Externe Promotion mit Chef=Doktorvater - Ein Problem?

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oroberos

Externe Promotion mit Chef=Doktorvater - Ein Problem?

Beitrag von oroberos »

Guten Tag zusammen!

Ich habe ein Angebot für eine Promotion an einem kleinem Startup-Unternehmen, dessen Chef gleichzeitig mein Doktorvater wäre. D.h. er hat parallel auch einen eigenen Lehrstuhl, bei welchem ich zu 20% angestellt wäre, 80% beim Startup. Der Uni-Anteil wäre flexibel aufstockbar, wenn ich mehr Unabhängigkeit bräuchte fürs Schreiben der Thesis, wobei dann Lehrverpflichtungen dazukämen. Thematisch ist absehbar, dass meine Arbeit fürs Unternehmen auch relevant ist für die Forschungen am Lehrstuhl und somit für meine Dissertation. Ich bin im Moment glücklich über das Angebot, da es insgesamt stimmig klingt, habe aber dennoch ein paar Bedenken.

Frage 1: Ist es problematisch, wenn mein Doktorvater mein Chef ist? Welche Missbrauchsmöglichkeiten hat er durch seine doppelte Autorität? Welche eventuell auftretenden Probleme sollte ich vorab mit ihm klären?

Bezüglich Bezahlung: Von Uni-Seite würde ich auf TV-L 13 Nivau bezahlt (in Bayern sind das in Vollzeit gute 3500€ Brutto). Das Unternehmen bezahlt mich momentan auf demselben Niveau. Vermutlich würde ich einfach weiter so bezahlt werden, wenn ich nichts sage.

Frage 2: Ist es geldtechnisch ein gutes Angebot? Wie sieht es aus im Vergleich zu externen Promotionen: Sind 100% bezahlte Promotionen in diesem finanziellen Umfang eher gut oder eher schlecht?

Ich frage deswegen, weil meine ehemaligen Komilitonen z.T. erheblich mehr verdienen (nahezu doppelt so viel, gute/sehr gute Master Informatik von TU München). Demgegenüber komme ich mir vor wie ein günstiges Angebot für meinen Prof/Chef (ein Schelm wer Böses dabei denkt).

Frage 3: Wäre es angemessen für die Unternehmensarbeit mehr zu verlangen, also in Gehaltsverhandlungen zu gehen? Ich mache mir Sorgen, dass ich das Angebot sonst verliere.


Danke schonmal für Eure Hilfe und für dieses tolle Forum allgemein!

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oroberos

Re: Externe Promotion mit Chef=Doktorvater - Ein Problem?

Beitrag von oroberos »

Ich sollte noch erwähnen, dass mein Chef/Prof international hohes Ansehen in seinem Forschungsgebiet besitzt und dass ich die Forschungsthemen des Unternehmens bzw. des Profs super interessant finde.
Green Goddess

Re: Externe Promotion mit Chef=Doktorvater - Ein Problem?

Beitrag von Green Goddess »

oroberos hat geschrieben:Guten Tag zusammen!

Ich habe ein Angebot für eine Promotion an einem kleinem Startup-Unternehmen, dessen Chef gleichzeitig mein Doktorvater wäre. D.h. er hat parallel auch einen eigenen Lehrstuhl, bei welchem ich zu 20% angestellt wäre, 80% beim Startup. Der Uni-Anteil wäre flexibel aufstockbar, wenn ich mehr Unabhängigkeit bräuchte fürs Schreiben der Thesis, wobei dann Lehrverpflichtungen dazukämen. Thematisch ist absehbar, dass meine Arbeit fürs Unternehmen auch relevant ist für die Forschungen am Lehrstuhl und somit für meine Dissertation. Ich bin im Moment glücklich über das Angebot, da es insgesamt stimmig klingt, habe aber dennoch ein paar Bedenken.

Frage 1: Ist es problematisch, wenn mein Doktorvater mein Chef ist? Welche Missbrauchsmöglichkeiten hat er durch seine doppelte Autorität? Welche eventuell auftretenden Probleme sollte ich vorab mit ihm klären?

