Geisteswiss. Promotion sinnvoll? (keine akadem. Karriere)

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Unentschlossener

Geisteswiss. Promotion sinnvoll? (keine akadem. Karriere)

Beitrag von Unentschlossener »

Hallo Leute,

es folgt ein etwas längerer Text, um meine Situation deutlich zu erklären:

Ende diesen Jahres werde ich wohl meinen Master in Geschichtswissenschaften haben, ich bin dann 28,5 Jahre alt (ja, ich weiß, das ist peinlich, habe neun Jahre ziemlich faul und unstet studiert, u.a. verschiedene Fächer, Studienabbrüche usw.). Nun habe ich dank eines bewilligten Forschungsprojekts meines Profs höchstwahrscheinlich die Möglichkeit zu einer Promotion in Geschichte. Ich muss mich aber demnächst entscheiden.

Klar ist: Ich strebe keine Karriere an der Uni oder sonst irgendwo im akademischen Bereich an. So sehr mir das Geschichts- bzw. geisteswissenschaftliche Studium auch Freude bereitet hat, zu meiner Lebensaufgabe machen möchte ich es definitiv nicht. So langsam ist mir die Lust am historischen Arbeiten vergangen, mein Interesse an der Vergangenheit einem erstarkten Interesse an der Gegenwart gewichen. Außerdem fühle ich mich an der Uni immer ein wenig abgekapselt von der «realen» Welt da draußen. Mit anderen Worten: Ich möchte aktiv am Wirtschaftsleben teilnehmen und meinetwegen Kühlschränke verkaufen, aber nicht in einem verstaubten Kämmerlein über die «Herrschaftsrepräsentationen württembergischer Könige auf Briefmarken des frühen 19. Jh.» schreiben.
Stattdessen möchte ich mich auf den «harten» Arbeitsmarkt wagen und etwas in Richtung Werbung oder Controlling versuchen (oder was auch immer es so gibt für ausgebildete Geisteswissenschaftler, die meisten kommen ja irgendwo unter). Ich will nicht reich werden, aber mehr als Hartz IV-Niveau möchte ich längerfristig schon verdienen.
Das Problem ist: Ich habe es leider bisher versäumt, Praktika zu machen und habe außer HiWi-Jobs und ein paar Nebenjobs im Call-Center keine Praxiskenntnisse vorzuweisen - und das mit 28!

Nun stellt sich also die Promotionsfrage: Macht es überhaupt Sinn, zwei bis drei Jahre in eine Arbeit zu stecken, die einem inhaltlich und methodisch nur mittelmäßig Spass macht? Immerhin wäre ich zum Ende der Promotion 30/31 Jahre alt und würde in diesem vergleichsweise hohen Alter ohne jede Berufs- und Praxiserfahrung auf den Arbeitsmarkt drängen.
Oder wäre es sinnvoller, gleich nach dem Master ein, zwei Praktika z.B. in einer Werbeagentur zu machen und dann gleich mit dem Arbeiten anzufangen?
Bringt ein geisteswissenschaftlicher Doktortitel auch in den fachfremden Bereichen, in denen ich meine berufliche Zukunft sehe, einen Vorteil?

Ich würde mich freuen, wenn es hier Leute mit Berufspraxis gibt, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben oder gar im Personalwesen tätig sind!
Vielen Dank für's Lesen und Antworten!

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Eva
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Re: Geisteswiss. Promotion sinnvoll? (keine akadem. Karriere

Beitrag von Eva »

Ehrlich gesagt: Lass die Finger davon. Wenn du schon jetzt die Nase voll hast von Geschichtsforschung UND wenn du nicht von einer Laufbahn träumst, für die eine Promotion notwendig wäre - dann fehlen dir meines Erachtens schon zwei potenzielle und ganz wesentliche Motivatoren: Spaß an der Sache und ein guter externer Grund, der dich bei der Stange hält.
Wenn du gern in die Wirtschaft willst, wozu dann der Umweg über eine Promotion? Wozu noch ein paar Jahre mit akademischem Arbeiten vergeuden, wenn das nicht das ist, was du willst?
Hiwi- und Nebenjobs SIND erste Erfahrungen in der Praxis, du warst schließlich bisher Student, und soo alt bist du auch noch nicht (lass dich nicht von der Arbeitsamt-Propaganda irre machen!). Such dir einen Einstieg in die Werbung über ein Praktikum und/oder ein Volontariat und geh zielstrebig in die Richtung (lass dich vielleicht auch an der Uni beraten, Career Center oder wie immer das bei euch heißt). Nach allem, was ich weiß, ist in dem Bereich ein Doktortitel nicht verlangt, du könntest dich sogar dem Vorwurf aussetzen, ein weltfremder Akademiker zu sein, den man für die praktische Arbeit nicht brauchen kann. Alles Gute!
Thales

