Die ewige Grübelei: breche ich ab oder nicht?

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Die ewige Grübelei: breche ich ab oder nicht?

Beitrag von euler » 18.05.2015, 15:42

Hallo zusammen,

ich bin schon länger in diesem Forum angemeldet, habe bisher aber immer nur fleißig mitgelesen und dabei schon viel von euch gelernt. Vielen Dank dafür! Irgendwie stecke ich aber in der Grübelfalle, und möchte euch um eure Anregungen bitten, mir zu helfen.

Kurzfassung meines Problems:
Promoviere seit fast 2 Jahren in der Industrie. Sehe nicht, dass meine Arbeit zu einem großen Ganzen zusammen wächst. Bin beim Gedanken an meine Promotion eigentlich nur noch überfordert, frustriert, alleine gelassen. Mich reizt die Praxis. Überlege, die Promotion abzubrechen. Habe große Angst davor, später in meinem Leben an einen Punkt zu kommen, an dem ich die Entscheidung zum Abbruch bereuen würde.

Langfassung: (darf gerne auch als Erlebnisbericht einer Industriepromotion verstanden werden :) )
Ich promoviere seit Mitte 2013 extern in einer Ingenieurswissenschaft. Dazu habe ich eine Doktorandenstelle in einem Industrieunternehmen angetreten, in dem ich bereits meine Masterarbeit erstellt habe. Meine Arbeitszeit steht praktisch zu 100% für meine Promotion zur Verfügung. (Der Arbeitsvertrag ist auf 3 Jahre befristet; mir bleibt also noch gut 1 Jahr. Eine Verlängerung ist möglich, wenn es mein Fortschritt und die Situation der Firma erlauben.)

Die Entscheidung, die Promotion anzutreten, kam von mir selbst. Ich habe vorab interne Doktoranden und Kollegen gefragt warum sie promovieren bzw. promoviert haben und mich im Rahmen eines nicht-fachspezifischen Workshops mit der Entscheidungsfindung auseinander gesetzt. Letztendlich war für mich damals klar, dass ich die Gelegenheit nutzen will, mich intensiv mit einem speziellen Thema auseinander zu setzen, Fachkenntnis zu sammeln und neue Erkenntnisse auf Konferenzen zu präsentieren. Mich hat auch beeindruckt, dass in der Abteilung, in der ich meine Masterarbeit angefertigt habe, der Großteil der Ingenieure promoviert ist. Die Kollegen haben bei mir durch ihre Expertise, Ruhe und Gelassenheit, Zielstrebigkeit und Organisiertheit einen bleibenden Eindruck hinterlassen, sodass ich mir rückblickend wohl gedacht haben muss: "So will ich auch werden!" Aspekte wie höhere Karrierechancen, geringeres Gehalt als Doktorand, höheres Gehalt als Promovierter und hohes Ansehen waren mir weniger wichtig.

Die Doktorandenstelle, die ich habe, wurde mir in der Zeit angeboten, in der ich meine Masterarbeit bearbeitet habe. Die Stelle war so vorgesehen, das ein bestimmtes Themengebiet bearbeitet werden sollte, das mich spontan zwar angesprochen hat, wovon ich allerdings wenig Fachkenntnis hatte.
Mir wurde zwar an der Uni noch eine weitere Stelle als wiss. Mitarbeiter angeboten, doch ich hatte mich dagegen entschieden, da mir die Industriepromotion reizvoller erschien - nicht zuletzt da ich so die Zusatzbelastung durch Lehre oder Drittmittelprojekte umgehen konnte.

Einen Professor, der meine Arbeit betreut, war schnell gefunden. Ich kannte ihn bereits durch das Studium persönlich. Aufgrund der fachlichen Nähe und seiner Gewissheit, dass ich bereits im Studium gute Leistungen erbracht habe und vermutlich auch in der Promotion erbringen würde, hatte ich seine Zusage schnell in der Tasche.

Die Einarbeitung in das neue Thema gestaltete sich äußerst zäh. Als Ingenieur sollte man sich einem neuen Thema doch eigentlich eher von einer praktischen Seite nähern, doch das war aus verschiedenen Gründen schwierig:
  • In der Niederlassung, in der ich angestellt bin, stand keinerlei Ausstattung (technische Geräte, Räume etc.) für dieses Thema zur Verfügung.
  • Das Thema wurde in der Niederlassung zu Beginn meiner Promotion zwar bearbeitet, jedoch kam innerhalb weniger Wochen die Entscheidung, dass Thema an andere Niederlassungen abzugeben. Damit war klar, dass fachkundige Kollegen weniger Zeit für mich haben würden und kein Geld für notwendige Ausstattung zur Verfügung stehen wird.
  • Ich möchte behaupten, dass ich das Thema weder besonders mag noch das es mir besonders liegt. Vielleicht hatte ich der Auswahl des Themas eine zu geringe Bedeutung zugemessen oder bin davon ausgegangen, dass ich es sicher bald toll finden würde, wenn ich nur genug darüber wüsste. (Vielleicht gehe ich hier aber auch meiner eigenen kognitiven Dissonanz auf den Leim. Wer weiß :) )
Trotzdem habe ich es irgendwie hinbekommen, eine innovative Idee zu haben um ein praxisnahes Problem zu lösen, diese Methode auszuarbeiten, eine Erfindungsmeldung einzureichen (offenbar wichtig bei Industriepromotionen) und die Methode in einem experimentellen Aufbau, den ich mit geliehenem Equipment verschiedener Lehrstühle durchgeführt habe, zu untersuchen. Leider funktioniert die Methode im Versuch nicht wie gewünscht. Eine Ursache, Erklärung oder Lösung habe ich bisher nicht finden können.