Ich sehe in dem Konstrukt kein (weiteres) Problem, denn in gewissem Sinn ist dein DV sonst auch dein Chef. Positiv ist, dass dein DV ein finanzielles Interesse am Erfolg deiner Arbeit, damit auch deiner Diss, hat. Missbrauchsmöglichkeiten? hmmm, du bist Informatiker, wenn dir die Konstellation nicht mehr passt, sag es laut in der UBahn und am Tag drauf hast du 2-3 Jobangebote. (Informatiker schreiben keine Bewerbungen, sie reagieren auf Angebote! :lol: ) Schau dich um, ich denke für InformatikerInnen gilt derzeit das gleiche wie für MathematikerInnen, in der Schwere nach Spezialisierung gestaffelt: "Die arbeitslosen Mathematiker unter 35 in Deutschland passen in einen Bus." Bei "uns" ist es eher so, dass in einigen Bereichen Profs Diss-Stellen wie Sauerbier anbieten, wenn sie nicht auf 3er(-) Kandidaten zurückgreifen wollen. Seminare im (einem der) boomenden Bereich(e) rund um Data Science/machine learning wurden im Master-Studium kaum je von Internen gehalten, weil sich div Firmen darum rissen, solche Veranstaltungen vergütungsfrei durch ihre Leute zu halten. Ich habe z.B. ein Seminar "Machine learning" besucht, das von einem Doc der Firma geleitet wurde, die ihren Namen von einer hohen 10er Potenz abgeleitet hat. ;)
Frage: Bist du im RWJ mit Zeitkontingent für Diss versehen? Der worst case aus meiner Sicht ist der, dass du 80% (lies die 80 als eine 100 ;) ) im RWJ arbeiten sollst und die Diss auf der 20% Stelle an der Uni schreiben.


Bezüglich Bezahlung: Von Uni-Seite würde ich auf TV-L 13 Nivau bezahlt (in Bayern sind das in Vollzeit gute 3500€ Brutto). Das Unternehmen bezahlt mich momentan auf demselben Niveau. Vermutlich würde ich einfach weiter so bezahlt werden, wenn ich nichts sage.

Frage 2: Ist es geldtechnisch ein gutes Angebot? Wie sieht es aus im Vergleich zu externen Promotionen: Sind 100% bezahlte Promotionen in diesem finanziellen Umfang eher gut oder eher schlecht?

NOPE. Es variiert sicherlich von LS zu LS, aber ich kenne derzeit an meiner Uni keinen Docler (Inf/Mathe), der nicht auf ganzer Stelle sitzt, rein rechnerisch, evtl halbe Stelle mit Ausgleich aus Drittmitteln. In Mathe (wg Inf. s.o.) ist 100% TVL13 derzeit wohl Standard, wohlgemerkt an der Uni. Ich disse mit meinen 2 Backen auf unterschiedlichen Stühlen, 50% TVL13 am LS und 50% beim Drittmittelgeber, bei dem einer der Oberen mein Zweitgutachter ist. Dort werde ich AT bezahlt und bekomme jeden 1. Tränen in die Äuglein wenn ich die Gehaltsabrechnungen vergleiche. ;) Die Arbeit im RWJ ist zu hohem Prozentsatz mit Diss überlappend, weitergehende Freistellungen für Diss existieren offiziell nicht. Du siehst das Angebot als 100% (wenn auch TVL13) vergütete Diss, lies bitte, was ich weiter oben unter "worst case" geschrieben habe.

Ich frage deswegen, weil meine ehemaligen Komilitonen z.T. erheblich mehr verdienen (nahezu doppelt so viel, gute/sehr gute Master Informatik von TU München). Demgegenüber komme ich mir vor wie ein günstiges Angebot für meinen Prof/Chef (ein Schelm wer Böses dabei denkt).

Frage 3: Wäre es angemessen für die Unternehmensarbeit mehr zu verlangen, also in Gehaltsverhandlungen zu gehen? Ich mache mir Sorgen, dass ich das Angebot sonst verliere.

