Thema alt, Thema neu, Thema unklar

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SonicTheHedgehog
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Thema alt, Thema neu, Thema unklar

Beitrag von SonicTheHedgehog » 11.08.2014, 11:53

Hallo liebe Leute,

ich befinde mich momentan in einer für mich sehr schwierigen Lage und würde mir gern Rat holen.

Erstmal ein paar Rahmeninfos: Ich habe im Oktober letzten Jahres mit der Promotion begonnen, konnte aber aufgrund finanzieller Probleme erst ca. im April wirklich loslegen. Mein Thema hat mir gut gefallen: Es setzt an einem aktuellen und viel diskutierten Punkt in der sprachwissenschaftlichen Forschung an und bietet optimale Voraussetzungen für eine Kombination aus theoretischem und empirischem Teil. Auf einer Tagung habe ich das Thema dann präsentiert - eine andere Doktorandin allerdings auch. Unsere Themen sind fast deckungsgleich, nur dass sie so gut wie fertig ist.

Der Gedanke, das Thema weiterzubearbeiten, schien mir dann irgendwie redundant. Klar, wie bei den meisten (geisteswissenschaftlichen) Themen kann man alles von mehreren Seiten beleuchten, aber die Datenarbeit für das Thema ist sehr aufwändig und frisst viel Zeit, so dass ich mich wohl immer wieder gefragt hätte, ob das wirklich so viel Sinn macht. Meine Doktormutter hat - wofür ich ihr sehr dankbar bin - Verständnis gezeigt. Sie meinte, ich könne das Thema weiterbearbeiten wenn ich denn wollte, aber sie fand es auch okay, dass ich mein Thema ändern wollte.

Mir ist dann auch fix eine neue Idee gekommen, die ich ihr auch schon unterbreitet hab - nur leider glaube ich mittlerweile, das ich mich da verrenne - die mir verfügbare Datengrundlage ist eigentlich nicht geeignet, um die Frage, die ich herantragen würde, ausreichend gut zu beantworten. Eine sinnvolle Alternative an Daten gibt es in meinem Fachbereich nicht.

Nun stehe ich also - fast am Ende meines zweiten Promotionssemesters - vor der Frage, wie es weitergeht. Was würdet ihr an meiner Stelle tun? Soll ich mir einfach eines der beiden Themen nehmen und es durchziehen (und - gerade in letzterem Fall - dafür aber vielleicht in Kauf nehmen, dass ich eine große Angriffsfläche biete), oder vielleicht nochmal brainstormen und mir ganz was Neues überlegen? Die Situation belastet mich zurzeit mehr, als ich es mir eingestehen will...

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DoneXY
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Re: Thema alt, Thema neu, Thema unklar

Beitrag von DoneXY » 11.08.2014, 12:49

Ich würde dazu raten, beim alten Thema zu bleiben.

Stell Dir vor, du wechselst das Thema und erneut entdeckst Du, dass da schon jeman dran und (vermeintlich) weiter ist. Horror.

Das eine zweite Person dasselbe Thema bearbeitet finde ich nicht schlimm. Es ist wahrscheinlicher, dass die Arbeiten einander ergänzen statt einander redundant zu machen. Es wird höchstwahrscheinlich Unterschiede geben - in der Schwerpunktsetzung, der (theoretischen) Perspektive, der Interpretation usw. - selbst, wenn ihr die selben Daten habt. Wobei ich mir nicht sicher bin, wie der empirische Teil einer sprachwissenschaftlichen Arbeit aussieht.

Ohnehin vermutlich wird die Datengrundlage eine andere sein!? Vielleicht sogar die Methode?

Bara
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Re: Thema alt, Thema neu, Thema unklar

Beitrag von Bara » 11.08.2014, 14:43

Ich würde auch beim alten Thema bleiben. Es kann sogar vorteilhaft sein, wenn es ähnliche Arbeiten gibt: Man kann die eigene Arbeit in inhaltlichen Schwerpunkten ausdrücklich abgrenzen und Ansätze/Ergebnisse der älteren Arbeit diskutieren. So ist es doch bei Aufsätzen auch regelmäßig - es liegt im Wesen des wissenschaftlichen Diskurses (es sei denn, man hat ein Thema, das sonst niemanden interessiert).

