Promotionsstipendium, Mindestlohn 2015 und Nebenjob

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Senketsu
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Promotionsstipendium, Mindestlohn 2015 und Nebenjob

Beitrag von Senketsu » 10.10.2014, 11:01

Hallo Freunde,

ich beginne in einigen Monaten meine Promotion und bewerbe mich gerade fleißig für Promotionsstipendien.

Wie ihr wisst belaufen sich diese Stipendien bei nur 1050€, was mir definitiv nicht ausreichen wird, da ich kein Eigenkapital habe, geschweige denn ein Auto und Mobiliar besitze, Studienbedingte Schulden habe und in eine teure Stadt ziehen muss. Meine Eltern können mich nicht unterstützen.


Mein Plan war/ist ist es, nebenbei ein Gewerbe als Fotograf (Portrait, Hochzeiten etc.) anzumelden (bin darin schon erfahren) um dadurch monatlich ca 250-500 € (Wochenendarbeit) zu verdienen. Dazu sei gesagt, dass ich in der biol./med. Forschung tätig bin und eine 50 Stunde Woche habe (Mo-Fr). Ich informierte mich über die Möglichkeit dies zu verwirklichen,und wurde enttäuscht, da Nebenjobs bei allen Stipendiengebern nicht erlaubt seien -_-

Zum Thema Mindestlohn
Wie ihr wisst, wird nächstes Jahr der flächendeckende Mindestlohn von 8,50€ eingeführt. Dadurch verdient man mindestens 1360€ brutto bei Vollzeit 8Std/Tag und ist damit wesentlich besser gestellt als ein Doktorand mit seinen 1050€ ohne Sozialversicherungen. Ich weiß, dass ein Stipendium kein echtes Gehalt ist, aber wenn man dank Versicherungen nur 800€ zum Leben hat, ist das unter aller Sau. Deshalb finde ich, sollten die Stipendiensätze dem Mindestlohn angepasst werden

Ist irgendjemanden bekannt, ob dies geplant ist?

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kaegel
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Re: Promotionsstipendium, Mindestlohn 2015 und Nebenjob

Beitrag von kaegel » 10.10.2014, 11:45

Du hast meines wissens nach einen Jahresfreibetrag aus selbsständiger Arbeit der bei 3070 Euro liegt.
Die Stipendien werden bei den Stiftungen bis zum kommenden Jahr Oktober um 100 Euro erhöht. Wann genau handhabt jede Stiftung anders.

Amalia
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Re: Promotionsstipendium, Mindestlohn 2015 und Nebenjob

Beitrag von Amalia » 11.10.2014, 14:43

Bei der Studienstiftung darf man wöchentlich 5h einem Nebenjob nachgehen, falls man es sich um eine Nebentätigkeit in Forschung und Lehre handelt sogar 10h/wöchentlich (d.h. eine Viertelstelle). Letzteres ist sehr zu empfehlen, da man dann in der Regel sozialversicherungspflichtig angestellt ist und nicht einen relevanter Teil des Stipendiums an die Krankenkasse abführen muss.

Mindestlohn und Stipendienhöhe haben nach meinem Erachten nichts mit einander zu tun. Ein Stipendium ist kein Entlohnung sondern eine Hilfe zum Lebensunterhalt. Vergleiche kann man also mit Hartz IV anstellen und da liegt man mit einem Stipendium drüber, wenn auch knapp.
Eine ganz andere Frage ist, warum Doktoranden, bzw. große Teile der Wissenschaft auch im Postdoc-Bereich in Deutschland nicht vernünftig entlohnt werden - mit einem Arbeitsvertrag und einer angemessenen Vergütung der geleisteten Arbeitstunden -, sondern Wissenschaftler lediglich mit Stipendien vor dem Verhungern bewahrt werden.

CD45
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Re: Promotionsstipendium, Mindestlohn 2015 und Nebenjob

Beitrag von CD45 » 13.10.2014, 01:14

Die Entlohnung von Doktoranden mit Stipendien, wenn man sie als Mitarbeiter mit der Qualifikation fuer den höheren Dienst sieht, lässt wirklich zu wünschen uebrig.
Wenn man es aber aus der Perspektive sieht, dass du ein Student in einem Promotionsstudiengang bist hoeren sich 1000 Euro fürs studieren gar nicht so schlecht an. Es kommt ja auch keiner auf die Idee, dass das Bafoeg oder aehliche Unterstuetzungen auf den Mindestlohn angehoben werden sollen.
Wenn du wie ein Student weiter lebst (kleines moebliertes WG Zimmer, Discounter etc) koennte das Geld doch reichen, wenn man bedenkt, dass die meisten während des BSc/MSc auch nicht mehr Geld zur Verfügung haben.

