Realistische effektive Arbeitszeit für die Doktorarbeit

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Wierus
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Re: Realistische effektive Arbeitszeit für die Doktorarbeit

Beitrag von Wierus »

Ein Promotionsstudium sollte m.E. vor allem Dingen eine intensive Beschäftigung (= Studium von Texten/Material) zum eigenen Thema beinhalten. Fachfremde oder dem Thema ferne Kontakte oder Korrekturarbeiten zähle ich da allerdings nicht dazu. Dennoch halte ich 40h pro Woche effektive Beschäftigung mit dem eigenen Thema für völlig utopisch, zumal man damit Gefahr läuft, die Lust am Thema zu verlieren und in ernste Sinnkrisen zu geraten. Dauerhaft 40h reine Schreibarbeit halte ich übrigens für noch unrealistischer. Ich kenne zwar keinen Vollzeit-Promovenden bzw. Stipendiaten, aber da nur wenige in nur drei Jahren fertig werden, bestätigt mich das in meiner Vermutung.

Da der User CD45 aus dem Fach Biologe kommt, ist das aber eine andere Sache. In Biologie zu promovieren ist etwas anderes als extern in den Geisteswissenschaften zu promovieren. Soviel ich weiß promovieren Biologen meist intern, arbeiten an einem größeren Forschungsprojekt ihres Profs mit und werden meist dafür bezahlt.

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CD45

Re: Realistische effektive Arbeitszeit für die Doktorarbeit

Beitrag von CD45 »

Hallo
Ja, ich schaetze in den 'praktisch' veranlagten Wissenschaften (Naturwissenschaften) ist es vielleicht anders. Wir haben ein (eher schlechtes) monatliches Gehalt fuer unsere Promotionsarbeit (und gluecklicher Weise zusaetzlich bezahlt fuer die Stunden in der Lehre).

Wie komme ich auf 40 Stunden effektiv?
Ich wuerde nicht nur alles was direkt in die eigene Diss geht, sondern auch alles was der wiss. Entwicklung dient als Promotionsleistung zaehlen, da es mMn nur nachgeordnet um den Titel geht, sondern primaer um die Ausbildung als Wissenschaftler geht.

In Bio waere das z.B.
. Laborarbeit (auch fuer Projekte anderer)
. Kurse/Konferenzen/Seminare
. Unterrichten/Pruefen
. Public engagement
. Publikationen/Poster/Vortraege
. Diss schreiben.

Wie kam ich auf 40 Stunden? Bin einfach von mir und was ich um mich herum sehe ausgegangen:
Praesenzzeit am Institut (Labor/Buero): 5 volle Tage (8-18 h/Tag) und 2 halbe Tage (2-8 h/Tag) pro Woche (mit 4 Wochen Urlaub/Jahr). Das sind normaler Weise 60-80 h/Woche. 1/3 wuerde ich pauschal als Pausen/Ablenkungen/Privates abziehen. Ta Da, 40h pro Woche und das dann einfach ueber 3 bis eher 4 Jahre (wenn Vollzeit, ansonsten laenger) und fertig ist die Diss.
Scarly

Re: Realistische effektive Arbeitszeit für die Doktorarbeit

Beitrag von Scarly »

Stimmt, das ist finde ich ein ganz wesentlicher Faktor in dieser Diskussion, die nicht unabhängig davon geführt werden sollte und darf, was man alles genau zur Arbeitszeit zählt. Wenn ich alles zusammenrechne, was der Promotion und meiner wissenschaftlichen Weiterentwicklung dient (d.h. also auch meine Arbeit im Forschungsprojekt, das mit meiner Diss überhaupt nichts zu tun hat, mit 19 Std./Woche), komme ich summa summarum locker auf 50-60 Std./Woche. Allerdings hat das dann mit der effektiven realistischen Arbeitszeit für die Dissertation im engeren Sinne überhaupt nichts mehr zu tun - da halte ich wie gesagt max. 4-6 Std./täglich für realistisch (Geisteswissenschaften), abhängig natürlich auch vom Kontext, in dem man promoviert (Stelle, Stipendium, Stipendium + Stelle etc. pp.).
JohnWayne

Re: Realistische effektive Arbeitszeit für die Doktorarbeit

Beitrag von JohnWayne »

Schließe mich da dem Vorredner an. Es kommt drauf an, was man mitzählt. Die meisten hier haben sicher eine 50~60h Woche, d.h. aber nicht, dass das alles für die Promotion ist. Man muss zu Konferenzen fahren, Poster sowie Vorträge ausarbeiten, üben und halten. Abschlussberichte für Drittmittelprojekte, generell außer-promotion-arbieten für die Finanzierung. Das können die verschiedensten Dinge sein, vom Übungsaufgaben korrigieren, Seminare halten oder einfach für andere Projekte nebenbei arbeiten. Ich würde mal ganz pauschal sagen, 50% der wöchentlichen Arbeitszeit ist wirklich für die eigene Diss., sprich bei 50~60h Woche so 25~30h Disszeit.

