Migrationsforschung/Interkulturelle Studien: Abneigung gegen theoretischen Teil meiner Doktorarbeit

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Springflower
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Migrationsforschung/Interkulturelle Studien: Abneigung gegen theoretischen Teil meiner Doktorarbeit

Beitrag von Springflower »

Hallo,
ich „schreibe“ zur Zeit an meiner Doktorarbeit im Bereich Migrationsforschung/Interkulturelle Studien. „Schreibe“ in Anführungszeichen, denn eigentlich sollte es eher heißen „sollte schreiben“. Ich habe damit angefangen, weil ich ich meine beruflichen Qualifikationen verbessern wollte, da ich keinen „meiner Qualifikation angemessenen“ Job fand.

Ich bin verheiratet, vier Kinder, Kindergarten und Grundschulalter.

Meine Arbeit besteht aus einem praktischen und einem theoretischen Teil. Mit dem praktischen Teil bin ich fertig. Er ist nach Angabe meines Doktorvaters sehr gut gelungen und die Arbeit hat mir großen Spaß gemacht. Ich hatte die Chance eng mit einer NGO zusammenzuarbeiten. Diese Arbeit war „hands on“ und interessant.

Es fehlt nun noch der theoretische Teil. Von ersten Textabschnitten, die ich ihm schickte, war mein Doktorvater nicht so begeistert. Es geht ihm nicht genug in die Tiefe.

Ich versuche nun mich mit tiefergehenden Texten zu beschäftigen und um ehrlich zu sein bemerke ich eine Abneigung gegen Texte, die sehr theoretisch, sehr abstrakt sind. Ständig finde ich Gründe, mich nicht damit beschäftigen zu müssen. Mit vier Kindern hat man auch immer Gründe, aber das ist nicht die einzige Ursache.

Ich mag es sehr, sehr ungern, länger alleine mich mit einem Thema beschäftigen zu müssen, mit keinem darüber reden zu können und dies alles ist theoretisch und nicht mehr praktisch.
Weder mein Mann noch meine Freunde interessieren sich groß für meine Forschungen. Meine Eltern sind Flüchtlinge und nicht mal diese interessieren sich dafür.
Es fällt mir schwer und ich frage mich oft, ob ich zu dumm bin oder ob es ausschließlich daran liegt, dass ich so ungern allein arbeite und ein extrovertierter, kommunikativer Mensch bin.

Ich möchte später gerne in dem Bereich arbeiten, doch auf keinen Fall theoretisch, sondern praktisch und mit Kontakt zu Menschen. Ich weiß inzwischen, dass es unter diesen Umständen klüger gewesen wäre, soziale Arbeit zu studieren, doch leider habe ich das nicht getan.

Mein Ziel ist es, den Doktortitel als weitere Qualifikation zu erlangen und dann einen Job zu finden, der nicht so „theoretisch“ ist.

Wie ist es möglich, meine Abneigung zu überwinden und mein Ziel zu erreichen?

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Wierus
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Re: Migrationsforschung/Interkulturelle Studien: Abneigung gegen theoretischen Teil meiner Doktorarbeit

Beitrag von Wierus »

Springflower hat geschrieben: 03.05.2022, 11:48Ich versuche nun mich mit tiefergehenden Texten zu beschäftigen und um ehrlich zu sein bemerke ich eine Abneigung gegen Texte, die sehr theoretisch, sehr abstrakt sind. Ständig finde ich Gründe, mich nicht damit beschäftigen zu müssen. Mit vier Kindern hat man auch immer Gründe, aber das ist nicht die einzige Ursache.

Ich mag es sehr, sehr ungern, länger alleine mich mit einem Thema beschäftigen zu müssen, mit keinem darüber reden zu können und dies alles ist theoretisch und nicht mehr praktisch.
Hast du dich denn nicht bereits im Studium ausgiebig mit Theorie(n) auseinandersetzen müssen? Bin etwas erstaunt.

Wie dem auch sein... helfen kann dir folgende Herangehensweise:
Nehmen wir mal an, die Ergebnisse des praktischen Teils wären reine, echte 'Fakten' (ob und zu welchem Grad sie das wirklich sind, zählt übrigens bereits zur theoretischen Diskussion), dann fehlt jetzt immer noch die Perspektivierung dieser 'Fakten' - in welcher Hinsicht, von welchem Standpunkt aus erscheinen deine Fakten wichtig? Zu welcher Fachdiskussion tragen deine Ergebnisse inwiefern bei?

Eigentlich eine Binsenweisheit: Theorie und Praxis sind keine Gegensätze. Deine Ergebnisse haben relativ wenig Wert, wenn sie nicht in ein Koordinatennetz theorieförmiger Aussagen eingebettet werden.

Hast du dich denn im Studium niemals in irgendeiner Weise theoretisch positionieren müssen? Es gibt doch in deiner Studienrichtung bestimmt zig verschiedenste 'Schulen' bzw. Theorieströmungen, die sich methodisch, forschungspraktisch, zum Teil sogar weltanschaulich widersprechen.
Springflower
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Re: Migrationsforschung/Interkulturelle Studien: Abneigung gegen theoretischen Teil meiner Doktorarbeit

Beitrag von Springflower »

Vielen Dank für deine Antwort erstmal.

