Extreme Selbstzweifel kurz vor Abgabe

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Bertram
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Extreme Selbstzweifel kurz vor Abgabe

Beitrag von Bertram »

Halli hallo liebe Leidensgenossen,

ich bräuchte gerade mal euren Rat. Vorweg: Der folgende Text mag vielleicht wie ein Troll klingen, ist er aber nicht.

Ich promoviere seit nun gut 5 Jahren als WiMi in der Elekrotechnik und stehe eigentlich gerade kurz vor der Abgabe der Arbeit, Vertrag läuft auch ziemlich bald aus. Die Zeit der Promotion war keine leichte. Neben einem komplett fachfremden Umfeld (sehr spezielles Thema, wo weder Kollegen noch Prof. wirklich Ahnung haben) war die Fülle an Aufgaben nebenbei so groß, dass die Diss überwiegend in der Freizeit lief. Seit mehreren Jahren quäle ich mich überwiegend durch die ganze Sache. Das Thema interessiert mich eigentlich, aber die Zweifel an der Qualität der Ergebnisse, der Relevanz sowie das Wissen über eins, zwei Methodikfehler (ohne Einfluss auf die Gesamtaussage der Arbeit), die nur ich kenne, aber in dieser Phase nicht mehr korrigieren kann, führen dazu, dass ich am liebsten nicht abgeben würde. Auch halte ich einige Sachen in der Arbeit auch nicht für "zu Ende gedacht" und würde am liebsten nochmals alles über den Haufen werden. Zudem bin ich an einem Institut, wo es aufgrund der Drittmittelfinanzierung fast schon zwanghaft ist, Ergebnisse stets positiver darzustellen, als sie sind, was mir echt Bauchschmerzen bereitet.

Der Erstgutachter hat die Arbeit bereits gelesen und hoch gelobt. Alles sei einwandfrei, Umfang (280 Seiten) mehr als ausreichend, ich solle nur noch den Feinschliff machen und abgeben. Die Note der Arbeit ist mir eigentlich egal (rite wäre auch ok), da ich sowieso nicht in der Wissenschaft bleiben will. Aber diese panische Angst vor Fehlern, vor dem Urteil des Zweitgutachters (wurde noch nicht festgelegt), kritischen Fragen in der Verteidigung, Kritik nach der Veröffentlichung usw. plagen mich einfach so dermaßen. Irgendwie bin ich fast immun gegen jegliches positives Feedback, gefühlt ist die Arbeit nicht ausreichend und sowieso schon durchgefallen. Keine guten Voraussetzungen, um ein Fazit zu schreiben.

Kennt jemand hier so eine Situation? Sind diese extrem fiesen Zweifel am Ende normal und vergehen diese nach der Abgabe?

Viele Grüße

Bertram

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Wierus
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Re: Extreme Selbstzweifel kurz vor Abgabe

Beitrag von Wierus »

Bertram hat geschrieben: 23.02.2022, 20:46Das Thema interessiert mich eigentlich, aber die Zweifel an der Qualität der Ergebnisse, der Relevanz sowie das Wissen über eins, zwei Methodikfehler (ohne Einfluss auf die Gesamtaussage der Arbeit), die nur ich kenne, aber in dieser Phase nicht mehr korrigieren kann, führen dazu, dass ich am liebsten nicht abgeben würde. Auch halte ich einige Sachen in der Arbeit auch nicht für "zu Ende gedacht" und würde am liebsten nochmals alles über den Haufen werden. Zudem bin ich an einem Institut, wo es aufgrund der Drittmittelfinanzierung fast schon zwanghaft ist, Ergebnisse stets positiver darzustellen, als sie sind, was mir echt Bauchschmerzen bereitet.
Imho sind das alles ausgenommen gute Voraussetzungen, um durch die Verteidigung deiner Diss zu kommen. Du kennst einige der Schwachstellen deines Projekts und hast bereits eine Liste an Verbesserungsvorschlägen. Konstruktive Kritik seitens deiner Gutachter wird dich also nicht so schnell aus der Bahn werfen. Bedenke: Jedes Forschungsprojekt hat seine Schwachstellen!