Es gibt natürlich ein paar Glückliche, die keine anderen Verpflichtungen haben und die dann da mehr Zeit für Diss haben, aber ich denke im Durchschnitt müssen die meisten noch andere Dinge erledigen. (zumindest kenn ich es so aus meinem Bekanntenkreis) :stressed: :stressed:
algol
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Re: Realistische effektive Arbeitszeit für die Doktorarbeit

Beitrag von algol »

Also diese Zahl von 50-60 h/ Woche. Selbst wenn man alles zusammennimmt, heißt das, man würde an 5-6 Tagen jeweils 10 Stunden arbeiten. zuzüglich Pausen.
In meinem beruflichen Umfeld erzählen viele, sie würden dauernd so arbeiten.
Ich kenne nicht viele, die das wirklich tun. Zeitweise ja, aber nicht regelmäßig.
60h an 5 Tagen wären 12 h pro Tag. Heißt z.B. von 8 Uhr früh mit Pause bis 21 Uhr abends.
Zeitweise bestimmt. Aber wie viele machen das wirklich regelmäßig?
Ich habe den Eindruck, dass da auch manches aufgebläht wird in der Darstellung.
JohnWayne

Re: Realistische effektive Arbeitszeit für die Doktorarbeit

Beitrag von JohnWayne »

Also 50h ist relativ normal, das sind 10h am Tag bei einer 5-Tage Woche 8-18 Uhr, Pausen natürlich incl. Wenn man auf Konferenz muss, etc. oder man bissel was am WE macht ist man schnell bei den 60h. Wenn du jetzt jede Pause und jeden Kaffee rausrechnest ist es natürlich weniger, so grob pauschal passt das schon. Kollegen mit Kind arbeiten evt. weniger, müssen dafür dann aber evt. hinten 1/2~1 Jahr dranhängen. Bei meinen Kollegen und mir sind die Doktorandenstellen außerdem strikt auf 3 Jahre begrenzt in der Bezahlung. D.h. willst du nicht vom Arbeitslosengeld leben muss man schon ein gewisses Pensum schaffen.
Bara
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Re: Realistische effektive Arbeitszeit für die Doktorarbeit

Beitrag von Bara »

Phasenweise hab ich unter der Woche 8 h am Tag geschafft, das war aber leider nicht wirklich produktiv, denn derzeit miste ich aus und merke, wie weit ich mich in den angehäuften Texten stellenweise von den Forschungsfragen entfernt habe, weil ich "einmal drin war". Jetzt habe ich drei bis vier Tage pro Woche, an denen ich 2 bis 5 h für die Diss aufbringen kann. Das erscheint mir sogar effektiver, weil sich in der Zwischenzeit (vor dem Einschlafen, auf Autofahrten zur Arbeit etc.) die Erkenntnisse "setzen".
bbb

Re: Realistische effektive Arbeitszeit für die Doktorarbeit

Beitrag von bbb »

anbei ein interessanter Artikel zum Thema Arbeitspensum pro Tag (nicht speziell zum Thema Doktorarbeit):
The 8-Hour Workday Doesn't Really Work
Scarly

Re: Realistische effektive Arbeitszeit für die Doktorarbeit

Beitrag von Scarly »

algol hat geschrieben:Also diese Zahl von 50-60 h/ Woche. Selbst wenn man alles zusammennimmt, heißt das, man würde an 5-6 Tagen jeweils 10 Stunden arbeiten. zuzüglich Pausen.
In meinem beruflichen Umfeld erzählen viele, sie würden dauernd so arbeiten.
Ich kenne nicht viele, die das wirklich tun. Zeitweise ja, aber nicht regelmäßig.
60h an 5 Tagen wären 12 h pro Tag. Heißt z.B. von 8 Uhr früh mit Pause bis 21 Uhr abends.
Zeitweise bestimmt. Aber wie viele machen das wirklich regelmäßig?
Ich habe den Eindruck, dass da auch manches aufgebläht wird in der Darstellung.
Ich rechne nicht in "5 Tagen/Woche" - wenn ich am Wochenende Lust und Zeit habe, was für die Diss oder die Arbeit zu tun, dann wär ich bekloppt, wenn ich das nicht täte, und sei es nur - wie momentan - meine ganzen Kopien als durchsuchbare PDFs zu digitalisieren, damit ich nicht im Laufe der nächsten Jahre darin ersaufe. Da gibts so viele Tätigkeiten, die irgendwie mit der Diss oder der Promotion zu tun haben, aber nicht Arbeit für die Diss im eigentlichen Sinne sind, dass sich das (finde ich) nur schwierig quantifizieren und vergleichen lässt; zumal ich eh nicht nach Stoppuhr arbeite...
Eva
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Re: Realistische effektive Arbeitszeit für die Doktorarbeit

Beitrag von Eva »

@Scarly: Solche Tätigkeiten, wie du sie beschreibst, habe ich z.B. bei meiner Angabe von effektiv 4-5 h pro Tag gerade nicht mitgezählt, daher wohl das schiefe Bild im Vergleich, wenn hier einerseits ganz streng wie bei mir gerechnet wird, d.h. ohne Pausen, ohne mechanische Tätigkeiten, nur die reine konzentrationslastige intellektuelle Tätigkeit, und du zum anderen eher wie ein Arbeitnehmer die Zeit berechnest, die du ganz generell mit auch nur irgendwie Diss-Relevantem verbringst. Das eine ist genauso legitim wie das andere, nur sollte man einfach die Unterschiede bei der Berechnung betonen. Mich hat es am Anfang der Diss ziemlich unter Druck gesetzt von mir selbst zu erwarten, ich müsse wie ein normaler Arbeitnehmer 40 h pro Woche geistige Arbeit an der Diss verrichten - das ging schlicht und einfach nicht! Und zumindest als Geisteswissenschaftlerin hatte ich nicht so viel Mechanisches drumherum, um trotzdem auf diese 40 h zu kommen. Letztlich waren es bei mir zwischen 15 und 25 h effektive "Hirnzeit" an der Diss pro Woche, mehr wäre nicht drin gewesen.
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