Wissenschaftliche Karriere: Dem Druck nicht gewachsen?

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Wissenschaftliche Karriere: Dem Druck nicht gewachsen?

Beitrag von Textprodukt » 14.10.2016, 22:00

Liebes Forum,

ich lese hier schon seit Langem mit, promoviere auch schon ein paar Jahre und wende mich heute mit einer Diskussionsfrage an euch: Wie lernt man, dem gefühlten Druck standzuhalten und den explizit verbalisierten sowie impliziten Erwartungen von außen gerecht zu werden?

In den kultur-, geistes- oder sozialwissenschaftlichen Fächern ist es ja nun leider so, dass man ohne entsprechende Leistungen, wenigstens auf dem Papier, bei der großen Konkurrenz keine Chancen auf eine wissenschaftliche Laufbahn nach der Promotion hat. So bleibt einem doch gar nichts übrig, als sich ständig mit anderen zu vergleichen und unter dem Druck, der/die Beste sein zu müssen, Selbstzweifel zu entwickeln und in der Angst, man könne es nicht schaffen, sich permanent einen Ausweg offen zu halten, auf der anderen Seite aber zur gleichen Zeit 150% zu leisten, damit man sich seine 'Chance' nicht verbaut. Mich beschäftigt dieses Problem und der damit einhergehende Perfektionismus sehr, ich sehe mich schon in einigen Jahren völlig ausgebrannt vor mir, obwohl ich bisher noch einigermaßen 'funktioniere'. Wer weiß, wie lange das noch gut geht... Ich finde leider keine Lösung, denn Wissenschaft ist das, was ich machen will. Andere Pläne gibt es, aber an die wissenschaftliche Tätigkeit reicht nichts heran. Dabei habe ich das Gefühl, sollte ich es nicht schaffen, wäre ich beruflich nie rundum zufrieden und glücklich, weil ich immer nur die vertane Chance sehen würde.

Ich bedanke mich bereits jetzt für jede Antwort und jeden Diskussionsbeitrag dazu. Mich würde sehr interessieren, wie andere Doktoranden mit dem selben Problem umgehen.

Grüße
Zuletzt geändert von Sebastian am 15.10.2016, 10:11, insgesamt 1-mal geändert.

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Re: Dem Druck nicht gewachsen?

Beitrag von Zwonk » 14.10.2016, 22:27

Ich finde, Du solltest zwei Sachen berücksichtigen:

1. Eine wissenschaftliche Laufbahn ist sehr unwahrscheinlich, selbst wenn Du ausnehmend gut in Deinem Fach bist. Es ist also wenigstens riskant, auf diesen Wunsch allzu viel emotionale Energie zu verwenden.

2. "Rundum zufrieden und glücklich" ist ein viel zu hoher Anspruch an den Beruf - ob innerhalb oder außerhalb der Wissenschaft. So eine Idee würde ich nie als Planungsgröße betrachten. Im Gegenteil - ich würde mir für Glück und Zufriedenheit noch einen Rückfallplan ausdenken, damit ich im Falle einer gescheiterten wissenschaftlichen Karriere nicht in Verzweiflung gerate.

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Re: Dem Druck nicht gewachsen?

Beitrag von Textprodukt » 14.10.2016, 23:12

1. Das ist mir völlig klar, sonst würde sich das Problem schließlich auch gar nicht erst stellen, weil die Chance größer und der Weg dahin etwas weniger kompetitiv wäre. Aber was ist die Lösung, wenn man das Ziel dennoch verfolgen will?
2. Denn andere Pläne gibt es, wenn es nicht klappt, und die sind auch nicht unrealistisch. Der Rückfallplan ist also da, das Problem dadurch aber nicht gelöst, denn egal wie sehr ich versuche mir etwas anderes einzureden, glücklich wäre ich mit diesen Optionen wahrscheinlich nicht.

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Re: Wissenschaftliche Karriere: Dem Druck nicht gewachsen?

