Auflösen/Kündigen gegen den Willen des Betreuers??

... und die Fragen, die sich davor und dabei ergeben.
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womito
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Auflösen/Kündigen gegen den Willen des Betreuers??

Beitrag von womito »

Hallo,
kurz zu meiner Situation:
Ich bin Volljurist und arbeite nun seit ca. 1,5 Jahren als WissMit an der Uni und Promoviere in den Rechtswissenschaften. Mein Thema finde ich toll und eigentlich gefällt mir auch die Arbeit als WissMit recht gut, aber leider hat die Arbeitsbelastung in der letzten Zeit so erheblich zugenommen, dass ich einfach nicht mehr zum schreiben komme.
Unglücklicherweise ist mein Chef, der gleichzeitig auch mein Betreuer ist, insoweit gänzlich unzugänglich. Die Antwort ist meist, dass man eben schneller arbeiten müsse. An seinem Lehrstuhl ist es nicht unüblich, dass die Promovierenden zunächst 3 Jahre nur arbeiten und erst danach (berufsbegleitend) die Dissertation schreiben/promovieren. Das kommt für mich aber nicht in Frage. Die Arbeit als WissMit ist für mich ausschließlich Mittel zum Zweck. Die Vorstellung noch viel länger für 1.500€/Monat faktisch Vollzeit zu arbeiten, ohne meinem eigentlichen Ziel näher zu kommen, ist ein Alptraum. Am liebst würde ich daher sofort aufhören als WissMit zu arbeiten, einige Monate ausschließlich an meiner Diss. arbeiten und DANACH in der freien Wirtschaft arbeiten (einen sehr attraktiven Job habe ich bereits in Aussicht).
Das Problem ist aber, dass mein Chef es nur extrem ungerne sieht, wenn seine Mitarbeiter vor Ablauf der Befristung gehen. Für ihn bedeutet das mehr oder weniger, dass auch die Promotion gestorben ist. Bei mir speziell spitzt sich das noch in sofern zu, als er mich scheinbar sehr gerne mag (was nicht auf Gegenseitigkeit beruht und eher mit noch mehr Arbeit einhergeht).

Nun meine Frage: Hat jemand von euch Erfahrungen mit einer ähnlichen Situation? Würdet ihr einfach kündigen/einen Auflösungsvertrag verlangen und hoffen, dass der Betreuer es schafft (entgegen seinem Ruf), bei der Korrektur persönliche Gefühle/Eingeschnapptsein abzustreifen?

Danke schon mal!

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johndoe
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Re: Auflösen/Kündigen gegen den Willen des Betreuers??

Beitrag von johndoe »

Hi,
hast du denn neben deinem Arbeitsvertrag einen separaten Betreuungsvertrag? Ich könnte mir vorstellen, dass bei einer Kündigung ein Stück weit die Verbindlichkeit zur Betreuung mitaufgelöst wird, wenn es nicht schriftlich festgehalten ist und dein Chef zu solchem Verhalten neigt. Beurteilung am Ende ist das eine -da gibts ja immer noch mehrere Leute in der Kommission- aber ohne Betreuung uns Ziel segeln, halte ich für riskant.
SSCI
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Re: Auflösen/Kündigen gegen den Willen des Betreuers??

Beitrag von SSCI »

Kündigen heißt (wahrscheinlich) bei ihm nicht promovieren zu können.
Wierus
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Re: Auflösen/Kündigen gegen den Willen des Betreuers??

Beitrag von Wierus »

womito hat geschrieben: 17.11.2021, 07:04Die Vorstellung noch viel länger für 1.500€/Monat faktisch Vollzeit zu arbeiten, ohne meinem eigentlichen Ziel näher zu kommen, ist ein Alptraum. Am liebst würde ich daher sofort aufhören als WissMit zu arbeiten [...].
Etwa 1.500€ Brutto für einen Vollzeitjob? Das wäre bitter...

womito hat geschrieben: 17.11.2021, 07:04Das Problem ist aber, dass mein Chef es nur extrem ungerne sieht, wenn seine Mitarbeiter vor Ablauf der Befristung gehen. Für ihn bedeutet das mehr oder weniger, dass auch die Promotion gestorben ist.
Ich denke, du ahnst es bereits: Du musst dich nun entscheiden, ob dir die Promotion wichtiger ist als ein Karriere-Sofortstart in der freien Wirtschaft. Bei deinem Chef zu kündigen in der Hoffnung, deine Promotion danach problemos fertigzukriegen, halte ich in diesem Fall für abwegig.

