Probleme vor Publikation: Auf den Doktortitel verzichten?

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nucha
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Probleme vor Publikation: Auf den Doktortitel verzichten?

Beitrag von nucha » 27.02.2015, 09:00

Hallo zusammen

Vor etwa zwölf Jahren, als ich meine vorletzte Seminararbeit in der Germanistik schrieb, konnte ich plötzlich nicht mehr lesen und schreiben. Damit meine ich, ich konnte keine Zusammenhänge mehr erkennen. Das wissenschaftliche Schreiben war mir fremd geworden. Irgendwie habe ich die beiden Arbeiten doch noch hingekriegt und auch die (damals) Lizenziatsarbeit. Ich habe nicht wirklich gewusst, was ich machen soll; wie schreiben, wie ein Werk analysieren, wie mich ausdrücken. Die Methoden wissenschaftlichen Arbeitens waren auf einmal dahin, vergessen. Ich konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen. Nichts schreiben, nichts lesen. Unmittelbar nach dem Liz wurde ich Assistentin an einem anderen Institut und habe im gleichen Zustand meine Doktorarbeit geschrieben. Mit einer grossen inneren Distanz, ohne wirklich Zusammenhänge zu erkennen. Es war eine Qual. Die Arbeit wurde angenommen - mit einer sehr guten Note sogar -, aber das wissenschaftliche Schreiben ist mir abhanden gekommen. Ich habe grosse Mühe, eigene Worte zu finden, Gelesenes wieder zu geben, geschweige denn die eigenen Gedanken von den fremden zu unterscheiden. Ich bin schlicht arbeitsunfähig geworden.
Hilfe habe ich bei Schreibberatern und Psychotherapeuten gesucht. Unmittelbar nach der Diss. bekam ich einen Lehrauftrag, und die Probleme bestehen weiter. Ich kann nicht mehr Inhalte an Studierende vermitteln, bin unfähig, eine Unterrichtsstunde vorzubereiten. Es bleibt nichts "hängen"; ich kann es auch nicht strukturieren und selbst verstehen. Ich fühle eine grosse innere Leere.
Jetzt muss ich die Diss. überarbeiten, für die Publikation. Mein Doktorvater sagt, hie und da seien die Zusammenhänge nicht klar; was meine Thesen mit dem Thema zu tun hätten - genau das ist das Problem; ich weiss es selbst nicht. Am besten wäre es wohl, das Ganze abzublasen und auf den Doktortitel zu verzichten.

Was meint ihr?
Herzlich,
nucha
Zuletzt geändert von Sebastian am 01.03.2015, 10:56, insgesamt 1-mal geändert.
Grund: Betreff ergänzt.

Traudel
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Re: Auf den Doktortitel verzichten?

Beitrag von Traudel » 27.02.2015, 11:25

Liebe(r) Nucha,

stopp, stopp, stopp - natürlich verzichtest Du NICHT auf die Lorbeeren (also den Dr.-Grad) Deiner mühevollen Arbeit! Wenn Du sogar eine sehr gute Benotung erhalten hast, kann es ja nicht so verkehrt gewesen sein, was Du da verzapft hast.
Lösung: Unterstützung holen! Wende Dich - ja, noch einmal - an die Schreibberatung/Lernberatung und/oder Psych. Beratung an Deiner Hochschule. Dort sollte es auch eine Abt. für Hochschuldidaktik geben, die Dir bei Deinem Lehrauftrag hilfreiche Tipps geben und Fortbildungen vermitteln kann. Sollte es Dein Portemonnaie zulassen, nimm die Dienste bzw. eine längerfristige Begleitung durch einen (seriösen) Schreibcoach an.
Ich möchte mir keineswegs irgendwelche medizinischen resp. psychol. Kompetenzen anmaßen noch halbseidene Ferndiagnosen stellen, aber ich habe Studenten mit ähnlichen Schwierigkeiten betreut und z.T. standen Diagnosen wie Burnout oder ADHS im Raum... Gerade dieses unstrukturierte Gedankenchaos, dieses Nichts-bleibt-hängen und das dauerhafte Gefühle der Be-/Überlastung sprechen für Überlegungen dieser Art.

Also Fazit: Nein, ausgeschlossen, Du verzichtest nicht. Das Ding wird überarbeitet, und Du holst Dir Hilfe. Wenn Du magst, schreibe mir eine PN. Vielleicht wohnen wir in der Nähe?

Viel Glück, starke Nerven und Hals- und Beinbruch,
Traudel

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Re: Auf den Doktortitel verzichten?

