Plagiatsvorwürfe weltweit

Das Unterforum zur Diskussion um die aus fremden Textpassagen zusammengesetzten Dissertationen Prominenter.

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Wierus
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Re: Plagiatsvorwürfe weltweit

Beitrag von Wierus » 15.04.2011, 14:53

musicus hat geschrieben:angenommen, du hast vor dir einen Text und mußt entscheiden, ob dieser wissenschaftlich, populärwissenschaftlich (auch so ein toller Begriff, der grade in einem anderen Thread aufgetaucht ist) oder unwissenschaftlich ist. Wie machst du das?
Ich würde das in mehreren Schritten tun. Erstens gilt es zu prüfen, ob der Text wirklich vom Autor stammt (Stichwort: Plagiatskontrolle). Wenn der Text vollständig vom ausgewiesenen Autor stammt, stellt er ja zumindest potentiell neues Wissen dar. Danach muss man sich die Methode, die Argumention und die Belege ansehen: ist die Methode adäquat und wenn ja, wurde sie richtig angewandt? Sind die Argumente plausibel? Werden die Quellen oder Vesuchsergebnisse nachvollziehbar interpretiert? Sind die verwendeten Quellen oder Versuchsergebnisse überhaupt echt oder ist das Material auf dem die Arbeit aufbaut gänzlich fehlerhaft? Um einen Text auf seine Wissenschaftlichkeit hin wirklich überprüfen zu können, muss man sich aber in dem jeweiligen Fach auskennen.

Zum Begriff "Populärwissenschaft": im Grunde handelt es sich mE meist um Texte, die komplexe Zusammenhänge stark verkürzen oder Sachverhalte unnötig emotionalisieren, meist aus der Absicht heraus, für möglichst viele Leser attraktiv zu sein. Populärwissenschaft ist nicht per se falsch oder unrichtig, aber sie folgt nicht der Maxime sachlicher Argmentation.

Wenn ich etwa ein astronomisches Phänomen wie das "Schwarze Loch" beschreibe, dann kann ich das auf verschiedene Arten ausdrücken, zB:
a) Ein Schwarzes Loch ist der Endpunkt in der Entwicklung eines Sterns mit mindestens dreifacher Sonnenmasse, der sich nach dem Zusammenbruch unter der Wirkung seiner eigenen Masse zu einer Singularität entwickelt hat, aus deren Ereignishorizont keine Information entweichen kann.
b) Ein Schwarzes Loch ist eine Art kannibalischer Sternleiche, die in einer gewaltigen Explosion in sich zusammengestürzt ist und die seitdem als unsichtbarer Materiefresser durch das All treibt und alles gnadenlos verschlingt was ihr zu nahe kommt.

Beide Aussagen sind im Grunde richtig, wobei (b) nicht sachlich beschreibend und daher "populärwissenschaftlich" ist.

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Lieschen_Müller
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Re: Plagiatsvorwürfe weltweit

Beitrag von Lieschen_Müller » 15.04.2011, 17:19

Bolero hat geschrieben: Ziehe ich jetzt jedoch andere Bewertungskritierien heran (wie ökonomischen Nutzen oder dass die Ergebnisse zur Verbesserung der Lebensqualität dienen) dann ist der Dr. phil. ganz unten in der Nahrungskette.
Echt wahr? Im Durchschnitt? Median? Mehrzahl? Mehrzahl wahrscheinlich.
Schau mal z.B. in die Marketingabteilungen von Konzernen. Das sind dann doch einige (leitende) Angestellte mit Dr. phil. oder auch "nur" M.A., die immerhin irgendwas sechsstelliges verdienen :o die erste Ziffer ist dann unterschiedlich. 8) Wie viele bräuchtest Du, um Deine persönliche "Statistik im Kopf" zu bestätigen? Oder über den Haufen zu werfen?
Ist nicht ganz so böse gemeint :blume: aber fast :twisted:
Ich würde mal gerne einen Durchschnittssteuersatz haben, der so niedrig ist, wie es, finanziell gesehen, mein Ansehen als Germanistikstudentin war. Fände ich angemessen, weil konsequent.

musicus
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Re: Plagiatsvorwürfe weltweit

Beitrag von musicus » 15.04.2011, 20:39

myfunnyvalentine hat geschrieben:Handwerker und Wissenschaftler partizipieren an unterschiedlichen Systemen. Mithin entscheidet die ‘Wissenschaft der Gesellschaft’ was wissenschaftlich ist – und was nicht. Ein wissenschaftlicher Text folgt also den Spielregeln des Systems, von denen Wierus bereits einige aufgezählt hat :) So einfach ist das :)
JA! Das, was ich in meinen vielen Worten nicht ausdrücken konnte, bringst du so einfach auf den Punkt! :D Aber genau das ist für mich unwissenschaftlich, darüber nicht zu reflektieren und sich davon nicht emanzipieren zu wollen. Was Wissenschaft ist, bestimmen die Wissenschaftler. Kommen daher nicht viele von den aktuellen Problemen?

