Den Doktortitel (doch nicht mehr) führen

Irgendwann ist jeder fertig. Und dann darf er sich hier austoben :-)
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Re: Den Doktortitel (doch nicht mehr) führen

Beitrag von holladiewaldfee » 02.04.2016, 14:27

Danke für Deine Ehrlichkeit, Eva!

Ich sehe das ganz pragmatisch. Der Dr-Titel macht mich zu keinem besseren Menschen, zudem ist es in "meinen Kreisen" (beruflich und privat - ich arbeite im Ausland) völlig unüblich, ihn zu führen. Bei xing habe ich ihn noch eingetragen, bei linkedIn schon nicht mehr. In meiner Firma weiss vielleicht jeder dritte meiner direkten Kollegen überhaupt, dass ich ihn habe. Wenn es alle wüssten, würde das weder etwas an meinem Ansehen ändern noch daran, wie sie mich sonst so wahrnehmen. Und mir ist diese Schleimerei, wenn man mit Titel angesprochen wird, unendlich peinlich. In bestimmten Kreisen mag das völlig normal sein, aber irgendwann wird es lächerlich. Als Masterstudentin musste ich meinen Chef mit Herr Dr. Müller ansprechen, als Festangestellte ein halbes Jahr später war er dann plötzlich der Willi..

Aber, wie gesagt, ich sehe das pragmatisch. Im Pass habe ich ihn nicht eintragen lassen, weil ich keine Lust habe, Geld für einen neuen Pass auszugeben. 2022, wenn ein neuer fällig ist, kann ich mir das überlegen, aber da mir der Titel an sich nichts bedeutet, werde ich mich wohl eher dagegen entscheiden. Ich denke da auch daran, in welche Länder man so reist und was der Titel für Komplikationen mit sich bringen kann. Zum Beispiel - und das ist jetzt wilde Küchentischpsychologie - gibt es sicherlich Länder, wo das Entführungsrisiko für Ärzte eher hoch ist (ich bin keine Ärztin, aber Doktortitel und so.. ;-) ).

Und genau aus eben diesen pragmatischen Gründen habe ich jetzt, drei Jahre später, den Titel bei meiner Bank eintragen lassen (in deren Datenbank - auf der Karte brauche ich den nicht!), weil die mich in den letzten Monaten als quasi mittellos und Kunden der untersten Schublade behandelt haben (Gehaltseingang bei anderer Bank). Mir ist zwar dieses "dann noch einen schönen Tag, Frau Dr. Waldfee"-Gefasel unendlich peinlich und unangenehm, aber ich habe an Dienstleistungen bekommen, was ich wollte ;-)

Das Gleiche gilt für Arztbesuche. Kaum zu glauben, aber bei so manchem Spezialisten bekommt man mit Dr-Titel schneller einen Termin, obwohl die Krankenkasse nichts von meinem Titel weiss.

Ausser meiner einen Bank und Ärzten bekommt niemand meinen Titel auf dem Papier zu sehen ;-)

holladiewaldfee
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Re: Den Doktortitel (doch nicht mehr) führen

Beitrag von holladiewaldfee » 02.04.2016, 14:36

Dell hat geschrieben:Bei Ärzten, Anwälten, Selbstständigen finde ich den getragenen Dr gut, da es irgendwie zum Marketing gehört. Bei den restlichen Angestellten ist es für mich halt ein Abschluss der ggf notwendiger Teil der Ausbildung ist
Bitte? Seit wann ist bei einem Informatiker oder Ingenieur der Titel ein notwendiger Teil der Ausbildung?
Ich hab da wohl ein komisches Verhältnis zum Dr.
In der Tat..

Dell
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Re: Den Doktortitel (doch nicht mehr) führen

Beitrag von Dell » 02.04.2016, 16:10

Bitte? Seit wann ist bei einem Informatiker oder Ingenieur der Titel ein notwendiger Teil der Ausbildung?


Mein Gedakenweg ist folgender:

Ein sichtbarer Dr kann gut für den Umsatz sein und deshalb finde ich einen offensiven Umgang mit dem Dr hier OK:

- "Marketing" : Der gemeine Kunde hat entweder schon fast eine Erwartungshaltung, dass der Doktor vorhanden ist wie z.B. beim (Zahn/Tier)-Arzt oder verbindet mit dem Titel (warum auch immer) bessere Betreuung/Arbeitsqualität/höheren Status in der Firma (Rechtsanwalt, Selbständig).


