FH - Professur: Gehalt / Arbeitspensum

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neuling2018
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FH - Professur: Gehalt / Arbeitspensum

Beitrag von neuling2018 » 02.05.2017, 18:23

Hallo zusammen, ich bin zwar schon lange ein stiller Leser dieses Forums, habe aber nun einige Fragen zum Thema FH-Professur und würde mich über eure Einschätzungen freuen. Vermutlich sind das eher Fragen, die sich nicht pauschal beantworten lassen.. mich würden aber trotzdem die Meinungen interessieren.

Ich habe auf diversen Seiten und Foren sehr oft gelesen, dass es sich finanziell nicht lohnt Prof. zu werden. Ehrlich gesagt, kann ich diese "pauschale" Aussage in div. Foren nicht nachvollziehen. Gerade wenn jemand nach der Promotion die geforderten 3 Jahre in der Praxis macht und dann an die FH geht, würde ich vermuten ist es schon finanziell ein Aufstieg. Wenn jetzt jemand aber nach 15 Jahren Berufserfahrung seine Vorstands- / Geschäftsführerposition aufgibt.. okay. Wie seht ihr das?

Und dann würde mich mal das Arbeitspensum interessieren. Ich habe hier im Forum etwas von 70-80h Woche gelesen, andere schreiben wiederrum von Di-Do Profs.. Wie sind hier eure Erfahrungen? (gerne auch Erfahrungen aus dem Bekanntenkreis) Wie hoch würdet ihr die Arbeitsbelastung einschätzen? Wie seht ihr die Vereinbarkeit von Familie und Beruf? Sind die 4 Monate Semester"ferien" wirklich adäquat zu 30 Tagen Urlaub (in der Praxis)?

Ich würde mich freuen auf meine zwei sicherlich nicht allgemein zu beantwortenden Fragen eure Einschätzungen zu hören. Danke!

PS: Ich habe die Frage jetzt bewusst nicht in die anderen Themen eingefügt, da die Ausrichtung der Frage doch eine etwas andere ist.

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oclock
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Re: FH - Professur: Gehalt / Arbeitspensum

Beitrag von oclock » 05.05.2017, 15:11

Hi,

Zum Thema Arbeitspensum:
Niemand wird darauf ein verlässliche, allgemeingültige Antwort geben können, da das sehr stark vom Professor und seiner Motivation abhängt. Was man aber grob abschätzen kann ist folgendes:

* 18 SWS Lehrveranstaltungen entsprechen 13 realen Stunden/Woche
* Vor- und Nachbearbeitungszeit: ca 1 Std. pro SWS, also 18 reale Stunden/Woche (am Anfang wahrscheinlich erheblich mehr)
* Betreuung von Abschlussarbeiten: 1 reale Stunde/Woche im Durchschnitt pro Woche pro Arbeit, bei ca. 5 betreute Arbeiten pro Semester = 5 reale Stunden/Woche
* Gremienarbeit, Organsiation etc.: 2 Stunden/Woche (hier habe ich aber absolut keine Ahnung, ob das realistisch ist)

=> 38 Stunden pro Woche

* Erstellen von Klausuren und Korrektur: Sagen wir mal bei ca. 150 Klausuren pro Semester und 1 Stunde pro Klausur Korrekturzeit = 150 reale Stunden/Semster. Wenn man das jetzt auf das Semster umlegen würde, dann kommen nochmal ca. 10 reale Stunden/Woche dazu

=> 48 Stunden pro Woche

Das beinhaltet noch keine Forschung, Gespräche mit potentiellen Kooperationspartnern aus der Industrie etc und auch nicht, dass das Betreuen von Abschlussarbeiten das Lehrdeputat reduzieren kann, dass der Professor u.U. einen Mitarbeiter hat, der ihm hier und da Arbeit abnimmt usw.

Ich bin übrigens kein Professor und weiß nicht, ob meine Zahlen aussagekräftig sind, aber im Großen und Ganzen würde ich sagen, dass sie schlüssig sind. Und wenn ein Professor sagt, dass er eine 50-60 Stundenwoche hat, dann glaub ich ihm das. Bei 70-80 Stunden/Woche bin ich skeptisch. D.h. er würde an 7 Tagen die Woche jeweils 11.5 Stunden Arbeiten, oder an 5 Tagen 16 Stunden. Klingt für mich nicht sehr realistisch. Aber die Frage ist natürlich immer, was derjenige unter "Arbeit" versteht.

