Vereinbarkeit von Beziehung und Promotion

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JohnWayne

Vereinbarkeit von Beziehung und Promotion

Beitrag von JohnWayne »

Hallo liebe Forumsmitglieder!

Ich bin neu im Forum, promoviere im 1. Jahr im Fach (Naturwissenschaften). Und habe auch sogleich ein hartes Thema für euch bei dem mich mal eure Meinung interessiert:

Und zwar ist es so, dass meine Promotion sehr international aufgestellt ist. D.h. ich fahre zu sehr viel Konferenzen oder Forschungsinstituten im Ausland. Dadurch bin ich mindestens einmal im Monat für eine Woche unterwegs in der Welt. Darüber hinaus arbeite in an einem renomierten Institut, meine Stelle ist auf den Tag auf 3 Jahre begrenzt und das Arbeitspensum und Belastung damit dementsprechend groß.
Da mir meine Promotion viel bedeutet und eigentlich auch Spaß macht bin ich nun aber sehr viel beschäftigt und habe unter der Woche eigentlich gar keine Zeit. Durch die Dienstreisen fallen auch viele Samstage und Sonntage weg, die ich auf annonymen Flughäfen verbringe. Meine Freundin ist dadurch aber extrem angekotzt und sehr sauer auf mich. Und ich weis nicht so richtig was ich tun soll. Ich kann eigentlich bei der Promotion kaum abstriche machen, selbst wenn ich wöllte. Unsere Beziehung leidet mittlerweile auch sehr darunter. Für mich ist das seltene sehen eigentlich gar nicht so dass Problem, da ich ja sonst ausgelastet bin und ich mich dann effektiv auch einfach über die Zeit freue, die man zusammen hat. Sie ist aber mit der Situation absolut unzufrieden...und kann leider auch meine Leidenschaft für meine Promotioon nicht nachvollziehen :(

Was also kann ich tuen, was denkt ihr ???

Beste Grüße!

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Bara
Beiträge: 399
Registriert: 25.08.2012, 20:37
Status: Dr. jur. Bara

Re: Vereinbarkeit von Beziehung und Promotion

Beitrag von Bara »

Meine ehrliche und kurze Antwort: Wenn Du merkst, dass Beziehung und die Diss nicht zu vereinbaren sind, Du aber die Diss als unverbrüchlichen Lebensabschnitt ansiehst, beende die Beziehung. Das mag hart klingen, wird Euch beiden aber am Ende einiges ersparen. Ich würde auch hinterfragen, wie sich eine Beziehung entwickeln soll, bei der ein Partner kein Verständnis für das vielleicht tragende Fundament des weiteren beruflichen Werdegangs des anderen hat. Manche Lebensentwürfe passen nunmal leider nicht zusammen.

Wie lange seid Ihr denn zusammen? Gab es die Diss immer schon, oder ist sie neu und als "Konkurrenz" in Eure Beziehung eingedrungen? :)
bienah
Beiträge: 145
Registriert: 18.12.2009, 15:30
Status: fertig

Re: Vereinbarkeit von Beziehung und Promotion

Beitrag von bienah »

Ich kenne das in gewisser Hinsicht aus eigener Erfahrung und schliesse mich Bara an. Mein letzter Freund kam mit der zeitlichen und emotionalen Beanspruchung, die die Diss für mich darstellte, gar nicht zurecht. Ein Problem war auch, dass er weder mit Forschung noch mit universitärer Bildung etwas anfangen konnte, was zusätzliche Gräben zwischen unsere Erfahrungswelten grub und zum Unverständnis beitrug. Letztlich haben wir uns nach sehr unschönen Szenen getrennt. Ich bin zur Einsicht gelangt, dass ich einen Partner mit ähnlichem Hintergrund brauche, der zwar die gemeinsam verbrachte Zeit geniesst, sonst aber eigenständig ist. Diesen habe ich nun und das klappt sehr gut.
ayla

Re: Vereinbarkeit von Beziehung und Promotion

Beitrag von ayla »

