Schikane durch Doktorvater: Ergänzungswünsche in der Endphase

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HilliBilli
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Schikane durch Doktorvater: Ergänzungswünsche in der Endphase

Beitrag von HilliBilli » 25.11.2015, 10:51

Hallo,

ich bin verzweifelt. Mein Doktorvater ist im Ruhestand und will offensichtlich mit mir sein "Meisterstück" als Abschluss abliefern. Ich habe Kunstgeschichte studiert und sitze derzeit in enger Abstimmung an meiner Dissertation. Es geht um städtebauliche Entwicklung im Vergleich (Entwicklung ähnlicher Kleinstädte in Ost- und Westdeutschland, sowie (Neu-)Polen). Drei Jahre habe ich recherchiert und war vor fast einem Jahr fertig. Dann fielen meinem Doktorvater immer neue Dinge ein, die doch "interessant" seien und ich habe nahezu ein weiteres Jahr recherchiert. Seither "dreht er am Rad" und er steigert sich in unglaubliche Ideen, was doch alles noch toll sei. Das übersteigt meine physischen und psychischen Fähigkeiten. Von meinen ersten Recherchen, die meinem Studiengang entsprachen, sind max. 10 % enthalten. Wie gesagt, meine Studiengang war Kunstgeschichte. Diese Punkte sind eigentlich nur noch rudimentär dort angesiedelt. In erster Linie erwartet er eine Arbeit über Architektur (mit allen technischen Details), Stadtentwicklung und Geschichte allgemein. Alle Versuche, die Problematik anzusprechen, werden vom Tisch gefegt. Vor allem fällt ihm laufend etwas neues ein und es ist unmöglich, sich einzustellen. Es ist dann auch so, dass ich nach monatelanger Recherche alles entsorgen kann, weil er wieder eine neue Idee hat. Sein Wunsch wäre sicher eine tolle Geschichte und könnte ggf. als Gemeinschaftsproduktion von vier Studiengängen zusammengefasst werden. Es hat fachlich nur nichts mehr mit meinem Studium und damit meiner Qualifikation zu tun. Was soll ich tun?

Mein Doktorvater lässt keine Diskussion zu. Mein Flehen, dass doch alles abgestimmt war und das hier nicht mein Fachbereich ist, lässt er nicht zu. Selbst meine Androhung, dann abzubrechen, lässt ihn kalt. Er sagte mir zynisch, dass ich doch wohl nicht die lange Zeit der Recherche einfach verfallen lassen wollte. Ich sei seine letzte Studentin und von ihm abhängig, also solle ich gefälligst tun, was er erwartet.

HilliBilli

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Re: Schikane durch Doktorvater

Beitrag von Aguti » 25.11.2015, 10:59

Hallo Hillibilli,
tut mir leid, dass du solche Schwierigkeiten hast :trost: .
Ich möchte dir aber dringend ans Herz legen, deinen Beitrag abzuändern und die Situation allgemeiner darzustellen. Ich könnte mir vorstellen, dass man dich mit den angegeben Infos zu DV, Inhalten und Fachbereich durchaus identifizieren kann und das wäre wohl kaum in deinem Sinne. Achte auf deine Anonymität.
I'm pushing an elephant up the stairs. (R.E.M.)

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Re: Schikane durch Doktorvater

Beitrag von Traudel » 25.11.2015, 12:34

Oh nein, wie grauselig, liebe(r) Hillibille... mir ist richtig schlecht geworden, als ich Deinen Thread las -- so unglaublich gut nachvollziehbar, was Du empfindest! Auch wenn wir die beschriebenen Tendenzen allesamt von unseren Betreuern, Vorgesetzten oder Kollegen (oder alten Dozenten) kennen, skizzierst Du hier ein Exemplar übelsten Ausmaßes... und offenbar ruhestandsbedingten unbegrenzten Zeitpensums... Glücklicherweise war meine DM nicht von der Sorte "dies ist interessant, schauen Sie doch da nochmal". Sie hat mich eher zur Stringenz angehalten, und ich bin ihr sehr dankbar letztlich.