Hier habe ich ein Dokument gefunden, dass die Aufgaben eines FH Profs beschreibt:
http://hlb.de/fileadmin/hlb-global/down ... ssoren.pdf

An den lokalen FHs hier bei mir sieht man nicht viele Professoren in den Semesterferien. Das heißt aber nicht, dass sie Faul auf der Haut liegen. Wer sich für Forschung interessiert, hat hier Gelegenheit an seinen Themen zu arbeiten (während des Semsters ist die Woche ja gut gefüllt), Vorlesungen zu konzipieren, Klausuren zu korrigieren, Publikationen zu verfassen, Kontakte zu knüpfen etc. Für 30 Tage Urlaub bleibt da sicherlich auch Zeit.

Wie gesagt: Bei einem Professor hängt die reale Arbeitsbelastung sehr stark von seiner Motivation ab und kann sich daher von professor zu Professor unterscheiden.

Und hör nicht auf die, die sagen, dass ein Professor wenig verdient. Klar geht in der Industrie bestimmt mehr (vorallem mit der Qualifikation), aber mit wesentlich mehr Druck, fremdbestimmt, einer höheren Arbeitsbelastung, weniger Urlaub, etc. 4000-5000 Netto (je nach Steuerklasse, Zulagen etc. evtl. sogar mehr) ist schon sehr ordentlich und genügt für eine ganze Menge Luxus im Leben... Aber es gibt immer jemanden, der den Rachen nicht voll genug bekommen kann...

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Re: FH - Professur: Gehalt / Arbeitspensum

Beitrag von mm42 » 05.05.2017, 17:09

oclock hat geschrieben: Klar geht in der Industrie bestimmt mehr (vorallem mit der Qualifikation), aber mit wesentlich mehr Druck, fremdbestimmt, einer höheren Arbeitsbelastung, weniger Urlaub, etc. 4000-5000 Netto ...
... und wenn es mit der Verbeamtung klappt, dann entfällt auch die Gefahr der Arbeitslosigkeit und die Altersversorgung ist (nach derzeitigem Stand) besser.

oclock
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Re: FH - Professur: Gehalt / Arbeitspensum

Beitrag von oclock » 09.05.2017, 15:54

Habe hier noch einen Präsentation gefunden, wo auf Folie 24 die Tätigkeiten eines FH Professors in der vorlesungs- und vorlesungsfreien Zeitaufgelistet sind:

https://www.frauen-fh.de/fileadmin/frau ... r_2013.pdf

(Der restliche Inhalt kann für potentielle Bewerber auch sehr hilfreich sein.)

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Re: FH - Professur: Gehalt / Arbeitspensum

Beitrag von Latrino » 10.05.2017, 10:16

oclock hat geschrieben: Ich bin übrigens kein Professor und weiß nicht, ob meine Zahlen aussagekräftig sind, aber im Großen und Ganzen würde ich sagen, dass sie schlüssig sind. Und wenn ein Professor sagt, dass er eine 50-60 Stundenwoche hat, dann glaub ich ihm das. Bei 70-80 Stunden/Woche bin ich skeptisch. D.h. er würde an 7 Tagen die Woche jeweils 11.5 Stunden Arbeiten, oder an 5 Tagen 16 Stunden. Klingt für mich nicht sehr realistisch. Aber die Frage ist natürlich immer, was derjenige unter "Arbeit" versteht.
Sehe ich ganz genauso. Im öffentlichen Dienst (gerade auch bei Lehrern) hat sich zudem die Sichtweise eingeschlichen, dass generell die gesamte arbeitsbedingte Abwesenheit von zu Hause als Arbeitszeit angesehen wird. Beispiel: Lehrer hat einen Pendelweg von 45min und 2 Freistunden, also Unterricht von 8 - 11.30 und von 13 - 14.30 Uhr) plus Korrekturen und Vorbereitung von 20.30 bis 21.30 Uhr, nachdem die eigenen Kinder im Bett sind - dann heißt es gerne:
"War heute von 7 Uhr bis 15.30 Uhr auf der Arbeit. Und dazu noch den ganzen Abend an Korrekturen und Vorbereitung gesessen! Ich habe also eine 60h-Woche! Und das bei dem Gehalt - in der freien Wirtschaft wäre ich mindestens Abteilungsleiter mit meinem Studium und würde 120k verdienen!"

