Wissenschaft und normales (Privat-)Leben?

Timon
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Wissenschaft und normales (Privat-)Leben?

Beitrag von Timon » 11.05.2016, 02:04

Hallo allerseits,

wie schafft ihr es, neben eurer Diss und euren wissenschaftlichen Ambitionen noch ein "normales" (Privat-)Leben zu führen?

Mir kommt es im Moment so vor, als ginge nur eins von beidem; irgendetwas kommt immer zu kurz. Diss, Arbeit, Vorträge auf Konferenzen, Publikationen, Ämter/Funktionen (innerhalb oder außerhalb der Wissenschaft), Haushalt, Hobbys, Freunde, Familie oder schlicht die Zeit für einen selbst (von der ich zumindest etwas brauche, bin ein sehr nachdenklicher Mensch). Investiere ich in einem der Bereiche gerade mal ausreichend Zeit, bleibt sofort mindestens einer der anderen auf der Strecke und das (omnipräsente) schlechte Gewissen schlägt zu. Ich bin leider auch nicht sehr selbstdiszipliniert und werde es wahrscheinlich in diesem Leben auch nicht mehr. Hätte ich keine wissenschaftlichen Ambitionen, wäre es für mich kein Problem, da vieles, was man so drumherum noch macht (und auch machen muss, um eine Chance zu haben), dann wegfallen würde. Aber so?

Viele Grüße
Timon

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flip
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Re: Wissenschaft und normales (Privat-)Leben?

Beitrag von flip » 11.05.2016, 17:31

Hehe, ich muste schon ein wenig schmunzeln, als ich deine "Frage" gelesen habe. :)
Timon hat geschrieben:Hallo allerseits,
Mir kommt es im Moment so vor, als ginge nur eins von beidem; irgendetwas kommt immer zu kurz. Diss, Arbeit, Vorträge auf Konferenzen, Publikationen, Ämter/Funktionen (innerhalb oder außerhalb der Wissenschaft), Haushalt, Hobbys, Freunde, Familie oder schlicht die Zeit für einen selbst (von der ich zumindest etwas brauche, bin ein sehr nachdenklicher Mensch).
Viele Grüße
Timon
Wenn du ein nachdenklicher Mensch bist, der obendrein auch noch wenig Selbstdisziplin hat, dann wird dir die Koordination aller angesprochenen Themen Probleme bereiten. Sprich, mal arbeitest du zu viel (und denkst darüber nach), dann glaubst du, dass du dir zuviel Freizeit nimmst, dass du vielleicht dadurch deine Freunde vernachlässigst, die Familie zu häufig besucht, und und und. Die Diss ist da nur ein weiteres Glied in der Kette.

Übrigens, mangelnde Selbstdisziplin gepaart mit übertriebner Nachdenklichkeit (= alles Hinterfragen), ist der Killer jeglicher wissenschaftlicher Karriere. Denn - salopp gesagt - es führt dazu, dass man nicht zum Ende kommt. Egal mit welchem Projekt. :wink: Das sollte dir bewusst sein.

Traudel
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Re: Wissenschaft und normales (Privat-)Leben?

Beitrag von Traudel » 11.05.2016, 18:18

Hallo Timon,

ein bisschen Plauderei aus dem (Ex-)Promovierenden-Nähkästchen:
Ich habe meine Promotion vor knapp vier Jahren eingereicht - und ich habe den inneren Stress noch immer nicht ablegen können. Fast fünf Jahre habe ich an der Diss geschrieben und in der Zeit mein Privatleben sträflich vernachlässigt. Ich konnte niemals abschalten, war immer unterschwellig nervös und gestresst, weil ich das Gefühl hatte, arbeiten und schreiben zu müssen. Die Gedanken rasten unaufhörlich. Ich hätte mir durchaus Freizeit nehmen können, ich war frei und finanziert durch ein Stipendium, aber mein Kopf ließ sich partout nicht abstellen. Ich konnte Freizeitzeug und Feierei mit Freunden überhaupt nicht genießen. Zusätzlich habe ich zwei Beziehungen vor die Wand gefahren, weil ich sogar nicht in der Lage war, Zeit in die Partnerschaft zu investieren, sondern sie ebenfalls lieber in die Diss steckte.
In den letzten Monaten vor Abgabe habe ich bis zu 80 Stunden die Woche an der Diss gearbeitet und bin echt aufm Zahnfleisch gegangen.
Nach Abgabe kam leider nicht der erwartete Befreiungsschlag. Auch nicht nach bestandener Disputatio. Erst rund zwei Jahre später, als die Publikation endlich aufm Markt war, fing es allmählich an, sich in mir leichter anzufühlen. Ja, heute geht es mir bedeutend besser, viel, viel, viel besser als während der Promotion. Die Phase hat mich stärker und belastbarer gemacht. Gleichzeitig scheint sie aber auch etwas unwiederbringlich in mir zerstört zu haben. Den unablässigen inneren Stress fühle ich weiterhin, aber nicht mehr so stark. Bei weitem nicht mehr so stark.
Ich finde, wir können alle stolz sein, das Großprojekt Promotion auf uns zu nehmen und zu bewerkstelligen. Zugleich habe ich großen Respekt vor und absolutes Verständnis für Personen, die sich zum Abbruch entscheiden.

