Habil mit Anfang 40 zu spät?

Irgendwann ist jeder fertig. Und dann darf er sich hier austoben :-)
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Habil mit Anfang 40 zu spät?

Beitrag von Funkwecker » 16.06.2017, 18:06

Hi,

ich stehe vor der Überlegung meinen gegenwärtigen unbefristeten Job in der Automobilindustrie/IT aufzugeben und eine auf 6 Jahre befristete Stelle als Akd. Rat anzutreten in der ich meine Habilitation anfangen und durchziehen möchte. Problem: Wenn ich damit fertig bin, bin ich dann zwischen 40 und 42 Jahre alt. Habe ich in dem Alter überhaupt noch eine Chance eine Professur an einer Deutschen Uni zu bekommen? Wie ist eure Einschätzung?

LG
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flip
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Re: Habil mit Anfang 40 zu spät?

Beitrag von flip » 16.06.2017, 18:22

Also, ich fasse mal gerade zusammen:

Vor zwei Jahren warst du arbeitslos, dann bist du aus deiner resignierten Stellung heraus bei einem "Premium-Autohersteller" untergekommen und genießt die Vorzüge eines Konzerns. Soweit doch erstmal gut.

Dann
- Zwei Jahre Post-Doc in den USA oder doch
- Zweiten Doktor oder doch
- FH Professur oder doch
final: Uni-Professur bzw. Habil.

Es scheint, als ob du dir alle paar Monate etwas neues in den Kopf setzt.
Was genau ist dein Ziel? Du hältst sich ziemlich bedeckt was Veröffentlichungen angeht (Uni) oder qualifizierenden Tätigkeiten für die FH.
Warum nicht mal eine Sache richtig verfolgen? Du kannst dich neben deiner laufenden 35 Stunden Woche locker um Dozententätigkeiten bemühen und/oder selber weiter Forschung betreiben? Also publizieren. Wäre ein Anfang für die FH...


Ganz andere Frage, wegen des Alters: Was ist mit Familie, bzw. örtliche Bindung?

Funkwecker
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Re: Habil mit Anfang 40 zu spät?

Beitrag von Funkwecker » 20.06.2017, 16:03

Hi,

danke für die aufrichtige Meinung. Ich weiß, dass ich in meiner Lebenslauf-Planung sehr schwimme. Das einzige was ich weiß ist, dass ich mit Forschung mein Geld verdienen möchte, alles andere ist zweitrangig. Leider ist dieses Vorhaben schwierig bis unmöglich. Familie habe ich keine, auch keinen Partner.

Auch wenn ich gerade eine gute dotierte Stelle in der Wirtschaft innehabe so fühle ich mich hier sehr falsch. Ich möchte publizieren, dass ist eine der wenigen Dinge, die meinem Leben einen Sinn geben. Ich versuche natürlich weiter zu publizieren, neben den Job. Aber es macht natürlich einen großen Unterschied, ob man es nebenher macht oder eben full time. Ich sehe für mich folgende Optionen:

a) Meine Industrie-Stelle behalten und weiter publizieren/evtl. sogar Habilitation anstreben. Da ich ganz gut verdiene, könnte ich sogar nächstes Jahr auf 30 Stunden reduzieren um mich noch mehr dem Forschen widmen zu können. Forschung im Konzern ist leider nicht möglich. Positiv ist bei dieser Option, dass sich mir nach genügen Erfahrung die FH-Prof-Stelle als Option ermöglichen sollte. FH-Prof kann später sogar als Sprungbrett für Uni-Prof fungieren (wie bei meinem Doktorvater geschehen). Ich habe jedoch gehörig Angst vor der vielen Lehre und forschen tut man dort ja auch eher wenig.

b) Eine befristete (6 Jahre) PostDoc-Stelle annehmen. Positiv ist, dass ich Lehr- und Drittmittelerfahrung sammeln kann und wieder im wiss. Umfeld arbeiten kann. Publizieren und Habil sollten auch drin sein. Negativ ist, dass die Lehrbelastung nicht unerheblich sein wird (4-8 SWS) und ich, mit Pech, nach 6 Jahren als Alt-Akademiker unvermittelbar auf dem Arbeitsmarkt lande... zwar mit Habil (hoffentlich) aber eben recht alt (43).

c) Tenure-Track. Wie b) nur eben mit langfristiger Perspektive auf eine Professur. Problem: Stellen rar gesät, häufig eher im Ausland (USA).

d) Forschungsinstitut. Bei den großen (DLR, Fraunhofer) gibt es selten sogar Dauerstellen (nach ein anfänglicher Befristung). Das wäre fast meine Lieblingslösung, da der Lehre-Stress entfällt und man sich ganz der Wissenschaftlichen Arbeit widmen kann. Aber Stellen sind auch sehr rar, insbesondere Dauerstellen.