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Kugelfischchen
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Re: Thema alt, Thema neu, Thema unklar

Beitrag von Kugelfischchen » 11.08.2014, 15:04

Ich finde es schwierig, dass hier zum alten Thema geraten wird. Natürlich sind in der aktuellen Wissenschaftslandschaft vielen Themen aus verschiedenen Blickwinkeln und mit unterschiedlichen Methoden betrachtbar. Wer eine Arbeit zu Goethes Landschaftsbegriff schreibt, wird wohl kaum umhinkommen, sich gegen diverse andere Arbeiten zu behaupten (vermute ich mal, ich kenne mich bei Goethes Landschaftsbegriff nicht aus :wink: ). Dennoch: Gefordert ist ein Neuheitswert der Diss. Kannst Du den mit Deinem alten Thema erfüllen im Verhältnis zur anderen Diss. Wenn es z.B. um ein lexikalisches Phänomen geht, dann wird wohl bei beiden Arbeiten etwas Ähnliches rauskommen, auch wenn ein anderer Korpus/ empirische Daten zugrunde liegen. Ich finde, Du solltest es Dir genau überlegen und noch einmal zur DM gehen. Auch das "Risiko" der zweiten Idee solltest Du ihr offenlegen. Ich bin der Ansicht: Lieber jetzt noch mal alles umschmeißen und ein halbes Jahr verlieren (+evtl. ganz neues Thema), als am Ende jahrelang Panik haben, dass Du nichts Neues zu sagen hast.
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SonicTheHedgehog
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Re: Thema alt, Thema neu, Thema unklar

Beitrag von SonicTheHedgehog » 11.08.2014, 17:04

Erstmal vielen Dank für die Antworten - ich werde mal einzelne Punkte rausheben:

"Wobei ich mir nicht sicher bin, wie der empirische Teil einer sprachwissenschaftlichen Arbeit aussieht."

- schon seit langer Zeit, aber seit der Jahrhundertwende immer mehr wird viel mit Korpora gearbeitet, also digitalisierten Sammlungen von Sprache. Die kann man dann auf unterschiedlichste Weise auswerten. Ist eine ganz spannende Sache und gibt uns Linguisten was Konkretes in die Hand. Einige Größen des Fachs, etwa Noam Chomsky, sind da kein Fan von, aber viele sind auch keine Fans von Chomsky :D

Diese Angelegenheit bringt mich aber zu einer für das Thema relevanteren Angelegenheit:

"Ohnehin vermutlich wird die Datengrundlage eine andere sein!? Vielleicht sogar die Methode?"

- das ist eines der größten Probleme - die Datengrundlage wäre im Wesentlichen identisch. Es geht dabei um bestimmte gesprochene Varietäten des Englischen, und da haben wir leider bisher keine so große Auswahl. Einzig im Detail (also in Subkorpora) kann man da noch was machen bzw. man könnte den Datenumfang noch vergrößern. Da es sich um ein Phänomen der Syntax handelt, muss ich das Korpus sowieso manuell taggen; ausgewertet wird quantitativ und qualitativ, alles andere macht bei dem Thema wenig Sinn.

"Ich finde, Du solltest es Dir genau überlegen und noch einmal zur DM gehen."

- das mache ich auf jeden Fall - glücklicherweise weiß ich, dass ich über Probleme mit ihr diskutieren kann, und sie bestrebt ist, mir zu helfen. Dennoch wollte ich mir hier mal Anregungen holen - ich will meine DM nicht 'nerven' und ständig - wie es ja für sie aussehen muss - mein Thema/meine Meinung ändern, und vielleicht kann ich dann auch schon mit einer konkreten Idee, wie die Sache zu lösen ist, zu ihr kommen.

"Gefordert ist ein Neuheitswert der Diss."

- das kommt da eben tatsächlich ganz erschwerend hinzu. Der Markt ist hart, und wenn man bestehen will, sollte man diese Entscheidung nicht leichtfertig treffen. Hinzu kommt, dass intrinsische Motivation schwerer in mir zu finden sein wird, wenn mir die ganze Zeit der Gedanke im Kopf rumschwirrt, dass ich hier doppelte Arbeit mache. Daran knüpft aber andererseits an:

"Es ist wahrscheinlicher, dass die Arbeiten einander ergänzen statt einander redundant zu machen. Es wird höchstwahrscheinlich Unterschiede geben - in der Schwerpunktsetzung, der (theoretischen) Perspektive, der Interpretation usw. - selbst, wenn ihr die selben Daten habt."

- dieser Aspekt könnte das Ruder rumreißen. An meiner Uni wird Sprachwissenschaft anders betrieben als dort, wo ich zur Tagung war und wo auch meine Kollegin das Thema bearbeitet. Irgendwo hat es auch seinen Reiz, aber ich bilde mir ein, dass es den ohnehin schon hohen Anspruch noch mehr nach oben drückt. Das neue Thema ist weitestgehend unbeleckt, und auch, wenn das ganz neue Risiken in sich birgt, weiß ich wenigstens, dass ich nicht in einem engen Tunnel einen neuen Ausgang entdecken muss.

Ich warte mal ab, was hier noch so geschrieben wird - ich freue mich sehr über die Rückmeldungen und fühle mich bereits etwas besser. Solche Dinge zu besprechen ist für sich stehend immer schon eine Hilfe, also nochmals danke!