@Wierus: Kann ich nachvollziehen, obwohl mir da etwas zu viel "richtig", "echt", "falsch" drinsteckt. Und "neues Wissen" ist weiterhin recht schwierig zu definieren, weil standpunktabhängig. Den Unterschied Populär/Wissenschaftlich habe ich auch verstanden, wobei: sollte es nicht Ziel sein, die "wissenschaftlichen" Erkenntnisse so aufzubereiten, daß möglichst viele Nicht-Wissenschaftler davon ebenfalls profitieren?

Aber vielleicht sollte man erstmal die Basics (Plagiatskontrolle) etablieren, sonst braucht man ja gar nicht weiter sich den Kopf zu zerbrechen. Besten Dank für den tollen Input @alle.

Erlaubt mir noch eine Frage am Schluß: Könnte ein (in unserem Fall) Betreuer, der ein realistisches erkenntnistheoretisches Paradigma vertritt, die Arbeit eines Konstruktivisten auf Wissenschaftlichkeit prüfen und beurteilen? Könnte ein Wissenschaftler mit 2-wertiger Logik die Arbeit eines anderen mit nicht-2-wertiger Logik prüfen und beurteilen? Oder auch andersherum? Sollte man das können müssen?

myfunnyvalentine
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Re: Plagiatsvorwürfe weltweit

Beitrag von myfunnyvalentine » 15.04.2011, 21:19

JA! Das, was ich in meinen vielen Worten nicht ausdrücken konnte, bringst du so einfach auf den Punkt! :D
:coffee:
Aber genau das ist für mich unwissenschaftlich, darüber nicht zu reflektieren und sich davon nicht emanzipieren zu wollen. Was Wissenschaft ist, bestimmen die Wissenschaftler. Kommen daher nicht viele von den aktuellen Problemen?
Ich formuliere es mal überspitzt: Du tust gerade so, als hätte es beispielsweise Poppers Logik der Forschung nie gegeben ;)

Systeme organiseren sich nunmal selbst – und außerhalb dieser ‘gibt’ es nichts. Wer sollte auch sonst über die Leitdifferenzen wie wahr/falsch, wissenschaftlich/unwissenschaftlich entscheiden? Die Kirche? Der Staat (wer oder was auch immer das ist)?
Anders gesagt: Selbst Deine Ansätze werden durch das System ‘Wissenschaft’ überhaupt erst sinnvoll und ermöglicht.
Zu den Problemen: Man könnte u.U. soweit gehen und behaupten, dass ein Teil dieser Probleme erst durch die ’Öffnung‘ der Wissenschaft entsteht – aber das ist ein anderes Thema.
Daran, dass der Teufel zuweilen im Detail steckt, kann man wohl nichts ändern.

:surfverbot: Ein Unterpunkt soll heute nich fertig werden^

musicus
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Re: Plagiatsvorwürfe weltweit

Beitrag von musicus » 15.04.2011, 22:11

Gäbe es außerhalb des Systems nichts, gäbe es auch das System nicht, oder? Ich versuche schon, mein eigenes System zu überwinden. Zu Popper: in der Tat sehe ich da einige Punkte recht kritisch. Versuche mal, Poppers Maxime zu falsifizieren :wink: -- der Unterschied zwischen "Metaphysik" und "Wissenschaft" kann nur normativ aber nicht mittels Falsifikationsprinzip festgestellt werden. Und dann ist da natürlich noch die Realität der Wissenschaft, die so gar nicht Poppers Maxime folgt.

Schluß für heute… :stressed:

myfunnyvalentine
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Re: Plagiatsvorwürfe weltweit

Beitrag von myfunnyvalentine » 16.04.2011, 14:39

Ha – hab den Teil gestern echt noch fertig geschrieben :)

Zum Thema:
Gäbe es außerhalb des Systems nichts, gäbe es auch das System nicht, oder?
Natürlich gibt es etwas außerhalb des Systems (System/Umwelt-Differenz), aber das ist mehr oder weniger irrelevant ;)
Zu Popper: in der Tat sehe ich da einige Punkte recht kritisch. Versuche mal, Poppers Maxime zu falsifizieren :wink: -- der Unterschied zwischen "Metaphysik" und "Wissenschaft" kann nur normativ aber nicht mittels Falsifikationsprinzip festgestellt werden. Und dann ist da natürlich noch die Realität der Wissenschaft, die so gar nicht Poppers Maxime folgt.
Evtl. hast Du mich falsch verstanden. Natürlich kann man Popper kritisieren, aber darum ging es mir nicht. Vielmehr sollte er nur ein Beispiel sein, dass und wie systemimmanent sinnvoll versucht wird, seine Grenzen, Grundlagen, Voraussetzungen etc. zu reflektieren :)
Ich versuche schon, mein eigenes System zu überwinden.
Hier wird es imho (nichts für ungut) problematisch: Deine Aussage – lasst uns über Wissenschaftlichkeit reden – ist nur innerhalb des Wissenschaftssystems sinnvoll möglich und kommunizierbar. Dessen Grenze ist in einem gewissen Sinn nicht ‘überschreitbar’.
Du könntest bsp. einen Roman über das Thema schreiben, allein er wäre kaum ein wissenschaftlicher Beitrag, kann dies auch gar nicht sein :)
(Was nicht heißt, dass er dort nicht rezepiert werden würde/könnte.)
In anderen Worten: Jacques Derrida soll einmal über Fußball gesagt haben: "There is nothing beyond the touchline." … 

musicus
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Re: Plagiatsvorwürfe weltweit