Das Problem daran ist, dass Lehrer das System Schule - Uni - öD nie verlassen haben und zudem oft im eigenen Saft schmoren (d.h., auch der Großteil des Bekanntenkreises ist Lehrer) und deshalb gar nicht wissen, was sie da sagen.
oclock hat geschrieben: Und hör nicht auf die, die sagen, dass ein Professor wenig verdient. Klar geht in der Industrie bestimmt mehr (vorallem mit der Qualifikation), aber mit wesentlich mehr Druck, fremdbestimmt, einer höheren Arbeitsbelastung, weniger Urlaub, etc. 4000-5000 Netto (je nach Steuerklasse, Zulagen etc. evtl. sogar mehr) ist schon sehr ordentlich und genügt für eine ganze Menge Luxus im Leben... Aber es gibt immer jemanden, der den Rachen nicht voll genug bekommen kann...
Ebenfalls richtig. Aber auch hier gilt: Jemand, der das System Uni nie verlassen hat, weiß gar nicht, was Druck und Fremdbestimmtheit bedeuten. Derjenige wird diese Dimensionen immer ausblenden und sagen: "In der Wirtschaft gibt es viel mehr und ich bin massiv unterbezahlt!" - Ein Stigma, das sich Wissenschaftler übrigens gerne selbst ans Rever heften ("arm aber sexy").

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Re: FH - Professur: Gehalt / Arbeitspensum

Beitrag von mm42 » 13.05.2017, 12:37

Wenn es in diesem Forum schon einen Thread speziell zum Gehalt von FH-Profs gibt: Inwieweit ist die folgende (in einem anderen Thread in diesem Forum gemachte) Aussage korrekt:
Latrino hat geschrieben:Brutto-Netto-Verhältnis (netto W2 privat = 0,75 * netto W2 staatlich)

oclock
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Re: FH - Professur: Gehalt / Arbeitspensum

Beitrag von oclock » 13.05.2017, 14:06

Für alle, die nicht wissen, wo man sich über Gehälter informieren kann:

http://oeffentlicher-dienst.info/beamte/

Dort das Bundesland auswählen und in dem Rechner die entsprechende W Besoldungstufe, Familiensituation und Steuerklasse auswählen. Dann wird Brutto/Netto berechnet.

Dazu kommen aber immer noch Berufungsleistungsbezüge (an einer FH so ca. 150-500 Euro Brutto, je nach FH).

Beispiele:
1. Badem Würtemberg, verheiratete, 1 Kind, Steuerklasse 1, 150 Euro Zulage, keine Kirchensteuer:
Grundgehalt: 6020.53 €
Brutto gesamt: 6431.65 €
Netto gesamt: 4435.43 €

2. NRW, ansonsten wie oben:
Grundgehalt: 5706.71 €
Brutto gesamt: 6108.05 €
Netto gesamt: 4255.21 €

3. Bayern, ansonsten wie oben:
Hier gibt es mehrere Stufen, die man mit der Zeit hinaufklettert
Grundgehalt: 5516.74 € 5741.92 € 6079.68 €
Brutto gesamt: 5910.99 € 6136.17 € 6473.93 €
Netto gesamt: 4145.45 € 4270.85 € 4458.98 €

4. Hessen, ansonsten wie oben:
Hier gibt es mehrere Stufen, die man mit der Zeit hinaufklettert
Grundgehalt: 5183.75 € 5378.95 € 5574.16 € 5769.36 € 5964.57 €
Brutto gesamt: 5849.13 € 6054.09 € 6259.06 € 6464.02 € 6668.99 €
Netto gesamt: 4111.02 € 4225.08 € 4339.32 € 4453.38 € 4567.61 €

5. Berlin, ansonsten wie oben:
Grundgehalt: 5288.67 €
Brutto gesamt: 5668.13 €
Netto gesamt: 4010.20 €

Vom Netto gehen dann nochmal ca. 300 Euro für die private Krankenversicherung ab.

