Tipps zur Lehre

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Böhnchen
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Re: Tipps zur Lehre

Beitrag von Böhnchen » 17.06.2011, 16:42

@Kuniko
Der Zweifel am BWLer....
Da darfst Du nicht auf mein Promotionsfach sehen, ich habe in meinem Studium zu 1/3 selber Textanalysen gemacht. ;-)

Die Fragen können bei 1/2 Seite Antwort den Text nicht voll erschließen, es ist ein Mini-Einstieg, das sollen sie auch nicht, sie sind ehrlich gesprochen nur Alibi.
Ihr eigentlicher Sinn ist, transparent zu machen, wer liest, bzw. alle zum lesen zu bringen, in einer Qualität, dass ein wenig was hängen bleibt.
Die Fraen können und dürfen relativ platt sein oder sogar nur Handlung, Personen, Beziehungen abfragen. Bei 1/2 Seite Antwort können sie nie die gemeinsame Analyse ersetzen.

Böhnchengrüße

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Telephonmann
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Re: Tipps zur Lehre

Beitrag von Telephonmann » 20.06.2011, 11:45

Noch ein Bericht aus der Literaturwissenschaft: Ich habe im soeben zu Ende gegangenen Semester mein erstes Seminar unterrichtet und dabei sicherlich einiges falsch gemacht. Da ich aber noch vor kurzem selber Student war, konnte ich auch noch gut von dieser Erfahrung zehren.

Vorgenommen hatte ich mir:

- Vorträge nur in ganz straffer und ausschliesslich der Thesenbildung dienender Form. Als Student habe ich Vorträge gehasst, nicht nur als Vortragender, sondern vor allem als Zuhörer. Was man da jeweils an irrelevantem Quatsch präsentiert bekam... Und oft nutzten die Dozenten die Vorträge, um Lehre gleichsam outzusourcen. Klar, wenn der Student schon vierzig Minuten redet, muss man danach selber nicht mehr viel erzählen. Ich gab also die klare Weisung: Nicht länger reden als 15 Minuten und kein Wikipedia-Wissen präsentieren, sondern nahe am Text Interpretationsarbeit betreiben, Thesen bilden, zur Diskussion auffordern. Wer unter diesen Prämissen keinen Vortrag halten wollte - denn nichts ist schlimmer als unwillige Vortragende -, durfte zu einem Text aus dem Korpus des Seminars eine kurze Rezension schreiben, die jeweils vor der Sitzung an alle Teilnehmer ging und dann gemeinsam besprochen, diskutiert und korrigiert wurde.

- Keine Gruppenarbeiten. Damit habe ich als Student in literaturwissenschaftlichen Veranstaltungen nur schlechte Erfahrungen gemacht.

- Ambitioniertes Textkorpus. Die Studierenden sollen lernen, Prioritäten zu setzen, notfalls auch mal etwas auszulassen, dafür "richtig" lesen, mit einem Auge für diskussionswürdige Textstellen.

- Keine gemeinsame Lektüre von Sekundärliteratur (wegen dem bereits sehr umfangreichen Primärkorpus).

Rückblickend würde ich vieles gleich, aber auch einiges anders machen. Auf meine Entscheidung bezüglich der Vorträge und Rezensionen bin ich beispielsweise stolz; das Resultat konnte sich sehen lassen. Die Vorträge, die gehalten wurden, waren allesamt spitze - kurz, pointiert, ideenreich, ohne Redundanzen... Und auch die Rezensionen waren in der Mehrzahl gut. V. a. war das ein hervorragendes Schreibtraining - daran fehlt es IMHO in geisteswissenschaftlichen Studiengängen, und das merkt man dann den Arbeiten an. Es lohnte sich also, den Studierenden die Wahl zu lassen und dafür klare Leitplanken für Form und Inhalt der Vorträge / Rezensionen zu setzen. Auch der Verzicht auf Gruppenarbeiten zahlte sich aus. Bis auf etwa zwei Sitzungen kamen auch im Plenum eigentlich immer relativ lebhafte Diskussionen auf. Wenn ich das Seminar nochmals halten müsste, würde ich aber auf jeden Fall einige Sekundärtexte und theoretische Texte zumindest ausschnittsweise ebenfalls besprechen - ich glaube, ich habe teilweise viel zu viel Vorwissen vorausgesetzt. Beispielsweise ging es einmal um Bernward Vespers "Reise", und obwohl sich die Studierenden redlich bemühten, musste ich immer wieder lange Erklärungen abliefern, weil niemand auch nur ansatzweise über RAF, 1968, "New Left", Marcuse, Mills etc. Bescheid wusste. Da war ich zu blauäugig, das hatte ich nicht antizipiert. Im Groben würde ich die Sache allerdings durchaus gleich angehen; fand das Seminar eine spannende und bereichernde Erfahrung.