Forschung in der Biologie ist ein Full-Time Job und ich habe die Erfahrung gemacht, dass auch an den Wochenenden gearbeitet wird. Ausserdem ist es oft nicht sehr planbar, da einem das biologische Material den Takt vorgibt. Es kann also sein, dass du dich fuer eine Hochzeit buchen laesst, aber dann gerade dann kurzfristig ein Experiment durchgeführt werden muss. Das Weg der Wahl waere also, deinen Prof um eine Aufstockung durch einen HiWi Vertrag zu bitten.
Eine ganz andere Frage ist, warum Doktoranden, bzw. große Teile der Wissenschaft auch im Postdoc-Bereich in Deutschland nicht vernünftig entlohnt werden - mit einem Arbeitsvertrag und einer angemessenen Vergütung der geleisteten Arbeitstunden -, sondern Wissenschaftler lediglich mit Stipendien vor dem Verhungern bewahrt werden.
Ich finde das dieser Import der Stipendium-kultur aus UK/USA wirklich ungluecklich ist. Aber gegen die normale Verguetung der allermeisten Doktoranden und vor allem PostDocs kann man nichts sagen, mit den derzeit mindestens 27k bzw 47k Euro brutto im Jahr.

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Re: Promotionsstipendium, Mindestlohn 2015 und Nebenjob

Beitrag von algol » 13.10.2014, 09:05

Ich finde den Vergleich mit einem regulären Studium unglücklich.
Der Begriff "Promotionsstudiengang" ist für mich ohnehin ein Unding.
Eine Diss ist eine wissenschaftliche Untersuchung.
Das ist etwas Anderes als eine grundständische Ausbildung.

Amalia
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Re: Promotionsstipendium, Mindestlohn 2015 und Nebenjob

Beitrag von Amalia » 13.10.2014, 12:58

CD45 hat geschrieben:Aber gegen die normale Verguetung der allermeisten Doktoranden und vor allem PostDocs kann man nichts sagen, mit den derzeit mindestens 27k bzw 47k Euro brutto im Jahr.
Naja. 27K bekommt man, wenn man eine TV-L 13 Stelle auf 65% hat. Das wird zwar seit einiger Zeit von einigen Stellen (u.a. DFG) für Doktoranden angestrebt, die allermeisten haben aber trotzdem noch eine TV-L 13, 50% Stelle und damit nur 21K.

Besonders ärgerlich finde ich bei dieser Art von Arbeitsverhältnis immer die Mogelei zwischen den bezahlten und den erwarteten Arbeitsstunden. Warum werden Doktoranden zu 50% (65%) angestellt, in Realita wird aber erwartet, dass sei mindestens 100% (oder mehr) ihrer Arbeitskraft dem Arbeitgeber zur Verfügung stehen?
Dabei muss man sich vor Augen führen, dass man bei einer 40h-Woche mit 21K faktisch auf der Gehaltsstufe von TV-L 2 steht: einfache Tätigkeiten, beispielsweise Hallenaufsicht in Schwimmbädern. Bei 65%, 27K kommt man immerhin auf einen Vergleichswert von TV-L 7, d.h. Beschäftigte mit abgeschlossener Berufsausbildung, beispielsweise Medizinisch-technischer Assistent. D.h. als Doktorand bewegt man sich mit seiner Arbeitskraft irgendwo zwischen angelernten einfachen Tätigkeiten und einer abgeschlossenen Ausbildung? Mehr gibt ein Studium hierzulande nicht her?
Selbständige Leistungen und Tätigkeiten, die umfassende Fachkenntnisse erfordern werden im TV-L übrigens erst ab einer abgeschlossene Fachhochschulausbildung erwartet und mindestens mit Gehaltsgruppe 9 (31K) entlohnt.

Irgendwas stimmt da nicht bei der Eingruppierung von Doktoranden.

flip
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Re: Promotionsstipendium, Mindestlohn 2015 und Nebenjob

Beitrag von flip » 13.10.2014, 15:45

Naja, "erwartet" wird dies in erster Linie, weil die Universitäten in der Regel zu viele Studenten annehmen. Der Wegfall von akademischen Lehrstellen tut sein übriges.

Wie soll eine Professur mit einer vollen Mitarbeiterstelle 300 Studenten im Semester handeln, wie es in einigen Fachbereichen vorkommt?!

Die Auslagerung der Arbeit an Stipendiaten halte ich allersdings für eine sehr gefährliche Entwicklung. Mal abgesehen davon, dass eine 50%-Haushaltsstelle immerhin alle Annehmlichkeiten unseres Sozialstaates bietet, inklusive der Schutzmechanismen. Ein Stipendiat hat (theoretisch) hingegegen noch nicht einmal Anspruch auf einen Computer.