Beitrag von JohnvanConnor » 15.10.2016, 17:23

Textprodukt hat geschrieben:
In den kultur-, geistes- oder sozialwissenschaftlichen Fächern ist es ja nun leider so, dass man ohne entsprechende Leistungen, wenigstens auf dem Papier, bei der großen Konkurrenz keine Chancen auf eine wissenschaftliche Laufbahn nach der Promotion hat. So bleibt einem doch gar nichts übrig, als sich ständig mit anderen zu vergleichen und unter dem Druck, der/die Beste sein zu müssen, Selbstzweifel zu entwickeln (...)
Mich würde sehr interessieren, wie andere Doktoranden mit dem selben Problem umgehen.
Ich bin inzwischen in der Postdoc-Phase. Rückblickend erscheint ja vieles meist einfacher, als es tatsächlich war, aber ich meine mich zu erinnern: dass ich mich gerade nicht mit anderen verglichen habe, erst recht nicht "ständig". Sondern mich auf mein Thema und dessen Entwicklung konzentriert habe. Zudem einige Nebenprojekte verfolgt, die nicht direkt karriereförderlich waren, mir aber stärkere Unabhängigkeit und Gelassenheit bescherten.
Meiner Beobachtung nach sind oft besonders die Leute gestresst, die sehr eng an ihren Profs dranhängen (müssen) – sei es aufgrund von Sachzwängen oder wegen eigener Einfallslosigkeit. Je eigenständiger man inhaltlich agieren kann, desto besser. Dann hat man wenigstens einen positiven Ausgleich zu der ganzen Unsicherheit. Aber es hilft halt nichts, wenn man es wirklich will, muss man da eben irgendwie durch.

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Re: Wissenschaftliche Karriere: Dem Druck nicht gewachsen?

Beitrag von Textprodukt » 16.10.2016, 01:45

Mir scheint fast, ich wäre der/die Einzige mit dem Problem. Dann frage ich mich angesichts der Statistiken (ca. 50% der Promovierenden mit Verträgen unter einem Jahr Laufzeit z.B.) allerdings wirklich, wie alle anderen das aushalten. Hab demnächst ein Vorstellungsgespräch für eine länger befristete Stelle an der Uni und bin vorher schon fix und fertig, weil ich befürchte, dass mit dem Erfolg oder Misserfolg die Entscheidung darüber getroffen wird, ob ich in der Wissenschaft verbleiben kann oder einen der BCZ-Pläne außerhalb der Uni verfolgen muss, denn dass sich in den kommenden Monaten eine vergleichbare Chance auftut, ist mehr als unwahrscheinlich. Achso, nein: Ich hänge nicht am Rockzipfel des/der Profs, bin kein Speichellecker und werde es auch nie sein.

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Re: Wissenschaftliche Karriere: Dem Druck nicht gewachsen?

Beitrag von Dell » 16.10.2016, 11:23

Stimmen denn die Grundvoraussetzungen für einen 'optimierten' Karrierestart?
a) Bearbeitest du ein high impact Problem?
b) Bearbeitest du es in der dafür besten Umgebung (weltweit), bei einem weit bekannten und hochangesehenem Prof?
c) Arbeitest du so hart wie irgendwie möglich?
d) Hast du einen längerfristigen Plan im Hinterkopf, wie du eine Niesche besetzen kannst und dich damit selbst finanzieren kannst.

Wenn ja, dann macht es an dieser Stelle keinen Sinn zu grübeln, da du auf dem besten Weg bist. Wenn nein wird es schon schwieriger.

Mir erscheint es so, dass alle Kollegen die wissenschaftlich erfolgreich wurden (Fellowship, eigene Gruppe, 'tenure track' etc.) nie über Alternativen nachgedacht haben sondern 100% in ihre Forschung gesteckt haben. Und trotz 7-Tage Woche meist bis spät in die Nacht hinein motiviert sind und ihnen nichts einfallen würde was sie Sonntag um 20 Uhr lieber machen würden. Dazu gehören dann auch verständnisvolle Partner, die ihre Bedürfnisse deiner Karriere unterordnen und wenig Zweisamheit dulden sowie Fernbeziehung bzw Umzüge mitmachen. Einige Paare haben es dann so gelöst, dass der Partner zum Essen im Büro vorbei kommt oder am Wochenende ihre Arbeit mit ans Institut bringen, damit sie ihre Partner ein wenig zu Gesicht bekommen.
Kurze Verträge sind eine tolle Sache und stören niemanden die ich kenne, da sie es dir leichter machen weiterzuziehen ohne das ganze Kündigungsbrimborium. Ich habe letztes Jahr einen sehr guten Postdoc abgelehnt, aus dem einzigen Grund, dass der Prof auf einen 3-jahresvertrag bestand und nicht bereit war das in 1-jahres Etappen runterzubrechen. Für gute Leute ist immer Geld da um den Vertrag zu verlängern oder du besorgst dir ein Stipendium; falls nicht bist du beim falschen Betreuer/Bearbeitest das falsche Thema.