Re: Geisteswiss. Promotion sinnvoll? (keine akadem. Karriere

Beitrag von Thales »

Hallo,

schließe mich Eva an. Was mir noch einfällt: Du hast 9 Jahre an deinem Abschluss rumgewerkelt. Was bringt dich eigentlich auf die Idee du könntest eine Doktorarbeit jetzt in 2-3 Jahren runterreißen ohne eine Motivation am Thema, der Diss selber usw. ? Die Meisten in den Fachgebieten in die ich Einblick habe brauchen zwischen 3 und 6 Jahren und sind dabei hochmotiviert an die Sache ran gegangen. (Edit: Ok ich sehe gerade, dass du auch Studiengangswechsel drin hattest, das relativiert die Zeit natürlich)

Alles Gute

Thales
algol
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Re: Geisteswiss. Promotion sinnvoll? (keine akadem. Karriere

Beitrag von algol »

Ich schließe mich den anderen an. Das klingt bei Dir nach wenig Antrieb für die Diss. Ohne Praktika o.ä. musst Du eh etwas schieben mit dem Berufseinstieg, wozu dann eine Diss zu einem Thema, was nicht Deins ist.
Du schreibst "Werbung oder Controlling" - Ähh, das sind zwei verschiedene Dinge.
Schau einfach mal, wo es hingehen soll.
Ich kenne Geisteswissenschaftler in Unternehmen. Die sind aber über Praktika/ Nebenjobs reingerutscht. Nicht über ihre Diss.
deliliah

Re: Geisteswiss. Promotion sinnvoll? (keine akadem. Karriere

Beitrag von deliliah »

Ebenso aus der Sicht einer Historikerin: lass es! Wenn du nicht für das Fach brennst, dann machst du dich damit nur unglücklich. Und 2-3 Jahre reichen in der Geschichte meistens nicht aus, um einen Doktor zu machen. Plane mal lieber 5 Jahre. Und in der Wirtschaft hängt dir ein Doktortitel eher wie ein Klotz am Bein.
Unentschlossener

Re: Geisteswiss. Promotion sinnvoll? (keine akadem. Karriere

Beitrag von Unentschlossener »

Vielen Dank für die hilfreichen Antworten, die mich in meinem Vorhaben bzw. Nichtvorhaben bestärkt haben.
Wenn ich ehrlich bin, war mein Hauptargument FÜR eine Dissertation nur ein einziges: Ich hätte damit den vielgefürchteten, weil harten und illusionszerstörenden Sprung ins kalte Wasser des Arbeitsmarktes hinauszögern können.
Als einzige Motivation für eine Promotion ist das ungenügend, da habt Ihr vollkommen recht.

Dann also lieber gleich nach dem Master Praktika machen, sprich: in die Wirtschaft. Aber was genau heißt eigentlich «in die Wirtschaft gehen»? Handelt es sich dabei lediglich um den Komplementärbegriff zum akademischen Karriereweg? Dann ist das auf jeden Fall mein Karriereziel. Oder aber sind damit - viel spezifischer - nur «klassische» WiWi-Jobs wie Banker, Unternehmensberater oder Manager gemeint? Für letztere bin ich fachlich nicht qualifiziert, außerdem sind mir solche Jobs zu anstrengend und interessieren mich auch nicht.