Wie ihr seht, gibt es erhebliche Unterschiede. Man bekommt ~400 Euro mehr Netto, wenn man ein W2 Prof in BW ist im Vergleich zu einem Prof. in Berlin. Das ist eine ganze Menge.
Natürlich können mehr als 150 Euro an Berufungsleistungsbezügen verhandelt werden, wenn man gute Argumente hat (Hat man meist aber nicht. Die Hochschule ist in einer besseren Verhandlungsposition.). Außerdem gibt es nach einigen Jahren zusätzliche Bezüge (z.B. besondere Leistungsbezüge, etc.) und dann natürlich regelmässige Besoldungsanpassungen.

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Re: FH - Professur: Gehalt / Arbeitspensum

Beitrag von mm42 » 13.05.2017, 16:21

@oclock: Danke für die schnelle & ausführliche Antwort. Muss ein Beamter vom "Netto" aber nicht noch die private Krankenversicherung bezahlen?

oclock
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Re: FH - Professur: Gehalt / Arbeitspensum

Beitrag von oclock » 13.05.2017, 19:04

mm42 hat geschrieben:@oclock: Danke für die schnelle & ausführliche Antwort. Muss ein Beamter vom "Netto" aber nicht noch die private Krankenversicherung bezahlen?
Ich habe gar nicht auf Deinen Betrag geantwortet :-) Ich habe keine Ahnung, wie viel man an einer privaten Hochschule verdient. Wenn sich die private Hochschule an die W2-Besoldung anlehnt, dann folgendes Beispiel:

Baden Würtemberg
Staatlich: 4435€ Netto - 300€ für PKV = 4135 Netto
Privat: 6170€ Brutto = 3481€ Netto (laut https://www.nettolohn.de/)

Ergo:
3481/4135 = 0,84 (inkl. PKV)
3481/4435 = 0,78 (ohne PKV)

Wenn der Beamte aber auch noch seine Frau + Kind mitversichern muß, dann ist der Unterschied noch geringer (-> ~0,90).

Aber wie gesagt: Das gilt nur wenn sich die private Hochschule an der W2 Besoldung orientiert. Vielleicht kann man ja einen Nettoausgleich verhandeln, damit der Unterschied noch geringer ausfällt. Diese Berechnung berücksichtigt auch nicht, dass die Pension höher ausfällt, als die Rente (ist ja auch nicht unwichtig). Also ist das ein bisschen eine Milchmädchenrechnung, da nicht alle Faktoren ausreichend berücksichtigt werden...

Gruß
oC

PS:
Und ja, vom Netto geht noch die private Krankenversicherung ab. Das habe ich aber in meinem Beitrag geschrieben ("Vom Netto gehen dann nochmal ca. 300 Euro für die private Krankenversicherung ab.").

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Re: FH - Professur: Gehalt / Arbeitspensum

Beitrag von neuling2018 » 13.05.2017, 21:55

@all: Vielen Dank für Eure Meinungen soweit und die Einblicke zum Gehalt :) (die Gehaltsstufen kannte ich zwar schon, aber Danke für die Übersicht nochmal)! Mich hat hier eher verwundert, dass ungefähr in jedem anderen Forum die Aussage war "in der freien Wirtschaft verdiene ich x-mal mehr"... naja, aber Geld ist ja nicht alles ;-) Besonders natürlich der höhere Freiheitsgrad bei der Arbeit ist für mich entscheidend. Eine Professur ist ja letztendlich wie eine Selbstständigkeit von der Tätigkeit her (nur mit finanzieller Sicherheit!) - zumindest interpretiere ich das so.

Bzgl. des Arbeitspensums: Da gebe ich euch natürlich Recht. Eine allgemeingültige Aussage ist sicher nicht möglich - das war aber auch gar nicht meine Absicht. Mir geht es darum mal einige Erfahrungen zu hören! Aber bzgl. des Arbeitspensums denke ich ist man auch hier wieder sehr frei... wenn man viel Arbeit reinstecken will, kann man das tun. Und wenn man das nicht machen will, dann macht man es eben nicht. Ich freue mich natürlich über weitere Rückmeldungen :)

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