Entscheidung Postdoc: bleiben, vertiefen, viel publizieren vs. neue Herausforderungen?

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Fragender_Physiker
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Entscheidung Postdoc: bleiben, vertiefen, viel publizieren vs. neue Herausforderungen?

Beitrag von Fragender_Physiker »

Hallo Forengemeinde,

ich bin auf der Suche eurem Rat und euren Erfahrungen hinsichtlich der weiteren Schritte und Karriereplanung nach der Promotion.

Meine Situation: ich habe an einer Uni in den USA promoviert und zeitgleich mit einem renommierten Forschungsinstitut in Deutschland kollaboriert. Nun habe ich das Angebot bei meinem bisherigen Arbeitgeber weiterzumachen, d.h. fuer die amerikanische Uni in Deutschland in dem renommierten Forschungsinstitut als Postdoc weiterzuarbeiten. Der Vorteil ist, dass ich eingearbeitet bin, mich mit den Kollegen gut verstehe, die Methoden gut beherrsche und viele Daten zum Analysieren und Publizieren habe. Gerade das Publizieren waeren jetzt sehr leicht. Es gibt aber wenig feste Stellen vor Ort und es herrscht ein grosser Wettbewerb. Ich bliebe bei meinem amerikanischen Arbeitgeber angestellt und muesste darauf hoffen, dass meine akademischen Leistungen irgendwann als ausreichend angesehen werden (weniger das Problem) und sich vor Ort eine Chance zur Festanstellung ergibt (hoher Wettbewerb).

Gleichzeitig haette ich auch die Moeglichkeiten und Angebote fuer andere renommierte Forschungseinrichtungen in den USA zu arbeiten, teilweise industrienah. In letzteren Faellen muesste ich mich neu einarbeiten und teilweise neue Methoden erlernen, was das Publizieren erstmal ausbremst. Es waere eine groessere Herausforderung, sowohl privat als auch fachlich. Es wuerde bedeuten nochmal richtig aus der Comfortzone rauszugehen. Aber es waere sicher eine grossartige (aber auch sehr stressige) Gelegenheit zu wachsen und generell mehr Lebenserfahrung zu sammeln.

Es kommt hinzu, dass ich bereits 35 Jahre alt bin, vielleicht waere es da wichtiger mehr in die Tiefe zu gehen und zu Publizieren.

Also kurz - habt ihr Empfehlungen? Den bequemen und entspannteren Weg gehen und bleiben, sich vertiefen, viel Publizieren beim bisherigen Arbeitgeber (durchaus renommiertes Umfeld/Institutionen) und auf eine feste Stelle vor Ort hoffen? Oder lieber neue Herausforderung annehmen, wieder ins Ausland gehen, weniger Publizieren, dafuer neue Umgebungen, Methoden und Kollegen kennenlernen, sich breiter aufstellen? (In meinem Alter.)
Was waere fuer eine akademische Karriere sinnvoll? Waere der eine oder andere Weg vielleicht fuer alternative Wege interessanter (Industrie/Beratung/Politik, aber Achtung: Alter)?


Eure Hinweise, Sichtweisen oder Erfahrungen wuerden mich sehr interessieren. - Vielen Dank!

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flip
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Re: Entscheidung Postdoc: bleiben, vertiefen, viel publizieren vs. neue Herausforderungen?

Beitrag von flip »

Ganz einfache Frage:

Was ist dein Ziel?
spirograph
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Re: Entscheidung Postdoc: bleiben, vertiefen, viel publizieren vs. neue Herausforderungen?

Beitrag von spirograph »

Fragender_Physiker hat geschrieben: 19.02.2019, 11:53 Was waere fuer eine akademische Karriere sinnvoll? Waere der eine oder andere Weg vielleicht fuer alternative Wege interessanter (Industrie/Beratung/Politik, aber Achtung: Alter)?
Hi,

wann immer ich vor Entscheidungen stehe, ob privat oder beruflich, was auch immer. Frage ich mich immer selbst zuerst (und dann meine innersten Leute): Es ist meine Lebenszeit, was will ich damit am besten machen? Ich denke da immer stets vom Ende her, halte mir vor Augen, dass ich evtl. 80 Jahre habe, vielleicht auch nicht, ggf. weniger. Was will ich damit machen? Ich glaube, diese Frage ist der o.g. Eingangsfrage von Dir höhergestellt. So stratifiziere ich das zumindest in meinem Leben. Zuerst: Die Gestaltung meiner Lebenszeit. Dann iwann später: Was wäre evtl. jetzt günstig für ne sowas wie ne Berufsbiographie. Karriere/ Laufbahn nehm ich als Wort nicht in den Mund. Ich gehe da eher thematisch vor: Was interessiert mich thematisch jetzt eher/ am meisten? Was will ich für mich noch lernen? Wie kann ich "meinem" Thema noch mehr/besser dienen in der Bearbeitung?

