Qualitätsmaßstäbe (US-Dissertation)

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Lucy
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Qualitätsmaßstäbe (US-Dissertation)

Beitrag von Lucy » 02.02.2015, 13:18

Heute bin ich durch Zufall auf eine Dissertation gestoßen, die zu einem ganz ähnlichen wie meinem eigenen Thema vor zwei Jahren in den USA angenommen wurde. Sie ist nicht veröffentlicht (deshalb habe ich sie ja bisher nicht wahrgenommen), sondern nur frei zugänglich und herunterladbar über ProQuest. Ich habe sie nicht berücksichtigt oder zitiert, denn meine Diss ist mittlerweile längst eingereicht. Jetzt habe ich aber natürlich gelesen und bin sprachlos über die wirklich grottenschlechte Qualität dieses Machwerks: nur die (für das Thema eher weniger relevante) englischsprachige Literatur ausgewertet, und da vorwiegend uralte (mehr als 50 Jahre!) Veröffentlichungen. Außerdem übers Internet abrufbare Lexikonartikel, zum großen Teil falsch zitiert. Die neuere Forschung ist nicht berücksichtigt. Es wimmelt von falschen Daten, Schreibfehlern, nicht verstandenen historischen Zusammenhängen. Die eigenen Analysen sind oberflächlich, das Fazit besteht aus längst bekannten Binsenweisheiten. Dieser Autor darf sich jetzt Doktor nennen! Nun weiß ja jeder, dass es in jedem Land und auch von Uni zu Uni erhebliche Unterschiede an Qualitätsanforderungen gibt, aber über so etwas wie diese Arbeit bin ich doch entsetzt! Schämen sich die fünf Professoren, die das abgesegnet haben, denn gar nicht?

Zornit
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Re: Qualitätsmaßstäbe

Beitrag von Zornit » 02.02.2015, 15:03

Leider ist das nicht untypisch. Viele US- und UK-Dissertationen werden allerdings entweder angenommen oder abgelehnt, es ist 'ja' oder 'nein', ohne Prädikat. Es kann sein, dass diese Person ein Grenzfall war. Viele Studenten haben (nach einem Pflichtcurriculum usw.) ca. 1 Jahr zur Verfügung, um diese Schrift fertigzustellen. Manchmal ergeben sich daraus die sogenannten "extended master theses", die mit ca. 200 Seiten und ca. 150-200 Referenzen gar nicht mit einer deutschen Promotion zu vergleichen sind. Außerdem fürchten viele Universitäten in der USA ein kostbares, reputationszerstörendes Zivilverfahren, da eine unausreichende oder mangelhafte Dissertation als ein Fehler der Institution gesehen wird.

Diese Arbeit konnte aber durchaus in der Druckfassung berücksichtigt werden. Vielleicht konnte man mit ein wenig Gutmütigkeit auch da interessante Erkenntisse gewinnen. Vermutlich hatte die Person etwas ganz Wundervolles mitzuteilen, musste aber unter enormen Druck arbeiten.

Santa_Fe
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Re: Qualitätsmaßstäbe (US-Dissertation)

Beitrag von Santa_Fe » 14.02.2015, 19:26

Lucy hat geschrieben:Sie ist nicht veröffentlicht (deshalb habe ich sie ja bisher nicht wahrgenommen), sondern nur frei zugänglich und herunterladbar über ProQuest.
"Frei zugänglich und herunterladbar" hätte ich jetzt mal als "veröffentlicht" interpretiert... was ist denn da der Unterschied? Klärt mich auf! :D

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