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Re: Wissenschaftliche Karriere: Dem Druck nicht gewachsen?

Beitrag von Textprodukt » 16.10.2016, 11:48

Ich kenne niemanden in meinem Fachbereich, weder Doktoranden noch (neu-)berufene Professoren, auf die (alle) deine sog. 'Grundvoraussetzungen' zutreffen. Inwiefern das bei mir der Fall ist, mag ich öffentlich zwecks Wahrung der Anonymität nicht preisgeben. Und in meinem Fach ist es auch keineswegs so, dass für gute Leute "immer Geld da [ist,] um den Vertrag zu verlängern"; wenn das Projekt durch ist, ist der Vertrag erstmal beendet, egal wie gut die Arbeit war, die man geleistet hat. Und dass man lieber von Jahr zu Jahr befristet angestellt wird als eine Perspektive über wenigstens drei Jahre geboten zu bekommen, das höre ich auch zum ersten Mal und scheint mir eher realitätsfern zu sein. Aber es mag ja durchaus sein, dass man sich das in deinem Fach 'leisten' kann, das will ich nicht in Abrede stellen.

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Re: Wissenschaftliche Karriere: Dem Druck nicht gewachsen?

Beitrag von JohnvanConnor » 16.10.2016, 18:50

Gerade Geisteswissenschaftler neigen ja dazu, ihre eigenen Fähigkeiten abzuwerten und eine grüblerisch-zweifelnde Haltung nicht nur gegenüber ihren Gegenständen einzunehmen – sondern auch gegenüber sich selbst. Da solche Charakterzüge für die Art der Arbeit im Prinzip geradezu unverzichtbar sind, ist es natürlich etwas unfair, von ihnen zu verlangen, die Mentalität von Unternehmensberatern oder cut-throat-Topjuristen an den Tag zu legen. Aber da es Dir offenbar um ein anstehendes Vorstellungsgespräch geht: das wissen die Entscheidungsträger ja selbst auch, und etwas Unsicherheit führt bei einer solchen Stelle doch sicher nicht gleich ins Abseits, oder?
Diese Denkweise "wenn das jetzt nicht klappt ist alles vorbei" würde ich mir auf jeden Fall nachhaltig abgewöhnen! Warum nicht einfach schon die nächsten Optionen (Stipendienanträge o.ä.) im Blick haben? so nimmt man sich etwas Druck und gerät nicht in derart fatalistische Ohnmachtsgefühle.

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Re: Wissenschaftliche Karriere: Dem Druck nicht gewachsen?

Beitrag von Dell » 16.10.2016, 18:52

Vertragsdauer und wie lange die Stelle finanziert ist sind ja 2 paar Schuhe. Ich kenne es auch so, dass die Profs Rückstellungen gemacht haben bzw nicht alle möglichen Stellen besetzen, so dass am Ende der Finanzierungszeit eines Projektes nicht plötzlich die Leute gehen müssen (Macht auch Sinn, da Themen fast nie vollständig in einer Antragslaufzeit bearbeitet sind).

Erfüllen der optimalen Grundvoraussetzungen (die man im Gegensatz zu vielen anderen Faktoren selbst in der Hand hat) verringert einfach das Risiko, welches in anbetracht der verfügbaren Stellen immer noch immens hoch ist.
Das keiner deiner Bekannten diese erfüllt überrascht mich ein wenig. A und D sind eigentlich Standard um Prof/eigenfinanziert zu werden. Mir ist auch noch keiner mit dem Ziel einer akadem. Karriere begegnet, der die Arbeit hinter anderem zurückstellt. Alle meiner Bekannten/Kollegen die in den letzten Jahren den Sprung in die Eigenständigkeit geschafft haben, hatten einen der (weltweit) sehr bekannten Namen in ihrem CV. Und wenn bei unseren Seminaren der CV der Gastredner vorgetragen wird, finde ich es schon fast erschreckend wie viele dieser Profs den Grundstein ihrer Karriere in nur einer Handvoll von Instituten bzw AGs gelegt haben.

