Selbstzweifel bezüglich der intellektuellen Fähigkeiten

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asodi
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Selbstzweifel bezüglich der intellektuellen Fähigkeiten

Beitrag von asodi »

Hallo an alle,

ich plane zu promovieren und bereite gerade mein Expose vor. Die Uni(s) habe ich mir schon rausgesucht, die potentiellen Professoren auch, über die Finanzierungsmöglichkeiten bin ich mir im klaren. Ich merke jedoch, dass meine Selbstzweifel extrem stark sind und mich behindern. Ich zweifel nicht daran, dass ich zurück zur Uni will. Ich habe nach dem Studium etwas Berufserfahrung gesammelt, habe aber sehr schnell gemerkt, dass ich mich doch stark zur Universität angezogen fühle. Ich möchte endlich gerne in ein Thema tiefer eintauchen, statt ständig von allem etwas anzukratzen. Ich habe Hausarbeiten immer geliebt und bachelor und Masterarbeit habe ich auch gerne geschrieben. Es hat mir Spaß gemacht zu recherchieren, zu schreiben und kritisch zu hinterfragen. Bin jetzt auch eher der konzeptionelle Typ und hatte Glück, dass ich für die Masterarbeit einen Prof finden konnte, der das unterstützt hat.
Nur habe ich ständig das Gefühl dumm und nicht gut genug zu sein! Geht es auch jemanden so? Ich habe das Gefühl, alles was ich weiß kratzt nur an der Oberfläche. Wie soll ich da einen Professor überzeugen? Da kam es auch nicht selten vor, dass ich einen Blackout hatte. Dann fange ich an zu reden und denke mir, nein, das ist nicht gut genug, nicht reflektiert genug, nicht der "richtige" Gedanke (wobei es DEN richtigen oder DEN falschen Gedanken nicht gibt) und manchmal will ich einfach mal nur alles auskotzen was ich gelesen habe. Dann kommt jemand mit einem "reflektierteren" Gedanken und ich denke mir, ja, warum bin ich nicht da drauf gekommen !? Ich habe jetzt auch niemanden, mit dem ich über mein Diss-Thema sprechen kann, das - zugegeben- sehr speziell ist. Ich merke aber, dass ich den Gedankenaustausch schon brauche um auf neue Ideen zu kommen und um das ganze einzugrenzen. Ich habe jetzt auch niemanden in meinem Umfeld, der promovieren möchte oder über "solche Themen" ernsthaft reden will. Da sind alle nur genervt.
Ich habe auch keine klassische wissenschaftliche Laufbahn. Bin im Studium durch die Welt gebummelt, habe mich mit irgendwelchen Nebenjobs über Wasser gehalten, da hatte ich halt einfach andere Interessen und Prioritäten im Leben. Ich muss auch nicht auf Biegen und Brechen 100 Artikel veröffentlichen, mir einen internationalen Namen machen und mich auf jeder Konferenz sehen lassen. Ich möchte einfach schreiben, forschen und mich in ein Themengebiet vertiefen. Ich habe oft das Gefühl, dass es in der Wissenschaft auch nur um Profilierung und Kommerzialisierung geht. Ich hatte ein Vorstellungsgespräch für eine Doktorandenstelle, die ich - dank Blackout und meinen Selbstzweifel- nicht bekommen habe. Ich glaube es war der dritte Satz, der mir der Prof gesagt hat: Alle zu veröffentlichen Essays gehen nur über und mit ihm. Ich bin nur Co-Autor. Es geht darum so viele Artikel wie möglich zu veröffentlichen. Rückblickend bin ich dann doch froh, dass ich die Stelle nicht bekommen habe. Da lese ich von "Experten" 10 Artikel. In allen 10 steht im Grunde das gleiche, mal in abgespeckter Version, mal in sehr ausführlicher. Auf diesen Konkurrenzsch*** habe ehrlich gesagt keinen Bock.

Geht oder ging es hier jemanden auch so? Jemand, der sich einfach nur seiner Doktorarbeit aus vollem Herzen hingeben möchte? Oder an sich selbst zweifelt?

