Schon im Ingenieurberuf: Jetzt noch promovieren?

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Schon im Ingenieurberuf: Jetzt noch promovieren?

Beitrag von garrett85 » 24.11.2014, 11:42

Hallo zusammen,

ich bin neu hier in dem Forum und hoffe einen Ratschlag für meine derzeitige Situation zu bekommen.
Ich habe Ende 2009 mein Physik-Studium mit einer Diplomarbeit in theoretischer Festkörperphysik mit Bestnote abgeschlossen.
Aus verschiedensten Gründen habe ich mich damals gegen eine Promotion entschieden und bin in die Industrie als Entwicklungsingenieur gegangen. Dort bin ich bisher bei einer einzigen Firma (Mittelständler) gewesen und bin dort auch recht erfolgreich. Der Wunsch zu promovieren ist allerdings in den letzten Jahren dann doch stetig gewachsen und inzwischen ziemlich stark ausgeprägt.
Ich hätte nun sogar eine Promotionsstelle (wieder in theoretischer Festkörperphysik mit komplett ausformulierten Proiektantrag) und müsste nur noch zugreifen. Das Ganze dauert 4-5 Jahre denke ich. Ich bin jetzt 29 und wäre dann 33 oder sogar 34. Meine Frau steht hinter dieser Idee, von der Seite habe ich also keine Probleme zu erwarten.

Ich habe mir einige Pro's und Contra's aufgestellt, komme damit aber noch zu keinem eindeutigen Ergebnis:
Zunächst mal die Pro's:
  • - Bessere Berufschancen in Führungspositionen (zumindestens in größeren Firmen)
    - Wunsch nicht ewig in der Industrie arbeiten zu wollen (z.B. Karriere als FH-Professor möglich nach weiterem Sammeln von Industrieerfahrung)
    - Bedürfnis noch mal intensiv an einem Thema zu arbeiten
Und hier die Contra's:
  • - Ungewisse Jobaussichten am Ende der Promotion (ich sammle keine praktische Berufserfahrung, das angebotene Thema wäre sehr theoretisch)
    - Kann je nach Job eher ein Hemmnis für den (Neu)-Einstieg (überqualifiziert) sein
    - Finanzielle Einbuße in den nächsten 4-5 Jahren (mindestens 10T€ netto pro Jahr)
Also was denkt ihr?
Bin auf eure Meinung gespannt.

Viele Grüße

garrett85
Zuletzt geändert von Sebastian am 26.11.2014, 21:36, insgesamt 1-mal geändert.
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flip
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Re: Kann ich es riskieren noch zu promovieren?

Beitrag von flip » 24.11.2014, 12:56

Eine Promotion macht man doch nicht unbedingt wegen der besseren Jobchancen bzw. nimmt Gehaltseinbußen dafür in Kauf.
Also die beiden Argumente zählen nicht.

Du hast bereits vier Jahre Berufserfahrung, das heißt, eine FH-Professur sollte nach der Diss direkt möglich sein.
Du hast bereits vier Jahre Berufserfahrung, das heißt, du wirst später auf dem Arbeitsmarkt anders behandelt, als jemand, der bisher nur die Uni kennt.

Deine Frau steht hinter dir, du brennst dafür, du hast eine Stelle. Also...? ;)

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Re: Kann ich es riskieren noch zu promovieren?

Beitrag von garrett85 » 24.11.2014, 14:25

Hallo flip,

vielen Dank für deine rasche Antwort.
Du meinst dass die Argumente bzgl. Jobchancen und Gehaltseinbußen nicht zählen. Ich wünschte, dass ich das auch so sehen könnte. Die Gehaltseinbußen während der Diss. sind sicherlich verschmerzbar. Aber ich bin mir nicht sicher, ob ich nach 4-5 Jahre Promotion wieder so einfach in die Industrie zurück kann.
Habe die Befürchtung, dass dann meine bisherige Berufserfahrung in Augen mancher Personaler "verblasst" ist. Ich rede ja nicht davon, dass ich einen super bezahlten Job bekommen muss, aber ich weiß nicht, ob ich dann überhaupt nochmal die Chance bekomme in der Industrie Fuß zu fassen. Zumal das Diss.-Thema äußerst theoretisch ist und somit keinerlei "Nutzen" für einen späteren Job hat. Ich könnte mir schon vorstellen, dass beim Lesen meines Lebenslauf dann einige die Stirn runzeln werden.

Viele Grüße

garrett85

NewName
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Re: Kann ich es riskieren noch zu promovieren?