Es tut mir, ich habe keinen zündenden Tipp für Dich. Wenn mir ein Rat in den Sinn kommt, poste ich ihn. Vorerst ging es mir darum, Dir mein Mit-Fühlen auszusprechen und starke, starke Nerven mit viel Energie und Kraft zu wünschen.
LG Traudel :blume:

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Re: Schikane durch Doktorvater

Beitrag von flip » 25.11.2015, 12:38

Liebe Hillibilli,

erst einmal tief durchatmen. Es ist durchaus normal wenn man einen ambitionierten Betreuer hat. Aber: Wenn ich so Wörter lese wie "flehen", dann ist das Ende der Fahnenstange erreicht. Du musst deinen Standpunkt gegenüber deines Betreuers energischer Vertreten. Und, um es mal drastisch zu sagen, du kündigst bei eurem nächsten Gespräch offen deinen Abbruch an.
Denn, wen wird dies härter treffen als dich selbst? Richtig, deinen Betreuer. Denn seine letzte Doktorandin, für die, die er alles aufwendet und die sein Lebenswerk abrunden soll, schmeißt hin. Er wird sauer sein, er wird kein Verständnis zeigen und nach einer kurzen Periode des Nachdenkens wird er sich bei dir entschuldigen und wollen, dass du weiter machst. Und an dem Punkt ist er auch bereit, Einschnitte zu akzeptieren.
Du bis seine letzte Doktorandin, sofer er nicht emeritiert wurde, hat er sonst niemanden mehr. Und du läufst Gefahr, dass sich das so noch viele Jahre hinzieht!
Zuletzt geändert von flip am 01.12.2015, 17:55, insgesamt 1-mal geändert.

Amalia
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Re: Schikane durch Doktorvater: Ergänzungswünsche in der Endphase

Beitrag von Amalia » 25.11.2015, 21:12

Liebe HilliBilli,
sehr verfahrene Situation und nicht einfach zu lösen.
Ich mache mal einen Vorschlag, der mir spontan einfiel:
Emanzipiere Dich von Deinem DV. Konkret würde ich das so machen: Du teilst dem DV sachlich (!) mit, Du würdest Dich nun für die Fertigstellung der Arbeit zurückziehen. Dafür bräuchtest Du Ruhe. Es ist ja nicht selten, dass Promovenden sich fürs Zusammenschreiben in ein Kloster oder auf eine Alm zurückziehen. Vielleicht lässt sich ja sogar tatsächlich ein Ortswechsel dafür organisieren, oder dieser zu mindestens fingieren. In dieser Zeit kontaktierst Du den DV nicht und vergisst am besten jede seiner Forderungen. Du schreibst eine Arbeit, so wie sie Dir angemessen und rund erscheint. Wenn Du die Arbeit im Kasten hast, gibst Du sie im Prüfungsamt ab und zwar ohne das dem DV mitzuteilen oder ihm gar die Arbeit zur Vorabkorrektur zukommen zu lassen. (Du weißt ja, was dann passieren würde.) Da Du ein höfflicher und freundlicher Mensch bist, teilst Du dem DV nach vollendeter Tat und dem Leeren einer Flasche Sekt (vielleicht auch erst nachdem Du wieder nüchtern bist) freudestrahlend und mit Stolz geschwellter Brust mit, seine letzte Studentin habe nun eingereicht. (Diesen Schritt kannst Du auch lassen.)
Konsequenz der Geschichte: Der DV hat eine gute Arbeit auf dem Tisch liegen, die er bewerten muss. Sie entspricht nicht seinen Traumvorstellungen, aber es ist ja auch nicht sein Arbeit, sondern Deine. Er muss jetzt nur ein Gutachten schreiben. Und da es seine letzte Studentin ist, wird er Dir eine angemessene Note geben. Kein Prof beendet seine Laufbahn mit einem rite-Gutachten, schon gar nicht wenn es sich um eine gute Arbeit handelt.
Der Weg ist sicher nicht ganz leicht. Aber vielleicht eine Möglichkeit, um aus der Sache heile und ohne größere Kollateralschäden raus zukommen.
Alles Gute! :blume: :blume:
A.

itsme
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Re: Schikane durch Doktorvater: Ergänzungswünsche in der Endphase

Beitrag von itsme » 27.11.2015, 10:10

Hallo HilliBilli,

Himmel hülf, das ist wirklich keine schöne Situation, in der du da bist.

Vielleicht hilft ja erst mal eine Rückbesinnung auf das, was du willst. Was möchtest du mit der Arbeit erreichen? Planst du eine wissenschaftliche Laufbahn oder willst du "nur" den Grad und dann raus aus dem Uni-Umfeld? Das könnte die Weichen für dein Vorgehen stellen. Wenn du eine wissenschaftliche Laufbahn planst, dann musst du die Mätzchen deines DV wohl oder übel noch ein bisschen mitmachen, um zu verhindern, dass er sich über die Note "rächt". Allerdings könntest du dich schon mal nach Beschäftigungsmöglichkeiten umsehen. Wenn du dich über ein Stipendium finanzierst, dann wäre so ein "natürlicher" Abschluss eingebaut, bis zu dem die Diss vorliegen muss.