Das ist eine lange Geschichte. Ich hatte eigentlich nicht vor zu studieren und wenn ich studieren wollte, dann an der FH, liess mich jedoch zu einem Studium an der Uni überreden, denn ich war eine für meine Gesamtschule sehr leistungsfähige Schülerin und mir und meinen Eltern wurde von allen Seiten vermittelt es sei eine Schande, wenn ich nicht an die Uni gehe. Ich kriegte daraufhin viel Druck von meiner ganzen Familie und bin eingeknickt.

Ich habe mich also für ein Studium an der Uni entschieden und merkte schnell, dass es mir nicht praktisch genug ist und nicht meinen Erwartungen entspricht.
Dennoch wollte ich es unbedingt erfolgreich beenden, um mir nicht den Lebenslauf zu ruinieren.
Im Studium habe ich mich verstärkt auf den sprachlichen und methodischen Teil konzentriert und den theoretischen Teil teilweise als notwendiges Übel empfunden. Insbesondere dann, wenn er wenig Bezug zur Praxis hatte.

Nach dem Studium wollte ich eigentlich sofort gerne praktisch arbeiten, doch als mehrfache Mutter, die nur halbtags berufstätig sein kann und auch örtlich gebunden ist, fand ich nur Praktika und man sagte mir schon im Voraus man könne mich nach dem Praktikum nicht übernehmen.

Ich entschloss mich also Praktika zu machen. Mein zweites Praktikum machte ich bei einer NGO aus dem Bereich Geflüchtentenhilfe, die mit einer Uni zusammenarbeitete.
Dieses NGO hat nun in enger Zusammenarbeit mit Geflüchteten ein Projekt für diese realisiert, wobei ich unterstützte. Das Projekt wurde von den Betroffenen gut angenommen. Mir wurde angeboten über dieses Projekt zu promovieren. Ich habe in Zusammenarbeit mit der NGO bereits „nicht-akademische“ Texte über das Projekt veröffentlicht. Ich habe Vorträge darüber gehalten. Das alles hat mir großen Spaß gemacht.

Im Rahmen meine Promotion hatte ich die Möglichkeit dieses Projekt noch tiefer zu analysieren und Anregungen zur Weiterentwicklung zu geben, wobei ich in engem Kontakt mit der NGO und mit den Geflüchteten stand. Seitens der NGO wurde mir gesagt, dass meine Analysen und Anregungen sehr hilfreich seien und niemand verlangte mehr theoretischen Background.

Ich habe mich erkundigt, wie meine Chancen auf Weiterbeschäftigung wären. Leider schlecht, da es an Geldern mangelt. Jedoch wurde mir gesagt, dass ich mit einer Promotion an anderen Stellen sehr viel bessere Chancen hätte als ohne, weil es mehr „her macht“.

Der praktische Teil meiner Doktorarbeit ist nun bereits fertig und gefällt dem Doktorvater gut. Theoretisch aber geht es ihm noch längst nicht genug in die Tiefe. Ich jedoch kriege mehr und mehr den Eindruck, dass es zu diesem Projekt eigentlich theoretisch gar nicht so viel zu sagen gibt, die Theorien in diesem Fall unpraktisch sind und nichts mit der Wirklichkeit dieses Projekts zu tun haben… und das sie auch keinen Praktiker interessieren. Das ist wirklich sehr frustrierend.

Man denkt sich: ich schreibe jetzt etwas dazu und das verstaubt dann irgendwo. Deswegen fällt es mir schwer, mich zu motivieren.
Springflower
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Re: Migrationsforschung/Interkulturelle Studien: Abneigung gegen theoretischen Teil meiner Doktorarbeit

Beitrag von Springflower »

Ergänzung: meine Methoden sind „teilnehmende Beobachtung“, wobei ich mich jedoch als Beobachterin zu erkennen gab, sowie „Problemzentrierte Interviews“. Bei meinen Analysen stand ich dann in engem Austausch mit Geflüchteten einerseits und Praktikern der NGO andererseits.

Aus dieser Vorgehensweise ergibt sich, dass ich erstmal ohne Theorie „gestartet“ bin. Der Doktorvater möchte dennoch jetzt einen theoretischen Background, der das Ganze erklärt.

Beispielsweise nahm ich während meiner teilnehmenden Beobachtung wahr, dass im Kontakt von Geflüchteten aus einem bestimmten Kulturkreis und Freiwilligen ein bestimmtes kulturell bedingtes Missverständnis auftrat. Zusätzlich wurde mir dieses Missverständnis während der problemzentrierten Interviews geschildert.

Problemzentrierte Interviews gelten ja als „halbstrukturierte“ Methoden. Ich habe mich jedoch bemüht sich möglichst unstrukturiert zu gestalten, das bedeutet, möglichst den Interviewpartner frei erzählen zu lassen. Auch hier wurde mir dieses Missverständnis geschildert.