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Re: Wissenschaftliche Karriere: Dem Druck nicht gewachsen?

Beitrag von itsme » 03.11.2016, 10:06

Textprodukt hat geschrieben:Mir scheint fast, ich wäre der/die Einzige mit dem Problem. Dann frage ich mich angesichts der Statistiken (ca. 50% der Promovierenden mit Verträgen unter einem Jahr Laufzeit z.B.) allerdings wirklich, wie alle anderen das aushalten.
Es ist nicht einfach, dir hier wirklich zu helfen.

Nein, du bist nicht der/die Einzige mit dem Problem.

Aber: wenn dich die Unsicherheit so quält, dann ist die wissenschaftliche Laufbahn vielleicht einfach nicht das Richtige für dich und das Dilemma kann hier keiner für dich auflösen. Wissenschaft ist ein sehr attraktiver Beruf im Hinblick auf die Inhalte und das Sozialprestige. Es ist ein sehr unattraktives Berufsfeld im Hinblick auf Gehalt und Arbeitsplatzsicherheit bzw. Planbarkeit. Das sind nun mal die Rahmenbedingungen für deine Entscheidung und an der Quadratur des Kreises, nämlich dem Wunsch, nur die Rosinen zu picken, sind schon viele gescheitert.

Am Ende bist du für die Entscheidung auf dich selbst zurückgeworfen: Bist du risikobereit? Kannst du mit der Belastung, die durch die Unsicherheit entsteht, leben? Kannst du für dich Wege finden, die Belastung abzumildern, z.B. indem du dir attraktive Alternativen offen hältst? Wenn du die Alternativen, die du ins Auge gefasst hast, noch nicht als echte Alternativen betrachtest, dann musst du vielleicht noch mal zurück an den Zeichentisch und die Alternativen überdenken. Wenn du lernen möchtest, die psychische Belastung auszuhalten, die mit der hohen Unsicherheit im Wissenschaftsbetrieb einhergeht, damit du dich zu 100% auf den akademischen Arbeitskontext einlassen kannst, dann ist vielleicht ein Coach oder psychotherapeutische Unterstützung das Richtige für dich.

Hier nachzufragen, wie andere dieses Dilemma für sich aufgelöst haben, ist schon mal ein guter Anfang, führt am Ende aber wieder dahin zurück, dass die Bewältigung des Dilemmas ein höchst individuelle Sache ist. Für kontraproduktiv halte ich es allerdings, sich an den wenigen Beispielen für einen "reibungslosen" Karriereverlauf zu orientieren, denn daran kann man wenig lernen. Es gibt Fälle, in denen so kontinuierlich weit überdurchschnittlicher Einsatz und weit überdurchschnittliche Leistungen erbracht wurden, dass man selbst vielleicht nur erkennen kann, dass man über diese sehr hohe Leistungsbereitschaft nicht verfügt (z.B. weil man persönliche Beziehungen nicht völlig unterordnen möchte). Es gibt viele Fälle, in denen der oder die Kollegin einfach großes Glück gehabt hat: Richtiger Lehrstuhl, unterstützender Betreuer bei den Qualifikationsarbeiten und dann auch noch die richtige Vakanz zur richtigen Zeit. Es gibt leider auch Fälle, in denen das berufliche Ziel (Arbeitsplatzsicherheit) nur mit sehr fragwürdigen Mittel zu erreichen war, denn stellen wir uns den Tatsachen: Nicht jeder Lehrstuhlinhaber ist tatsächlich menschlich und fachlich geeignet für diesen doch sehr verantwortungsvollen Beruf ( :cry: :cry: :cry: ).

Alles Gute und dass du eine gute Entscheidung für dich treffen kannst. :blume:

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