann.

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daherrdoggda
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Re: Unzufrieden mit Ablauf und Ergebnis der Promotion

Beitrag von daherrdoggda »

Könnte es Gründe geben, dir noch 'eins auszuwischen'? Was auch immer zum Wechsel des Betreuers geführt hat z.B.? Manche lassen einen den längeren Hebel gern spüren, an dem sie sitzen.
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Re: Unzufrieden mit Ablauf und Ergebnis der Promotion

Beitrag von FerdiFuchs »

Du bist völlig zurecht unzufrieden. Das Verhalten des Betreuers sowie der Kommissionsmitglieder ist in mehreren Punkten nicht nur unfair dir gegenüber, sondern regelrecht unprofessionell - es ist wirklich schändlich, dass man mit sowas durchkommen kann.

Leider ist dies eine Situation, an der man im Nachhinein nur schwer etwas ändern kann. In solchen Fällen sympathisiere ich mit einer generellen Lebenseinstellung, die darin besteht, sich auf diejenigen Dinge zu konzentrieren, bei denen man aktiv etwas bewirken kann. Die Vergangenheit ist jetzt Vergangenheit - was zählt ist, was du in deiner jetzigen Situation alles tun kannst, ob beruflich, privat etc.

[Edit] Habe in meinem Beitrag einen sinnentstellenden Typo im ersten Satz beseitigt, sorry dafür.
Zuletzt geändert von FerdiFuchs am 27.11.2016, 18:03, insgesamt 1-mal geändert.
praktikum
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Re: Unzufrieden mit Ablauf und Ergebnis der Promotion

Beitrag von praktikum »

Irgendjemand hat geschrieben: Lange Rede, kurzer Sinn: ich bin enttäuscht und fühle mich unfair behandelt.
Zurecht, aber am besten denkst Du gar nicht weiter darüber nach. Aus irgendeinem Grund wollte man es eben so, dass Profs so eine Art Allmachtsposition innehaben. Gerade in Zusammenhang mit der Benotung von Abschlussarbeiten oder Dissertationen gibt es zahlreiche ähnliche Vorkommnisse.
Etweb

Re: Unzufrieden mit Ablauf und Ergebnis der Promotion

Beitrag von Etweb »

praktikum hat geschrieben:
Irgendjemand hat geschrieben: Lange Rede, kurzer Sinn: ich bin enttäuscht und fühle mich unfair behandelt.
Zurecht, aber am besten denkst Du gar nicht weiter darüber nach. Aus irgendeinem Grund wollte man es eben so, dass Profs so eine Art Allmachtsposition innehaben. Gerade in Zusammenhang mit der Benotung von Abschlussarbeiten oder Dissertationen gibt es zahlreiche ähnliche Vorkommnisse.
Dem stimme ich zu - wahrscheinlich bis du zu Recht enttäuscht. Aber du musst einen Weg finden dies ruhen zu lassen. Hier noch irgendetwas zu diskutieren macht für dich wenig Sinn. Es gibt schon einen Grund das in vielen anderen Ländern keine Noten für die Doktorarbeit vergeben werden. Entweder sind die Betreuer zu nah daran, oder sind keine Experten in dem Spezialfall mehr. Denn der Spezialist, der Experte, das bist jetzt du - nutze es!

Ich habe selbst im Ausland promoviert und keine Note auf meiner Dissertation. Dies war bei Bewerbungen in D (bis jetzt) keinerlei Problem. Wichtiger für dich ist es jetzt eine Anstellung zu finden die dich weiterbringt. Evtl. Publikationen sind meines Erachtens wichtiger als eine Note. Nach deiner ersten Stelle kräht da auch kein Hahn mehr danach. Und wenn dich das noch so ärgert, schau in die Geschichte, Einstein's Arbeit wurde mehrfach abgelehnt und den Nobelpreis bekam er auch nur für die am wenigsten innovativen Forschungsergebnisse die er produziert hatte. Hat ihm das geschadet? Ich meine nein.
Irgendjemand

Re: Unzufrieden mit Ablauf und Ergebnis der Promotion

Beitrag von Irgendjemand »

Etweb hat geschrieben:Dem stimme ich zu - wahrscheinlich bis du zu Recht enttäuscht. Aber du musst einen Weg finden dies ruhen zu lassen. Hier noch irgendetwas zu diskutieren macht für dich wenig Sinn. Es gibt schon einen Grund das in vielen anderen Ländern keine Noten für die Doktorarbeit vergeben werden. Entweder sind die Betreuer zu nah daran, oder sind keine Experten in dem Spezialfall mehr. Denn der Spezialist, der Experte, das bist jetzt du - nutze es!
Wenn ich wüsste wie ich das tun soll würde ich das gerne machen.
Ich habe bislang keinen Weg gefunden es "ruhen zu lassen". Es nagt an mir und das leider sehr beständig. Ich habe jahrelang erwartet, dass es ein gutes Gefühl ist, einfach fertig zu sein und das fehlt völlig. Ich habe niemals geplant, mit dem "Dr." anzugeben oder ihn überhaupt im Alltag zu nutzen, aber für mich hat es aktuell null Wert das alles überhaupt gemacht zu haben.