Vielleicht solltest du aber trotzdem nochmal bei ehemaligen Doktoranden deines Chefs anfragen, wie sie deine Möglichkeiten einschätzen.
womito
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Re: Auflösen/Kündigen gegen den Willen des Betreuers??

Beitrag von womito »

johndoe hat geschrieben:
> Hi,
> hast du denn neben deinem Arbeitsvertrag einen separaten Betreuungsvertrag?
> Ich könnte mir vorstellen, dass bei einer Kündigung ein Stück weit die
> Verbindlichkeit zur Betreuung mitaufgelöst wird, wenn es nicht schriftlich
> festgehalten ist und dein Chef zu solchem Verhalten neigt. Beurteilung am
> Ende ist das eine -da gibts ja immer noch mehrere Leute in der Kommission-
> aber ohne Betreuung uns Ziel segeln, halte ich für riskant.

Tatsächlich habe ich eine Betreuungsvereinbarung. THEORETISCH ist die wohl sogar durchsetzbar... aber ein solcher Streit riecht ja schon nach 100 Jahre ärger :roll:
Und ja, so ganz ohne Rückkopplung zum Betreuer ist so eine Diss. sicher nicht easy. Meine Gliederung und einige zentrale Thesen habe ich mit ihm allerdings schon durchgesprochen. Ganz im Dunklen tappe ich also nicht.
johndoe
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Re: Auflösen/Kündigen gegen den Willen des Betreuers??

Beitrag von johndoe »

womito hat geschrieben: 17.11.2021, 17:42
Und ja, so ganz ohne Rückkopplung zum Betreuer ist so eine Diss. sicher nicht easy.
Mir ging es da weniger ums generelle Schaffen - natürlich kann man im Alleingang eine Diss zu Papier bringen. Aber das, was du am Ende einreichtst, entspricht mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht den Anforderungen des Profs. Ich hab zb allein mein Abstract am Ende 20x überarbeitet, weil mein Betreuer nicht zufrieden war. Dh ohne voriges Feedback würgt man es dir im Zuge der Beurteilung rein. Und das wäre ungut.

Ich hab die Worte eines alten Profs im Ohr: der hat mal jmd in der Diplomarbeit durchfallen lassen. Grund war mangelnde Abstimmung während des Verfassens seitens des Studis.

Und das Schreiben ist ja nur die eine Seite der Medaille. Kritischer sind Forschungsdesign, Methodenwahl, Datensammlung etc... Wenn dein Fundament nicht zur Erwartung des Prüfers passt, kannst du im worst case nochmal von vorn anfangen.

Mit diesen aufbauenden Worten: überlege es dir gut, ob Risiko und Aufwand hier angemessen sind, falls du ohne WiMA-Job weitermachen willst.
caipirinha11085
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Re: Auflösen/Kündigen gegen den Willen des Betreuers??

Beitrag von caipirinha11085 »

Ist doch prima, wenn dein Chef dich mag. Das würde ich mir zunutze machen und auf Verständnis hoffen. Daher würde ich bei der Kündigung auch nicht die Arbeitsbedingungen in den Vordergrund stellen, sondern persönliche Gründe. Sei es eine tolle berufliche Chance, die du dir nicht entgehen lassen willst, ein räumlicher Wechsel (zieht mE immer am Meisten) oder weil du dir von der neuen Position wertvolle Einblicke in die Praxis für dein Dissthema erhoffst (und außerdem tolle berufliche Chancen, die du dir nicht entgehen lassen kannst!) ;)

Wie lange arbeitest du denn dort schon? Es ist vielleicht nicht gern gesehen, wenn man vor Abschluss der Diss den Lehrstuhl verlässt, aber sicher bist du nicht der Erste, der das je durchgezogen hat. Aus meiner Erfahrung heraus (habe ebenfalls an einem juristischen Lehrstuhl promoviert) kann ich nicht nachvollziehen, warum die Mehrheit hier davon ausgeht, dass das automatisch das Ende deiner Diss bedeutet. So dein Chef kein absoluter Hardliner in dem Bereich ist, ist das doch eher eine Frage, ob man es schafft, seine Gründe so zu verkaufen, dass niemand gekränkt wird.

