Depression nach Disputation

Irgendwann ist jeder fertig. Und dann darf er sich hier austoben :-)
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Reventlow
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Depression nach Disputation

Beitrag von Reventlow » 21.02.2019, 21:39

Meine Disputation war vergangene Woche und ich bin seitdem nicht in der erwarteten Hochstimmung. Ich schlafe schlecht und bin immer noch im Traum in der Prüfung. Ich bin irgendwie nicht fertig mit der Sache. Meine Erst- und Zweitgutachter waren, rückblickend, enorm schwierige Persönlichkeiten, die mich über Jahre belastet haben. Die Prüfungskommission dagegen war Gold, und die Prüfung lief gut. Aber die gesamte Situation, die Angst – ich darf es so nennen – vor der Prüfung ist noch da. Ich nehme fast einmal an, das ist normal. Ich weiß nicht so recht, wohin ich meine Anspannung jetzt orientieren soll, nach so langer Zeit der Vorbereitung und dem Stress, ob es klappt.

Ich weiß, ich müsste jetzt ins Spa und ein schönes Buch lesen usw., aber mich interessiert mehr, wie es Euch wirklich ging danach.

Danke!

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spirograph
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Re: Depression nach Disputation

Beitrag von spirograph » 21.02.2019, 22:54

Hi Reventlow,

beim Lesen deiner Zeilen fiel mir intuitiv die Konterfrage ein: Inwiefern kann man denken, dass nach dem Bestehen der Diss iwie damit im Verbund sich eine Hochstimmung einstellen sollte?

Ich bin mit meiner Diss nich fertig. Aber ich habe dies u das errungen. Externe Sachen. Insignien der Welt. Identifikation mit der Form. Nichts davon nährt mich konstant im Inneren. Mit meiner Diss habe ich nie solche Erwartungen verbunden. Es ist beinahe logisch, dass sich bei Dir keine Hochstimmung einstellt. Warum sollte das passieren? Du bist noch in Anspannung, dein ganzes neurologisches System ist noch in voller Fahrt. Du musst bestimmt krasse Cortisolspiegel haben. Das dauert ehe sich das runterfährt. Warts ma ab. Nimm dir ein Journal u schreibe deine Gedanken, Gefühle, Impulse, Intrusionen, Verwirrungen, Irritationen auf. Manifestiere dein inneres Ziehspiel auf Papier. Banne es so. Kein Spa kann das so tun, wie diese papierne Widmung. Geh auch einmal für eine Zeit in den Wald, ohne Handy, Du wirst in 4 - 5 h dort Abgrenzung u Erdung erfahren.

Schau in die Welt, Reventlow. Ich sage Dir, was ich sehe: Viele bringen sich in Deckungsgleichheit mit den diversen Formen der Welt (Leistung, Diploma, Diss, Ehe, Haus, Auto, Kids, Kaufen, Darstellen, Geld verdienen, Stellen kriegen, ...) u verbinden das mit der Erwartung von irgendeinem konstanten Glück. Nichts davon wird dauerhaft sein. Weil alles davon von vergänglichen Faktoren abhängt. Krasse Beispiele: Gunther Sachs, Merckle. Tatsächlich sind das alles Leerstellen, die durch unsere Annahmen vom Glück gefüllt werden. Nunja. Ich denke nicht, dass deine Überschrift über deinen threas zutrifft. Vielleicht bist Du ernüchtert. Eine gewisse Freude wird sich sicher einstellen, wenn dein Stresspegel/Filtersystem sich runterfährt. Aber Hochstimmung...

Meine Freude ist nicht von, nicht durch diese Welt. Ich denke auch inzwischen, dass man jene durchschreiten muss, und wenn es gedanklich ist, um dies zu verstehen. Man muss die Welt abhaken, um dauerhafte Freude zu angeln. Um es mal pointiert zu fassen. Von außen betrachtet, weißt Du, arbeite ich als wiMa, Doktorandin, blabla, innerlich denke ich in einem laufenden Strom an Gedanken an ganz (!) andere Dinge: Ich denke darüber nach, warum das alles hier so ist, wie es ist. Warum sich hier die Leute die ewig angstbeflissenen Dinge gegenseitig narratieren und sich daran nähren die ausgelöste Angst in den Augen des Gegenübers auch ja zu sehen? Warum sind manche Leute so getrieben, in Hetze begriffen und tragen das an mich heran? Welche Bedeutung hat Zeit für mich? Warum ist nicht alles durch Widmung u Zeit lös- und gestalbar, ganz ohne Furcht? Warum wir im Mangel sind und jenen auch gern in anderen beibehalten sehen wollen? Was wäre, wenn der Raum an Möglichkeiten und Varianten, das sich mein Leben nennt, frei u mit Freude gestaltbar für mich ist, zu jederzeit? Warum zögere ich, einem Gegenüber klar zu machen, dass es meine Lebenszeit ist, die er gerade in seinem ausbeuterischem Interesse verwalten will? Warum verteidige ich mich nicht vehementer? Warum arbeite ich gegen mich? Lebe ich in den Übernahmen der Deutungsmuster der ewigen Narrationen, die ich wiedergekäut tausenfach höre? Warum bin ich konditioniert an Furcht, was gibt mir Angst? Was, denke ich, finde ich in der Anerkennung von irgendwelchen Leuten? Was ist, wenn meine elendige Gekrümmtheit, meine Schwäche die wunderbarste Plattform ist, um mich aufzurichten? Was bedeuten die Dinge, die wenn ich von dieser Welt gehe, hier bleiben müssen, für mein Leben in dieser Welt letztlich wirklich? Nach welchem Substitut suche ich die ganze Zeit wirklich? usw.