Eine schwierige Entscheidung. Ich traue mich irgendwie nicht, mich für b) zu entscheiden. Mit 30 hätte ich das vielleicht noch gemacht, aber mittlerweile konkuriere ich auf dem akademischen Arbeitsmarkt mit aufstrebenden 30-jährigen Jungwissenschaftlern und eine Habil garantiert einem heute keine Professur mehr, sondern verliert sogar mehr und mehr an Bedeutung. Auch als ich noch jung war, gehörte ich sicher nicht zu den besten meines Faches. Ich habe zwar gut publiziert, aber doch eher wenig. Auf der anderen Seite sagt man ja auch, dass man wagen muss, um zu gewinnen.

Wie würdet ihr entscheiden? Könnte a) nicht sogar auch ein Sprungbrett für eine Akad. Karriere sein? Immerhin lautet meine Berufsbezeichnung "Senior Data Scientist"... ist vielleicht mehr wert, als "Universitätsassitent". Keine Ahnung.

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Re: Habil mit Anfang 40 zu spät?

Beitrag von oclock » 22.06.2017, 02:16

Schwierige Entscheidung.

Bedenke: Als Prof. An einer FH kannst Du an Themen arbeiten, die Du definierst. Als Postdoc bist Du auch ziemlich frei. An einem Forschungsinstitut sind Themen durch Präferenzen der Abteilungsleiter, Projektlage und Strategie des Institutleiters abhängig. Du könntest auch nur Industrieprojekte bekommen und kannst gar nicht forschen.

Du hast bei a) vergessen, dass du unbedingt Lehrerfahrung benötigst.

Wie viel Zeit Du neben der Lehre in Forschung steckst bleibt Dir überlassen. Dementsprechend kannst Du mehr oder weniger erreichen. 18 SWS + Vorbereitung + Betreuung von StudEnten + EMAIL + Gremiensitzungen + Reakkreditierungen fressen sehr viel Zeit. Nach Forschung fragt dort niemand.

FH Prof -> Uni Prof: Eher selten.

Ich stehe gerade vor der Entscheidung: unbefristete Stelle an einem Forschungsinstitut für eine FH Professur aufgeben? Selbstbestimmt vs. Fremdbestimmt, Viel Lehre und wenig, aber selbstbestimmte Forschung vs Viel fremdbestimmte Forschung und keine/kaum Lehre. Verbeamtung vs. Anstellung. Viele Annehmlichkeiten am FI, die an der FH entfallen würden. Mehr Geld an der FH. Wegziehen vs. Family& Friends.

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Re: Habil mit Anfang 40 zu spät?

Beitrag von Funkwecker » 22.06.2017, 07:02

Hi,

aber deine unbefristete Stelle an einem Forschungsinstitut ist doch sicherlich keine reine Forschungsstelle? Sicher musst du dort auch Drittmittel einwerben, Klinkenputzen, Verwaltungsarbeit erledigen oder Personalverwantwortung tragen, oder? Darf ich fragen, welche Forschungsgesellschaft? Ich denke, da gibt es auch erhebliche Unterschiede, Fraunhofer ist wohl sicher das Industrinäheste Forschungsinstitut.

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Re: Habil mit Anfang 40 zu spät?

Beitrag von oclock » 22.06.2017, 14:48

Sicher musst du dort auch Drittmittel einwerben, Klinkenputzen, Verwaltungsarbeit erledigen oder Personalverwantwortung tragen, oder?
Drittmittel einwerben muss hier jeder, ob befristet oder unbefristet eingestellt, ist egal. Anträge werden "am laufenden Band" geschrieben (ca. zweimal im Jahr sind Einreichungsfristen und dann muss jeder mit anpacken).