NoNick
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Re: Tipps zur Lehre

Beitrag von NoNick » 20.06.2011, 14:40

@Vorwissen: Ich nutze immer die erste Sitzung des Semesters auch dafür, die Rahmenbedingungen abzustecken und Vorwissen, das für den Gesamtkontext des Seminars und seiner These wichtig ist, zu aktivieren bzw. ggf. auch nachzuliefern. Dann habe ich einen gemeinsamen Wissenstand, auf den ich auch konkret zurückkommen kann.

@Primärliteratur, umfangreiche: Habe ich genauso gemacht und ich vermisse SekLit nicht. Was ich an Hintergrundinfos über das "Rahmenwissen" benötige die zum jeweiligen Primärtext gehört lasse ich vor der thesenhaften Einführung in den Text im Referat mitliefern - deshalb bestehe ich auch auf vorherige Absprache der Referate mit mir. In aller Regel hat das dann halbwegs geklappt.

@Schreibkompetenz: Das sehe ich genauso - hier sind vernünftig betreute Protokolle auch eine gute Lösung. Natürlich nicht so schludrig hingeworfenes Zeug, sondern unter der Maßgabe, dass das wirklich ein Ergebnisprotokoll ist, in dem Diskussionsstränge sortiert werden etc. Und das muss ggf. auch sorgfältig überarbeitet werden.

Telephonmann
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Re: Tipps zur Lehre

Beitrag von Telephonmann » 20.06.2011, 15:08

Ja, ich habe auch in der ersten Sitzung eine Einführung in die Problematik geboten, Quellen präsentiert, das Thema literaturgeschichtlich und literaturwissenschaftlich situiert und problematisiert... Das war dann auch eine solide Diskussionsgrundlage für das ganze Semester, aber es kamen dann eben doch Texte vor, die spezifischeres Vorwissen erforderten, und das habe ich nicht antizipiert. Oder nein, antizipiert habe ich es schon, aber es gibt da u. U. auch ein didaktisches Problem: Wenn man einem Studenten im 2. Semester sagt, "lies mal bis dann und dann 'Die Reise'", dann ist das schon SEHR viel verlangt - wenn ich dann noch einen Marcuse-Aufsatz oder einen Ausschnitt aus dem "Baader-Meinhof-Komplex" draufgelegt hätte, wären die Reaktionen wohl ziemlich negativ ausgefallen. Trotzdem muss dieses Wissen als Diskussionsgrundlage irgendwie vorhanden sein. Schwierige Sache...

elbu
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Re: Tipps zur Lehre

Beitrag von elbu » 21.06.2011, 23:19

NoNick hat geschrieben: Ich habe wohl dieses Semester das erste Mal Hausarbeiten zu betreuen. Nun finde ich diese deutlich schwerer zu bewerten, als etwa Klausuren, wo ich einen Erwartungshorizont aufstellen und dann die Ergebnisse sowohl mit meinen Erwartungen als auch untereinander abgleichen kann, um dann zu einer Bewertung zu kommen.

Nach welchen Kriterien bewertet ihr Hausarbeiten?