Beitrag von musicus » 16.04.2011, 19:07

myfunnyvalentine hat geschrieben:Ha – hab den Teil gestern echt noch fertig geschrieben :)
Glückwunsch!
Natürlich gibt es etwas außerhalb des Systems (System/Umwelt-Differenz), aber das ist mehr oder weniger irrelevant ;)
Hmm. Für wen irrelevant?
Vielmehr sollte er [Popper] nur ein Beispiel sein, dass und wie systemimmanent sinnvoll versucht wird, seine Grenzen, Grundlagen, Voraussetzungen etc. zu reflektieren :)
Gut! Das will ich ja für mich versuchen.
Hier wird es imho (nichts für ungut) problematisch: Deine Aussage – lasst uns über Wissenschaftlichkeit reden – ist nur innerhalb des Wissenschaftssystems sinnvoll möglich und kommunizierbar. Dessen Grenze ist in einem gewissen Sinn nicht ‘überschreitbar’. Du könntest bsp. einen Roman über das Thema schreiben, allein er wäre kaum ein wissenschaftlicher Beitrag, kann dies auch gar nicht sein :)
Ich überlege gerade, ob ein System seine Grenzen nicht (aus sich selbst heraus) überschreiten kann. Dann wäre es statisch, für immer unveränderbar. Ich schau mal, ob mir ein Beispiel für ein sich selbst überschreitendes System einfällt. Bin ich überhaupt Teil des Systems Wissenschaft? Und was ist das überhaupt? Sind das nicht eher viele, miteinander unvereinbare Teilsysteme?

musicus
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Re: Plagiatsvorwürfe weltweit

Beitrag von musicus » 17.04.2011, 10:04

Ich glaube ich hab's: nehmen wir den Faktor ZEIT*) dazu. Zum System "Wissenschaft" gehören dann auch alle Wissenschaftstheorien (-verständnisse) der Vergangenheit. Was einmal als Wissenschaft gegolten hat, muß auch heute noch als Wissenschaft gelten können, und wenn es nur von einem einzelnen Subjekt, der Teil des Systems ist, so gesehen wird. Richtig? Ich habe da ein schönes Zitat über Hegel gefunden, der konträr zum heutigen gängigen Wissenschaftsverständnis steht und meine persönliche Auffassung eher stützt:
Kühne-Bertram: Kultur verstehen: Zur Geschichte der Geisteswissenschaft, S. 17 hat geschrieben:Das eigentlich wissenschaftliche der einzelnen Wissenschaften werde in der Philosophie behandelt. Die Wissenschaften, soweit sie Anspruch auf den Status der Wissenschaft erheben wollen, wurzeln mit ihren Anfangsgründen in der Philosophie. Wissenschaften, die ihrem Inhalt oder ihrem Erkenntnisgrund nach bloß empirische, positive, sind, fallen aus der Philosophie heraus und können nicht im strikten Sinn Wissenschaften genannt werden.
*) Ich kenne mich mit Systemtheorie leider nicht aus, wie wird da die Zeit eingebunden?

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Re: Plagiatsvorwürfe weltweit

Beitrag von Wierus » 17.04.2011, 12:25

musicus hat geschrieben: Ich kenne mich mit Systemtheorie leider nicht aus, wie wird da die Zeit eingebunden?
Das ist das große Problem der Systemtheorien (vor allem der Luhmann'schen), nämlich von gegebenen Zuständen zu sprechen. Die Betrachtung eines "Systems" ist immer die eines Ist-Zustandes. Auch ein abgeschlossenes, sich selbst erhaltendes System muss aber immer irgendwie entstanden sein, hat also immer eine Vergangenheit und deshalb gibt es auch einen Punkt an dem es noch nicht "da" ist.. Ebenso befinden sich Systeme in stetem Wandel, wie allein schon die Entwicklung der universitären Wissenschaft in den letzten 300 Jahren zeigt. Es handelt sich also weitgehend um ahistorische Denkfiguren, die zur Erklärung der Genese und des Wandels der betreffenden Phänomene wenig beitragen. Ich persönlich halte die Systemtheorien, vor allem die Luhmanns, ohnehin für überbewertet.

musicus
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Re: Plagiatsvorwürfe weltweit

Beitrag von musicus » 17.04.2011, 17:36

Es scheint keinen Danke-Button mehr zu geben, darum: DANKE!

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