Ich möchte mich nach anderen Bereichen in den Unternehmensstrukturen umsehen, die für Quereinsteiger eher erreichbar sind. Eben: Werbung, PR, Marketing, Controlling (?) usw.
Da ich mich noch nie richtig damit beschäftigt habe, werde ich Eurem Ratschlag folgen und mir beim Career Center einen ersten Überblick verschaffen, was es im Berufsdschungel überhaupt für Job(arten) gibt. Ich kann mir unter «Controlling» nichts rechtes vorstellen (ich dachte, das sei so was ähnliches wie Marketing oder Werbung?), solchen Defiziten sollte eine Sprechstunde im Career Center/Arbeitsamtabteilung für Studierende Abhilfe verschaffen. Warum ich «Controlling» genannt habe? Weil ich schon von einigen Philosophen/Historikern usw. gehört habe, die im Controlling gelandet sind, ohne BWL zu studieren oder intensiv BWL-Kenntnisse nachzuholen. Daher dachte ich, es sei für Geisteswissenschaftler eher geeignet als ein reiner BWL-Job mit der Auswertung irgendwelche statistischer Börsenalgorithmen.

Was mich allerdings etwas verunsichert: Mein Prof rät mir eher davon ab, schwadroniert von hoher Akademikerarbeitslosigkeit auf dem Arbeitsmarkt, gerade bei Geisteswissenschaftlern. Ich denke, da ist viel Übertreibung dabei. Schließlich erwirbt man im Geschichts- bzw. allgemein im geisteswissenschaftlichen Studium nicht nur fachspezifische Kenntnisse und Fähigkeiten, sondern auch die vielzitierten Schlüsselkompetenzen wie selbständiges Denken und Arbeiten, Erfassen von übergreifenden Zusammenhängen und Systemen usw. Das muss doch auch für einige Berufe in der «Wirtschaft» wenigstens etwas qualifizieren, oder? Zumindest im Vergleich zu einem Hauptschulabschluß (womit ich selbstredend nicht verallgemeinernd die Fähigkeiten von Hauptschülern herunterreden möchte).
Wie ich eben entdeckt habe, wird hier am Career Center demnächst eine Veranstaltung zum Thema «Werbung für Geisteswissenschaftler» angeboten. Das kommt mir natürlich wie gelegen und zeigt erneut, dass dieser Berufswunsch für einen Geschichtsstudenten so abwegig nicht ist.

Also sieht mein Plan doch so aus: Lieber der harten Realität des Arbeitsmarktes ins Auge sehen, die Ansprüche auf ein realistisches Maß senken, die ersten Jahre mit Praktika und eher unterbezahlten Jobs durchwurschteln, aber dafür so bald wie möglich anfangen. Dementsprechend auch keine Dissertation, da mache ich lieber den Weg frei für motiviertere und engagiertere Nachwuchshistoriker.
Eva
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Re: Geisteswiss. Promotion sinnvoll? (keine akadem. Karriere

Beitrag von Eva »

Zeitarbeit könnte für den Einstieg auch noch was für dich sein, gerade, wenn du erstmal verschiedene Bereiche probieren und kennenlernen möchtest.
Was mich allerdings etwas verunsichert: Mein Prof rät mir eher davon ab, schwadroniert von hoher Akademikerarbeitslosigkeit auf dem Arbeitsmarkt, gerade bei Geisteswissenschaftlern.
Und warum sollten deine Chancen nach Meinung deines Profs nach der Promotion besser sein? Damit qualifizierst du dich für die Wissenschaft, nicht für den allgemeinen Arbeitsmarkt. Dort giltst du als Doktor schlimmenstenfalls "zu alt", "zu verkopft", "zu teuer".
algol
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Re: Geisteswiss. Promotion sinnvoll? (keine akadem. Karriere

Beitrag von algol »

Warum willst Du in einem Unternehmen arbeiten?
Wie wäre es in einem Verband oder anderen Strukturen?
Erwachsenenbildung, ...
Banker, Unternehmensberatung ist Dir zu anstrengend. - Werbung ist ein Bereich, wo viele junge Leute arbeiten, mit vielen Nachtschichten.
Ich denke, das Careercenter ist eine gute Adresse. Erst mal klar werden, was es werden soll.

