Praktikum am Ende der Promotion: ja oder nein?

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clo_marra
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Praktikum am Ende der Promotion: ja oder nein?

Beitrag von clo_marra » 25.05.2015, 10:44

Liebe Leute,

ich brauche einen möglichst unparteiischen Rat, deshalb wende ich mich mit meinem Dilemma an das Forum: Ich habe meine Doktorarbeit (Geisteswissenschaften) abgegeben und warte nun geduldig auf das weitere Verfahren (an meiner Uni ist die Begutachtungszeit bekanntlich sehr lang). Da ich mich nun um meinen Lebensunterhalt kümmern muss (das Stipendium läuft ab), bewerbe ich mich seit einigen Monaten auf verschiedenste Stellen: PostDocs, bei denen ich ohne abgeschlossene Promotion relativ wenig Chancen habe, Volontariate aller Art, wissenschaftliche Mitarbeiten usw. Diese Bewerbungen können einen ganz schön zehren, denn es tut sich recht wenig...
Kürzlich bewarb ich mich auch auf ein bezahltes Praktikum; ich wurde eingeladen, mir den Betrieb anzusehen und werde in einigen Tagen Bescheid bekommen.

Für das Praktikum spricht: Das Praktikum wäre a) bezahlt, auch wenn wenig; b) "nur" 6 Monate, und ich weiss ja nicht, wie lange ich noch auf meine Verteidigung warten muss; c) in einem Bereich, in dem ich noch keine Berufserfahrung habe (Öffentlichkeitsarbeit im Kulturbetrieb).

Dagegen: a) die anderen Praktikanten studieren alle noch, ich wäre eindeutig überqualifiziert; b) die Tätigkeit hat, wie sich herausstellt, eigentlich sehr wenig mit Kultur zu tun und hat nichts mit meinem Studienabschluss zu tun; c) da es so "langweilige" Arbeit für mich wäre, frage ich mich, ob ich sie als Praktikum überhaupt machen soll, denn sie wäre weder interessant noch gut bezahlt noch Halbzeit (mein Gedanke hier: Entweder ich mache es fürs Geld, oder für den Lebenslauf bzw. weil es mich sehr interessiert und ich harte Arbeitszeiten/geringe Bezahlung gerne in Kauf nehme).

Mein Dilemma lässt sich somit auf die Frage reduzieren: Lohnt sich ein Praktikum nach dem Studium / am Ende der Diss? Ist es ein Schritt zurück und verdamme ich mich zu sechs Monaten Frust, oder ist es umgekehrt anmaßend – gerade auf dem Gebiet der Geisteswissenschaften! –, davon auszugehen, dass etwas Besseres gleich um die Ecke wartet?

Entschuldigt die lange Frage, ich quäle mich gerade und bin froh um jeden Rat!

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DoneXY
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Re: Praktikum am Ende der Promotion: ja oder nein?

Beitrag von DoneXY » 25.05.2015, 11:33

clo_marra hat geschrieben:PostDocs, bei denen ich ohne abgeschlossene Promotion relativ wenig Chancen habe
M.W. kannst Du Dich auf Post Doc-Stellen bewerben, sobald Deine Diss offiziell eingereicht ist.
clo_marra hat geschrieben:(mein Gedanke hier: Entweder ich mache es fürs Geld, oder für den Lebenslauf bzw. weil es mich sehr interessiert und ich harte Arbeitszeiten/geringe Bezahlung gerne in Kauf nehme).
Das müsstest Du vllt. genauer ausführen, damit Dir ein Rat gegeben werden kann.

Vor dem Hintergrund der wenigen Infos: Unabhängig von der tatsächlichen Tätigkeit und Bezahlung kann sich eine solche Stelle gut im Lebenslauf machen. Die Frage ist lediglich, wie sehr Du es auschmücken kannst und wie das Arbeitszeugnis / die Praktikumsbescheinigung aussieht. Du kannst ja an Deinen anderen Bewerbungen, Deine Chancen auf dem Arbeitsmarkt besser einschätzen als wir im Forum.

Andererseits wird Dir eine kleine Lücke im Lebenslauf, die auch durch die noch kommende Verteidigung/Rigorosum zumindest etwas kaschiert wird, zumindest im Bereich der Hochschule m.E. nachgesehen.
Zuletzt geändert von DoneXY am 25.05.2015, 12:26, insgesamt 1-mal geändert.

Hella
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Re: Praktikum am Ende der Promotion: ja oder nein?

Beitrag von Hella » 25.05.2015, 11:59

Es kommt darauf an, in welchem Bereich du langfristig arbeiten möchtest. Willst du in den Kulturbereich, lohnt es sich evtl. Das Praktikum zu machen auch wenn die dortige Arbeit nicht 100% deinen wünschen entspricht. Lernen kannst du dabei sicherlich was.