Wenn du dich sowieso neu orientieren möchtest, möchte ich mich Amalia anschließen: Es ist deine Arbeit und du entscheidest, wenn sie fertig ist. Das kann man auch höflich mitteilen und die Wahrscheinlichkeit, dass dein DV dann die Bewertung verweigert, ist gering. Ich möchte dir aber davon abraten, mit dem Abbruch zu drohen. So ein "game of chicken" funktioniert nur, wenn das Gegenüber rational handelt. Wenn die Sache schon so emotional aufgeladen ist, dann geraten Konflikte schnell außer Kontrolle. Ein Wort ergibt das andere und am Ende gehst du aus einem Gespräch raus, hast deine Diss abgebrochen und weißt gar nicht, wie das passieren konnte. Gibt es schon einen Zweitgutachter? Vielleicht kann der auch eine Einschätzung dazu abgeben, wie viel an der Arbeit noch gemacht werden muss? Im Zweifelsfall könntest du ihn jetzt schon für die Problematik sensibilisieren, so dass er ein Gegengewicht zu deinem DV bilden kann.

Lass' dich nicht unterkriegen, insbesondere, da du schon so weit gekommen bist! Alles Gute! :blume:

Penguin
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Re: Schikane durch Doktorvater: Ergänzungswünsche in der Endphase

Beitrag von Penguin » 30.11.2015, 01:37

Hallo HilliBilli,

wie vergesslich ist denn dein Doktorvater? Wenn er mit einer neuen interessanten Idee kommt, koenntest du sagen: "habe ich vor einem Jahr schon recherchiert, ist aber nicht so interessant wie es scheint"? Als Alternative kannst du ihn auf die anschliessende Veroeffentlichung vertroesten? So kann sich das doch noch Ewigkeiten in die Laenge ziehen! Vielleicht hilft es auch, wenn du einen Job anfangen musst (wahr oder nicht) und du deinem Doktorvater mitteilst dass du dich nicht mehr so intensive um Erweiterungen kuemmern kannst, sondern du dich von nun auf das Fertigstellen konzentrierst.
Ich waere bei diesem Unterfangen auch nicht gluecklich, vor allem wenn es klar ausserhalb meiner Expertise geht. Und es muesste doch ausserhalb seiner Expertise sein? Wenn er alles kombinieren moechte, dann soll er doch selber ein Buch darueber schreiben.

Ich hoffe er kommt bald zur Vernunft :blume:

bullabü
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Re: Schikane durch Doktorvater: Ergänzungswünsche in der Endphase

Beitrag von bullabü » 30.11.2015, 13:28

notfalls, wirklich notfalls, müsstest du überlegen, eine dritte Instanz einzuschalten, z. B. Ombudsstellen oder ähnliches, mit deinem Doktorvater befreundete Profs. Aber positiv auf deine Beurteilung wird sich das wohl nicht auswirken, fürchte ich

HilliBilli
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Re: Schikane durch Doktorvater: Ergänzungswünsche in der Endphase

Beitrag von HilliBilli » 12.12.2015, 15:49

Hallo zusammen und vielen Dank für die Tipps und das Mitgefühl.

Inzwischen habe ich mich etwas runtergefahren und gehe auf Tauchstation. Ich habe den Tipp übernommen, einfach abzutauchen. Mal schauen, was passiert. Ich habe meinen DV einen netten Brief geschrieben. Darin steht, dass wir ja vor langem alles besprochen haben und ich entsprechend recherchiert habe. Um nun zu einem Abschluss zu kommen, habe ich mich zurückgezogen, um nun endlich zum Abschluss zu kommen.

Dann werde ich die Arbeit einreichen und einfach mal schauen, was passiert. Letztlich geht es in der Tat nur um den Titel, als Abschluss der Arbeit. Eine wissenschaftliche Karriere plane ich nicht (mehr). Daher ist das schlimmste, was passieren könnte, eine schlechte Bewertung. Aber erst mal abwarten. In der Tat ist der Herr auch schon betagt und letztlich eine Frage, ob er sich an all seine spontanen Ideen noch erinnert. Ich ziehe es jetzt durch und warte auf das Ergebnis. Guter Hinweis, das nicht noch einmal Korrektur lesen zu lassen.

Liebe Grüße

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