SPIEGEL: "Lohnt sich eine Promotion noch?"

Irgendwann ist jeder fertig. Und dann darf er sich hier austoben :-)
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Wierus
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SPIEGEL: "Lohnt sich eine Promotion noch?"

Beitrag von Wierus »

Spiegel-Artikel vom 23.11.2020
Spiegel hat geschrieben:Doktortitel haben ein Imageproblem: Immer weniger Topmanager tragen einen, außerdem wird die Qualität der Arbeiten in manchen Fachbereichen angezweifelt. Lohnt sich die Promotion trotzdem?
Spiegel hat geschrieben:Lange galt eine Promotion als Garant für eine steile Karriere und ein überdurchschnittliches Gehalt. Im Schnitt werden in Deutschland 25.000 Doktortitel im Jahr vergeben. Vor allem in den Naturwissenschaften gehört die Promotion sozusagen zur Grundausbildung. Jeder zweite Doktortitel wird in Mathematik, Chemie, Physik, Biologie oder Ingenieurwissenschaften verliehen. 2019 meldeten 88 Prozent aller Absolventinnen und Absolventen eines Chemie-Masterstudiengangs eine Promotion an.
Spiegel hat geschrieben:Also lieber direkt in den Beruf? Die Frage stellt sich auch Eduard im Nachhinein: Nach seiner Promotion in Soziologie und 26 Bewerbungen arbeitet der 36-Jährige jetzt als Vorstandsreferent bei der Arbeiterwohlfahrt in Frankfurt. Mit dem Thema seiner Dissertation hat diese Tätigkeit nichts zu tun. Statt zu promovieren, hätte er auch relevante Berufserfahrung sammeln und mehr Geld verdienen können. »Eigentlich zögert es den Berufseinstieg hinaus. Weil man sich mit Sachen beschäftigt, die nachher im Job niemanden interessieren«, sagt er.

LINK:
https://www.spiegel.de/start/lohnt-sich ... 186b10?utm

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Grounded
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Re: SPIEGEL: "Lohnt sich eine Promotion noch?"

Beitrag von Grounded »

Ich für meinen Teil kann auf diese Frage nur antworten: Ja, sie lohnt sich. Allerdings strebe ich keine "steile Karriere und ein überdurchschnittliches Gehalt" in der Privatwirtschaft an, sondern werde demnächst eine FH-Professur vertreten. Und W2 lohnt sich - verglichen mit meinem bisherigen Einkommen - allemal.
Missen möchte ich die Pomotionsphase ganz sicher nicht. Das war eine wunderbare Zeit, in der ich mich persönlich weiterentwickelt habe. Die Promotion hat sich also auch in dieser Hinsicht gelohnt.
johndoe
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Re: SPIEGEL: "Lohnt sich eine Promotion noch?"

Beitrag von johndoe »

Ich denke, dass das eine sehr individuelle Frage ist. Es wäre z.B. hilfreich zu wissen, was der zitierte Soziologie-Doktor erwartet hat, bevor er sich a) für dieses Studium und b) für diese Promotion entschieden hat. Es ist sicher nicht die News des Tages, dass es Fachgebiete gibt, die am Arbeitsmarkt weniger gefragt sind.

Die Aussage "Eigentlich zögert es den Berufseinstieg hinaus. Weil man sich mit Sachen beschäftigt, die nachher im Job niemanden interessieren" kann ich auch nicht unterschreiben. Jeder ist seines Glückes Schmied und kann auch ein Thema wählen, das sehr wohl Praxisbezug hat. Natürlich ist es immer noch Forschung und dadurch nichts, was man im Anschluss 1:1 "anwenden" kann. Aber das ist ja auch nicht Sinn und Zweck einer Promotion.

Und wie ich auch schon an anderer Stelle mal schrieb bzgl. Berufsziel Konzern-IT: nicht jeder Job erfordert die Skills einer Promotion - im Gegenteil. Ich will nicht die "Überqualifziert"-Karte ausspielen, aber monetär lohnenswert ist ein Doktorgrad sicher nicht, wenn man danach einen Job anstrebt, den jeder Wald-und-Wiesen-Bachelor auch ausüben kann. Und als Promotionsabsolvent ohne "Berufserfahrung" von Null auf Abteilungsleiter wie vor 20+ Jahren ist (leider?) auch kein Standard mehr.
Nomen Nescio
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Re: SPIEGEL: "Lohnt sich eine Promotion noch?"

Beitrag von Nomen Nescio »