Ein Dr wird vom Arbeitgeber erwartet (gehört aber dann nicht unbedingt in das Privatleben):

- Die Firma erwartet einen Dr. um damit den Kunden höhere Qualität zu suggerieren: Weit verbreitet bei den Unternehmensbberatern

- Die Firma erwartet einen Dr., damit man mit den Kunden auf der selben Wellenlänge liegt: Oft bei Vertretern deren Kunden im R&D, Wissenschaft und Medizinumfeld sind.

- Der Dr is Standard-Abschluss der Ausbildung bzw. wird vom Arbeitgeber erwartet (Chemie, Biologie, Uni-klinik, Hochschuldozent, etc, aber auch in den R&D Abteilungen bei Ingenieuren etc)

Im Gegensatz dazu gibt es dann halt noch Leute die als Hobby promovieren und der Abschluss ohne signifikante Bedeutung für den Beruf ist. Warum diese ihn dann vor sich hertragen verstehe ich nicht. Und wenn man das dann auch noch im privaten Umfeld macht finde ich das peinlich, gerade wenn nicht auch eine Entsprechend erfolgreiche Karriere damit einhergeht.
Ich hab da wohl ein komisches Verhältnis zum Dr.
In der Tat..
Naja, es ist ja nicht so als ob ich mir mein Verhältnis dazu irgendwann morgens bei einem Kaffe ausgedacht habe, sondern es hat sich einfach über Jahre dahingehend entwickelt, basierend auf meinem Umfeld.

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Re: Den Doktortitel (doch nicht mehr) führen

Beitrag von Lotta » 07.04.2016, 11:06

Ich habe diesbzgl. noch keine persönlichen Erfahrungen, habe mir aber sagen lassen, dass in dieser Stadt ein Dr-Titel bei der Wohnungssuche durchaus von Vorteil sein kann. Wenn Du ihn also eh schon eingetragen hast... :wink:

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Re: Den Doktortitel (doch nicht mehr) führen

Beitrag von LittleMonkey » 08.04.2016, 19:11

Lotta hat geschrieben:Ich habe diesbzgl. noch keine persönlichen Erfahrungen, habe mir aber sagen lassen, dass in dieser Stadt ein Dr-Titel bei der Wohnungssuche durchaus von Vorteil sein kann. Wenn Du ihn also eh schon eingetragen hast... :wink:
Eine neue Kollegin erzählte mir dasselbe. Solange sie "nur" PhD student war, bekam sie kaum Wohnungen, teilweise haben die Vermieter ihr wohl nicht mal auf ihre Anfragen geantwortet. Als sie dann den Titel hatte und auch angab, änderte sich das schlagartig und es blieb ihr kaum eine Anfrage unbeantwortet und auch die Antworten waren sehr viel positiver.
Sie war regelrecht überrascht, dass das in meiner Stadt (meiner Erfahrung nach und nach dem was ich von anderen höre) nicht der Fall ist.

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Re: Den Doktortitel (doch nicht mehr) führen

Beitrag von praktikum » 08.04.2016, 19:59

Ich kann hier einiges nicht nachvollziehen. Dein Doktorgrad ist doch nicht weniger wert, weil es den Betrüger Guttenberg gab. Der Grad ist eine Bonusbelohnung zu einer wichtigen Tasache: Man hat promoviert! Damit hat man Zeit verbracht und Erfahrung gewonnen. Zudem hat man Leistung und Ausdauer bewiesen und natürlich wissenschaftlich gearbeitet!
Diese generelle Unterstellung einer Kompensation finde ich ziemlich dreist :D

Zum Vergleich: ich höre oft den Satz: "er/sie hat xy studiert". In manchen Fällen bedeutet das aber nur, dass die Person eingeschrieben war und nach 3 Monaten das Handtuch geschmissen hatte.

Der Doktorgrad ist übrigens KEIN Titel im eigentlichen Sinne. Daher muss ihn niemand bei der Anrede verwenden. Wer es dennoch tut, erhofft sich dadurch Wohlwollen von seinem Gegenüber. Das muss dem Menschen mit Doktorgrad aber nicht peinlich sein.

Man kann die Nennung des Doktorgrades dosiert einsetzen, falls es die Situation verlangt. Gerade im Berufsleben kann man dadurch einfach Zeit sparen. Dann sollte er aber zumindest im Personalausweis stehen. In Briefen an Bekannte usw. verwende ich nie den Titel, ebenso wenig stelle ich mich mit "Dr. X" vor.