Beitrag von NewName » 25.11.2014, 10:04

Pro: Du wirst dich immer fragen, was wäre gewesen wenn....


btw: Garrett? Thief?

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Re: Kann ich es riskieren noch zu promovieren?

Beitrag von NewName » 25.11.2014, 10:08

Ich hatte damals auch eine Festanstellung, einen Chef , der mir in düstersten Worten die Nachteile und Risiken einer Promotion ausgemalt hat und viele, viele stirnrunzelnde Reaktionen, wenn ich davon erzählt, habe dass ich kündigen will, um über Computerspiele zu promovieren.

Ich sage nicht, dass es für dich das richtige ist, aber frag dich einfach, was du wirklich willst. Denn wenn du das tust, ergeben sich auch Möglichkeiten und Chancen und du bist auch viel eher bereit, Unannehmlichkeiten in Kauf zu nehmen und Hürden zu überwinden, als wenn du du auf etwas verzichtest, dass du eigtl. willst.

Aber wie gesagt, das ist nur meine persönliche Sicht.

garrett85
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Re: Kann ich es riskieren noch zu promovieren?

Beitrag von garrett85 » 25.11.2014, 15:51

Hallo NewName,

vielen Dank für deine Antwort.
In der Tat: Der Name Garrett kommt vom Computerspiel Thief

Respekt für deine Entscheidung deinen Job zu kündigen und zu promovieren.
Du hast inzwischen eingereicht, wie ich deinem Status entnehme. Bist du bereits auf die Suche nach einer neuen Anstellung?
Wenn ja, gab es da Fragen bzgl. deiner Entscheidung zunächst die Industrie zu verlassen, zu promovieren, um dann wieder zurückzukehren? Hat das Thema irgendwas mit deiner beruflichen Tätigkeit zu tun?
NewName hat geschrieben:
Ich sage nicht, dass es für dich das richtige ist, aber frag dich einfach, was du wirklich willst. Denn wenn du das tust, ergeben sich auch Möglichkeiten und Chancen und du bist auch viel eher bereit, Unannehmlichkeiten in Kauf zu nehmen und Hürden zu überwinden, als wenn du du auf etwas verzichtest, dass du eigtl. willst.
Klar, wenn man wirklich unbedingt promovieren will, dann fällt es einem unter Umständen leichter gewisse Risiken in Kauf zu nehmen. Ich versuche gerade für mich rauszufinden, ob mein Wunsch so stark ist, dass es das wert ist.

Am liebsten würde ich mal gerne die Meinung von jemanden wissen, der sich mit der Beurteilung von Lebensläufe beschäftigt, z.B. ein Personaler....

Grüße

garrett85

Sapphirine
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Re: Kann ich es riskieren noch zu promovieren?

Beitrag von Sapphirine » 25.11.2014, 16:23

Ich bin leider kein Personaler und war auch noch nie in der Industrie, habe aber das Gefühl, daß Deine Zweifel etwas zu sehr im Vordergrund stehen.
Wie flip schon erwähnte, eine Promotion sollte man generell nicht nur deshalb machen, weil man sich bessere Berufschancen erhofft.
Wie groß ist also Dein Wunsch, Dich intensiv mit der Forschung und einem Thema zu befassen? Du solltest dafür "brennen" und es sollte sich idealerweise, als der einzig richtige Weg anfühlen sonst werden Dich die ersten Zweifel schon bei eventuellen Schwierigkeiten während der Promotion plagen.
Leider kann man sich heutzutage nicht hunderprozentig absichern und auch Personaler haben unterschiedliche Auffassungen vom Nutzen einer Promotion. Du wirst Dein Leben nicht bis ans Ende vorausplanen können und manchmal muß man Dinge einfach riskieren (zumal Du mit Industrieerfahrung gar nicht mal so ein großes Risiko hast, später dann gar keinen Job mehr zu bekommen).

NewName
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Re: Kann ich es riskieren noch zu promovieren?

Beitrag von NewName » 26.11.2014, 09:05

garrett85 hat geschrieben: In der Tat: Der Name Garrett kommt vom Computerspiel Thief

Respekt für deine Entscheidung deinen Job zu kündigen und zu promovieren.
Du hast inzwischen eingereicht, wie ich deinem Status entnehme. Bist du bereits auf die Suche nach einer neuen Anstellung?
Wenn ja, gab es da Fragen bzgl. deiner Entscheidung zunächst die Industrie zu verlassen, zu promovieren, um dann wieder zurückzukehren? Hat das Thema irgendwas mit deiner beruflichen Tätigkeit zu tun?