Vor allem in den Naturwissenschaften gehört die Promotion sozusagen zur Grundausbildung. Jeder zweite Doktortitel wird in Mathematik, Chemie, Physik, Biologie oder Ingenieurwissenschaften verliehen.
Danke, SPIEGEL! Naturwissenschaften wie Mathe und Ing! Die Reihenfolge suggeriert für mich absteigende Quoten, entweder absolut oder relativ zur Anzahl der abgeschlossenen Masterarbeiten. Dem ist nat. nicht so. Chemie und Bio sind absolute Ausreisser mit hohen 80er Prozenten, Physik um die 60, wobei IMHO die Theoretiker die Preise verderben ("Ich brenne für Kosmologie und möchte in die freie Wirtschaft." ist wohl ein Sonderfall.) , Mathe wohl bei 40 und Inf, M-Bau und E-Technik um die 25% jeweils. Wenn man dazu die Größe der Studiengänge betrachtet, sollte die "Hälfte aller ..:" nicht sonderlich überraschen. Nach meinem Gefühl nehmen die Promotionsquoten in Mathe und Inf derzeit eher ab, da die Master-Absolvierend*innen zwischen Endphase Master und Promotionsanbahnungsgesprächen über 3-5 Headhunter stolpern, die (bei entsprechend fachlich vertieften) Mastern und Mastressen mit tlw. obszönen Jahresgehältern drohen.
26 Bewerbungen halte ich im Bsp des prom. Soziologen für nicht übermässig viel, in vielen Bereichen von Inf und einigen mir bekannten Lehrgebieten von Mathe liegt die durchschnittliche Quote von Bewerbung zu Einladung bei unter 1. Der Vergleich über sämtliche Promovierten hinkt schlimmer als der sprichwörtliche zwischen Äpfeln und Birnen.
Promotion sagt unter anderem: "Ich kann selbstständig in Gebieten arbeiten, in denen noch nicht jede Antwort vorgekaut wurde, und ich kann nicht nur Antworten suchen und finden, sondern auch die richtigen Fragen bei neuen Problemen stellen." Manche AG wissen das zu schätzen und sind bereit, dafür zu zahlen; bei denen, die "Geiz ist geil" zum Credo ihrer Personalpoltik erhoben haben, wird eine Promotion eher keinen nennenswerten Mehrwert haben.
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Re: SPIEGEL: "Lohnt sich eine Promotion noch?"

Beitrag von Wierus »

Ich muss immer in mich hineinlachen, wenn ich in solchen Artikeln -die meiner Ansicht nach klar politisch motiviert sind (Fall Giffey)- lesen muss, dass sich Promotionen kaum noch lohnen, weil es in vielen Fächern eh fast jeder macht und der Gehaltsbonus dadurch schwindet.

Dahinter verbirgt sich aber ein zählebiger logischer Fehlschluss, welchen man in den Medien immer wieder vorgesetzt bekommt; denn wenn dem so ist, dann dürfte die schlechteste Option sein, auf die Promotion zu verzichten, weil man ja dann noch weniger zu bieten hat als die anderen. Ein Chemiker wird wohl kaum mit "Hallo, ich habe zwar keine Promotion, aber ich bin jung und willig!" bei potentiellen Arbeitgebern trumpfen können.

Dieser Fehlschluss war ja schon im Fall von Pierre Bourdieus Thesen zum "Bildungskapital" ein Problem. Denn wenn es stimmt, wie er sagt, dass die akademischen Abschlüsse stetig an Wert verlieren, welche sich die unteren Schichten im sozialen Aufstiegskampf hart erkämpfen müssen, dann heißt das noch lange nicht, auf sie verzichten zu können. Und Bourdieus Forderung war ja trotz allem immer: "Nicht weniger, sondern mehr Bildung!"

Und wenn es auch nur ein Detail ist:
Dass immer weniger Topmanager einen Doktortitel haben soll mir was genau sagen!? Dass ich keine Schulabschlüsse, sondern vor allem ein Eliten-Netzwerk und dazu das richtige Elternhaus brauche, um einer zu werden, vielleicht? :mrgreen:
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Re: SPIEGEL: "Lohnt sich eine Promotion noch?"

Beitrag von Grounded »

Wierus hat geschrieben: 27.11.2020, 12:57 Und wenn es auch nur ein Detail ist:
Dass immer weniger Topmanager einen Doktortitel haben soll mir was genau sagen!? Dass ich keine Schulabschlüsse, sondern vor allem ein Eliten-Netzwerk und dazu das richtige Elternhaus brauche, um einer zu werden, vielleicht? :mrgreen:
Das würde dir Pierre Bourdieu unter Bezugnahme auf das Soziale Kapital auch sagen. Verfügbares Kulturelles Kapital (Bildung) allein bringt niemanden unter die Topmanager.
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Re: SPIEGEL: "Lohnt sich eine Promotion noch?"

Beitrag von Zwonk »

Und mal wieder hat die berüchtigte Journalistendyskalkulie zugeschlagen:
Im Schnitt werden in Deutschland 25.000 Doktortitel im Jahr vergeben. Vor allem in den Naturwissenschaften gehört die Promotion sozusagen zur Grundausbildung. Jeder zweite Doktortitel wird in Mathematik, Chemie, Physik, Biologie oder Ingenieurwissenschaften verliehen.
Die Aussage ist völliger Müll, wenn ich nicht die Gesamtanzahl an Studenten betrachte. Wenn ich, in einer hypothetischen Welt, 100000 Studenten der Naturwissenschaften und 1000 Studenten der Soziologie habe und wir unter den Naturwissenschaftlern 5% Promovenden haben und unter den Soziologen 80%, dann gilt für den Spiegel weiterhin, dass "in den Naturwissenschaften die Promotion sozusagen zur Grundausbildung gehört". Immerhin sind 5000 ja mehr als 800 :roll:
12. Dec 2016;01. Feb 2017;f;zum neuen Job!
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