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johndoe
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Re: Selbstzweifel bezüglich der intellektuellen Fähigkeiten

Beitrag von johndoe »

asodi hat geschrieben: 16.08.2020, 20:28 Ich habe das Gefühl, alles was ich weiß kratzt nur an der Oberfläche. Wie soll ich da einen Professor überzeugen?
Ich denke, dass es den allermeisten so geht, aber viele grade im Beruf gelernt haben, es gut zu überspielen. Ein Prof erwartet nach dem Studium keinen Experten - dafür ist ein Studium viel zu breit angelegt. Expertise gedeiht später im Beruf oder eben durch eine Promotion. Aber im Kontext _deines_ Exposes musst du sicher argumentieren können, immerhin ist das ja dein Baby.
KristinaS
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Re: Selbstzweifel bezüglich der intellektuellen Fähigkeiten

Beitrag von KristinaS »

asodi hat geschrieben: 16.08.2020, 20:28 Nur habe ich ständig das Gefühl dumm und nicht gut genug zu sein!
Das Gefühl kenne ich nur zu gut. Befinde mich in einer ähnlichen Situation. Ich habe schon während des Studiums gearbeitet, konnte nach meinem Abschluss die Stelle auf Vollzeit ausweiten und habe nach einem guten Jahr fest im Job festgestellt, dass ich wissenschaftliches Arbeiten doch irgendwie besser fand. Jetzt sitze ich auch an meinem Expose bzw. an der Vorbereitung. Ich denke, dabei (aber sicher auch im weiteren Verlauf des Lebens) ist es ganz normal, dass man sich manchmal "dumm" oder "nicht gut genug" fühlt. Ich konnte für mich feststellen, dass meine Selbstzweifel einen Raum brauchen. Ja, ich bin nicht perfekt, aber das ist nunmal keiner. Mir hilft es, mich in Ruhe damit zu beschäftigen, warum ich mich dem Vorhaben nicht gewachsen fühle. Daraus können auch neue Ideen und andere Sichtweisen entstehen, oder eben "reflektiertere" Gedanken, wie du es bezeichnet hast. Versuche ruhig einmal, deinen Selbstzweifeln einen Raum zu geben. Warum genau zweifelst du? Willst du vielleicht alles "zu perfekt" machen? (Ich weiß, klingt blöd, aber die Frage hilft) Übrigens bedeutet "perfekt" nicht, dass man nichts mehr hinzufügen kann, sondern dass man nichts weglassen kann. Wenn dein Thema also schlüssig und sinnvoll begründet / abgegrenzt ist, sollte deine Arbeit auch gut werden. Andere Sichtweisen oder andere Ansätze gibt es immer...
MelchiorC
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Re: Selbstzweifel bezüglich der intellektuellen Fähigkeiten

Beitrag von MelchiorC »

Nun, ich denke, diese Selbstzweifel gehören sicher zu einer Diss auch dazu. Ich zumindest hab mich während des Schreibprozesses immer wieder gefragt, ob das nicht zu banal ist, ob das nicht schon andere vor mir so geschrieben haben usw. Letztendlich muss man über solchen Zweifeln auch erhaben sein und sich dadurch nicht entmutigen lassen. Mein Ergebnis war dann doch gar nicht so schlecht, sodass ich im Rückblick sagen muss, dass diese Selbstzweifel eigentlich völlig unangebracht waren. Klar, da kommt man erst im Nachhinein drauf. Aber ich würde mich dadurch jetzt nicht primär entmutigen lassen.