Versetz dich doch mal in folgendes Horrorszenario: Du bist mit deiner Dissertation rundum zufrieden und stolzierst deshalb fast in Feierlaune in die Disputation. Wider Erwarten hagelt es dann plötzlich substantielle inhaltliche Kritik, die überhaupt nicht böse gemeint ist. Das könnte dich schwer ins Schlingern bringen und vor den Prüfern dumm dastehen lassen (anstatt eine angeregte, interessante Diskussion mit ihnen zu führen).

Viel Erfolg!
flip
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Re: Extreme Selbstzweifel kurz vor Abgabe

Beitrag von flip »

Bertram hat geschrieben: 23.02.2022, 20:46 Der Erstgutachter hat die Arbeit bereits gelesen und hoch gelobt. Alles sei einwandfrei, Umfang (280 Seiten) mehr als ausreichend, ich solle nur noch den Feinschliff machen und abgeben. Die Note der Arbeit ist mir eigentlich egal (rite wäre auch ok), da ich sowieso nicht in der Wissenschaft bleiben will. Aber diese panische Angst vor Fehlern, vor dem Urteil des Zweitgutachters (wurde noch nicht festgelegt), kritischen Fragen in der Verteidigung, Kritik nach der Veröffentlichung usw. plagen mich einfach so dermaßen. Irgendwie bin ich fast immun gegen jegliches positives Feedback, gefühlt ist die Arbeit nicht ausreichend und sowieso schon durchgefallen. Keine guten Voraussetzungen, um ein Fazit zu schreiben.

Kennt jemand hier so eine Situation?

Bertram
https://de.wikipedia.org/wiki/Hochstapler-Syndrom

Die effektivste Therapie zur Überwindung des Hochstapler-Syndroms ist zu erkennen, dass es existiert.
Grounded
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Re: Extreme Selbstzweifel kurz vor Abgabe

Beitrag von Grounded »

Bertram hat geschrieben: 23.02.2022, 20:46 Das Thema interessiert mich eigentlich, aber die Zweifel an der Qualität der Ergebnisse, der Relevanz sowie das Wissen über eins, zwei Methodikfehler (ohne Einfluss auf die Gesamtaussage der Arbeit), die nur ich kenne, aber in dieser Phase nicht mehr korrigieren kann, führen dazu, dass ich am liebsten nicht abgeben würde. Auch halte ich einige Sachen in der Arbeit auch nicht für "zu Ende gedacht" und würde am liebsten nochmals alles über den Haufen werden. Zudem bin ich an einem Institut, wo es aufgrund der Drittmittelfinanzierung fast schon zwanghaft ist, Ergebnisse stets positiver darzustellen, als sie sind, was mir echt Bauchschmerzen bereitet.

Der Erstgutachter hat die Arbeit bereits gelesen und hoch gelobt. Alles sei einwandfrei, Umfang (280 Seiten) mehr als ausreichend, ich solle nur noch den Feinschliff machen und abgeben. Die Note der Arbeit ist mir eigentlich egal (rite wäre auch ok), da ich sowieso nicht in der Wissenschaft bleiben will. Aber diese panische Angst vor Fehlern, vor dem Urteil des Zweitgutachters (wurde noch nicht festgelegt), kritischen Fragen in der Verteidigung, Kritik nach der Veröffentlichung usw. plagen mich einfach so dermaßen. Irgendwie bin ich fast immun gegen jegliches positives Feedback, gefühlt ist die Arbeit nicht ausreichend und sowieso schon durchgefallen. Keine guten Voraussetzungen, um ein Fazit zu schreiben.

Kennt jemand hier so eine Situation?
Bertram
Hallo lieber Leidensgenosse :wink:,

das kenne ich auch und würde von übertriebener Fehlervermeidung, Leistungszweifeln und Fehlersensibilität, aber auch von Angst vor Bewertung sprechen. Mir ging es dabei darum, meine Diss möglichst fehlerfrei und vollkommen auszuführen - nicht, um Perfektion zu erreichen, sondern um unangreibar zu sein. Zentral ist die Angst keine Existenzberechtigung zu haben, wenn nicht ständig Tadelloses und Außergewöhnliches vorgewiesen werden kann. Ich würde also eher von Perfektionismus sprechen. Wie siehst du das? Findest du dich in meiner Beschreibung wieder?

Viele Grüße
Grounded
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