Promotion fertigstellen mit über 45 Jahren

... und die Fragen, die sich davor und dabei ergeben.
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johndoe
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Re: Promotion fertigstellen mit über 45 Jahren

Beitrag von johndoe »

Ich denke auch nicht, dass dein Alter ein Problem darstellt. Was mich dagegen zweifeln lässt am Erfolg, ist folgendes Statement:
AlterDoktorand hat geschrieben: 22.11.2020, 20:40 Nun ist das Leben seit einigen Jahren wieder stabil und unbeschwert, jedoch habe ich weiterhin starkes Interesse und Begeisterung an wissenschaftlicher Arbeit, auch wenn die Kinder (am WE) und der Beruf wenig Zeit lassen.
Ich selbst habe berufsbegleitend promoviert und meine wesentlichen Schaffensphasen waren am WE oder im Urlaub. Ich habe einen fordernden Job und war abends i.d.R. nicht mehr in Lage, mich durch Literatur zu wälzen oder mit neuen Verfahren zu experimentieren, v.a. im letzten Drittel. Allerdings habe ich mich, als ich das erkannte, dazu entschieden, temporär Stunden zu reduzieren. Das habe ich dann so angelegt, dass ich regelmäßig einige Tage am Stück frei hatte. So ging was voran!

Worauf ich hinaus will: wenn dir dein Beruf keine Zeit lässt (was ich mal synonym zu "stressig" oder "fordernd" deute), wirst du es nicht lange durchstehen, dich abends noch an die Diss zu setzen. Und wenn das WE bereits mit deinen Kindern gebucht ist, wirst du wohl einsehen müssen, dass die Wochenzeit beschränkt ist - und schlafen + erholen will der Mensch ja auch noch, bevor man mit Burnout in der Klinik liegt.

Also was ist deine Strategie bzgl. Zeit und "Energiehaushalt", um das Projekt fertigzustellen? Darauf solltest du eine Antwort entwickeln.

Betreuer etc. ist sicher nicht unerheblich, aber m.E ist das oben genannte in deiner Situation die größte Herausforderung.

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AlterDoktorand
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Re: Promotion fertigstellen mit über 45 Jahren

Beitrag von AlterDoktorand »

Danke. Mehrere Hinweise erfolgten nun schon warnend in die Richtung, meine zur Verfügung stehende Zeit kritisch zu beurteilen.

Wie ich ja eingangs ausführte, habe ich ja bereits langjärige Erfahrung im berufsbegleitendem Promovieren. Ich weiss, was auf mich zukäme. Das habe ich mir gut überlegt. Arbeitszeiten könnte ich reduzieren, Kinder sind auch nicht jedes Wochenende da. Und vor allem:

Die Arbeit ist ja so gut wie fertig. Sie ist auch schon zu 90% aufgeschrieben. Selbst, wenn ich noch einiges ändern müsste, wäre es ja nicht im Geringsten mit einer bei 0 beginnenden Promotion zu vergleichen.

Es stellt sich für mich eben doch zunächst einmal zentral die Betreuer-Frage, deren Aspekte ich oben ausgeführt habe.
Wierus
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Re: Promotion fertigstellen mit über 45 Jahren

Beitrag von Wierus »

Du könntest sicherlich diverse Institute nach Sprechstundenmöglichkeiten mit Professoren in deinem Fachbereich abklappern. Vielleicht interessiert sich ein Lehrstuhl zur Zeit für genau dein Thema. Du beschreibst es ja immerhin am "Schnittpunkt von Informatik, Mathematik und Maschinenbau", was ich als ingenieurwissenschaftlicher Laie als einen status quo der derzeitigen Forschung in diesen Bereichen empfinde, von wegen Robotik/Kybernetik, Mechatronik, Ingenieurinformatik usw. Suche dir also über das Internet Lehrstühle in deinem Bereich aus, sichte deren Vorlesungsverzeichnisse und sonstige Angaben zu deren Lehrinhalten, und gehe gezielt in Sprechstunden, um mit deinem Thema zu überzeugen. Das ist in meinen Augen deine einzige Möglichkeit.

Denn Promotionsbetreuung ist nunmal zusätzliche Arbeit für einen Prof, da muss man entweder einen sehr guten persönlichen Draht zu ihm haben oder ihm vom Thema her sehr gelegen kommen - oder sich als eifrige Laborratte anbieten, die willig ist, viele Jahre am Existenzminimum zu leben und für ihn Versuche durchzuführen oder sonstige ihm lästige Arbeiten zu erledigen.