Falls jemand einen Tipp hat, wie man mit all dem ins Reine kommt: her damit. Ansonsten heilt wohl die Zeit alle Wunden.
club_mate

Re: Unzufrieden mit Ablauf und Ergebnis der Promotion

Beitrag von club_mate »

Hallo Irgendjemand,

ich kann sehr gut verstehen, dass es für dich gerade sehr schwierig ist. Das tut mir wirklich Leid für dich. Ich glaube aber, dass zumindest die "große Leere", die du beschreibst, nichts Außergewöhnliches ist, dass es vielen nach Abgabe der Dissertation bzw. nach der Disputation so ergeht. Hier im Forum habe ich jedenfalls schon häufiger davon gelesen. Auch aus anderen Lebensbereichen kennt sicherlich jeder dieses Gefühl, etwa wenn man lange für eine Prüfung, für das Staatsexamen etc. gelernt hat und man endlich alles hinter sich gebracht hat, dass man dann oft gar nicht so sehr Erleichterung spürt, sondern vielmehr ein Ausgelaugt-Sein, eine Leere. Und natürlich ist dieses Gefühl nochmal um einiges größer, wenn man mit dem Ergebnis nicht zufrieden ist oder die Bewertung für ungerechtfertigt hält.

Das Einzige, was dir da tatsächlich helfen kann, ist wohl wirklich, wie du selbst schreibst, die Zeit. Außerdem bringt es dir nichts zurück zu blicken. Es klingt abgedroschen, aber in der Tat solltest du jetzt nach vorne schauen, dich auf das konzentrieren, was du als nächstes anpacken willst. Schließ mit dem Thema ab, versuche dir zu überlegen, was du aus dieser (negativen) Erfahrung lernen kannst, wie du das Negative in etwas Positives verwandeln kannst. Mach Sport, triff dich mit Freunden, besuche deine Familie, nimm dir Zeit für deine Hobbys, kurz: lenk dich ab. Etwas anderes kannst du m.E. nicht machen.
itsme

Re: Unzufrieden mit Ablauf und Ergebnis der Promotion

Beitrag von itsme »

Irgendjemand hat geschrieben: Falls jemand einen Tipp hat, wie man mit all dem ins Reine kommt: her damit. Ansonsten heilt wohl die Zeit alle Wunden.
Ja, an der Zeit, die alle Wunden heilt, ist was dran. Vor allem dann, wenn es dir gelingt offen für Chancen zu bleiben. Dann bekommst Du die Anerkennung, die Du dir für die Diss erhofft hast irgendwann, wenn Du gar nicht damit rechnest. Für den Moment hilft vielleicht wenn Du dir bewusst machst, wieviel leichter es ist, etwas zu kritisieren, als etwas zu schaffen. Du hast mit der Dissertation etwas geschaffen, die Gutachter haben nur beurteilt. Und es liegt ja an dir, ob Du dich über deine Leistung freust und sie anerkennen kannst. Für mich kam der Moment, als ich mit dem Alptraum Dissertation abschließen konnte (und mich freuen konnte, dass ich es durchgezogen hatte) während einer Reise. Es ging an einen Ort, an den ich schon immer mal wollte und ich war so froh endlich dort zu sein, dass ich plötzlich auch froh sein konnte, es durchgezogen zu haben bevor ich mir diesen Wunsch erfüllt habe.

Vielleicht kannst Du auch mit der Publikation ein paar Wunden heilen: dass die Gutachter deine Arbeit nicht ganz verstanden haben, muss ja nicht bedeuten, dass Du auch nicht mehr anerkennen kannst, was Du geleistet hast (die sind die und Du bist Du ... ). Guter Verlag, schönes Layout, eine ehrlich gemeinte Danksagung an diejenigen, die dich unterstützt haben können da eine Menge bewirken (Kleine Tricks aus der Verhaltenspsychologie: auch wenn es sich noch nicht so anfühlt, trotzdem so handeln, als hätte sich Zufriedenheit und Freuden eingestellt und die Aufmerksamkeit bewusst auf das lenken, was gut war und wofür man Dankbarkeit empfindet - wenn man sich nicht davon abhängig macht, dass bestimmte Emotionen sich erst einstellen, damit man weiter machen kann, dann hat man eine größere Chance, dass die Emotionen den Handlungen folgen anstatt Ihnen vorauszugehen).