Wie sieht denn die Zeit, die ihr zusammen habt, aus? Unternehmt ihr da was zusammen, plant ihr schöne Abende?
Ich kann beide Seiten verstehen: Zum einen, dass Du dich in deine Diss reinkniest, (wobei ich auch ein Mensch bin, der niemals bereit wäre 120% zu arbeiten, wenn mir nur 50% bezahlt werden würden, aber das ist ein anderes Thema) und dadurch sehr ausgelastet bist. Da du noch im ersten Jahr bist, bist Du wahrscheinlich noch sehr motiviert und gehst voll in deinem Beruf auf.
Klar kann das deine Freundin nicht nachvollziehen! Für sie sieht es so aus, als ob deine Arbeit einen viel höhren Wert hat als sie. Und sie hat vielleicht auch Angst, dass das immer so bleibt.
Wenn Du für dich klar beantworten kannst, dass deine Diss dir sehr viel mehr bedeutet als deine Freundin und du nur von ihrem Verhalten angenervt bist - dann trenn dich.
Wenn nicht: Meinem Freund (jetzt Ehemann) und mir hat es in stressigen Phasen immer sehr geholfen, wenn wir uns für die wenige Zeit, die wir zusammen hatten, uns nette Ausflüge ausgedacht haben (oft hat mich mein Freund überrascht). Kleinigkeiten, wie eine SMS oder eine Mail, dass man aneinander denkt, kann auch viel bewirken. Das letzte halbe Jahr hatten wir auch kaum Zeit füreinander, haben aber wieder gemerkt, wie wichtig es ist, 1 Abend in der Woche für sich zu haben - ohne Freunde, ohne Verpflichtungen. 1 Abend für die Beziehung.
Rede mit ihr, dass dir die Diss viel bedeutet, und dir aber auch die Beziehung wichtig ist.
Wenn ihr beide was dafür tut, Sie dich verstehen und Du auch mal Zeit für sie freischaufelst, dann ist das zu überbrücken.
bbb

Re: Vereinbarkeit von Beziehung und Promotion

Beitrag von bbb »

@JohnWayne:
wie carlo und ayla entnehme ich der Formulierung Deiner Frage, dass Dir die Doktorarbeit sehr wichtig ist - offenbar wichtiger als Eure Beziehung.
Falls das tatsächlich so ist und da Deine Freundin die Prioritäten wohl anders setzen würde, habt Ihr vorsichtig ausgedrückt einen starken Interessenkonflikt.

Was Du tun kannst?
Über Deine Situation nachdenken und Dir klar machen, was Dir wichtiger ist.

Meine eigene Erfahrung:

Ich kann gut nachvollziehen, dass man in seiner Arbeit aufgehen kann - mit Mitte 20 schien das für mich auch alternativlos und vollkommen normal, dass man deutlich über 100% arbeitet, "Karriere macht" und so voll in seinem Beruf aufgeht.
Seit sich zwei süße Kinder nachmittags darauf freuen, dass Papa heimkommt, hat sich meine Ansicht dazu stark gewandelt und für mich sind andere Dinge wichtiger geworden.
Meine Arbeit macht mir nach wie vor großen Spaß - entsprechend muss ich mich manchmal bremsen oder eben bewusst gegen Überstunden etc. entscheiden, aber ich weiß, wofür ich das tue. Ich gehe mit der Arbeitszeit und mit der Balance zw. Arbeits- und Familienzeit viel bewusster um als früher.

Natürlich kann letztlich jeder für sich selbst entscheiden, was das richtige Modell für ihn ist.
Es gibt genug Eltern (vermutlich in der Mehrzahl Väter), die quasi mit ihrem Beruf verheiratet sind und "idealerweise" einen Partner haben, der das toleriert oder sogar unterstützt und ihnen "den Rücken freihält".
Und es gibt Paare, bei denen beide Wert auf ihre Karriere legen und dementsprechend ihre Prioritäten setzen.
Ich kenne auch Familien, die stark unter dem Workoholismus eines Elternteils gelitten haben (z. B. in der Beziehung des oft abwesenden Vaters zu den Kindern) oder letztlich sogar daran zerbrochen sind.

Insofern wünsche ich Euch beiden alles Gute für Eure Zukunft - sei es auf einem gemeinsamen oder auf getrennten Wegen!

Ich gebe noch zu bedenken:
Die meisten Arbeitgeber erwarten stillschweigend, dass der Arbeitnehmer sich für sie permanent den Allerwertesten aufreißt.
Daraus sollte man als Arbeitnehmer aber nicht automatisch folgern, dass die Arbeitgeber dies vor lauter Dankbarkeit umgekehrt jemals genauso tun würden.
epikur
Beiträge: 130
Registriert: 27.03.2011, 12:50
Status: Dr. phil.