Will sagen (mein Impuls für Dich heute am Dienstag): Geh von Dir u deiner Lebenszeit aus, gestalte Deinen Weg durch diese Zeit. Dann: Geh von deinem Thema aus, geh von einer Reifung/Vertiefung für Dich durch eine bestimmte Stelle/Tätigkeit aus: Welche Stelle/Position/Platz in der Welt kann mir als Träger dieses Themas jetzt am ehsten/meisten dienen, hinzutun?

Dir wünsche ich alles Gute. Du hast schon krass viel gerockt, wow.

Mein beste Freund ist btw Physiker. Promoviert. Arbeite seit Jahren in einem Forschungszentrum im Osten der Republik als wiMa in "Festanstellung". Er publiziert dort, arbeitet, forscht, fährt Langlaufski, wandert, chillt. Ist glücklich. Aber auch er ist manchmal so weit, dass er kündigen will, um nochmal Förster oder Ranger zu machen. Mich lehrt das immer, dass das äußere Gerüst kein Substitut, kein tragende Substitut in the long run is für dein Innerstes.

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Re: Entscheidung Postdoc: bleiben, vertiefen, viel publizieren vs. neue Herausforderungen?

Beitrag von Jack24 »

Für eine akademische Karriere wird erwartet, dass man sich aus der Komfortzone heraus bewegt und herum kommt. Postdoc am gleichen Institut zu machen nach der Promotion, ist nicht gut. Sinn des Postdocs ist ja auch, etwas neues zu lernen, in eine neue Umgebung zu kommen, zu zeigen, dass man sich selbständig bewähren kann und in anderen Arbeitskreisen mit den Leuten zurecht kommt und auch dort produktiv sein kann. Strategisch ist in Deinem Fall auch die Geographie zu berücksichtigen: Wo will man lieber langfristig arbeiten: Amerika oder Europa. Jedesmal zum Vorsingen über den Teich zu fliegen, ist nervig und kann sehr ins Geld gehen. Obschon: So manche Berufungskommission zeigt sich beeindruckt, wenn man auf eigene Kosten extra aus Amerika oder gar Australien einfliegt.
Dell
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Re: Entscheidung Postdoc: bleiben, vertiefen, viel publizieren vs. neue Herausforderungen?

Beitrag von Dell »

Ich finde beide Optionen wirklich OK. Du würdest ja deinen Arbeitsplatz von USA nach Deutschland wechseln (wenn auch nicht den Arbeitgeber). Mobilität zeigt das auch.
Die Entwicklungs- und Lernkurve ist bei einem echten Wechsel immer am höchsten (und das macht natürlich auch Spass), und das Netzwerk wird weiter.
Da du nicht mehr der jüngste bist würde ich von langen Findungsphasen trotzdem abraten, und mehr auf einen roten Faden achten, wenn es denn Richtung Prof gehen soll.

Vielleicht erst Ziele definieren (Stellung, Wohnort, Industrie/Academia) und dann nochmal überlegen welcher Job dich dort eher hinbringen kann.

Viel Erfolg!
Fragender_Physiker
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Re: Entscheidung Postdoc: bleiben, vertiefen, viel publizieren vs. neue Herausforderungen?

Beitrag von Fragender_Physiker »

Vielen Dank fuer die schnellen und umfangreichen Antworten!

Ja, ich habe die Frage zu komplex gestellt. Es waere einfacher, wenn man weniger Optionen betrachtet. Der Punkt mit der Lebenszeit ist natuerlich gut (aber hier denken Wissenschaftler oft anders - "Er starb in seinen Stiefeln", das Alter ist leider trotzdem fuer Karrierewege entscheidend). Ich denke fuer das was ich mache wird es absehbar keine Industrie in Deutschland geben, wohl aber in den USA. Die Forschung beschraenkt sich in Deutschland und Europa im Wesentlichen auf einige wenige Institute bzw. Forschungszentren.
Und die persoenliche Situation - bei haeufigen Ortswechseln baut man natuerlich keine grosse Ortsgebundenheit und tiefen Freundschaften auf. Man hat dann eher Bekannte und Kollegen ueberall verstreut auf der Welt. Ohne Familie und Partnerschaft ist man ganz frei in der Entscheidung.

Aber vielen Dank, ich fande alle Antworten hilfreich und anregend und werde sie weiter in meine Ueberlegungen miteinbeziehen. - Vor allem die Fragen/Ziele hinsichtlich geplantem Werdegang muessen noch klarer, spezifischer und widerspruchsfreier definiert werden.

Ich hoffe, es hilft auch anderen weiter. Wer moechte teile gerne seine Gedanken oder Erfahrungen dazu mit.
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