Postdoc oder doch Industrie/Wirtschaft?

Irgendwann ist jeder fertig. Und dann darf er sich hier austoben :-)
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Bamboozled
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Postdoc oder doch Industrie/Wirtschaft?

Beitrag von Bamboozled » 19.08.2018, 00:04

Liebes Forum,

zur Zeit beschäftigen mich ein paar Gedanken und würde gerne von euch wissen, was ihr davon haltet.

Ich habe vor etwa 5 Monaten promoviert (Chemie) und bewerbe mich derzeit für einen Direkteinstieg in Unternehmen. Leider ist die Resonanz der Unternehmen recht mager bzw. ich bekomme meist absagen, lasse mich davon aber (noch) nicht entmutigen. Durch die "Sommerpause" sind ja interessante Stellen zur Zeit auch Mangelware.
Jetzt habe ich mir überlegt, ob es Sinn macht, der Arbeitslosigkeit durch einen Postdoc-Aufenthalt im Ausland entgegenzuwirken. Ich habe eine interessante Stelle bei einem Prof gefunden und es sieht relativ gut aus, dass ich die Postdoc-Stelle bekomme (angestellt an der dortigen Uni). Was mir so Kopfzerbrechen bereitet ist, dass ich schon 30 Jahre alt bin, das heißt nach meinem Postdoc werde ich wahrscheinlich 32-33 Jahre alt sein (Stelle ist auf 2 Jahre ausgelegt). Meint Ihr, man ist da noch attraktiv für Unternehmen?
Ich habe einfach Angst, dass es mehr oder weniger eine "Zeitverschwendung" ist, zumal ich eigentlich keine akademische Laufbahn eingehen möchte. Andererseits ist ja Auslanderfahrung durchaus positiv zu bewerten und immernoch besser als arbeitslos zu sein und auf einen Direkteinstieg "zu hoffen".

Vielleicht sind ja ein paar Leidgenossen hier und können mir Ihre Erfahrungen mitteilen.

Dnake im Voraus und liebe Grüße

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Jack24
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Re: Postdoc oder doch Industrie/Wirtschaft?

Beitrag von Jack24 » 15.09.2018, 19:59

Hallo,

es ist auf jeden Fall besser, einen Postdoc im Ausland zu machen, als arbeitslos zu sein. Die Erfahrung ist sicher positiv zu bewerten. Man muss sich allein in einem fremden Land bewähren, Organisationstalent beweisen, mit anderen Leuten zurechtkommen, deren Sprache man nicht perfekt spricht, oder die auch nur begrenzte Englisch-Kenntnisse haben. Führungskräfte in der chemischen Industrie werden auch häufig eine Zeit lang im Ausland eingesetzt, oder reisen viel international. Davon abgesehen, werden die Bewerbungen ja weiter laufen. Man muss keinesfalls die 2 Jahre auf der Postdocstelle absitzen. Das habe ich von meinen Postdocs auch nie verlangt, im Gegenteil, ich gehe davon aus, dass sie sich in einer Bewerbungsphase befinden und stelle auch gerne Empfehlungsscheiben aus.

Beste Grüße.

rerx
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Re: Postdoc oder doch Industrie/Wirtschaft?

Beitrag von rerx » 17.09.2018, 10:33

Ich komme aus der Physik, nicht der Chemie, habe aber doch den Eindruck bekommen, dass bei Chemikern ein Postdoc viel eher noch der praktischen Qualifikation zugute kommt, als es etwa bei den meisten Physikern der Fall ist...

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Re: Postdoc oder doch Industrie/Wirtschaft?

Beitrag von zombie777 » 14.10.2018, 19:35

Ich komme zwar aus einem ganz anderen Bereich, habe mir aber damals direkt nach der Promotion auch Gedanken gemacht, ob ich einen Postdoc machen sollte.

Das scheint, zumindest in Sozialwissenschaften, keine gute Idee zu sein, es sei denn man möchte in der Forschung bleiben.

Es war nicht einfach, nach der Promotion eine Stelle zu finden, bin aber sicher, dass es nach einem Postdoc noch schwerer gewesen wäre. Ich kenne ein paar BWLer und Soziologen, die nach dem Doktor in die Wirtschaft wollten und leider mussten die meisten als Juniors einsteigen. Nach einem Postdoc wäre das auch der Fall gewesen. Der Unterschied wäre: Nach der Promotion bist du gegen 30 und wirst noch bei Bewerbungen um Junior-Stellen berücksichtigt. Mit 33-34 sind deine Chancen, berücksichtigt zu werden, deutlich schlechter.

Normalerweise gilt: Je früher man eine Stelle draußen findet, desto besser. Es sei denn man möchte in einer Funktion arbeiten, die sehr stark mit der wissenschaftlichen Karriere zusammenhängt (z.B. R&D-Abteilungen, Big Data) - dann gilt das, was ich hier schreibe nicht unbedingt.

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Re: Postdoc oder doch Industrie/Wirtschaft?