Re: Vereinbarkeit von Beziehung und Promotion

Beitrag von epikur »

Ich denke, dass eine Dissertation fast immer, geradezu zwangsläufig eine gewisse Belastung für eine Partnerschaft darstellt. Sie bindet halt sehr viel Zeit und Energie, die für die Partnerschaft nicht zur Verfügung steht. Dass ein Partner / eine Partnerin davon manchmal ziemlich genervt sein kann, ist durchaus verständlich. Sicherlich können die Tips von @Ayla über die eine- oder andere Unstimmigkeit hinweghelfen - nur:

Wenn vom Partner/ in absolut jegliches Verständnis und jede Unterstützungsbereitschaft fehlt und keinerlei Bereitschaft besteht, für den Anderen wenigstens zeitweise zurückzustecken, wird es schwierig... :(

Wenn es nach meiner Frau ginge, hätte ich nicht unbedingt promovieren müssen - und wenn sie geahnt hätte, was damit auf uns Beide zukommen würde, erst recht nicht...! Auch sie ist häufig genervt und hat manches Mal mit mir gemeckert, wenn ich wieder kaum Zeit für sie hatte - und insbesondere, wenn sie merkte, wie mich der ganze Ärger und Streß mit meiner Diss belastet.
Dennoch hat sie stets hinter mit gestanden, hat mir den Rücken freigehalten und mich unterstützt - ganz einfach, weil sie wußte, wie wichtig MIR meine Promotion ist...!

Ich denke, es ist eine wichtige Voraussetzung für eine gute Partnerschaft, dass man sich in Dingen, die einem wirklich wichtig sind, gegenseitig unterstützt und an einem Strang zieht, auch wenn es unterschiedliche Auffassungen und Prioritäten gibt.
Insofern kann eine Promotion auch ein wichtiger Lackmustest dafür sein, ob man "in guten, wie in schlechten Tagen" miteinander auskommt.

Gruß

epikur
JohnWayne

Re: Vereinbarkeit von Beziehung und Promotion

Beitrag von JohnWayne »

Erstmal vielen Danke für eure zahlreichen Antworten! Auch wenn ich doch teilweise etwas überrascht bin.

Also ich bin bei weitem kein "Workaholic". Wenn ich nicht gerade auf Dienstreise bin, dann halte ich mir die WEs eigentlich immer frei und versuche da so wenig wie möglich zu arbeiten. Ebenso versuche ich unter der Woche mir mind. einen Abend frei zu halten. Insofern ist da kaum mehr Potential wo man kürzen kann, das ist ja das Problem. Die Dienstreisen sind Bestandteil meiner Arbeit, das hat mir mein Betreuer auch so gesagt. Ironischerweise machen mir die Dienstreisen ja spaß. Man sieht schöne Städte im Ausland und lernt sehr interessante Wissenschaftler und deren Forshcungsergebnisse kennen. Auch wenn es anstrengend ist, ist es meistens doch sehr bildend. Es ist bei uns auch mögliche 1~2 Tage immer an die Reisen dran zu hängen um privat die Stadt zu erkunden, darauf hatte ich jetzt schon immer verzichtet, was eigentlich auch schade ist, da man nie weis, ob man die Stadt so nochmal wiedersieht. Außerdem bin ich ein Mensch, der wenige, aber intensive Freundschaften pflegt - ich habe meine Freunde seit über einem halben Jahr nicht gesehen, da ich versucht habe jede freie Minute für sie da zu sein.
Genau deshalb habe ich ja hier die Frage gestellt, da ich selber gar nicht mehr weis, wo ich noch Einsparungen machen soll. Sie ist eben noch Studentin und hat vergleichsweise viel Zeit. Ich kann auch verstehen, dass sie keine Art der Fernbeziehung will wenn man in der selben Stadt wohnt. Ich habe auch schon mal versucht das Thema mit der Diss. näher anzusprechen aber das endete nur in einem bösen Streit :( Ich bin wegen der Diss. hierher gezogen und habe sie erst danach kennen gelernt. Mein Traum ist es eben richtiger Wissenschaftler zu werden und wir alle wissen wie steinig da der Weg ist .. und eine Diss. ist da eben nun mal der Grundstein.