Dein Chef sollte Realist genug sein, um schnöden Mammon als einer Triebfeder für Arbeitsleistung zu kennen. Was ist an der Frage nach mehr Gehalt verwerflich. Wenn deswegen das Angebot zurückgezogen wird, dann sei froh darüber, denn dann stimmt etwas nicht in der Konstellation. //Gehaltshöhe: Ich sehe eine erhebliche Diskrepanz zwischen den veröffentlichten "Einstiegsgehältern" und den Gehältern, für Einsteiger, die ich kenne. Zahlen in der 45k € Jahresgehaltgegend, was dann je nach Rechnung an die TVL 13 Gegend heranreicht, können aus meiner Sicht nur durch "kreative Mittelwertbildung" entstehen, bei der auch ÖD und und Einsteiger in elterlichen Betrieb hinzugezogen werden. Je nach Region/Einsatz halte ich dann eher die von dir genannten Zahlen für Ex-Kommilitonen für realistisch.

Danke schonmal für Eure Hilfe und für dieses tolle Forum allgemein!
Green Goddess

Re: Externe Promotion mit Chef=Doktorvater - Ein Problem?

Beitrag von Green Goddess »

oroberos hat geschrieben:Ich sollte noch erwähnen, dass mein Chef/Prof international hohes Ansehen in seinem Forschungsgebiet besitzt und dass ich die Forschungsthemen des Unternehmens bzw. des Profs super interessant finde.
Das ist sicherlich ein Pluspunkt, zahlt aber nicht deine Miete. ;) (Du hattest von München geschrieben.)
oroberos

Re: Externe Promotion mit Chef=Doktorvater - Ein Problem?

Beitrag von oroberos »

@Green Goddess: Danke für deine aufschlussreichen detaillierten Antworten :-)! Insbesondere deine Meinung zum Thema Informatikergehalt bestärkt meine Wahrnehmung, dass ich mich wohl bislang selber zu stark unterschätzt habe ;). Ich werde das Thema beim Unternehmen mal anbringen 8).

Die Sache mit RWJ weiß ich bislang noch nicht. Allerdings wird es mit Sicherheit so ablaufen, dass meine Arbeit beim Unternehmen einen signifikanten Überlapp mit meinem Diss-Thema (Data Science/Machine Learning) haben wird. Fürs Diss-Schreiben werde ich vom Unternehmen nicht bezahlt. Dafür müsste ich am Ende der Diss praktisch auf die Uni umswitchen, was mir der Prof schon direkt angeboten hat. Das ist der Vorteil, wenn Prof=Chef ;). Für Publikationen werde ich mit meinen 20% Unianteil wohl nicht hinkommen. Allerdings wird das Unternehmen sicherlich etwas kompromissbereit sein, wenn deren Name mit draufsteht, und auf extra Arbeit stelle ich mich eh ein (ist an 100% Uni-Doktorandenstellen meist auch nicht anders soweit ich weiß).
Dort werde ich AT bezahlt und bekomme jeden 1. Tränen in die Äuglein wenn ich die Gehaltsabrechnungen vergleiche.
Kannst du mir sagen, was du mit AT meinst? Welche Art Drittmittelgeber hast du? Ist das ein Unternehmen, das von deiner Arbeit profitiert oder das du berätst? Oder ein separates Forschungsprojekt?

Meine Frage ob das Angebot gut ist bezog sich auf den Vergleich mit Industriepromotionen allgemein. Was ich online lese ist, dass Industriepromotionen im Bereich Ingenieurwesen ziemlich mies bezahlt sind, d.h. oft teilzeit und selbst dafür unterbezahlt. Dafür dachte ich sind meine Verhältnisse fast noch luxuriös, oder bin ich falsch im Bilde?
Green Goddess

Re: Externe Promotion mit Chef=Doktorvater - Ein Problem?

Beitrag von Green Goddess »

AT=Ausser Tarif

Drittmittel bezogen auf LS, mein AG finanziert dort ein Forschungsprojekt, auf dem ich disse, mit der Anstellungsaufteilung wie beschrieben. Meine Gehaltsforderung kam mir seinerzeit fast unverschämt vor, ich hatte allerdings schon meine MA-Arbeit dort geschrieben und war zwischen M.Sc. und Diss dort einige Zeit freiberuflich tätig, aus heutiger Sicht, gut 2 Jahre später, sehe ich sie (meine Gehaltsforderung) lediglich noch als einigermaßen hoch an. Der Bereich, in dem ich arbeite ist im Data mining/Machine learning angesiedelt. Ich wollte keinesfalls den 9to5-Mythos anführen, für Arbeitszeiten ist der Betriebsrat die Grenze. ;) Ich komme fast regelmässig bei halber Stelle an den ÜStd-Bereich heran, der bei ca 40Std liegt (38,5 + 5%unbezahlt).