Traudel
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Re: Praktikum am Ende der Promotion: ja oder nein?

Beitrag von Traudel » 25.05.2015, 12:31

Liebe clo_marra,

meine Antwort fällt eindeutiger zugunsten des Praktikums aus als die Beiträge meiner Vorredner: Ja, nimm die Praktikumsstelle an!
- Ich habe selbst 10 Monate auf meinen Disputatio-Termin gewartet. Wenn Du 6 Monate davon mit nem Praktikum füllst, macht sich das wunderbar im Lebenslauf - sehr viel besser zumindest als eine 6-monatige Bewerbungsphase.
- Parallel zum Praktikum (die müssen ja mehr als froh sein, eine solch (über)qualifizierte spottbillige Arbeitskraft zu haben) bewirbst Du Dich weiter auf interessante Stellen. Und solltest Du ein Angebot bekommen, biste - schwups - wech :D
- Thema Rückschritt: Wir Geisteswissenschaftler sind wohl nie zu alt oder zu weit in unserer Ausbildung für ein Praktikum :? Ich finde, da brechen wir uns keinen Zacken aus der Krone. Zumal Dein Praktikum ja bezahlt wäre. Und vielleicht überträgt man Dir ja verantwortungsvollere Aufgaben bzw. ggf. sogar die Verantwortung für die Betreuung und Koordination der anderen Praktikanten (kommt dann wiederum sehr gut im Lebenslauf!).
- Thema Langeweile: Wenn Du schon mit der beschriebenen negativen Erwartungshaltung an den Job herangehst, kann sich Deine Vorahnung im schlimmsten Fall ja nur bestätigen. Alles andere wird Dich positiv überraschen, und Du wirst denken: Hey, ist ja doch nicht so öde, sondern sogar ganz interessant.
- Außerdem Zwischenmenschliches/Soziales: Das Praktikum wird Dir darüber hinaus einen strukturellen Tagesablauf bieten, das Gefühl, Sinnvolles zu tun und gebraucht zu werden, vermitteln, und Du wirst neue Menschen kennenlernen, ggf. gute Kontakte knüpfen.

Also, ich finde, es spricht alles für das Praktikum. Bewirb Dich parallel weiter. Ganz relaxed, Du zeigst ja sinnvolles Engagement. Lass Dich überraschen.

Berichte uns, wie Du Dich entschieden hast. Und natürlich ganz viel Erfolg und gute Nerven für Deine Disputatio (irgendwann in den kommenden Monaten/Jahren... :lol: :dr) ),
Deine Traudel

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Re: Praktikum am Ende der Promotion: ja oder nein?

Beitrag von algol » 25.05.2015, 12:56

Bezahltes Praktikum 6 Monate - da kriegst Du Mindestlohn. Das ist ja kein Pflichtpraktikum.

Zwonk
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Re: Praktikum am Ende der Promotion: ja oder nein?

Beitrag von Zwonk » 25.05.2015, 13:03

@clo_marra: Grundsätzlich bin ich gegen Praktika nach dem Studienabschluss und erst recht nach der Promotion. Vor dem Hintergrund meiner eigenen Erfahrungen würde ich Dir aber trotzdem dazu raten. Die Stellen, auf die Du Dich bewirbst, scheinen mir Stellen zu sein, die von Bewerbern überlaufen sind, gerade von solchen aus dem geisteswissenschaftlichen Bereich. Klar, Du kannst Glück haben und da unterkommen - aber es kann genauso gut sein, daß Du irgendwann versuchen mußt, tatsächlich irgendwo "in der Wirtschaft" unterzukommen.

Und da sind leider immer noch sehr viele Leute unterwegs, die mit den Anforderungen, die eine Promotion so an die Leute stellt, gar nichts anfangen können und die die Promotion einfach nur als verlängertes Bummelstudium wahrnehmen. Im Extremfall triffst Du auf Leute, für die ein Nebenjob als Kellnerin im Grundstudium mehr zählt (Berufserfahrung) als die am Lehrstuhl durchgeführten Projekte. Gut, das sind Extremfälle, aber ich würde niemals das geistige Transfervermögen der Leute überschätzen und deshalb kann Dir ein vernünftiges Praktikum viele Türen öffnen.

clo_marra
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Re: Praktikum am Ende der Promotion: ja oder nein?

Beitrag von clo_marra » 25.05.2015, 13:14

Vielen Dank für Eure Antworten!