Was ist eigentlich dein Plan B? Gerade als Volljurist kann es dir als "WissMit" in der GK auch passieren, dass du dort letztlich als Anwalt eingesetzt wirst und nicht mehr zu deiner Diss kommst.
flip
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Re: Auflösen/Kündigen gegen den Willen des Betreuers??

Beitrag von flip »

womito hat geschrieben: 17.11.2021, 07:04
Nun meine Frage: Hat jemand von euch Erfahrungen mit einer ähnlichen Situation? Würdet ihr einfach kündigen/einen Auflösungsvertrag verlangen und hoffen, dass der Betreuer es schafft (entgegen seinem Ruf), bei der Korrektur persönliche Gefühle/Eingeschnapptsein abzustreifen?

Danke schon mal!
Ich würde erst einmal das Gespräch suchen, anstatt gleich mit dem Holzhammer zu kommen.
Ansonten fehlt irgendwie der Stand deiner Diss, also wie weit du in den 1,5 Jahre gekommen bist. Wenn du noch nicht mal die Hälfte geschafft hast, dann ist eine Diss in Eigenregie (nichts anderes hast du vor) sehr gefährlich.
tkjhg
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Re: Auflösen/Kündigen gegen den Willen des Betreuers??

Beitrag von tkjhg »

Es kommt mE darauf an, wie transparent und ehrlich du das ganze spielen willst.
In meiner Lehrstuhl-/Institutserfahrung wussten Professoren sehr genau, was sie tun und was sie "eigentlich nicht dürften". Sie waren abgebrüht genug, das trotzdem in vollem Bewusstsein durchzuziehen und haben sich aus vorangehenden Kämpfen oder Aussprachen schon diverse Argumente bereitgelegt, die sie direkt mit einer geiwissen Verve entgegnet haben, seien sie auch noch so irrelevant oder unzutreffend.

Ich hatte diesbezüglich eine persönliche Situation und auch viel von Kollegen gehört. Daher würde ich dir raten, dich darauf als worst case vorzubereiten und dich entsprechend zu fragen, wie du damit umgehen willst bzw. wie du dem vorbeugen würdest.

Ein Vorschlag wäre, wenn für dich auch "white lie"-Taktiken in Ordnung sind, dich erstmal etwas länger krankschreiben zu lassen (2-3 Wochen) und in der Zeit mal ein wenig zu deiner Diss zu finden und zu schauen, wie schnell du in der Zeit vorankommst. Weiterhin könntest du dich mit einer Bitte, kürzertreten zu dürfen, an den Prof richten und das ganze mit einem (familiären) Schicksalsschlag begründen. Natürlich könnte ein abgebrühter Prof gegenfragen, wie dann die Arbeit an der Diss vorangehen solle - auf sowas solltest du dich vorbereiten.

Wenn du das Gefühl hast, dass diese Taktiken nicht/nicht langfristig helfen, du aber die Situation nicht mehr akzeptieren möchtest, könntest du insbesondere das Schicksalsschlag-Argument auch nutzen, um den Arbeitsvertrag aufzulösen und anzubieten, "erstmal klarzukommen" und dann extern weiterzumachen.
Wenn dein Prof. selbst auf einen vermeintlichen Schicksalsschlag ungehalten oder ungnädig reagiert, würde ich mir an deiner Stelle sehr stark überlegen, ob du dort überhaupt weiterarbeiten möchtest und ggf. auch über einen Betreuerwechsel nachdenken. Das Verhalten könnte dann nämlich starke Züge einer reinen, einseitigen Ausnutzung von Arbeitskraft tragen. Und das solltest du in deinem eigenen Interesse nicht akzeptieren.

Als Volljurist mit derzeit wohl so guten beruflichen Chancen wie jemals zuvor solltest du auch einmal wirtschaftlich durchrechnen, wie viel dich die Jahre an der Diss "kosten" - gerade, da du ja nicht in die Wissenschaft zu streben scheinst und damit keine "Opfer" für eine wissenschaftliche Karriere erbringen musst. Die Disszeit sollte damit auch für dich klar nutzenorientiert ausgerichtet sein. Natürlich "gibt" man auch für den Prof, aber es muss auch ganz klar netto etwas bei dir rüberkommen, sonst verschenkst du schlicht massiv Potential.

Viel Erfolg!
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