Worauf achtet ihr bei der Betreuung?
Hey NoNick,
ich finde, man kann bei Hausarbeiten sehr wohl auch einen Erwartungshorizont aufstellen...

und zwar sollten die Leute - am besten natürlich bevor sie anfangen, die Arbeiten zu schreiben, aber mit der Bewertung zusammen ist auch OK, wenn's nicht anders geht - einen Kriterienkatalog erhalten, wonach Du bewertest. Also nicht vorrangig inhaltlich, sondern was das wissenschaftliche Arbeiten betrifft. Durchaus also so "banale" Dinge wie: wird ordentlich zitiert (fairerweise sollten die Leute auch wissen, wenn es einen bestimmten Zitierstil gibt, den Du bevorzugst)? Gibt es eine Literaturliste und steht da mehr drin als die Texte aus dem Seminarreader, sprich: gab es eine eigenständige Literaturrecherche, die für das Thema der Hausarbeit relevante Literatur zu Tage befördert hat (und nicht nur Wikipedia-Einträge)? Ist die Arbeit gut gegliedert? Gibt es eine These und wird diese argumentiert? Werden Fehlschlüsse vermieden? Hat alles, was in der Arbeit steht, mit dem Thema zu tun oder gibt es (viele) irrelevante deskriptive Teile? Und: welche formalen Ansprüche hast Du (Länge, Seitenzahlen, Inhaltsverzeichnis, Deckblatt, Rechtschreibkontrolle, in welchen Sprachen darf geschrieben werden, Zeilenabstand, ...)?

Ich finde, dass nach diesen Kriterien (und sicher könnte man das noch systematischer machen, aber die Idee wird klar, oder?) schon ziemliche Unterschiede festzustellen sind und eine Einordnung in Notenbereiche auf jeden Fall möglich ist. Je sorgfältiger, besser argumentiert, origineller, besser belegt eine Hausarbeit dann ist, desto besser die Bewertung. Das wäre dann eine Mischung aus objektivierbaren Kriterien und einem Vergleich der vorliegenden Arbeiten untereinander. Und durch die Transparenz der Kriterien lernen die Leute was.

Bei der Betreuung finde ich wichtig, das Thema gut einzugrenzen. Ich habe in einem Seminar versucht, von den Studierenden sozusagen ein Abstract für ihre Hausarbeit vorher zu bekommen - also welches Thema möchten sie bearbeiten, was ist die Fragestellung, welches Material/welche Methode wollen sie benutzen, um eine Antwort auf die Frage zu finden (das können dann also erste Literaturangaben sein oder ein theoretischer Ansatz oder eine These aus der Sekundärliteratur oder oder)... und das dann als Grundlage für eine Besprechung zu benutzen, wo man zusammen das Thema eingrenzt oder Tipps gibt. Das hat teils gut geklappt, einige haben das als Zumutung empfunden, etwas abgeben zu müssen vor der Abgabe der Arbeit. Ich war auf dem Standpunkt, dass man sowas immer wieder später tun muss - ob in der Wissenschaft oder bei Projektanträgen etc. in sonstigen Jobs, immer wieder muss man ja sagen, was man vorhat zu tun, bevor man überhaupt die Zeit hatte, zu versuchen, es zu tun. Das war vielleicht ein bisschen zu viel, aber diese Fragen würde ich auch in der Vorbesprechung für eine Hausarbeit auf jeden Fall stellen.

Hui, ist das wieder lang geworden...