Na, da scheint ja doch mehr zugunsten eines Praktikums zu sprechen...;-)

Zu Euren Fragen:
Selbstverständlich habe ich mich auch schon auf PostDocs beworben und auf solche Stellen, bei denen eine Promotion erwünscht ist – nur ist es erfahrungsgemäss so, dass bei vielen Mitbewerbern ein Doktor in der Tasche besser ankommt.

Zur Frage von Geld und/oder Interesse bzw. Lebenslauf:
Ich muss irgendwann wieder ein Einkommen haben, ich habe auch ein kleines Kind und somit kann ich nur noch ein paar Monate lang knausrig sein. Ist dieser Punkt erreicht, mache ich mir auch wenig Probleme, irgendetwas fachfremdes oder (für mich) ödes zu machen, denn meine Motivation ist dann ganz einfach: Ich ernähre eine Familie!
Solange ich diesen Punkt aber noch nicht erreicht habe (ich halte mich mit meinem Stipendium, Übersetzungsaufträgen und Kulturvermittlung über Wasser), frage ich mich eben, was die langfristig sinnvollste Strategie ist. Im Lebenslauf sieht ein Praktikum im Kulturbereich sicher nicht schlecht aus (deshalb hatte ich mich ja auch beworben); und solange auf dem Papier nicht hervorgeht, dass die Angabe "Kulturbereich" eigentlich nicht dem entspricht, was ich dort machen müsste (nämlich Marketing pur), ist es sinnvoll. Nur eben, mit "Kultur" hat es tatsächlich gar nichts zu tun.

Und wo ich am liebsten tätig sein möchte? Nun ja, in der Wissenschaft eigentlich. Aber wie gesagt: Zu knausrig darf ich auch nicht sein. Ich denke, vor dem Hintergrund eines bis jetzt ziemlich privilegierten Zustandes (ich hatte immer interessante Forschungsstellen bzw. Stipendien und nur fachspezifische Jobs), tue ich mir noch schwer, mir einzugestehen, dass ich mir überlegen muss, ob ich nicht "in die Wirtschaft" übergehen sollte – und da wäre so ein Praktikum eine gute Chance. Eure Antworten legen dies offensichtlich nahe...

@algol: Ich weiss, es ist Mindestlohn – was meinst Du damit?

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Re: Praktikum am Ende der Promotion: ja oder nein?

Beitrag von flip » 25.05.2015, 13:18

algol hat geschrieben:Bezahltes Praktikum 6 Monate - da kriegst Du Mindestlohn. Das ist ja kein Pflichtpraktikum.
Ja, das war auch mein erster Eindruck.
Scheint so, als ob sich der Mindestlohn noch nicht überall durchgesetzt hat. Was natürlich kein gutes Licht auf den Arbeitgeber wirft, wenn er das auch noch ohne Skrupel Leuten mit Abschluss anbietet.


Hast du denn schon einmal Praktika gemacht? Denn in diesem Fall halte ich das Praktikum erst einmal für sinnlos. Ob es als Türöffner genutzt werden kann, ist eine andere Frage!

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Re: Praktikum am Ende der Promotion: ja oder nein?

Beitrag von clo_marra » 25.05.2015, 13:25

Ja und nein – ich wurde gefragt, was ich mir vorstellen würde; und in meiner mangelnden Erfahrung bei solchen Fragen habe ich nur erwähnt, ich wüsste vom Mindestlohn und Hauptsache, ich könne dabei überleben :-S

Und nein, ich hatte zwar schon während des Studiums viele kleinere Jobs, bei denen ich fachrelevante Erfahrung sammeln konnte (an der Uni und im musealen Bereich), aber nie ein Praktikum. Und auch nicht in diesem Bereich (Presse/Öffentlichkeitsarbeit).

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Re: Praktikum am Ende der Promotion: ja oder nein?

Beitrag von algol » 25.05.2015, 13:50

@clo_mara. ein Praktikum soll der Ausbildung dienen. Viele AG haben in der Vergangenheit gern lange Praktika (6-12 Monate) angeboten, teilweise sogar mit Absolventen besetzt, aber mit einer Praktiumsentlohnung (wenn überhaupt). Der Gesetzgeber will das mit einer neuen Regelung unterbinden, weil bei solchen Praktika nicht die Ausbildung im Vordergrund steht sondern es eigentlich billige Arbeitskräfte sind.
Daher können nur noch Pflichtpraktika u.ä. mit max 3 Monaten mit Praktikumsvergütung entlohnt werden. Danach wird Mindestlohn fällig. Das wäre bei Dir definitiv der Fall. Dann ist es aber eigentlich kein Praktikum mehr sondern eine Hiwi-Tätigkeit oder Sachbearbeitung o.ä.

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