Bei meinen späteren Analysen habe ich Rücksprache mit Flüchtlingen und Praktikern gehalten, um mir sicher zu sein, dass ich mir nichts aus den Fingern sauge.

Der Doktorvater möchte nun, dass ich theoretisch darlege, welche kulturelle Unterschiede es in Bezug auf diese Sache gibt, die zu diesem Missverständnis beitragen, welche Theorien es darüber gibt und außerdem wie die historische Entwicklung dieser kulturelle Unterschiede ist. Seine Meinung: es ist nicht dieser bestimmte Kulturkreis, der hier „anders“ ist. Es ist der Westen, der sich in der Vergangenheit von einem vorher universellen kulturellen Muster gelöst hat. Ich solle mir Theorien zu diesen historischen Umbruch angucken. Das geht in den Bereich Geschichtswissenschaft und historische Soziologie. Ich lese jetzt Quellen, die zum Teil schon sehr alt sind. Zum Teil sind die Autoren Zeitgenossen dieses Wandels.

Der Doktorvater hält es also für total plausibel, dass es dieses Missverständnis gibt. Das hat er nie bezweifelt, aber er möchte wissen: Warum? Welche historischen Hintergründe hat es? Wie kommt es eigentlich zur anderen Umgang des Westens damit, wie wir ihn heute erleben.
Während mein Fokus eher ist: Was kann man tun um bei derartigen Projekten konstruktiv damit umzugehen oder gar zu verhindern, dass dieses Missverständnis auftritt.
Wierus
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Re: Migrationsforschung/Interkulturelle Studien: Abneigung gegen theoretischen Teil meiner Doktorarbeit

Beitrag von Wierus »

Springflower hat geschrieben: 04.05.2022, 06:24Ich jedoch kriege mehr und mehr den Eindruck, dass es zu diesem Projekt eigentlich theoretisch gar nicht so viel zu sagen gibt, die Theorien in diesem Fall unpraktisch sind und nichts mit der Wirklichkeit dieses Projekts zu tun haben… und das sie auch keinen Praktiker interessieren. Das ist wirklich sehr frustrierend.
Das kann überhaupt nicht sein.

Ich finde ich es erstaunlich, dass du von einer Dissertation erwartest, praktisch anwendbar zu sein. Eine Dissertation ist und bleibt die wichtigste wissenschaftliche Qualifikationsschrift. Zu jeder wissenschaftlichen Studie gehört nun einmal, sich über sein Forschungsdesign theoretisch Rechenschaft abzulegen. Der Zweck einer Dissertation ist aber nicht, von 'Praktikern' gelesen zu werden, sondern schlicht und einfach, selbständiges wissenschaftliches Arbeiten nachzuweisen. Ob das dann viel gelesen wird oder nicht, steht im Grunde überhaupt nicht zur Debatte.

Springflower hat geschrieben: 04.05.2022, 10:31 Ergänzung: meine Methoden sind „teilnehmende Beobachtung“, wobei ich mich jedoch als Beobachterin zu erkennen gab, sowie „Problemzentrierte Interviews“. Bei meinen Analysen stand ich dann in engem Austausch mit Geflüchteten einerseits und Praktikern der NGO andererseits.

Aus dieser Vorgehensweise ergibt sich, dass ich erstmal ohne Theorie „gestartet“ bin. Der Doktorvater möchte dennoch jetzt einen theoretischen Background, der das Ganze erklärt.
Die Anführungsstriche in dem einen Satz sind falsch gesetzt: Du bist "ohne Theorie" gestartet -- so macht es Sinn. Denn natürlich bist du nicht ohne Theorie gestartet, du hast es nur für unwichtig befunden, von Anfang an deine theoretischen Prämissen offen zu legen.

Dein Doktorvater verlangt im Grunde etwas völlig selbstverständliches: Du sollst beschreiben und erklären, in welcher wissenschaftlichen (sprich: methodischen, sozialphilosophischen, forschungspraktischen etc.) Tradition deine Interviews und Beobachtungen angesiedelt sind. Außerdem solltest du deine Annahmen über das 'kulturelle Mißverständnis' genauer erklären.

Zum Thema "teilnehmende Beobachtung" kann ich dir nur das soziologische Standardwerk Entwurf einer Theorie der Praxis. Auf der ethnologischen Grundlage der kabylischen Gesellschaft von Pierre Bourdieu empfehlen. Darin erklärt der Autor die vielen (vor-)theoretischen Fallstricke soziologischer Feldstudien, insbesondere in Verbindung mit fremdkulturellen Kontexten.

Springflower hat geschrieben:Welche historischen Hintergründe hat es? Wie kommt es eigentlich zur anderen Umgang des Westens damit, wie wir ihn heute erleben.
Das alles gehört zur theoretischen Begründung deiner Arbeit. Meist kommt es in die Einleitung oder ins erste Kapitel.

Springflower hat geschrieben:Während mein Fokus eher ist: Was kann man tun um bei derartigen Projekten konstruktiv damit umzugehen oder gar zu verhindern, dass dieses Missverständnis auftritt.
Das kannst du im Schlusskapitel ausführen und bietest damit einen Ausblick zu deinem Thema.
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