Ein Kumpel von mir arbeitet deutlich mehr als ich, aber seine Freundin ist auch Doktorandin und dadurch kommen sie sehr gut aus, auch wenn sie sich seltener sehen. Gerade jetzt im Winter ist das natürlich schwierig besonders tolle Unternehmungen zu machen, da es davon hier einfach wenig gibt bzw. das Wetter ja nicht mehr so mitspielt.
Anne78
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Re: Vereinbarkeit von Beziehung und Promotion

Beitrag von Anne78 »

JohnWayne: Wenn Dir die Beziehung wichtig ist: Versuch, Deine Freundin in Deinen Diss- und Berufsalltag ein wenig zu integrieren. Gibt es z.B. die Möglichkeit, dass sie (auf eigene Kosten natürlich) mal zu einer Dienstreise mitkommt und ihr zusammen 1-2 Tage dranhängt, um Euch die Stadt anzuschauen? Als Urlaub quasi? Oder dass Ihr Euch unter der Woche zum Mittagessen trefft? Ansonsten sehe ich auch, dass wahrscheinlich das Ungleichgewicht in Euren Lebensstilen / freien Zeiten ein großes Problem ist, und das wird sich wahrscheinlich am besten dadurch bearbeiten lassen, dass sie sich noch weitere Beschäftigungen sucht oder sich total in ihr Studium hängt - alles, was dazu beiträgt, dass sie nicht das Gefühl hat, ständig auf Dich zu warten. Das war bei uns jedenfalls immer der Knackpunkt - wenn beide voll beschäftigt sind, ist es okay, sich nicht so viel zu sehen, wenn einer mal viel zuhause hockt und auch viel Freizeit zu füllen hat, verändert sich die Situation komplett. Aber da muss sie halt aktiv werden, Du kannst sie nur ermutigen und Ihr Deine Sicht der Dinge erklären.
Viel Glück Euch zweien!
ayla

Re: Vereinbarkeit von Beziehung und Promotion

Beitrag von ayla »

Wenn ich nicht gerade auf Dienstreise bin, dann halte ich mir die WEs eigentlich immer frei und versuche da so wenig wie möglich zu arbeiten
Du versuchst, wenig zu arbeiten? Gelingt Dir das?
Ebenso versuche ich unter der Woche mir mind. einen Abend frei zu halten
Wie oft ist Dir das gelungen?

Ich moechte nicht deinen Lebensentwurf kritisieren, ich glaube nur, aus deinen Post herauszulesen, dass Du Dich vielleicht fragen sollst: Warum bleibe ich bei meiner Freundin? Auch dein Satz
Ich kann auch verstehen, dass sie keine Art der Fernbeziehung will wenn man in der selben Stadt wohnt.
sagt aus> Jo, es stoert sie, aber mir ist es egal. Ist das so? Stoert es dich nicht, sie so wenig zu sehen? So wie ich es verstehe, seit ihr auch noch nicht lange zusammen, da moechte man eigentlich viel zusammen machen. Und warum siehst Du deine Freunde nicht? Kann man nicht auch Freunde und Freundin verbinden?
Wir koennen Dir hier keinen Ratschlag geben, wie Du aus einem 24 Stunden Tag 48 machen kannst. Aber anders als manche Forenteilnehmer sehe ich nicht nur deine Freundin in der Bringpflicht, Verstaendnis fuer Dich aufzubringen. Ganz ehrlich? Eine neue Beziehung, bei der der eine Partner staendig unterwegs ist, vielleicht auch noch erzaehlt, wie toll und interessant das Wochenende ist, was fuer tolle Leute da waren, der anscheinend seine Freundin und Rest seines Lebens strikt trennt - das sieht nicht gut aus. Man muss uebrigens nicht staendig "Unternehmungen" machen, mir ging es darum, aufzuzeigen, dass trotz beschraenkter Zeit es moeglich ist, dem Partner zu signalisieren, dass er wichtig ist. (Ueberrasch sie mit einem Cande-light Dinner, gehe ins Kino,Theater etc...dazu braucht es kein tolles Wetter).
Ich glaube, es geht nicht darum, ob und wie du die quantitative Zeit verlaengern kannst, sondern wie Du die Qualitaet eurer Zeit verbessern kannst. DAS ist dein Part.
Bara
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Status: Dr. jur. Bara

Re: Vereinbarkeit von Beziehung und Promotion

Beitrag von Bara »

JohnWayne hat geschrieben:Ich bin wegen der Diss. hierher gezogen und habe sie erst danach kennen gelernt.
Sie verdankt also der Diss, dass sie Dich überhaupt kennenlernen konnte... Etwas mehr Dankbarkeit sollte drin sein, wenn ihr was an Dir liegt. :D

Ehrlich, ich würde es lassen.
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