@Kuniko das Protokollieren von Absprachen mit den Studierenden finde ich super, das ist vielleicht eine Alternative zu meinem Abstract-einfordern...

elbu
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Re: Tipps zur Lehre

Beitrag von elbu » 26.06.2011, 09:40

Vielleicht auch interessant, bin ich neulich per Empfehlung drüber gestolpert: ein konstruktivistischer Methodenpool für die Lehre online: http://methodenpool.uni-koeln.de/uebersicht.html

Simona
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Re: Tipps zur Lehre

Beitrag von Simona » 10.11.2014, 07:19

Guten Morgen!
DieserThread ist ja schon in wenig älter, andererseits existiert er wenigstens noch und ich würde mich freuen, wenn noch Jemand Interesse am Austausch hier hat? Mir geht es zunächst um Fragen der Vorbereitung des Seminars, weniger der Durchführung.
Einen schönen Tag wünscht euch
Simona :blume:

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Re: Tipps zur Lehre

Beitrag von Sofia » 10.11.2014, 07:56

Guten Morgen! :blume:
Ich bin viel in der Lehre und gebe zurzeit mein 35. Hochschulseminar. :shock: :D
Insofern können wir uns sehr gern austauschen!
LG, Sofia
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Simona
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Re: Tipps zur Lehre

Beitrag von Simona » 10.11.2014, 10:33

Hallo Sofia,

das ist toll, vielen Dank! Ich dachte schon, alle alten Hasen gähnen mal kurz bei meinem Beitrag und wenden sich dann wichtigen Dingen zu :wink:

Ich stehe zum ersten Mal vor der Entscheidung, ob ich mich um einen Lehrauftrag bemühen soll. Mein Prof würde es unterstützen, ich will ein Thema wählen, dass mit meiner Diss in Verbindung steht. Sollte ich mich also dafür entscheiden, muss ich ja zuerst mal meinen Vorschlag abgeben, in dem wenn ich die anderen "Ausschreibungen" betrachte, auch schon beispielhaft Texte angegeben sind. Ich weiß also schon nicht, wann ich meinen Vorschlag überfrachte, wann ich zuwenig angebe, um auch Aussichten zu haben, genommen zu werden, hoffe aber, dass mein Prof mir da einfach sagt, wenn es nicht stimmig ist.
Dann muss ich mir ja im Falle der Zusage einen Plan machen über die Sitzungstermine, und dabei die Texte angeben. Machst du das immer so, dass du theoretische Texte zum Vorarbeiten gibst und die dann besprichst, egal welches Stadium des Studiums die Teilnehmer erreicht haben?

DoneXY
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Re: Tipps zur Lehre

Beitrag von DoneXY » 10.11.2014, 14:08

Simona hat geschrieben:Ich stehe zum ersten Mal vor der Entscheidung, ob ich mich um einen Lehrauftrag bemühen soll. Mein Prof würde es unterstützen, ich will ein Thema wählen, dass mit meiner Diss in Verbindung steht. Sollte ich mich also dafür entscheiden, muss ich ja zuerst mal meinen Vorschlag abgeben, in dem wenn ich die anderen "Ausschreibungen" betrachte, auch schon beispielhaft Texte angegeben sind. Ich weiß also schon nicht, wann ich meinen Vorschlag überfrachte, wann ich zuwenig angebe, um auch Aussichten zu haben, genommen zu werden, hoffe aber, dass mein Prof mir da einfach sagt, wenn es nicht stimmig ist.
Meiner Erfahrung nach ist es so, dass das Curriculum einer Hochschule nicht sehr flexibel ist. Du wirst Dich also nach dem Curriculum und nicht nach Deiner Diss richten müssen. Dein Ansprechpartner ist übringens immer der Mensch, der die fachliche Leitung hat und niemals die Personalabteilung. Auch dann nicht, wenn die offiziellen Ausschreibungen für Lehraufträge über diese laufen!

Ich habe ein Modul komplett enworfen: Modulbeschreibung inkl. der Lernziele, ein "Inhaltsverzeichnis", aus dem der grobe Inhalt pro Sitzung hervorging. Bei 18 Sitzungen hatte ich daher 18 Zeilen wie beispielsweise "Aprikosenernte im Winter". Diese Zeile waren teilweise noch mit Zwischenüberschriften versehen, welche die Strukturierung des Moduls in "Frühling, Sommer, Herbst und Winter" erkennen ließ. Kam gut an - hat mir trotzdem nichts genützt.

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