Wissenschaftliche Karriere: Dem Druck nicht gewachsen?

xiotres
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Re: Wissenschaftliche Karriere: Dem Druck nicht gewachsen?

Beitrag von xiotres » 03.11.2016, 21:18

Hallo textprodukt,

nein, du bist definitiv nicht die einzige, die sich mit diesem Problem herumschlägt. Ich habe "intern" (also am Lehrstuhl, Geisteswissenschaften) promoviert, und nichts war dort so oft Gesprächsthema wie Stellenperspektiven.

Nach Abschluss und im Rückblick kann ich nur sagen: soziale Unterstützung - in- und außerhalb des Doktoranden-Dunstkreises - hilft, ebenso wie ein Plan B, der zumindest den Lebensunterhalt sichert, wenn schon die Träume den Bach runtergehen.

Ansonsten, weißt du ja, macht vergleichen unglücklich, also lass' es besser. Eine wissenschaftliche Karriere machen nicht die am besten Geeigneten (das manchmal auch :)) , sondern die, die zur richtigen Zeit am richtigen Ort sind. Anekdote? - Eine Bekannte von mir (selbe Uni, anderes Institut) hatals Post-doc jahrelang erfolglos um ihre Entfristung gekämpft. Und wer bekam am Ende die Stelle? Eine Kollegin mit der Begründung: "Sie will ja nicht habilitieren, und braucht jetzt endlich mal was Festes!"

Na denn. Nimm's nicht so schwer und genieß die Zeit, die dir noch bleibt an der Uni :wink:

Xiotres
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deliliah
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Re: Wissenschaftliche Karriere: Dem Druck nicht gewachsen?

Beitrag von deliliah » 04.11.2016, 10:52

Ich hatte auch den Traum der wissenschaftlichen Karriere. Und nirgendwo hat man mehr Freiheit als an einer Uni. Gleichzeitig ist man absolut unfrei, weil das Gehalt oft zu niedrig und die Stellenperspektive nie langfristig ist. Ich komme übrigens auch aus den Geisteswissenschaften und es ist mitnichten so, dass immer Geld da ist. Wenn ein Projekt ausgelaufen ist, dann war es das. Sprich: Koffer packen und in die nächste Stadt oder in das nächste Land, um wieder ein Jahr Geld zu verdienen. Und da es für Geisteswissenschaftler kaum noch Mittelbaustellen gibt, heißt das zwangsläufig entweder auf die Professur zu bauen oder mit Mitte 40 habilitiert den freien Arbeitsmarkt - nee, kleiner Scherz - natürlich das Arbeitsamt zu stürmen. Oder man schlängelt sich noch mit Vertretungsprofessuren durch das Leben.

Jedenfalls habe ich 4 Jahre Uniluft geschnuppert und konnte mir wie du nicht vorstellen in der freien Wirtschaft glücklich zu werden. Gezwungenermaßen musste ich nach knapp einem Jahr Arbeitslosigkeit (das Projekt war ausgelaufen, eine weitere Finanzierung gab es nicht, das nächste Projekt musste mit neuen Mitarbeitern besetzt werden) mich neu orientieren. Ich bewarb mich für eine Teilzeitstelle als "Tippse". Aus diesem Job ist inzwischen viel mehr geworden. Ich tippe zwar auch noch, aber eigentlich programmiere ich Webanwendungen. Nächstes Jahr werde ich Voraussicht das Telefon ganz los, so dass nur noch Projektmanagement und Programmierung übrig bleiben. Ich verdiene ein gutes Gehalt (mehr als an der Uni), habe feste Arbeitszeiten (um 14:00 ist Feierabend und dann auch wirklich Feierabend) und eine Perspektive wenn ich möchte bist zur Rente. Ich habe tolle Kollegen und super Chefs. Ich bekomme Respekt und dank für meine Arbeit. Ich kann sagen, ja ich bin glücklich auch ohne Unikarriere.

Als ich dort anfing, habe ich wie du gedacht, ich würde niemals glücklich werden, mich würde dieser Job nie ausfüllen. Heute würde ich diesen Job nicht mehr gegen eine befristete Unistelle eintauschen (und auch unbefristet müsste ich scharf grübeln - aber wie gesagt die Wahrscheinlichkeit ist in den Geisteswissenschaften gleich null).

Übrigens schreibe ich meine Diss in meiner Freizeit zu Ende, wobei der Titel gar nicht so wichtig ist, vor allem nicht beruflich. Ich möchte nur das Projekt/Buch fertigstellen.

Wierus
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Re: Wissenschaftliche Karriere: Dem Druck nicht gewachsen?

Beitrag von Wierus » 20.11.2016, 11:30

Dauerhaft zufrieden und glücklich mit einer (Vollzeit-)Tätigkeit? Ich denke das ist fast utopisch in einer fortgeschrittenen Leistungsgesellschaft wie der unsrigen. :)

An deiner Stelle würde ich versuchen, etwas kleinere Brötchen zu backen und evtl. das "Wissenschaftliche" auf Projekte, Kongresse oder journalistische Zweittätigkeiten zu verlagern. Man muss nicht immer allein von der Wissenschaft leben müssen, um ein(e) echte(r) Wissenschaftler(in) zu sein. Oft ist finanzielle Unabhängigkeit (von Uni, Staat, Stiftungen etc.) ein ganz wichtiger Faktor für eine inhaltlich saubere, unabhängige Forschung. Du scheinst sehr viel von der Wissenschaft zu halten, aber das Problem ist doch, dass an den Universitäten eben nicht nur Wissenschaft betrieben wird - ideologische, methodologische, finanzielle und sonstige Konkurrenz spielen dort ebenfalls eine große Rolle.

Wenn sich alles nur noch um "das Eine" dreht und dein wissenschaftlicher - wie beruflicher, wie finanzieller - Werdegang von einem kleinen Umfeld konkurrierender Individuen abhängt, dann wächst der Druck immens; und gerade für Perfektionisten kann das fatal sein, weil die sich selbst keine Fehler erlauben. Burn-out vorporgrammiert...

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