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Re: Thema alt, Thema neu, Thema unklar

Beitrag von Zwonk » 11.08.2014, 18:34

@Sonic: Ich finde es auch problematisch, hier zum alten Thema zu raten. Vorausgesetzt, ihr analysiert beide korrekt, dürfte sich bei quasiidentischer Datenbasis schon eine ziemliche Redundanz ergeben. Im Zweifel würde ich mich fast nach einem neuen Thema umsehen, wenn ich beim alten nicht die Datenbasis oder die Analysemethode wechseln kann. Die beste Infoquelle wäre allerdings die andere Doktorandin. Reicht die nicht bald ein? Wenn ja, kannst Du sie bestimmt nach mehr Details fragen und dann begründet darüber urteilen, ob Du das alte Projekt noch verfolgen kannst.

Amalia
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Re: Thema alt, Thema neu, Thema unklar

Beitrag von Amalia » 11.08.2014, 18:42

Für mich ist der springende Punkt die Frage, ob die andere Arbeit bereits publiziert ist (oder das in kürze zu erwarten ist).
Wenn Du die andere Arbeit in der Hand hast, kannst Du Dich ab sofort damit auseinandersetzen und davon abgrenzen. Und vor allem daran arbeiten, dass Du nicht dieselbe Arbeit nochmal schreibst.
Kritisch sehe ich es, wenn die andere Arbeit erst demnächst erscheinen soll und vielleicht erst in 2-3 Jahren tatsächlich erscheint. Denn dann arbeitest Du unter einem Damoklesschwert und dazu würde ich niemanden für längere Zeit raten. Die Gefahr, dass man kurz vor der Abgabe feststellt, dass die Ergebnisse doch sehr ähnlich sind und der Neuheitswert zu gering, wäre mir da einfach zu groß.

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Re: Thema alt, Thema neu, Thema unklar

Beitrag von Aguti » 11.08.2014, 19:16

Ich sehe das alte Thema auch eher skeptisch. Ich habe eine sprachwissenschaftliche empirische Arbeit geschrieben (demnächst fertig), und falls ihr das Phänomen wirklich gleich abgrenzt und die Datengrundlage gleich/sehr ähnlich ist, werden auch recht ähnliche Dinge zu analysieren sein, denke ich. Ich untersuche ein Phänomen in zwei Sprachen kontrastiv und vor ca. 2 Jahren habe ich eine frische Diss entdeckt, die das Phänomen in einer der Sprachen untersucht. Hat mich auch ganz schön erschreckt, auch wenn ich durch meine Zweitsprache ja noch andere Ergebnisse gehabt hätte. Es stellte sich heraus, dass der andere Autor das Phänomen ganz anders auffasst als ich, viel weiter und dadurch etliche Dinge dazu zählt, die bei mir definitiv nicht dazu gehören. Auch sein Interessenschwerpunkt ist anders, sodass es wirklich zwei sehr unterschiedliche Arbeiten sein werden, die sich gar nicht ins Gehege kommen. Wäre seine Definition und Herangehensweise aber ähnlich und hätten wir auch noch identische Untersuchungssprachen, sähe das ganz anders aus...
So aus der Ferne würde ich auch eher vom alten Thema abraten, stattdessen das neue eingehend prüfen: Was kann man herausholen? Kann man das Phänomen weiter oder enger fassen, damit es greifbarer wird? Und auf jeden Fall mit DM diskutieren. Viel Erfolg! :blume:
I'm pushing an elephant up the stairs. (R.E.M.)

JohnWayne
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Re: Thema alt, Thema neu, Thema unklar

Beitrag von JohnWayne » 12.08.2014, 08:16

Ich schließe mich den anderen an. Versuch diese Arbeit in die Hand zu kriegen. Am besten einfach nachfragen?

Sobald du weist, was genau bearbeitet wurde, kannst du eine wunderbar komplementäre Arbeit anfertigen. Statistisch betrachtet haben zwei Menschen, die sich der selben Frage widmen nie exakt identische Gedanken und Schlüsse. In der Regel gibt es zwar einen Kern-Überlapp, aber auch immer stark unterschiedliche Wichtungen verschiedener Aspekte. Insofern würde ich auch dazu raten, beim Thema zu bleiben. Schau dir einfach die Arbeit an und dann weist du, was du draus machen kannst. Evt. kannst du ihre Sachen sogar noch erweitern oder fortführen!

Sapphirine
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Re: Thema alt, Thema neu, Thema unklar

Beitrag von Sapphirine » 13.08.2014, 04:47

Du schreibst, dass die DM Verständnis zeigt und mit dem alten als auch dem neuen Thema einverstanden wäre. Hat sie denn keine Bedenken bezüglich der doppelten Bearbeitung? Sollte sie nicht am besten beurteilen können, ob es sinnvoll ist mit dem Thema weiterzumachen? Oder ist sie eher fachfremd? Vielleicht solltest Du doch nochmal nachhaken und fragen, was sie in einer solchen Situation machen würde. Ich weiß, dass Du sie nicht übermäßig belästigen willst aber das ist ja schon eine grundlegende Frage, die eventuell über den erfolgreichen Abschluss der Diss entscheidet.

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