Weißt Du, ich habe zwei enge Leute durch Freitod in dieser Welt verloren. Bei der einen ist es 8 Jahre her, bei dem einen n dreiviertel Jahr. Beides studierte Leute, vergeistigt, erfolgreich, intellektuell to the bone. Was bei der ersten verarbeitet war, kam bei dem letzten nochmal wieder. Nach der Nachricht vom Tod des einen vor nem dreiviertel Jahr habe ich initial ver-stand-en, dass ich (!) leben darf. "Ich aber darf leben!", so summt es seitdem in meinen Gedanken. Ich darf atmen, essen, schlafen, ich darf mir Zeit lassen. Mich konnte nichts so erfassen, als dass ich davon hinweggeworfen worden wäre in meiner bisherigen Lebenszeit! Sogar der Tumor an meiner Schädelbasis hats nich geschafft damals. Weißt Du, wenn es um die letzten Kategorien "Leben" oder "Tod" geht, nivelliert sich alles. Dann braucht keiner mehr n Breiten zu machen in iwas hier. All diese Insignien, Identifikationen mit iwas kürzen sich in einem Fingerschnipp weg. Dann ist alles gleich. Vielleicht dekliniert sich unser Leben näher an diesem letzten Dualismus, als wir uns in dieser Minute einräumen wollen. Man, wir dürfen leben und sein! Wir sind nicht in eine Unüberwindlichkeit hineingedrängt, als dass wir die letzte Kategorie aufmachen. Ich darf leben.

Seitdem ich die Nachricht bekam und meine Gedanken ordnen konnte, denke ich laufend seit vielen Wochen: Ey, spiro, man, Du darfst das alles machen! Du darfst deine Lebenszeit gestalten! Es ist für mich bestimmt, dass ich sein, leben darf. Mir wurde so viel Mut gegeben, dass auch wenn Leute und Ereignisse in dieser Welt mich entmutigt haben, es noch genug war, um wieder neuen Mut zu schöpfen - und weiterzugeben. Viele Träume sind nicht wahr geworden, aber genug, um weiter zu träumen, Ideen zu haben, Eingebungen - und diese auch weiter zu geben, multiplikatorisch. DAS ist eine konstante kindliche Demut u eine Hochstimmung, die die Welt nicht gegeben hat und die Welt kanns nicht wegnehmen--. Ich bin erfasst. Epiphanie. Laufend laufe ich in Gedanken, in meiner Innerlichkeit auf Nike Air, trotz abgelatschter Schuhe an meinem Mauken.

All diese Dinge wie Diss u Uni...ey, das sind die allerengsten Grenzziehungen. Da sind für mich Tätigkeiten, nicht mehr. Ich widme mich ihnen. Aber die Lösen sich angesichts der Größe des Leben-dürfens auf. Erfüllt bin ich durch ein ganz anderes Licht.

Nur ein Impuls.

spiro
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Kusmar
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Re: Depression nach Disputation

Beitrag von Kusmar » 22.02.2019, 09:02

Hi Reventlow

Ich habe die Disputation/mündliche Prüfung zwar noch vor mir und kann deine Situation nicht aus eigener Erfahrung beurteilen. Aber du hast ein Summa bekommen, und das ist doch einfach fantastisch!! Du hast das Maximum rausgeholt, und das kann man wirklich nur loben.

Es ist glaub auch normal, dass man nach langen und intensiven Arbeitsphasen erstmal in ein Loch fällt. Das war bei mir so nach Studiumende und nach Abgabe der Diss. Es ist einfach nicht schön, man denkt, man hätte noch mehr machen können z.B. Insofern ist deine Situation glaub nicht ungewöhnlich. Dein Körper und deine Psyche brauchen wohl eine gewisse Zeit, um sich von der Dissphase zu lösen. Ein Freund sagte mir, dass es bei ihm ein halbes Jahr dauerte, bis er wieder "normal" wurde.

Ich glaube bei dir ist alles im grünen Bereich und es geht wohl vielen so. Auf jeden Fall herzliche Gratulation zum erfolgreichen Abschluss. Da kannst du stolz sein.

Gruss Kusmar
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