Das oben beschriebene ist die Situation, in der ich Anfang 2014 gesteckt habe. Hinzu kamen einige negative Erfahrungen mit dem Umfeld der Arbeitswelt. Ich war darüber bereits sehr frustriert und hatte Gedanken an einen Promotionsabbruch. Allerdings war mir dann doch zu sehr bewusst, dass einige Frustquellen eher mit der Situation und den Abläufen im Unternehmen zusammenhängen (siehe "Praxisschock" :) ) als mit der Promotion selbst.

Nach einigen Gesprächen mit meinem Abteilungsleiter, der mich hauptsächlich unterstützt, habe ich meinen thematischen Schwerpunkt geändert. Eine erste Forschungsidee war schnell gefunden, sodass ich mich daran machen konnte, mich in das neue Thema einzuarbeiten und die Idee theoretisch und durch Simulationen zu untersuchen. Anfang dieses Jahres war ich dann so weit, mich an die praktische Umsetzung meiner Idee zu machen. Dabei wurde schnell klar, dass die Idee, die ich untersucht hatte, bestimmte Nachteile hat, durch die sie in der Praxis der konventionellen Lösung deutlich unterlegen ist.

Seitdem sind jetzt etwa 2 Monate vergangen, in denen ich annähernd nichts geleistet habe.

Ich weiß, ich muss einerseits das alte Thema mit einem runden Abschluss versehen (Paper?) und mir andererseits ein neues Problem suchen, mich einarbeiten, Lösungsansätze entwickeln und diese untersuchen. Ich habe zwei Problembereiche zur Untersuchung offen, von denen sogar einer recht aktuell ist, weswegen ich zum Zwecke einer besseren Einbindung in das Alltagsgeschäft des Unternehmens vielleicht diesen nehmen sollte.

Dennoch sträubt sich alles in mir, mich weiter darum zu bemühen, nach Fragestellungen zu suchen, die ich von meiner unerfahrenen Position heraus kaum dahingehend einschätzen kann, ob ihre Untersuchung in der Praxis zielführend und gewinnbringend ist. Mich stört die lange Vorlaufzeit, erst mal ein geeignetes Problem zu suchen, wofür eine innovative Lösung von Interesse ist. Bis ich mich an die praktische Umsetzung der Problemlösung machen kann, vergeht einfach sehr viel Zeit - wenn ich denn überhaupt dazu komme und nicht bereits auf dem Weg dorthin einen Rückschlag erleide, so wie zuletzt erst.

Ebenso stört mich meine Situation im Unternehmen sehr. Da sind zwar sehr viele nette Menschen, denen ich tagtäglich begegne, aber kaum jemand, mit dem ich zusammen arbeite, von dem ich lernen kann, der mir einfach mal zeigen kann, wie etwas richtig gemacht wird. Stattdessen mache ich Arbeit wie im stillen, einsamen, dunklen Kämmerlein und komme damit immer schlechter zurecht.

Der Herausforderung, meine Arbeitsgebiete so zusammenzustellen, dass am Ende ein großes Ganzes mit möglichst klar erkennbarem roten Faden entsteht, sehe ich mich auch kaum gewachsen. Das "alte" und das "neue" Thema passen schon kaum überzeugend unter einen Hut.

Seht ihr, was bei mir falsch läuft? Versteckt sich da irgendwo ein zu hoher Anspruch an meine eigenen Leistungen? Habe ich falsche Erwartungen daran, wie eine Promotion ablaufen kann oder muss? Misinterpretiere ich meine Situation?

Mittlerweile orientiere ich mich schon, welche "normalen" Karrierewege mir offen stehen. Die erste Firmenkontaktmesse ist besucht, ein Termin für ein Bewerbungscoaching steht (nicht zuletzt, um der Frage "Warum wollen sie ihre Promotion abbrechen?" gewachsen zu sein) und die ersten Bewerbungen werden wohl bald raus gehen. Nichtsdestotrotz habe ich Angst davor, später im Leben auf die Entscheidung zum Promotionsabbruch zurückzublicken, tiefe Reue zu empfinden und mir zu wünschen, ich hätte Lösungen für meine derzeitigen Probleme gefunden und es doch durchgezogen.

Ich verstehe, dass die wenigsten Promovierenden oder Promovierten mir den Rat geben würden, die Promotion abzubrechen. Anders herum ahne ich, dass Ingenieure aus der Praxis möglicherweise eher weniger einen Vorteil in der Promotion sehen und mir aus ihrer Perspektive eher den schnellen Ausstieg nahe legen würden. Mir ist bewusst, dass es meine Entscheidung sein muss, die auf meiner Meinung und meiner Einschätzung der Situation beruhen muss, doch damit tue ich mir sehr schwer.