Und, Alter: HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH!!! :prost: :blume: /:dr) :dr)
Paulchen
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Re: Unzufrieden mit Ablauf und Ergebnis der Promotion

Beitrag von Paulchen »

Moin,

tja, was soll man die raten? Ich hatte damals ein ähnliches Problem. Allerdings kam bei mir ein Magna cum laude raus, was ja eigentlich "sehr gut" ist. Das schöne Wort ist hier "eigentlich". Alle in meinem Umfeld haben mir damals gesagt, dass ich damit zufrieden sein sollte. Und ja: bei keiner meiner nachfolgenden Stellen spielte die Note jemals eine Rolle, sondern es ging immer nur um das Thema und die Forschungsschwerpunkte. (ein wenig off-topic: In all den Berufungskommissionen, in denen ich gesessen habe, hat auch keiner bei Bewerbern darauf geguckt, ob die Note nun summa oder magna war.). Letztlich sind diese Noten auch vollkommen überflüssig und man kann sie sich sparen. Bei Habilitationen gibt es übrigens keine Noten - soweit ich weiß.
Es gibt also genügend Gründe, dass ich mit meinem Magna zufrieden sein sollte. Aber ich bin es nicht und werde es auch nie sein. Was mich ärgert: Die Kritikpunkte im Gutachten waren dermaßen willkürlich und unzutreffend. Hier ging es nur darum, aus Prinzip kein summa zu geben. Wenn man Kritikpunkte sucht, findet man in jeder Arbeit was. Letztlich kann ich die Kritikpunkte auch richtig einschätzen, weil ich mich nach fünf Jahren besser mit meinem Thema auskannte als die Gutachter...wie dem auch sei: Du siehst, die Note lässt einen nie wirklich los, vor allem wenn sie nicht gerechtfertigt ist. Ich werde nie vergessen, wie ich aus meiner Disputation gekommen bin und dachte: Was für ein scheiß und für den Mist hast du all das geopfert. Die Disputation war bei mir eh vollkommen überflüssig, weil es "nur" noch darum ging, ob es ein Magna im oberen oder unteren Bereich ist. Bei mir ist es sogar so, dass ich meinen Grad (das Wort Titel vermeide ich) nicht führe. Vor allem jetzt, da ich aus der Uni raus bin, verzichte ich ganz drauf. Ich ärgere mich heute noch darüber. Was ich dir daher raten will (und auch selber beachten sollte): Du hast diese Arbeit gepackt und du weißt, was du an Mühe, Arbeit, Frust und Ärger hineingesteckt hast. Du bist den Weg gegangen und jetzt musst du mit der Note leben. Ich habe meine Promotionsphase als eine Art Krieg angesehen und es am Ende überlebt und darauf bin ich stolz und das solltest du auch.
Nimm mich hier auch nicht als Vorbild. Ich möchte hier auch nicht arrogant oder dergleichen wirken. Magna ist eine sehr gute Note. Ich wäre damit auch zufrieden, wenn ich die Kritikpunkte in den Gutachten für gerechtfertigt hielte.

Ich konnte jetzt sicher nichts produktives beitragen, hoffe aber, dass ich zumindest als abschreckendes Beispiel dienen kann ;-)
Eva
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Re: Unzufrieden mit Ablauf und Ergebnis der Promotion

Beitrag von Eva »

Meine Erfahrung: Auch wenn man es am Anfang nicht glaubt - Zeit heilt die Wunde tatsächlich. Bei mir waren vor ca. 5 Jahren Ärger, Wut und Frust riesig ob der Bewertung meiner Arbeit und des Verhaltens der Betreuer mir gegenüber im Umfeld der Disputation und danach. Wenn ich mich heute daran erinnere, sind mir diese Gefühle in der Erinnerung zwar wieder präsent, aber ohne bewusstes Hineintauchen in die damalige Befindlichkeit spielt das für mich heute keine Rolle mehr.

Ich habe inzwischen so viele Geschichten von anderen gehört, die ebenfalls ungerecht bewertet wurden, auf Basis von Sachverhalten, die nichts mit der inhaltlichen Qualität der Arbeit zu tun hatten (z.B. "meinem allerersten Doktoranden konnte ich doch nicht gleich ein Summa geben", "Sie bleiben ja eh nicht in der Wissenschaft, also hebe ich mir das Summa lieber für Doktoranden auf, die die Note für ihre Unikarriere brauchen", "mir passt die inhaltliche Grundaussage dieser Arbeit nicht, weil sie meine eigene Position angreift, also bewerte ich die Arbeit schlecht, um ihre Verbreitung (Verlagswahl etc.) zu erschweren", "externe Dissertationen sind per se fragwürdig und sollten nicht besser als mit cum laude bewertet werden" etc.), das hat mich mit meiner eigenen Geschichte versöhnt.

Das System als solches ist falsch; Dissertationen sollten generell nicht benotet werden und der Betreuer sollte nachher nicht derjenige sein, der über bestehen oder nicht-bestehen entscheidet. Du und ich und viele andere haben halt das Pech, am eigenen Leib zu erleben, dass das aktuell übliche Verfahren ungerecht ist. Da kann man letztlich nur mit den Achseln zucken und sich auf die eigene Leistung besinnen und darauf stolz sein (allein, überhaupt bis zum Ende gekommen zu sein!, wie viele geben unterwegs auf!). Mach dich frei davon, was Menschen von dir und deiner Arbeit denken, die für dich außerhalb dieses engen Uni-Karriere-Kontexts von keinerlei Belang sind.

Außerdem geht das Leben tatsächlich einfach weiter; neue Themen werden wichtig, die Dissertation rückt in den Hintergrund und wird immer mehr ein Teil unter vielen der eigenen Biographie, sie hat nicht mehr diesen riesigen Stellenwert wie in den Jahren der Erstellung.
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