Deshalb kann dir hier auch kaum jemand so richtig weiterhelfen, denn ein "Hallo Herr Professor, ich hab da im Internet einen Promotionswilligen mit fast fertiger Diss, genaueres Thema unbekannt" wird kaum einen Lehrstuhlinhaber geschweige den Privatdozenten hinterm Ofen hervorlocken. So zumindest meine subjektive Einschätzung. Und irgendwelche Geheimtipps oder gar Halbseidenes ist hier auf Doktorandenforum nicht zu holen.

Viele Grüße
AlterDoktorand
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Re: Promotion fertigstellen mit über 45 Jahren

Beitrag von AlterDoktorand »

Hallo,

ja, ich sollte dann mal die in Frage kommenden Institute recherchieren und deren aktuelle Forschungsthemen auf zu meiner Arbeit passende Anknüpfpunkte analysieren. Wie ist denn Eure Erfahrung mit solchen Initiativ-Kontaktaufnahmen à la "Ich habe eine (eigene) Forschungsfrage..."? Was ist das geeignetere Medium -- Telefon oder E-Mail?

Wie oben nachzulesen, hinterfrage ich ja gezielt, welche Motivation ein Betreuer haben könnte, eine angefangene Arbeit zu Ende zu betreuen. Andererseits lese ich hier immer wieder "Das ist der Job eines Professors, dafür wird er bezahlt.". Klar, wenn eine Arbeit gar nicht relevant für ihn ist, dann kommt das sicher nicht in Frage...

Ich bin über jede Erfahrung in dieser Hinsicht, insbesondere von anderen externen Doktoranden und Spätberufenen dankbar.

Bleibt gesund
AlterDoktorand
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Re: Promotion fertigstellen mit über 45 Jahren

Beitrag von teilchenphysik196 »

Jemanden anzusprechen, den man nicht kennt, ist eher schwierig - meine Erfahrung. Die Bereitschaft, ein angefangenes Thema zuende zu betreuen, geht vielfach gegen Null. Ich kenne Doktoranden, wo der Doktorvater während der Promotion verstarb und sich niemand fand, der das Thema weiterbetreut hätte. Insgesamt also eher schwierig. Am ehesten würde ich noch die Chance sehen, an Deiner alten Uni anzuklopfen, wo eventuell noch jemand Deinen Namen kennt. Im übrigen ist es seit Guttenberg sehr schwer geworden, als Externer irgendwo zu promovieren; die Angst der Betreuer vor betrügerischen Doktoranden ist definitiv da. Ja, und 5 Jahre altes Material kann im Fachgebiet Informatik schon uralt sein. Aber da steckst Du tiefer drin als ich.

Noch ein Gedanke zum Thema Zeit. Meine Erfahrung ist, dass es gar nicht unbedingt die verfügbare Zeit ist, die limitiert. Sondern der Komplexitätsgrad des Jobs, den Du ausübst. Tagsüber Komplexes und abends Komplexes, das erschöpft auf Dauer. Je weniger komplex und anstrengend Dein Hauptjob, umso besser. Das Gehirn kann nur einen gewissen Komplexitätsgrad über Stunden verarbeiten. Mir kam es wirklich vor wie ein Muskel: Anspannung über lange Zeit geht irgendwann nicht mehr.
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Re: Promotion fertigstellen mit über 45 Jahren

Beitrag von Wierus »

Die Einschätzung von Teilchenphysik196 zu externen Promotionen teile ich aus mehreren Gründen nicht. Aber ich würde schon sagen, dass die Unwilligkeit zur Betreuung politisch aktiver oder völlig unbekannter Promotionskandidaten gestiegen ist. Will heißen: Man sollte dem Professor näher bekannt sein, zum Beispiel durch den erfolgreichen Besuch seiner Seminare und Vorlesungen.

AlterDoktorand hat geschrieben: 25.11.2020, 08:45Wie oben nachzulesen, hinterfrage ich ja gezielt, welche Motivation ein Betreuer haben könnte, eine angefangene Arbeit zu Ende zu betreuen.
Kurze Antwort: Überhaupt keine, sofern es ihm nicht eine Promotionskommission oder die Universitätsleitung ausdrücklich nahelegt.