In DM/ML sehe ich TVL13 als indiskutabel an, das ist absolut nicht "marktgerecht". Meine Meinung, ich teile sie aber gern. ;) Ich sehe auch keine Notwendigkeit, zum Ende der Diss an die Uni zu wechseln, aber das sollte ein Blick in die PO klären können.

BTW Hast du dich auf Absolventen-Messen umgehört? Das ist mMn eine der besten Informations- und Kontaktquellen. Frag Tante Google einfach nach "Absolventen Messe <Ort> 2016" o.ä. und melde dich dort an, falls notwenidig. Falls es mehr als symbolischen Eintritt kostet, ruf einen der "Aussteller" an: "Guten Tag, ich bin als Inf. fertig geworden, würde gern bei Messe XYZ mit ihnen sprechen, Senden sie mir doch bitte Terminvorschlag und Eintrittsticket." ;) Erstes Ziel sollten aus meiner Sicht div HeadHunter bzw Personaldienstleister (Steria, Hays, ..., aber auch kleinere, lokal tätige UBs sind evtl gut) sein, ausser du siehst dort deine Wunschfirma.
oroberos

Re: Externe Promotion mit Chef=Doktorvater - Ein Problem?

Beitrag von oroberos »

Ich wollte keinesfalls den 9to5-Mythos anführen, für Arbeitszeiten ist der Betriebsrat die Grenze. ;) Ich komme fast regelmässig bei halber Stelle an den ÜStd-Bereich heran, der bei ca 40Std liegt (38,5 + 5%unbezahlt).
Was meinst du mit 9to5-Mythos? Verstehe ich dich recht: Also du hast eine halbe Stelle (20h), arbeitest dafür aber voll, d.h. 40h? Was heißt der Betriebsrat ist die Grenze?
Ich sehe auch keine Notwendigkeit, zum Ende der Diss an die Uni zu wechseln, aber das sollte ein Blick in die PO klären können.
Was ist die PO?

Danke für den Tipp mit Absolventen-Messen. All deine Tipps sind Bares wert ;). Hast was gut bei mir!
Green Goddess

Re: Externe Promotion mit Chef=Doktorvater - Ein Problem?

Beitrag von Green Goddess »

oroberos hat geschrieben:...
Was meinst du mit 9to5-Mythos?
Der "klassische" Bürojob von 9h bis 17h.

Verstehe ich dich recht: Also du hast eine halbe Stelle (20h), arbeitest dafür aber voll, d.h. 40h?
Ich habe eine halbe Stelle, kann aber ohne weitere Formalitäten bis 40h/Woche arbeiten. Begründung ist einfach: "Es ist genug zu tun." ;) Soll auch heissen, obwohl die Stundenzahl über meinen vertraglich vereinbarten Stunden liegt, wird nicht nach ÜStd-Regelungen bzw Wochenendsätzen abgerechnet, die entspr. "Bonusprozente" bringen. Die Rechnung ist also wie folgt:
Bis 38,5: (Geleistete Stunden/SollStunden) * Stundensatz
38,5-ca40,5 Null, Nada, Niente
ab40,5h (Geleistete Stunden-40,5h) * Stundensatz(ÜStd-Regelung)
Das Ganze nat. auf Monats-, nicht auf Wochenbasis, dazu kommen div zeitlich-lokale Gleitzeit&Co Regelungen über Stundenkonten, aber das würde wirklich zu weit führen an dieser Stelle. ;)


Was heißt der Betriebsrat ist die Grenze?
Als AN-Vertretung schaut BR (wohl nicht nur bei uns) recht kritisch auf ÜStd, insbesondere, wenn sie sich in manchen Bereichen häufen. Das geht bis zu (Soft-)Veto.


...
Was ist die PO?
Prüfungs-/Promotionsordnung
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