(Sorry für die vielen Worte. Vermutlich halte ich nun den Rekord für den längsten Post im Forum. Musste mir das gerade einfach mal alles von der Seele schreiben.)

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flip
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Re: Die ewige Grübelei: breche ich ab oder nicht?

Beitrag von flip » 19.05.2015, 19:55

Also, ich denke, den Großteil der Probleme, die du schilderst, ist hier nicht unbekannt. Auch, dass du mal in einem Tief bist ein ein paar Wochen nichts auf die Reihe bekommst, ist geschenkt. :wink:
Allerdings, fallen mir beim lesen zwei Dinge auf, deren Sichtweise du ändern solltest!
euler hat geschrieben: Dennoch sträubt sich alles in mir, mich weiter darum zu bemühen, nach Fragestellungen zu suchen, die ich von meiner unerfahrenen Position heraus kaum dahingehend einschätzen kann, ob ihre Untersuchung in der Praxis zielführend und gewinnbringend ist. Mich stört die lange Vorlaufzeit, erst mal ein geeignetes Problem zu suchen, wofür eine innovative Lösung von Interesse ist. Bis ich mich an die praktische Umsetzung der Problemlösung machen kann, vergeht einfach sehr viel Zeit - wenn ich denn überhaupt dazu komme und nicht bereits auf dem Weg dorthin einen Rückschlag erleide, so wie zuletzt erst.
Unabhängig davon, ob eine Promotion intern oder extern ist - sie ist nie rein wirtschaftlich ausgerichtet. Ich sehe das so, dass du dich von dem Gedanken verabschieden musst, dass du etwas entwickeln möchtest, was Geld einbringt. Natürlich musst du unweigerlich in diesem Fall den Kürzeren gegenüber Abteilungsleitern oder Mitarbeitern ziehen, die schon seit zig Jahren in Prozessen eingearbeitet sind. Darum geht es aber auch garnicht in der Diss. Wenn du hingegen zeigen kannst, das diverse theoretische Ansätze nicht für die Praxis taugen, dann hilft das zwar dem Unternehmen nicht, deiner Diss aber schon! Diese Sicht- und Denkweise ist sehr wichtig! Und daraus kannst du dann hinterher sekundär etwas speziell für das Unternehmen entwickeln!
euler hat geschrieben: Ebenso stört mich meine Situation im Unternehmen sehr. Da sind zwar sehr viele nette Menschen, denen ich tagtäglich begegne, aber kaum jemand, mit dem ich zusammen arbeite, von dem ich lernen kann, der mir einfach mal zeigen kann, wie etwas richtig gemacht wird. Stattdessen mache ich Arbeit wie im stillen, einsamen, dunklen Kämmerlein und komme damit immer schlechter zurecht.
Aber genau das, macht eine Promotion aus. Es geht nicht darum, dass dir andere Menschen etwas beibringen, sondern, dass du dich selbstständig in spezielle Fragestellungen einarbeitet. Und diese müssen nach Möglichkeit auch theoretisch fundiert sein. Das heißt, die Praktiker können dir sowieso nicht weiterhelfen. Zumal du ja auch zu einem gewissen Grad auch Neuland betreten musst.

Matilda
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Re: Die ewige Grübelei: breche ich ab oder nicht?

Beitrag von Matilda » 20.05.2015, 14:14

Hallo Euler,

ich möchte flip uneingeschränkt zustimmen.

Zusätzlich möchte ich etwas hinzufügen. Ich habe das erste Jahr meiner Diss nur geflucht. Mal davon abgesehen, dass es ein komplett neues Thema war, also keine thematische Anlehnung an die Diss, habe ich nach einem Jahr meine eigene These völlig widerlegt und musste damit mit einem neuen Zugang und Struktur an die Arbeit gehen. Zusätzlich habe ich ein völlig unerforschtes Thema gehabt, also bis auf zwei oberflächliche Artikel keine Sekundärliteratur und musste alles aus Archiven kramen. Da habe ich regelmäßig 400 Seiten Dokumente gehabt, in denen ich gar nichts gefunden habe.

Was ich damit sagen will: Du musst eine hohe Frustrationstoleranz haben und mit Rückschlägen umgehen können und Du musst Dein Thema wirklich gut finden.

Ich kenne mich in Deinem Bereich nicht wirklich aus, aber ich mache bei der Jobsuche gerade die Erfahrung, dass ein Titel durchaus auch hinderlich sein kann.

Raten möchte ich Dir nichts, denn hier handelt es sich um eine so weitreichende Entscheidung, dass sie aus Dir selbst kommen muss.

Ich habe allerdings auch mal ganz am Anfang überlegt abzubrechen, aus ganz anderen Gründen.

Ich habe aber festgestellt, dass mir diese ungenutzte Chance letztlich immer auf der Seele gebrannt hätte.

Ich wünsche Dir Viel Erfolg, egal wie Du Dich entscheidest.

Matilda

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