Lange Antwort: Einen Nutzen würde der Idealtyp eines Professors bzw. prüfungsberechtigten Forschers in deinem Thema dann sehen, wenn du dich damit entweder (a) konkret an einem seiner akuten Forschungsthemen konstruktiv beteiligst und es damit unterstützst, (b) seine Forschungsbeiträge rauf und runter zitierst und seine ihm wichtigen Thesen durch neue Ergebnisse untermauerst oder (c) ein in seinen Augen wirklich herausragend gutes Forschungsdesign vorweisen kannst, das zu einer preisverdächtigen Dissertation führen könnte, welche dem Prestige seines Lehrstuhls zugute kommen würde.

Zu beachten ist allerdings, dass (c) die mit Abstand unwahrscheinlichste Möglichkeit darstellt, da man derlei Verlauf ja schlecht absehen kann und ein Professor sich -rein wissenschaftspoltitisch bzw. 'berufstaktisch' betrachtet- letztlich auch ungern die Butter vom Brot nehmen lassen würde von einer ihm unbekannten Person.
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Re: Promotion fertigstellen mit über 45 Jahren

Beitrag von AlterDoktorand »

Dann sieht es danach aus, als sei die "fast fertige Promotion" der größte Klotz am Bein auf dem Weg zu Promotion.

Ich hatte sowas irgendwie befürchtet. Aber es ist ja irgendwie paradox, da man durch eine Promotion ja eigentlich seine Befähigung zum wissenschaftlichen Arbeiten nachweisen soll. Da sollte eine fast fertige Promotion, die man nochmal aktualisiert, eine Veröffentlichung hinzufügt, und alles legal zu einer fertigen Arbeit abrundet, eigentlich kein Hindernis sein.
johndoe
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Re: Promotion fertigstellen mit über 45 Jahren

Beitrag von johndoe »

AlterDoktorand hat geschrieben: 25.11.2020, 08:45 Wie oben nachzulesen, hinterfrage ich ja gezielt, welche Motivation ein Betreuer haben könnte, eine angefangene Arbeit zu Ende zu betreuen.
Ich denke, du solltest die positiven Aspekte ausspielen:
  • Stelle dar, wo du schon stehst in deiner Forschung - d.h. untermauere, dass der Betreuer nicht viel Aufwand/Risiko hat und letztlich nur noch x und y fehlen zum Abschluss
  • Weise auf publizierbare Teile der Arbeit hin - vll kannst du unterschwellig anbringen, dass Ko-Autorenschaft für dich ok ist
  • Argumentiere unbedingt die Relevanz deiner Forschung
  • Versuche die Forschungssschwerpunkte des Betreuers mit deiner Arbeit in den Kontext zu bringen und wie das die Forschung des Lehrstuhls voranbringen würde
Dies als Ideen, wie ich es heute machen würde. Ich hab vor vielen, vielen Jahren selbst "Klingelgeputzt" und bin praktisch immer abgewiesen worden. Ich denke, halbgare Anfragen ohne Lehrstuhlbezug und ohne eigene Vorleistung schrecken bei Externen ab. Vermutlich kannst du am besten über die Währung der Wissenschaft punkten: Potentielle Ko-Autorenschaft bei geplanten Veröffentlichungen.

Ggf. ist es auch aussichtsreicher, einen Telefon/Skype etc.-Termin zu vereinbaren über die Sekretärin und dein Anliegen persönlich vorzutragen, statt per Mail anzufragen. Anfragen per Mail werden a) leicht übersehen und b) aufgrund der persönlichen Distanz ebenso schnell per Mail abgelehnt.
Wierus
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Re: Promotion fertigstellen mit über 45 Jahren

Beitrag von Wierus »

AlterDoktorand hat geschrieben: 25.11.2020, 19:45es ist ja irgendwie paradox, da man durch eine Promotion ja eigentlich seine Befähigung zum wissenschaftlichen Arbeiten nachweisen soll. Da sollte eine fast fertige Promotion, die man nochmal aktualisiert, eine Veröffentlichung hinzufügt, und alles legal zu einer fertigen Arbeit abrundet, eigentlich kein Hindernis sein.
Wie gesagt, gezielt in Sprechstunden von Professoren gehen, die im relevanten Bereich forschen/lehren.

Mit guter Vorbereitung und etwas Glück kann es klappen.
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