Da Du erst nach einem Studium mit Praktika beginnst, sollte das nicht völlig wahllos sein, sondern gezielt.
Daher versuch mal rauszukriegen, was Du gern arbeiten möchtest und in diese Richtung ein Praktikum suchen.
Mathilda

Re: Geisteswiss. Promotion sinnvoll? (keine akadem. Karriere

Beitrag von Mathilda »

Hallo Unentschlossener,
Ich möchte mich nach anderen Bereichen in den Unternehmensstrukturen umsehen, die für Quereinsteiger eher erreichbar sind. Eben: Werbung, PR, Marketing, Controlling (?) usw.
Ganz ehrlich - mach Dich erstmal ein bisschen schlau darüber, was unter diesen Bereichen genau zu verstehen ist. Controlling ist zwar ein Bereich, in dem es Quereinsteiger gibt - die kommen aber i.d.R. eher aus der Mathematik oder Physik. Werbung, PR, Marketing - was stellst Du Dir darunter vor? Ich bin in einem Marketing-nahen Bereich tätig, und ich muss Dir ehrlich sagen, so ganz einfach ist das nicht mit dem Quereinstieg bzw. ich hab den Eindruck, dass Du Dir ein ziemlich falsches Bild von den Tätigkeiten in diesen Bereichen machst. Das spiegelt sich auch hierin:
Oder aber sind damit - viel spezifischer - nur «klassische» WiWi-Jobs wie Banker, Unternehmensberater oder Manager gemeint? Für letztere bin ich fachlich nicht qualifiziert, außerdem sind mir solche Jobs zu anstrengend und interessieren mich auch nicht.
Ich möchte mich nach anderen Bereichen in den Unternehmensstrukturen umsehen, die für Quereinsteiger eher erreichbar sind. Eben: Werbung, PR, Marketing, Controlling (?) usw.
Werbung/Marketing/Controlling SIND klassische WiWi-Jobs. Was glaubst Du, was ein Manager ist? Was unterscheidet einen Job im Marketing/Controlling von einem Manager? Sorry, wenn ich das so blöd frage, aber warum solltest Du für das eine nicht, für das andere aber schon qualifiziert sein? Und, schlussendlich: Was meinst Du mit anstrengend und warum glaubst Du, dass Marketing/Controlling-Jobs das nicht wären? Zusammengefasst habe ich den Eindruck, dass Du ziemlich falsche Vorstellungen hast von den Tätigkeiten "in der freien Wirtschaft". Daher wäre es sicher gut, wenn Du Dir einen Einblick irgendwo verschaffst.

Alles Gute
Mathilda :blume:
NoNick

Re: Geisteswiss. Promotion sinnvoll? (keine akadem. Karriere

Beitrag von NoNick »

Hallo Unentschlossener,

ich habe in meinem Bekanntenkreis einen Fall, wo aus "falschen" Gründen (sprich: kein Job gefunden, Prof hatte so nach dem Motto "machen Sie doch mal" die Diss angeboten) von vornherein halbherzig mit der Promotion begonnen. Ende vom Lied: Nach fünf Jahren wurde abgebrochen weil mit der Arbeit unzufrieden. Das macht den Einstieg in den Arbeitsmarkt dann nicht einfacher.

Wenn man nicht (wenigstens am Anfang) für das Thema und für wissenschaftliches Arbeiten brennt, dann wird das echt schwierig, die hohen Belastungen (Arbeitszeiten, gerade bei Mitarbeiterstellen, ein Stück weit muss man durch die viele Schreibtischarbeit auch in Kauf nehmen, dass soziale Kontakte nicht immer hundertprozentig gepflegt werden können, die jahrelange Auseinandersetzung mit einem Thema etc.), die so eine Phase mit sich bringt, durchzuhalten.

Und: Am Ende dauert eigentlich jede Diss länger, als das ursprünglich vorgesehen war. Rechne das unbedingt ein!

Stichwort Praktika mit 28: Das geht noch! Nimm dir ein halbes bis ein Jahr Zeit, sammel relevante Berufserfahrungen indem du sinnvoll (!) Praktika absolvierst (natürlich neben "normalen" Bewerbungen), schärfe dein Jobprofil - und bewirb dich danach dann breit. Dann wird das auch. Jedenfalls sagen das die Erfahrungen aus meinem Bekanntenkreis.

Viel Erfolg bei der Entscheidungsfindung!

NoNick
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