Ja und das andre Thema, das du ansprichst, da kann ich dir nur voll und ganz zustimmen: Ich hab auch mal ne WiMi-Stelle sausen lassen, weil der Prof meinte, ich müsste dann aber auch seine Methode in der Diss aufnehmen. Ne, muss ich nicht. Und ich hab trotzdem eine ganz ordentliche Arbeit vorgelegt. Und ich denke bis heute, dass man nicht auf jeden Mainstream-Zug aufspringen muss. Irgendwo hat das Ganze m.E. auch seine Grenzen und die sind spätestens dort erreicht, wenn ich nur noch Drittmittel-Anträge schreibe und eigentlich überhaupt nicht mehr zu meiner Forschungsarbeit komme. Was ich damit sagen will: Du kannst Dich auch als Wissenschaftler profilieren, der einen ganz eigenen Ansatz fährt und der sich ganz bewusst von gängigen Praktiken absetzt. Dann brauchst du aber ne Menge Mut, Durchhaltevermögen und v.a. die Gelassenheit, auch mal über den Dingen zu stehen, wenn du von Kolleg*innen nur belächelt wirst.
Falke
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Re: Selbstzweifel bezüglich der intellektuellen Fähigkeiten

Beitrag von Falke »

asodi hat geschrieben: 16.08.2020, 20:28 Ich habe das Gefühl, alles was ich weiß kratzt nur an der Oberfläche.
Ich würde behaupten, das ist ganz normal. Wenn du dich mit deinem Thema schon viel beschäftigt hast, kommst du irgendwann in den "Ich weiß, dass ich nichts weiß"-Modus: Es ist alles gar nicht so einfach und ganz anders als gedacht! Ich erkenne mich da zumindest total wieder. Lass dir gesagt sein: Wenn es sehr speziell ist, kannst du davon ausgehen, dass die meisten Menschen (auch Profs) davon keine Ahnung haben und du denen theoretisch erzählen kannst, was du willst. Dieses Selbstbewusstsein braucht Zeit zum wachsen, aber es stellt sich irgendwann ein.

Ich bin auch nicht super schlau, aber gut genug für meine Diss, denn so, wie ich sie schreibe, kann es niemand anders!
Das solltest du dir auch für Gespräche im Hinterkopf behalten. Der Blackout resultiert zusätzlich auch aus Stress, von daher ist es gar nicht schlecht, dass du ein Gespräch nun hinter dir hast. Unter den Bedingungen hätte ich die Stelle übrigens auch nicht angenommen.
asodi hat geschrieben: 16.08.2020, 20:28 Ich habe jetzt auch niemanden, mit dem ich über mein Diss-Thema sprechen kann, das - zugegeben- sehr speziell ist. Ich merke aber, dass ich den Gedankenaustausch schon brauche um auf neue Ideen zu kommen und um das ganze einzugrenzen. Ich habe jetzt auch niemanden in meinem Umfeld, der promovieren möchte oder über "solche Themen" ernsthaft reden will. Da sind alle nur genervt.
Such dir da unbedingt mal Gleichgesinnte, über die Arbeit reden hilft unglaublich (häufig führt erst das Laut-Aussprechen zu Gedankenblitzen). Anlaufpunkte sind Fachschaften deines betreffenden Lehrstuhls, Doktoranden-Treffen oder Stammtische (mit Glück aus deinem Bereich, sonst nur Doktoranden), offene Kolloquien... Das findet man alles nicht so leicht, am besten über deine alte Uni, da kennt man noch die Strukturen. Im Gespräch mit anderen Docs wirst du dir vielleicht auch besser darüber klar, ob du es wirklich machen willst oder nicht.
teilchenphysik196
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Re: Selbstzweifel bezüglich der intellektuellen Fähigkeiten

Beitrag von teilchenphysik196 »

Hallo asodi, Selbstzweifel hatte ich auch! Vor allem hatte ich das Gefühl, diese ganzen Superschlauen sind fest in der Wissenschaft verwurzelt, während ich als externe Doktorandin da gar nicht dazugehöre und auch nicht mithalten kann. Schon im Doktorandenseminar habe ich mich fehl am Platz gefühlt. Alle sind schlau nur ich nicht. Ja, und auch mein Prof hat keine Gelegenheit ausgelassen, um seine Überlegenheit zu zeigen. Das ermuntert nicht gerade. Das Gefühl ging soweit, dass ich einen Kongress am zweiten Tag mittags vorzeitig verlassen habe, weil ich diese Profilierungssucht und das ganze Getue und Gehabe nicht mehr mit ansehen konnte.