Beitrag von Giraffe » 27.02.2015, 11:57

Hallo Nucha,
ich kann deine Gedanken durchaus nachvollziehen. Ich vermute aber wie Traudel, dass es sich um eine emotionale Überforderung bei dir handelt, die dich blockiert. Daher würde ich nun erstmal einen Gang runter schalten was deinen Job angeht, dir vielleicht eine Auszeit nehmen und nochmal mit therapeutischer Hilfe den Abschluss der Arbeit angehen. Wie sieht dein Privatleben aus? Soziale Kontakte, Familie, Hobbies...? In unserem Wissenschaftssystem herrscht großer Druck, der kann einen schonmal ausknocken. :trost: :star:

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Re: Auf den Doktortitel verzichten?

Beitrag von itsme » 27.02.2015, 12:33

nucha hat geschrieben:[...] Ich habe grosse Mühe, eigene Worte zu finden, [...]
Und doch tust du genau das in deinem Beitrag, denn wir alle haben verstanden, was du meinst. :wink:

Verzichte nicht auf die Überarbeitung der Diss. Denn wie die gute Note dir eigentlich signalisieren sollte, handelt es sich nicht um eine "echte" Unfähigkeit zusammenhängende Sätze zu formulieren (wie z.B. bei einer Schizophrenie), sondern um eine psychische Blockade, vllt. vergleichbar mit dem schlimmen Lampenfieber, das verschiedene Schauspielern oder Sänger schon befallen hat oder dem "writer's block" berühmter Schriftsteller. Psychotherapeutische Hilfe ist schon mal ein guter Anfang. Vielleicht kannst du da auch mal nach verhaltenstherapeutischen "Tricks" fragen, mit denen sich die akute Blockade vor'm Bildschirm überwinden lässt. Ich fand' es z.B. immer ganz hilfreich, ganz laut und mehrfach zu sagen: "Ich kann nicht schreiben! Wirklich, ich kann nicht schreiben!". Wenn ich dann nur einen Satz geschrieben habe, hatte ich meine Überzeugung schon widerlegt. Und die Arbeit in ganz kleine Einheiten (z.B. "Nur dieser eine Satz!") kann auch helfen. Und nicht zuletzt: Abstand gewinnen hilft vielleicht auch. Die Blockade kann daher rühren, dass du der Diss eine überwältigende Bedeutung zumisst ("Ich bin Nichts, wenn ich das nicht schaffe!"). Ehrenamtliche Arbeit z.B. kann dann helfen alles zu relativieren und Abstand zu schaffen. Wenn du z.B. Erfolge erzielst, weil du Nachhilfe gibst und bei einem Schüler einen Aha-Effekt oder einen Durchbrich erreichst,, könntest du feststellen, dass dieser oder jene Halbsatz im Gesamtkontext nicht mehr so wichtig ist. Alles ist gut, was deine Gedanken vom Kreisen abhält und die Diss darauf reduziert, was sie ist: Qualifikation für einen bestimmten Job unter vielen, nicht mehr und nicht weniger.

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Re: Auf den Doktortitel verzichten?

Beitrag von epikur » 27.02.2015, 14:10

Hallo nucha!

Grundsätzlich möchte ich mich meinen Vorrednern anschließen, Dir darüberhinaus jedoch dringend empfehlen, erneut psychotherapeutische Hilfe in Anspruch zu nehmen!
Aus Deinen Worten spricht eine tiefe innere Leere und Verzweiflung, welche auf eine ernstzunehmende depressive Symptomatik hindeutet. Da ist Deine vermeintliche Unfähigkeit, wissenschaftlich zu arbeiten und zu schreiben, vermutlich nur die "Spitze eines Eisbergs"...!
Ich kann und möchte nicht beurteilen, was Deine Psychotherapeuten mit Dir gemacht haben. Sicher ist allerdings, dass diesbezüglich noch eine Menge zu tun ist.

Solche psychisch bedingten Arbeitsblockaden können überwunden werden, i.d.R. jedoch nur mit professioneller Hilfe.

Und: Du verzichtest natürlich nicht auf den Doktortitel :dr)

Alles Gute wünscht

epikur

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Re: Auf den Doktortitel verzichten?

Beitrag von nucha » 27.02.2015, 15:46

Liebe Alle

Danke für eure Aufmunterung und die Hinweise.

Ich bin ziemlich am Ende, muss ich sagen. Die Psychotherapeuten haben versucht zu helfen, aber es war für mich sehr frustrierend, nie Erleichterung zu erfahren. Auf ein gelöstes Problem kam das nächste. Das gleiche war in den Gesprächen mit meinem Doktorvater: Sie schienen ins Bodenlose auszuufern. Nie war eine Frage abschliessend beantwortet und am Ende die Unklarheit noch grösser als am Anfang. Jetzt bin ich bei der Überarbeitung der Diss. und frage mich ständig: Was will ich eigentlich sagen? Ich komme zu keiner abschliessenden Antwort. Am Ende eines Satzes oder Absatzes steht immer das Nichts. Ich bin wirklich verzweifelt.