Wenn Du nicht Gruppen- oder Abteilungsleiter bist, hast Du nicht wirklich Personalverantwortung. Als wissenschaftlicher Mitarbeiter, betreut man Studenten (Bachelor/Master) auf fachlicher Ebene, arbeitet selbst in Forschungsprojekten (also selbst programmieren etc.), muss (!) auf Konferenzen, Workshops etc.publizieren. Ab und an musst Du Gäste mit internen Vorträgen beglücken, und hier und da andere Tätigkeiten übernehmen. Ich sag mal so: Ein Großteil Deiner Zeit hast Du für Forschung zur Verfügung (übers Jahr verteilt), aber mit den genannten Einschränkungen, dass das Thema von der Projektlage abhängt. Du forschst also nicht an einer tollen Methode bis Du zufrieden damit bist, sondern nur bis zur Deadline bzw. Projektende, danach gehts u.U. ganz anders weiter. Manchmal bist bist Du mit Nebentätigkeiten so sehr beschäftigt, dass für das eigentliche Projekt wenig Zeit bleibt und Du auf die schnelle was entwickelst, damit Du zur Deadline was vorweisen kannst. Manchmal hast Du viel Zeit und kannst Dich austoben. Prinzipiell tanzt Du aber immer nach der Pfeife des Chefs. Meist hast Du eine ganz normal 40 Stunden/Woche, manchmal aber auch etwas mehr, wegen Deadlines. Mitarbeiter, bzw. Führungsverantwortung etc. hast Du aber nicht wirklich.

Auch wenn das von mir Geschriebene etwas negativ klingt, meine ich das nicht so. Es kann auch Spaß machen, aber nicht alles ist Gold, was glänzt. Jede Stelle (FH, UNI, FI, Unternehmen) hat spezifische Vor- und Nachteile. Meist kennt man sie als Aussenstehender aber nicht, weil man bisher noch keine Einblicke hatte.
Auch ein Uni-Professor hat nicht nur ein schönes Leben: Er muss ständig Geld für Mitarbeiter akquirieren und Papers generieren, weil das zu seiner Hauptaufgabe gehört etc. Viele Professoren sind keine Forscher, sondern eher Forschungsmanager. Auch ein Postdoc hat Stress, wenn er später weiterhin wissenschaftlich tätig sein möchte. Theoretisch kannst Du 6 Jahre Postdoc machen, aber wenn nach 2 Jahren kein Geld mehr da ist, hast Du Pech. Ein FH Professor muss hin und wieder mal neue Vorlesungen vorbereiten und hat dann schlaflose Nächte und forschen kostet extra Energie. Dafür fragt niemand nach einer bestimmten Anzahl von Papers. Professoren sind selbstständig tätig. Eine Arbeitszeitregelung gibt es nicht. D.h., wenn Du für irgendetwas 80 Stunden/Woche benötigst, musst Du das halt machen. An einem FI geht das geregelter zu. Ich wurde noch nie gezwungen erheblich mehr als 40 Std/Woche zu arbeiten, wenn ich das mache, dann freiwillig, weil mich etwas persönlich interessiert.

Wenn Du wirklich nur forschen willst und Du Deine Arbeitszeit auf 30 Std/Woche reduzieren kannst und Zeit zum publizieren hast (Konferenzen verschlingen gerne mal eine ganze Woche), dann ist die Forschungs-Ich-AG evtl. die beste Variante. Wenn Du aber Karriere in der Forschung machen möchtest, dann wird es schwierig, weil dann evtl. Deine Träume/Vorstellungen mit der Realität konfrontiert werden :)

Darf ich fragen, welche Forschungsgesellschaft? Ich denke, da gibt es auch erhebliche Unterschiede, .
Fragen darfst Du... :twisted:
Ja klar, gibt es Unterschiede. Aber die Frage ist auch, wo hast Du Chancen unterzukommen. Ist jetzt nicht so, dass man sich diese Stellen aussuchen kann. Unbefristet schon gar nicht.

Funkwecker
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Re: Habil mit Anfang 40 zu spät?

Beitrag von Funkwecker » 04.07.2017, 21:42

Danke für deine Antwort. Eigentlich ist die Frage ganz einfach:
Wie wahrscheinlich ist es, dass sich für mich mit 36 Jahren in einer 3+3 Jahre PostDoc-Phase eine sinnvolle weiterführende Karriereoption (was wohl nur Professur oder Tenure Track bedeuten kann) bietet. Sind es 5% oder 95%? Sind es mehr oder weniger als 50%?