Ich weiß wirklich nicht, ob ich mich noch einmal - also mit meinem heutigen Wissen - für eine Promotion entscheiden würde.

Aber es gibt natürlich auch viele, viele Promovierende, die eine gelungene Balance finden, die etwas cooler und gesünder mit dem Stress umgehen.
Auf Deine Frage habe ich somit nur die Antwort: Nein, bei mir gab es kein UND zwischen "Wissenschaft" vs. "(Privat-)Leben". Dennoch bin ich davon überzeugt, dass es das UND zwischen den Polen gibt, nur mir ist es eben nicht gelungen. Vielleicht gelingt es Dir jedoch mit der Zeit? Ich würde es Dir wünschen. Vielleicht schreibt ja noch ein netter Forist von seinen positiven UND-Erfahrungen in dieser Frage.

Viele Grüße
Traudel

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Re: Wissenschaft und normales (Privat-)Leben?

Beitrag von Cybarb » 12.05.2016, 10:00

Hallo Timon,

vorab: Vielleicht haben wir unterschiedliche Voraussetzungen. Ich hatte beinahe maximale Freiheit durch Stipendium, einen interessierten, aber nie übergriffigen Doktorvater und eine geisteswissenschaftliche Arbeit, sprich: Ungebundenheit an Laborzeiten, Mitarbeiter, etc. Je nachdem, wie es bei dir aussieht, sind unsere "Fälle" mehr oder weniger vergleichbar.

Ich gehöre zu den glücklichen oder eben ganz toll selbstorganisierten Leuten (die Wahrheit liegt vermutlich irgendwo in der Mitte :wink: ), die keinen Konflikt zwischen Diss. und Privatleben gesehen haben. Dafür habe ich folgende Gründe, abgesehen von der oben erwähnten Freiheit:
- Mein Thema war sehr "neu", das heißt: Ich musste vergleichbar wenig Zeit mit Literaturrecherche, Exzerpten, etc. verbringen und konnte umso mehr meine eigenen Gedanken in die Diss. bringen. Somit habe ich von Anfang an viel Zeit mit Schreiben verbracht, konnte das tun, wo immer ich wollte, und musste nicht in Bibliotheken rumhängen. Das erhöhte einfach meine Flexibilität.
- Schreiben geht mir sehr leicht von der Hand. Zusammen mit dem vorherigen Punkt konnte ich somit recht effizient arbeiten, also viel in wenig Zeit zustandebringen.
- Ich habe eine absurd hohe Akademiker- und sogar Doktoranden- bzw. mittlerweile Postdoc-Quote in meinem Bekannten- und Freundeskreis: Alle Leute, mit denen ich mich regelmäßig treffe, haben einen akademischen Hintergrund, und viele von ihnen wissen von sich selbst oder ihrem Partner, wie die Arbeit an einer Diss. aussieht. Das heißt, man kann/konnte immer auf gegenseitiges Verständnis bauen.

Was hilft das nun dir?

1. Vielleicht achtest du derzeit zu wenig darauf, wo deine Stärken im wissenschaftlichen Arbeiten liegen. Recherchierst du schneller als andere? Dann setze das gezielt ein! Schreibst du schnell gescheite Texte? Dann mach das!
2. Du solltest dich keinen Illusionen hingeben: Mit der Arbeit an einer Diss. ist es eben so, dass man immer priorisieren muss (ist ja im Job nicht anders). Wichtig ist nur, dass du so priorisierst, dass es für dich erträglich ist. Wie du das machst, nun, dafür gibt es kein Patentrezept. Aber ich denke schon, dass ein stabiler Freundeskreis es aushält, wenn man ihn mal ein wenig, aber mit gutem Grund "vernachlässigt", um an der eigenen Diss. zu arbeiten. Und genauso kann es eine Diss. verkraften, wenn man sie mal ein Wochenende lang liegen lässt.
3. Die ganzen Bereiche, die du aufzählst, sind m.E. nicht voneinander distinkt: "Diss.", "Vorträge" und "Publikationen" kann man ja kombinieren, und eigentlich ist das auch üblich und hilfreich. Etwa bei kumulativen Promotionen. Oder Spin-Off-Publikationen. Ähnliches gilt für "Hobbys" und "Freunde" - oder übst du deine Hobbies nur ohne deine Freunde aus? :wink: Soll heißen: Vielleicht glaubst du auch, mehr Dinge unter einen Hut bringen zu müssen, als es tatsächlich sind.

So, das wars von mir. Siehe oben: Schreiben geht leicht - deshalb entstehen auch solche Textwüsten...

Gruß und viel Erfolg!
Cyb

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Re: Wissenschaft und normales (Privat-)Leben?

Beitrag von Mathematikus » 12.05.2016, 14:08

Hier ein klares: JA, es geht!