Ich wünsche euch, dass es euch ganz anders ergeht; eine derartige Hölle würde ich meinem schlimmsten Feind nicht wünschen.

Lieben Gruss
nucha

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Re: Auf den Doktortitel verzichten?

Beitrag von Koenigsportal » 27.02.2015, 16:01

Hallo Nucha,

im Gegensatz zu den anderen finde ich den Gedanken, die Arbeit aufzugeben, durchaus zulässig. Zumindest kannst Du das ja mal in aller Konsequenz für Dich durchdenken. Meist regt sich dann von selbst etwas, dass einen motiviert, doch weiter zu machen.

Was Deine "Blockaden" betrifft, klingt es für mich sehr nach einem Überlastungs-/Überforderungssyndrom in Verbindung mit hohen eigenen (und fremden?) Ansprüchen. Aber das ist natürlich nur spekuliert. Ich musste auch an Schilderungen von Freunden/Kommilitonen denken, bei denen sich eine Art "Derealisierungssyndrom" gezeigt hat. Auf jeden Fall scheint mir das, was Du schilderst, häufiger vorzukommen und es sollte psychologische Hilfe dafür geben (ob die einem selbst dann hilft, ist natürlich noch einmal eine andere Sache).

Kannst Du denn jetzt nicht einfach mal eine Weile Abstand gewinnen und den Kopf frei bekommen? Könntest Du Dich krank schreiben lassen?

Alles Gute - und vor allem: die richtige Entscheidung, mit der Du dann gut leben kannst.
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Re: Auf den Doktortitel verzichten?

Beitrag von Hella » 27.02.2015, 17:05

Hallo Nucha,

ich stimme den anderen zu, dass du auf jeden Fall versuchen solltest ein bisschen Abstand zu bekommen und therapeutische Hilfe in Anspruch zu nehemn. Sofern du es in den letzten Jahren noch nicht getan hast, kannst du eine Kur beantragen. Zusammen mit deiner Therapeutischen Hilfe, solltest du dir genau überlegen, welche dir am besten hilft. Du schreibst, dass deine Psychotherapeuten dir keine große Hilfe waren. Hast du schon mal versucht, eine andere Therapierichtung auszuprobieren? Manchmal hilft das weiter.

Und ansonsten mit einer Person, der du vertraust, die aber auch wissenschaftlich gut ist, dich durch die Arbeit werkeln. Die soll dir sagen, was du wo gut geschrieben hast, wo nachzubessern ist, mit der man auch verschiedene Lösungsmöglichkeiten für "überflüssige oder auch nicht" angesprochene Themen reden kann, und dir ein bisschen hilft, die Thesen vielleicht auf den Text anzupassen.

Aus den Erfahrungen im Bekanntenkreis kann ich dir sagen, dass du dich im Abstand von ein paar Jahren nicht besser fühlen wirst, wenn du jetzt alles sausen lässt.
Gute Besserung!

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Re: Auf den Doktortitel verzichten?

Beitrag von Anne78 » 28.02.2015, 17:19

Hallo Nucha,
hast Du schon mal darüber nachgedacht, einfach ein halbes Jahr oder Jahr auszusetzen? Diss beiseite legen, mittels Krankschreibung oder einfach so beurlauben lassen und auch eine Verlängerung der Frist zur Veröffentlichung bekommen, und eine Weile lang etwas ganz anderes tun: Verreisen, Zeit mit Dir wichtigen Menschen verbringen, Dich darauf konzentrieren, mit Deiner inneren Leere/ Deinen Symptomen zu Rande kommen, feststellen, was für Dich ein guter Weg sein könnte - mit oder ohne Veröffentlichung. So etwas in der Art.
Noch ein Gedanke: Man kann auch pragmatisch veröffentlichen, online oder irgendwo "versteckt" und mit einer nur minimal überarbeiteten Version. Dann gäbe es den Titel und das Thema Diss wäre abgeschlossen, Du könntest Dich einer neuen Phase zuwenden. Aber auch das musst Du nicht heute oder morgen entscheiden (und vor allem nicht umsetzen). Der Faktor Zeit kann auch für Dich arbeiten, nicht nur gegen Dich Also nimm sie Dir, die Zeit, die Du brauchst :blume: .

nucha
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Re: Probleme vor Publikation: Auf den Doktortitel verzichten

Beitrag von nucha » 01.03.2015, 14:14

Wer hat den Titel meines Beitrags geändert und warum?

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