Ich plädiere grundsätzlich komplett für das abschaffen von Promotionsstipendien. Denn in einem funktionierendem Forschungssystem brächte man diese ja garnicht! Ein Stipendium sollte in erster Linie eine Auszeichnung sein. Leider ist es dies in Doktorandenprogrammen nicht. Die Haushaltsstelle wird statt dessen zur Auszeichnung.

Senketsu
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Re: Promotionsstipendium, Mindestlohn 2015 und Nebenjob

Beitrag von Senketsu » 14.10.2014, 06:59

CD45 hat geschrieben:Forschung in der Biologie ist ein Full-Time Job und ich habe die Erfahrung gemacht, dass auch an den Wochenenden gearbeitet wird. Ausserdem ist es oft nicht sehr planbar, da einem das biologische Material den Takt vorgibt. Es kann also sein, dass du dich fuer eine Hochzeit buchen laesst, aber dann gerade dann kurzfristig ein Experiment durchgeführt werden muss. Das Weg der Wahl waere also, deinen Prof um eine Aufstockung durch einen HiWi Vertrag zu bitten.


Jop! Als Doktorand in der Biologie arbeitet man halt mal mindestens 45 Stunden/Woche, obwohl man letztlich nur 1000€ bekommt. Auch an den Wochenenden muss ich hin und wieder hingehen. Da werde ich zukünftig meine Experimente umplanen müssen, um fotografieren gehen zu können. Bezüglich Hiwi: Es ist kein Geld da!! Ja: Nicht einmal für einen HiWi! Und ich bin nicht an einer Provinz-Uni, sondern in einem Institut der Helmholtz-Gemeinschaft!

Bezüglich eines Vertrages nach TV-L. An meinem Institut (grob überschlagen 40 Doktoranden,ca. 20 Ausländer / 20 Deutsche) haben nur 3 der deutschen Doktoranden einen Vertrag!!! (TV-L 50%). Ich bin bisher noch keinem "Bio"-Doktoranden begegnet, welcher eine 65% oder 75%-Stelle hat! Die meisten bekommen das Standard-1050€ Stipendium.

Dazu kommen noch die besch*** Promotionsprogramme oder "graduate schools". Oder auf deutsch: Massenanschaffung von Leiharbeitern (Doktoranden) die drei Jahre lang mit monatlich 1000€ abgespeißt werden. Lohndumping nimmt mittlerweile erschreckende Außmaße an....nicht nur unter Doktoranden

Ich bin mittlerweile verheiratet und habe etwas andere Lebensvorstellungen als ein Bachelor-bzw. Masterstudent. Und dies ist mit höheren Kosten verbunden, die ein Stipendium nicht abdecken kann. Ich bin deshalb auch für eine Abschaffung von Promotionsstipendien und die Umlagerung auf sozialversicherungspflichtige TV-L 50% / 65% / 75% Stellen

Was viele überhaupt nicht realisieren ist, dass nahezu die gesamte bio-medizinische Grundlagenforschung von billigen Doktoranden getragen wird. Man muss sich nur einmal eine x-beliebige Arbeitsgruppe anschauen:
Im Grunde sehen sie wie folgt aus: 1 Gruppenleiter (Prof, pi), 1-2 Post-Docs und 8 Doktoranden.

flip
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Re: Promotionsstipendium, Mindestlohn 2015 und Nebenjob

Beitrag von flip » 14.10.2014, 12:09

Das Problem ist doch gerade in Bio, dass in den Köpfen der Absolventen der "Dr" der Regelabschluss ist. Was natürlich totaler Schwachsinn ist, denn wieviele der zig Doktorarbeiten sind später noch relevant, außer dass man mit jemand anderem mit Dr verglichen wird.
Wenn sich zu viele auf zu wenige Stellen bewerben, dann kommt genau so ein System dabei heraus. Die Lösung wäre recht einfach, aber keiner will den ersten Schritt machen. Ist ja auch verständlich.

CD45
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Re: Promotionsstipendium, Mindestlohn 2015 und Nebenjob

Beitrag von CD45 » 14.10.2014, 15:05

Es gibt einfach viel zu viele Absolventen. Wir duerfen froh sein, dass PostDocs noch mit einer vollen Stelle bezahlt werden. Ich wäre nicht überrascht wenn 1500 Euro Stipendien dort in naher Zukunft Standard werden.
Und ehrlich gesagt sind wir doch selbst schuld daran in dem wir wohlwissend um die Zukunftsaussichten in heillos überbelegte Studiengänge drängen.

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