Ich habe als berufstätige Mutter von 3 Kindern mit der externen Promotion begonnen und werde sie vermutlich nach insgesamt ca. 3 bis 3,5 Jahren abschließen können. Hier ist es so, dass die Diss nebenbei laufen MUSS, Familie und Beruf stehen an erster Stelle, wobei sich die Diss mit vielen meiner verschiedenen beruflichen Tätigkeitsfeldern deckt. Ich muss mich also nicht völlig neu einarbeiten in die Thematik.
Ich habe in den Jahren gelernt, mich immer besser zu strukturieren und habe, verglichen mit anderen, ein sehr hohes Arbeits- und Auffassungstempo.

Mir ist aber durchaus bewusst, dass das vermutlich nicht für alle Fachbereiche gilt ;)

Hast du schon mal versucht, zeitliche Aufzeichnungen über deine Aktivitäten zu führen um zu sehen, wie du dich besser organisieren kannst?

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Re: Wissenschaft und normales (Privat-)Leben?

Beitrag von Zwonk » 14.05.2016, 23:52

@Timon: Ich fürchte, das hat mit Wissenschaft überhaupt nichts zu tun, sondern ist eine Frage des Persönlichkeitstypus. In der Endphase meiner Diss erschien es mir auch schon als große Leistung im Bereich "zivilisiertes Privatleben", regelmäßig was zu essen :? Ich hatte das damals auch auf den spezifischen Fachbereich Wissenschaft geschoben.

Jetzt bin ich in einem völlig anderen Bereich unterwegs, weit weg von der Universität/Wissenschaft, und saufe schon wieder in der Arbeit ab. Ich schließe daraus, daß das Problem eher bei mir liegt und halte es für nicht unwahrscheinlich, dass es bei Dir genauso ist. Vielleicht wäre ein Coaching oder sowas hilfreich?

Timon
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Re: Wissenschaft und normales (Privat-)Leben?

Beitrag von Timon » 15.05.2016, 17:26

Danke für eure Reaktionen. Es ist nicht so, als ob ich wirklich unproduktiv bin - eigentlich bin ich mit dem, was ich wissenschaftlich tue, bereits (überdurchschnittlich) erfolgreich. Ich verspüre aber auch einen hohen (Leistungs-)Druck, dies sein zu müssen, um mir nicht die Chance auf eine wissenschaftliche Laufbahn nach der Promotion zu verbauen und finde schon, dass das viel mit dem System Wissenschaft zu tun hat, Zwonk. In einem 9-to-5-Job gibt es relativ klare Grenzen zwischen Arbeit und Privatleben und man kann sie auch guten Gewissens ziehen, weil nicht jedes Jahr aufs Neue unklar ist, was mit einem passiert, wenn der Vertrag oder die Projektmittel auslaufen. Zumindest wäre letzteres in meiner beruflichen Alternative außerhalb der Wissenschaft der Fall.

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Re: Wissenschaft und normales (Privat-)Leben?

Beitrag von algol » 15.05.2016, 22:15

@timon: 9-5 Jobs sind die Ausnahme. Es gibt sie (noch), aber abnehmend. Auch außerhalb der Wissenschaft gehen privat und beruflich schnell auseinander. Dafür sorgen schon die ganzen Handys, Web-Access, ...
Da findet dann die Anreise zum Dienstreise schon Sonntag statt, und das muss auch vorher vorbereitet werden. Der Chef ruft im Urlaub an.

Und unklar ist es auch oft. Da brechen Kunden weg. Es finden Umstrukturierungen statt. Ja, man kann relativ stabile Jobs haben, aber auch genausoviel Chaos wie an der Uni. Und mit viel Hierarchie und Abhängigkeiten.

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Re: Wissenschaft und normales (Privat-)Leben?

Beitrag von Zwonk » 15.05.2016, 22:54

@algol: Volle Zustimmung. Ich würde sogar behaupten, dass der 9-5-Job, bei dem man um fünf den Stift fallen lässt und nach Hause geht, für Promovierte kaum infrage kommen. Auf viele dieser Stellen (einfache Sachbearbeiterstellen z.B.) muss man sich nicht einmal bewerben und sollte sich tendenziell eher nach oben orientieren, um wegen Überqualifizierung nicht von vornherein ausgesiebt zu werden. Darum bleibe ich dabei, dass es im eigenen Interesse wichtig ist, sich die Fähigkeit zum sinnvollen Umgang mit der Arbeit anzueignen, egal ob man später in der Wissenschaft bleibt oder nicht.

Doc-Wolfi
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Re: Wissenschaft und normales (Privat-)Leben?

Beitrag von Doc-Wolfi » 16.05.2016, 10:57

Hi, da muss ich etwas schmunzeln, weil nach meiner Beobachtung die Doktorarbeit der gemütlichste Job ist, den man haben kann. Man arbeitet beispielsweise nur an einem einzigen Projekt und nicht an mehreren, wie in den meisten anderen Berufen. Während der Habilitation und auch als Prof steht man viel mehr unter Zeit- und Leistungsdruck. (Außer der Doktorvater ist ein Ausbeuter, der einen noch nebenbei Beratungsprojekte, Lehre und diverse andere Dinge tun lässt.)
Wolfi

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