Das kann ich nur schlecht einschätzen.

oclock
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Re: Habil mit Anfang 40 zu spät?

Beitrag von oclock » 05.07.2017, 03:54

Funkwecker hat geschrieben:Danke für deine Antwort. Eigentlich ist die Frage ganz einfach:
Wie wahrscheinlich ist es, dass sich für mich mit 36 Jahren in einer 3+3 Jahre PostDoc-Phase eine sinnvolle weiterführende Karriereoption (was wohl nur Professur oder Tenure Track bedeuten kann) bietet. Sind es 5% oder 95%? Sind es mehr oder weniger als 50%?

Das kann ich nur schlecht einschätzen.
Meine Glaskugel ist gerade kaputt, daher kann ich Dir nicht sagen, welchen Weg Du gehen solltest. Vieles kann sich auch auf dem Weg (für welchen auch immer Du Dich entscheidest) ergeben: Vielleicht wirst Du ein international sehr hoch angesehener Forscher und alle Unis wollen Dich, vielleicht lernst Du Menschen kennen, die Dir Türen öffnen können, vielleicht entwickelst Du etwas innovatives während der Forschungszeit und machst Dich damit selbstständig etc etc.
Wie hoch die Chancen sind hängt wesentlich von Dir selbst ab und nicht von Gesetzestexten und Verordnungen. Streng Dich an, arbeite hart, publiziere wie ein blöder, krieche jedem Prof. in den hintern und aus Dir könnte mal was werden. Oder auch nicht. Glück gehört nämlich auch dazu. Nicht nur in Deiner Situation. Sicherheit wird Dir niemand geben können.

Ich persönlich würde mit 36 nicht eine Postdoc Stelle annehmen und hoffen, dass es danach mit einer Professur klappt. Die Option FH halte ich für "sicherer". Mach Deine Arbeit noch etwas weiter, bemühe Dich um Lehrerfahrung und bewirb Dich ins blaue hinein. Wenn es nicht klappt, hast Du immernoch Deinen sicheren Job.

Funkwecker
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Re: Habil mit Anfang 40 zu spät?

Beitrag von Funkwecker » 07.07.2017, 16:44

Hi,

ja, ich stimme dir zu. Ich denke, gute Leute landen letztlich auch dort, wo sie hingehören. Wenn ich ein guter Wissenschaftler bin/wäre, dann werde ich auch, so oder so, früher oder später, eine Stelle in einer passenden Position finden/annehmen können. Einsteins Schicksal war es auch, Physiker zu werden, und nicht im Patentamt zu vergammeln (um mal ein Extrembeispiel zu bemühen).

Meine Entscheidung ist die Folgende: Ich bleibe erst einmal wo ich bin, publiziere nebenher (ist so einfach gesagt, aber jedes Paper ist auch ein harter Kampf und es schreibt sich nie von selbst), halte aber trotzdem meine Augen offen. Keine Stelle mehr ohne halbwegs sichere langfristige Perspektive. Zusätzlich werde ich mich interessehlaber mal auf eine Stelle bei einem Forschungsinstitut (mit Option auf Entfristung) bewerben. Einfach mal, um zu schauen, was sie bieten können (Wie ist die Stadt, Kollegen, Arbeitssituation), aber ohne den Druck etwas machen zu müssen.

Vielen Dank für die Antworten.

Krips
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Re: Habil mit Anfang 40 zu spät?

Beitrag von Krips » 08.08.2017, 16:54

Funkwecker hat geschrieben:[...]
Keine Stelle mehr ohne halbwegs sichere langfristige Perspektive. Zusätzlich werde ich mich interessehlaber mal auf eine Stelle bei einem Forschungsinstitut (mit Option auf Entfristung) bewerben.
Nach meiner Erfahrung sind solche Stellen extrem selten. Ein Tipp, schauen Sie sich im Umfeld neuer oder neuartiger Forschungseinrichtungen um. Die erste Generation an Mitarbeitern erhält üblicherweise Verträge, welche nach 2, 3 Jahren entfristet werden. Externe Bewerber haben hier durchaus eine Chance, da die Netzwerke noch weitmaschiger sind. Aber auch hier spielt die Zeit natürlich gegen sie.

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