Um es kurz zu machen:
Ich habe Theaterwissenchaft studiert und war anschließend nach 4 Jahren mehr oder weniger erfolgreicher freiberuflicher journalistischer Arbeit in der PR Abteilung einer Ingenieursgesellschaft gelandet. Der Job war sicher, wenn auch nicht überbezahlt, aber wirklich extrem eintönig. Nach 4 Monaten war ich schon dabei, alle 10 Minuten auf die Uhr zu schauen und die Tage vergingen einfach nicht. Das hat die Entscheidung einfacher gemacht.

Ich habe dann eine Teilzeitstelle an einer Realschule gefunden (Glück!) und konnte so meine Promotion finanzieren. Im Moment bin ich dabei mich zu orientieren, was nun kommen soll. Akademische Laufbahn (viel Stress, vor allem am Anfang sehr wenig Geld), pädagogische Richtung oder in die Games-Branche. Mal sehen. Erstmal steht im Januar die Disputatio an.

Ich kann nur für mich sprechen, aber die Entscheidung zu promovieren war trotz dem folgenden Stress eine der besten meines Lebens. Die sehr intensive Beschäftigung mit einem Thema, dass mich so sehr interessiert und mir am Herzen liegt, hat mir viel gegeben, dass sich mit Geld nicht aufwiegen lässt. Ich kenne finanzielle Zukunftsängste und -sorgen zu Genüge, aber 4 Jahre Medienbranche härten ab. Irgendwas wird schon kommen und die letzten 2,5 Jahre waren es auf alle Fälle wert.
Es ist natürlich etwas anderes, wenn man 4 bis 5 Jahre vor sich hat, aber ich hatte von Anfang an das Ziel, das in max. 3 Jahren durchzuziehen und es hat geklappt.


Viele Grüße und alles Gute!

PS: Ich hoffe du kennst nicht nur den neuen Thief-Teil. Nur der Garrett aus Thief (1998) und Thief 2 (2000) ist der wahre Meisterdieb ;-)

garrett85
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Re: Kann ich es riskieren noch zu promovieren?

Beitrag von garrett85 » 26.11.2014, 18:27

Ich habe Thief 1-3 + Thief2x (Shadows of the Metal Age) durchgespielt. Das neue Thief würde ich auch noch gerne spielen, aber im Moment fehlt mir die richtige Hardwareausstattung.

garrett85
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Re: Kann ich es riskieren noch zu promovieren?

Beitrag von garrett85 » 26.11.2014, 19:28

Hallo Sapphirine,

vielen Dank für deine Antwort.
Sapphirine hat geschrieben:Ich bin leider kein Personaler und war auch noch nie in der Industrie, habe aber das Gefühl, daß Deine Zweifel etwas zu sehr im Vordergrund stehen.
Ja, ich habe schon erhebliche Zweifel und daher will ich das Ganze wirklich gründlich durchdenken, da ich in der Vergangenheit zu oft Schnellschüsse gemacht habe.
Sapphirine hat geschrieben: Wie groß ist also Dein Wunsch, Dich intensiv mit der Forschung und einem Thema zu befassen? Du solltest dafür "brennen" und es sollte sich idealerweise, als der einzig richtige Weg anfühlen sonst werden Dich die ersten Zweifel schon bei eventuellen Schwierigkeiten während der Promotion plagen.
Ich brenne für die Promotion an sich schon. Allerdings ist es nicht so, dass ich mir selbst ein Thema überlegt habe, dafür ist das Themengebiet einfach zu komplex. Ich habe nach einer Stelle gesucht und die Aufgabenstellung hört sich interessant an. Im Prinzip könnte ich mir auch vorstellen, etwas anderes zu machen. Das Problem ist nämlich, dass das Thema so theoretisch ist, dass der praktische Nutzen faktisch gleich null. Insofern lässt sich dann in meinem Berufsweg keinerlei roter Faden erkennen.

Vielleicht mache ich mir auch einfach zu viele Gedanke, aber Folgendes wäre absurd:
Ich mache die Promotion um Chancen auf eine FH-Karriere oder auf eine Führungsposition in einem größeren Unternehmen zu haben. Ist die Promotion dann fertig, komme ich vielleicht aufgrund meiner geäußerten Bedenken überhaupt nicht mehr in ein relevantes Unternehmen rein, womit ich dann ein echtes Problem hätte.

Klingt vielleicht etwa konstruiert, ich habe jetzt aber auch schon einige Stimmen gehabt, die mich eben vor dieser Situation gewarnt haben.

Viele Grüße

garrett85

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