Beitrag von Jack24 » 14.10.2018, 21:02

zombie777 hat geschrieben:
14.10.2018, 19:35
Ich komme zwar aus einem ganz anderen Bereich, habe mir aber damals direkt nach der Promotion auch Gedanken gemacht, ob ich einen Postdoc machen sollte.

Das scheint, zumindest in Sozialwissenschaften, keine gute Idee zu sein, es sei denn man möchte in der Forschung bleiben.

Es war nicht einfach, nach der Promotion eine Stelle zu finden, bin aber sicher, dass es nach einem Postdoc noch schwerer gewesen wäre. Ich kenne ein paar BWLer und Soziologen, die nach dem Doktor in die Wirtschaft wollten und leider mussten die meisten als Juniors einsteigen. Nach einem Postdoc wäre das auch der Fall gewesen. Der Unterschied wäre: Nach der Promotion bist du gegen 30 und wirst noch bei Bewerbungen um Junior-Stellen berücksichtigt. Mit 33-34 sind deine Chancen, berücksichtigt zu werden, deutlich schlechter.

Normalerweise gilt: Je früher man eine Stelle draußen findet, desto besser. Es sei denn man möchte in einer Funktion arbeiten, die sehr stark mit der wissenschaftlichen Karriere zusammenhängt (z.B. R&D-Abteilungen, Big Data) - dann gilt das, was ich hier schreibe nicht unbedingt.
Der klassische Einstieg des Chemikers in die Industrie ist eine Forschungsabteilung. Dafür ist ein vorheriger Postdoc eine gute Vorbereitung, wenn er nicht zu lang andauert. Gerade ein Postdoc im Ausland sollte Vorteile bringen, denn junge Industriechemiker werden auch gerne mal auf Reisen geschickt. Insofern ist hier nichts vergleichbar mit BWL oder Sozialwissenschaften.

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Re: Postdoc oder doch Industrie/Wirtschaft?

Beitrag von zombie777 » 16.10.2018, 20:20

Jack24 hat geschrieben:
14.10.2018, 21:02

Der klassische Einstieg des Chemikers in die Industrie ist eine Forschungsabteilung. Dafür ist ein vorheriger Postdoc eine gute Vorbereitung, wenn er nicht zu lang andauert. Gerade ein Postdoc im Ausland sollte Vorteile bringen, denn junge Industriechemiker werden auch gerne mal auf Reisen geschickt. Insofern ist hier nichts vergleichbar mit BWL oder Sozialwissenschaften.
Der klassische - ja. Aber der Autor schreibt nicht in welchem Bereich er arbeiten möchte.

Ich kenne eine Menge Chemiker, die außerhalb den klassischen Berufen arbeiten, z.B. in der Beratung oder in allen möglichen Berufen außerhalb R&D bei Chemie-Unternehmen. Da wird ein Postdoc kein Plus sein.

Klar, wenn man keine Alternative hat, ist ein Postdoc immer eine Chance, etwas zu machen und nicht deprimiert zuhause zu sitzen, wobei es nicht sicher ist, ob es nach dem Postdoc einfacher sein wird.

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Re: Postdoc oder doch Industrie/Wirtschaft?

Beitrag von spirograph » 16.10.2018, 21:18

Hi liebe Leute in diesem thread,

ich werde jetzt keinen substanziellen Beitrag leisten können, aber einige Aspekte, die hier besprochen worden, treffen mich doch. Ich finde es so krass und überraschend, dass so vollumfänglich ausgebildete Menschen, die Chemie oder andere (für mich voll schwierige!) Naturwissenschaften studiert haben und darin auch noch promoviert sind, ja, dass es denen so schwer gemacht wird. Ich kann das gar nicht verstehen. Euch sollte man doch mit Kusshand sofortigst "nehmen". Wieso ist die Resonanz bspw von Unternehmen so "mager", wieso sollte es iwie hinderlich sein, wenn man sein Interesse und Talent in einer Post-Doc-Phase vertieft!? Das ist etwas, was ich nie verstanden habe oder verstehe, warum es Naturwissenschaftler/ Promovierte in diesem Bereich soooo schwer haben, also exorbitant schwer, bzw. es denen so schwer gemacht wird. Ich denke mir dann immer, was da für Können und Wissen "verschenkt" wird, weil, ja, es wohl so ist (wie hier dargestellt wird), dass der Berufsmarkt doch so schwer ist....ich finde das im negativen Sinne krass. Fachkräftemangel und so.