Die Krankenkassenkarte ist ein Sonderfall. Es kann aber nicht schaden deutlich zu machen, dass man im Normalzustand zumindest ein bisschen was auf dem Kasten hat (z.B. Erkennung eines Schlaganfalls).

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Re: Den Doktortitel (doch nicht mehr) führen

Beitrag von Sofia » 23.04.2016, 19:50

Es ist wirklich interessant, eure Eindrücke hier zu lesen. Ich hab den Titel ganz neu und bin noch unsicher, wie ich ihn "führe", d.h. ob ich ihn irgendwo eintragen lasse, in welchem Kontext ich mich mit Titel vorstelle usw.
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Re: Den Doktortitel (doch nicht mehr) führen

Beitrag von flip » 24.04.2016, 13:40

Nja, abwarten und Beobachten lautet wohl die Devise.
praktikum hat geschrieben: Die Krankenkassenkarte ist ein Sonderfall. Es kann aber nicht schaden deutlich zu machen, dass man im Normalzustand zumindest ein bisschen was auf dem Kasten hat (z.B. Erkennung eines Schlaganfalls).
Also lieber nicht eintragen lassen. :D
Meine medizinischen Kenntnisse halten sich jedenfalls in Grenzen.

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Re: Den Doktortitel (doch nicht mehr) führen

Beitrag von daherrdoggda » 25.04.2016, 02:46

Bei Formularen, die explizit nach dem Grad fragen, geb ich ihn an. Warum nicht was angeben, was man hat, was einem nicht geschenkt wurde und was als Option dasteht?

Im Privatleben ist es allerdings ueberheblich, wuerde ich sagen. Freunde wissen es eh, manche haben dann schon mal beim vorstellen (unnoetigerweise) dazu gesagt: der hat nen Doktor! Was natuerlich auch gleich ein Gespraechsthema fuer den small talk gibt.

Auf Karten geb ich ihn auch immer an, denn es wird entweder egal sein oder Vorteile bringen, kaum Nachteile. Also warum nicht.

Es ist ja was, was man sich in den meisten Faellen muehsam verdient hat, nix geerbtes oder auf der Strasse gefundenes XD

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Re: Den Doktortitel (doch nicht mehr) führen

Beitrag von itsme » 25.04.2016, 09:16

daherrdoggda hat geschrieben: Auf Karten geb ich ihn auch immer an, denn es wird entweder egal sein oder Vorteile bringen, kaum Nachteile. Also warum nicht.
Da bin ich mir gar nicht so sicher, weil die deutsche Praxis, auch als Nicht-Arzt den Grad zu führen, im Ausland doch eher mit Befremden betrachtet wird. Auf der anderen Seite: Ich hatte mich schon vorher bei Kollegen erkundigt, wo sie in aufführen und durch die Bank weg hieß es: Krankenkassenkarte. Ärzte sind oft sehr statusbewusst und da hätte er schon geholfen - und wenn's nur darum ging, dass der Arzt einen als Gesprächspartner auf Augenhöhe wahrnimmt.

Ich bin da eher "ego-driven" und nicht so pragmatisch. Bei mir kommt er in den Reisepass (den ich nur beantragt habe, weil ich zur Promotion eine Reise geschenkt bekommen habe), den Perso (weil ich befürchte, dass es irgendwann mal eine Gesetzesänderung gibt, nach der man ihn nicht mehr in den Perso eintragen kann - und dann hätte ich ihn gerne drin) und - besonders prätentiös :mrgreen: - auf ein schönes, neues Klingelschild an der Wohnungstür (ohne Sinn und Zweck "für außen", einfach für den Ego-Streichler für mich, wenn ich nach einem besonders üblen Termin z.B. beim Arbeitsamt nach Hause komme). Nicht auf die Bank- und Krankenkassenkarte, denn z.B. bei der Bankkarte sehe es bei mir schräg aus: Frau Doktor schrappt immer nur so gerade eben am Existenzminimum vorbei, da liegt die Frage nach der Sinnhaftigkeit der ganzen Sache zu nahe. Ich habe aber auch Glück, insofern, dass ich bislang an "nette" Banken und Ärzte geraten bin und keine schlechten Erfahrungen gemacht habe.

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