Während der DIss hatte ich auch solchen Phasen - zu banal, schon mal dagewesen etc. Das ist aber ganz normal. Muss man akzeptieren. Letztlich hilft nur, mit anderen drüber zu reden.

Wenn ich mir das Ergebnis meines Tuns ansehe, kann ich über meine Gefühle vor und während der Doktorarbeit nur grinsen. Ich habe nicht mal zwei Jahre gebraucht, neben meinem Job in der Maschinenbauindustrie promoviert und eine sehr gute Note bekommen. Kopf hoch, Du schaffst das! :blume:
asodi
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Re: Selbstzweifel bezüglich der intellektuellen Fähigkeiten

Beitrag von asodi »

Danke für eure Antworten! Das hat mir schon viel geholfen!

Ich möchte die Promotion auf jeden Fall machen. Durch die Täler der Selbstzweifel muss ich dann wohl durch und das ganze Stück für Stück angehen mit dem Ziel, später darüber lächeln zu können :wink:
Conchologist
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Re: Selbstzweifel bezüglich der intellektuellen Fähigkeiten

Beitrag von Conchologist »

Wir hatten in unserem Graduiertenkolleg mal einen Redner zu Gast, der auch Coach war für Leute in der Wissenschaft, insb. Nachwuchswissenschaftler wie uns.
Im Gedächtnis blieb mir folgende Anekdote, die er erzählte: In einer Gruppensitzung sollte jeder aufschreiben, wie er sich im Vergleich zu den anderen intelligenzmäßig verortet. Das Ergebnis weiß ich nicht mehr im Detail, die Essenz war allerdings, dass auf den Rückläufen folgender Tenor vorgeherrscht habe: Alle anderen sind zu recht hier, ich hingegen bin zu blöd für diesen Job.
Also X Leute haben jeweils X-1 Leute in ihrer Gruppe als intelligenter eingeschätzt.

Es ist wirklich ein Jammer, dass die meisten da so wenig Selbstbewusstsein haben. Mir geht es natürlich genauso. Ich sitz an meinem finalen Manuskript und denke mir nur: Viel zu viel Text für viel zu wenig Inhalt, anstatt einmal zu denken, wow, so viele gute Gedanken. Naja, wie oben schon jemand schrieb, ich glaube, damit muss man wirklich leben und später die Lehre daraus ziehen, dass es alles nicht so banal und dumm war, was man gemacht hat. Wir werden während der Promotion ja auch durchkritisiert noch und nöcher, "Sind Sie sich hier sicher?", "Das sollten Sie aber schon noch beachten", "Mit dieser Argumentation wär ich vorsichtig." usw - kein Wunder, dass man mehr und mehr verunsichert ist.
teilchenphysik196
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Re: Selbstzweifel bezüglich der intellektuellen Fähigkeiten

Beitrag von teilchenphysik196 »

Ich möchte hier noch etwas anfügen, was ich während der Weihnachtstage in einem Essay von Susan Sontag entdeckt habe. Sie schreibt zwar über die Tätigkeit des Schriftstellers, aber ich finde, man kann getrost das Wort "Buch" durch "Diss" ersetzen. In den Worten von Susan Sontag habe ich mich wiedererkannt, und irgendwie stimmt es doch zuversichtlich, dass selbst eine so intelligente Frau wie Sontag von Selbstzweifeln geplagt folgendes niederschrieb:

"Man schreibt, um zu sehen, ob es gut geworden ist, und, da das natürlich nie der Fall ist, es umzuschreiben. ... Man ist sein eigener, vielleicht strengster Leser. Schreiben heißt, über sich selbst zu Gericht zu sitzen. ... Angenommen, es ist grauenhaft. Aber man hat ja die Möglichkeit, es zu reparieren. Man versucht, klarer zu sein. Oder tiefer. ... Man möchte die Diss aus dem störrischen Kopf herausziehen. So wie die Statue im Mamorblock ruht, ruht auch die Diss im Kopf. Man versucht, sie zu befreien. Man versucht, den elenden Kram auf dem Papier dem anzunähren, wie die Diss einmal sein soll - und wie sie auch sein kann, wie man in Augenblicken des Hochgefühls weiß."
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