Ich weiß, wie ihr Euch ggf fühlt. Damals als ich mit meinem (pobligen) Lehramtsstudium abschloss, sagten uns die Dozenten im Seminar, dass man "sehr gut" sein müsse, um ÜBERHAUPT in die NÄHE eines Referendariatsplatzes zu kommen. Alles "unter 1,3" könne man vergessen. Ich erinnere mich an die Stunde, wie als ob es gestern war: Traurige Gesichter im Seminar, Flügel gestutzt bei Leuten, die übelst Bock hatten, sich über Jahre angestrengt hatten, große Traurigkeit. Klingt pathetisch, war aber so. Viele sind nach BaWü gegangen oder Bayern. Sind dort verbeamtet worden, haben sich Eigenheime gebaut. Und jetzt, wenige Jahre später: plötzlich Lehrkräftemangel überall, "händerringend gesucht" und son Bums. Damals, als das zu uns gesagt worde, da hätte man die Leute sofort einstellen müssen, aber neeeee: die Message war "weg, weg, weg mit Euch!". War schlimm damals. Ich glaube auch, das der Dozent, der das sagte, auch iwie Spaß daran hatte, die Leute zu dämpfen. So sick ist das Alles hier.

Ich will hier keinen voll sülzen, nur Mut machen: Fühlt Euch nicht doof, das System ist dran schuld. Zweifelt nicht an Euch, zweifelt an dem Scheiß drumrum! Werdet trotzig auf ne veträgliche Art. Ihr wisst schon, was ich meine. Wie als ob die Leute, die es so krass drauf haben, und nun jetzt schwer Fuß fassen, als ob die selbst "dran Schuld" wären...."faul" wären oder sonst was. Päh! Das System um Euch muss sick sein, wenn so krass ausgebildete Leute wie ihr auch nur eine Woche sog. "arbeitslos" irgendwo sitzen.

Wie gesagt, es nützt Euch substanziell nichts, der Kram, den ich schreibe. Aber ich weiß, wie das ist. Wenn einem so ein "weg, weg, weg mit Euch!"-Gefühl mitgegeben wird. Ich weiß, was das mit einem macht. Es trifft einen. Weil es ungerecht ist. Es wird der Leistungsethik, die wir hier alle bedienen und nachweislich erfolgreich realisiert haben, den ganzen Opfern, den unbesehenen Nerventhrills und Anstrengungen, dem Verzicht, nicht gerecht. Und doch wird es so mir nichts dir nicht ausgesprochen---.


Bin wieder weg. Nerve nich weiter. spiro.
Wie groß ist das Wort Claudels: „La vie, c’est une grande aventure vers la lumiere“ (Das Leben ist ein großes Abenteuer zum Lichte hin)

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Re: Postdoc oder doch Industrie/Wirtschaft?

Beitrag von flip » 16.10.2018, 23:28

Ich finde es so krass und überraschend, dass so vollumfänglich ausgebildete Menschen, die Chemie oder andere (für mich voll schwierige!) Naturwissenschaften studiert haben und darin auch noch promoviert sind, ja, dass es denen so schwer gemacht wird. Ich kann das gar nicht verstehen. Euch sollte man doch mit Kusshand sofortigst "nehmen". Wieso ist die Resonanz bspw von Unternehmen so "mager", wieso sollte es iwie hinderlich sein, wenn man sein Interesse und Talent in einer Post-Doc-Phase vertieft!? Das ist etwas, was ich nie verstanden habe oder verstehe, warum es Naturwissenschaftler/ Promovierte in diesem Bereich soooo schwer haben, also exorbitant schwer, bzw. es denen so schwer gemacht wird. Ich denke mir dann immer, was da für Können und Wissen "verschenkt" wird, weil, ja, es wohl so ist (wie hier dargestellt wird), dass der Berufsmarkt doch so schwer ist....ich finde das im negativen Sinne krass. Fachkräftemangel und so.
Am Ende des Tages zählt nicht, dass man sein Interesse vertieft hat, sondern, dass man dieses auch in Fähigkeiten ummünzt, die auch für Unternehmen wichtig sind. Wenn das nicht der Fall ist, ist man einfach nur einer von vielen anderen. Und dann kommt halt Beratung oder Vertrieb.

Gerade Mathematiker, Physiker oder Chemiker haben das Problem, dass sie während der Forschung zu stark in eine Nische abdriften können. Daher arbeiten sie dann später relativ fach fremd. Das gilt auch für andere Fachrichtungen. Es wundert mich ehrlich gesagt, dass du das bisher nicht verstanden hast...

Bamboozled
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Re: Postdoc oder doch Industrie/Wirtschaft?

Beitrag von Bamboozled » 22.10.2018, 13:44

Hallo Ihr,

erstmal möchte ich mich für die zahlreichen Beiträge bedanken und mich auch für meine späte Rückmeldung entschuldigen.

Leider konnte ich die Post-Doc Stelle im Auenland nicht antreten, da die Stelle kurzfristig gestrichen wurde (Laut Prof gab es wohl doch kein Geld, war wohl irgendein Antrag...) Nunja, ich bin leider immernoch auf der Suche nach einer Stelle in der Industrie/Wirtschaft und mich überkommt so langsam der Unmut. Solangsam wird es eng mit der Jobsuche und ich bin mittlerweile doch frustriert, auch wenn ich das anfangs vielleicht noch nicht war.
Es heißt wohl nach wie vor: weiter bewerben, weiter bewerben, weiter bewerben...

Viele liebe Grüße

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