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Thema formulieren - Erfahrungsberichte?

Verfasst: 07.06.2020, 20:33
von langzeitstudi
Hallo zusammen,

ich habe kürzlich erfolgreich auf eine Stelle in einem sehr spannenden Projekt bekommen, jedoch nun mit geringerer Stundenzahl als ursprünglich gedacht. Damit rückt nun das Thema Promotion plötzlich früher in den Mittelpunkt als geplant. Ich dachte eigentlich erst in drei Jahren anzufangen.
Aber man wird ja auch nicht jünger und nun hätte ich endlich die finanzielle Sicherheit UND die Zeit sie in Angriff zunehmen.

Nun zum eigentlichen Thema - dem Thema. Ich habe natürlich die Seite "Thema für eine Doktorarbeit finden" hier gelesen und gegooglet, war bei einer Info-Veranstaltung, aber das hat mir alles nicht so recht weitergeholfen. Ich hatte sogar schon zwei Termine mit potentiellen Betreuerïnnen, aber das brachte mich einem konkreten Thema auch nicht wirklich näher.

Ich habe ein grobes Themengebiet, beziehungsweise zwei, an anderen Schnittstelle ich mir etwas suchen will. Die potentiellen Betreuenden waren je aus einem der Bereiche, hatten zum anderen aber jeweils keine Ahnung und konnten mit der Idee der Verschneidung auch nicht so viel anfangen, obwohl es gerade m.E. aktuell und relevant wäre.

Die eigentliche Frage ist: Wie kamt ihr selbst zu eurem Thema - ganz konkret? Gibts Tipps und Tricks? Und wie findet man die richtige Balance zwischen Detailiertheit und Weite eines Themas passend für eine Diss?

Danke!

Re: Thema formulieren - Erfahrungsberichte?

Verfasst: 08.06.2020, 17:06
von flip
Kannst du nicht in dem Rahmen des Projektes promovieren?

Erfahrungsberichte zur Themenfindung sind sehr individuell. Das wird dir nicht weiter helfen. Der eine hat schon seit Jahren eine Idee, der andere braucht wiederum Jahre, der nächste fängt einfach an. Mit "Literatur lesen" fürs Spezielle machst du aber nichts falsch. Du musst weg vom großen Ganzen hin zu einer Nische. Das ist das Schwierigste (anfangs).

Re: Thema formulieren - Erfahrungsberichte?

Verfasst: 08.06.2020, 19:07
von MelchiorC
Ja, in der Tat. Das ist meistens recht unterschiedlich und kaum weiterführend...
Ich wollte ursprünglich meine Masterarbeit ausbauen, aber mit ner anderen Methodik. Und nach 1,5 Jahren hab ich gemerkt, dass das nichts wird. Somit hatte ich mein finales Thema eigentlich erst nach der Hälfte meiner Promotionszeit, was aber im Endeffekt gar nicht schlecht war.
Ich persönlich bin überhaupt kein Freund davon, beim ersten Meeting mit dem neuen DV schon die komplette Gliederung für die Arbeit zu präsentieren. Forschung muss m.E. ergebnisoffen sein, grade wenn man ein neues Feld beackert. Und ich finde, ne Diss hat ihr Ziel erreicht, wenn man irgendwann selbst seine Gliederung umwirft, weil man merkt, dass das hinten und vorn nicht geht, wie man sich das gedacht hat.
Unterm Strich: Wichtig ist zu wissen, in welche Richtung es gehen soll. Und irgendwann wirst du in diesem Bereich auf ein Problem stoßen, das du bearbeiten willst.

Re: Thema formulieren - Erfahrungsberichte?

Verfasst: 08.06.2020, 23:33
von johndoe
langzeitstudi hat geschrieben:
07.06.2020, 20:33

Die eigentliche Frage ist: Wie kamt ihr selbst zu eurem Thema - ganz konkret? Gibts Tipps und Tricks? Und wie findet man die richtige Balance zwischen Detailiertheit und Weite eines Themas passend für eine Diss?

Danke!
Die Frage ist, was du mit "Thema" genau meinst. Den Titel der Arbeit? Die allgemeine Problemstellung? Oder die Forschungsfragen? Oder die Lücke in der Literatur?

Mein letztliches Thema (=Titel) hatte mit dem, das ich ursprünglich mal zur Bewerbung eingereicht hatte, nur noch wenig zu tun. Ja, das Ziel der Arbeit in wenigen Worten auszudrücken ist natürlich wichtig, aber mehr als ein working title wirds bei den meisten am Anfang nicht gewesen sein. Aus meiner Sicht muss der Titel eine sinnvolle Klammer um deine Forschungsfragen bilden und dabei möglichst prägnant deine Arbeit den Punkt bringen. Aber dafür müssen eben die Forschungsfragen stehen, die wiederum ein Ergebnis der Problemstellung sind.

Die richtige Problemstellung zu finden - das ist fast schon eine philosophische Frage. Was verleitet einen Menschen überhaupt dazu, nach Lücken im Stand der Forschung zu bohren? Was treibt dich an? Wo siehst du deine fachliche Nische? Welche Art von neuem Wissen möchtest du generieren?
Ich selbst kam über meine Berufstätigkeit zu dem (Ur-)Thema, musste dann aber feststellen, dass das für eine Diss viel zu praxislastig war, und habe dann entsprechend weitergebohrt, um letztlich zu einer zwar immer noch praxisrelevanten, aber vorrangig theoretischen Problemstellung zu kommen. Miteingeflossen sind persönliches Interesse an der konkreten Thematik sowie persönliche Fähigkeiten, die ich gerne wissenschaftlich intensivieren wollte.

"Passend für eine Diss" ist m.E. sehr subjektiv. Aus heutiger Sicht kann ich dir sagen, dass man praktisch zu allem eine Dissertation schreiben kann - man muss nur a) nachweisen, dass die Arbeit aus bestimmten Gründen relevant ist und b) einen Betreuer dafür begeistern können. Dass jmd. an Schnittstellen zwischen zwei Disziplinen forscht ist aus meiner Sicht eher die Regel als die Ausnahme. War bei mir genauso und macht ja die Sache erst richtig interessant: Denn du bist ja womöglich der/die erste, der/die zur Lösung eines Problems aus Disziplin 1 den Einsatz von Methoden, Tools, etc. aus Disziplin 2 erforscht.

Re: Thema formulieren - Erfahrungsberichte?

Verfasst: 08.06.2020, 23:38
von johndoe
Weil es mir gerade einfällt, hier noch ein Zuckerl bzgl. "passend für Diss" :)

https://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/ ... 06122.html

Womit bewiesen wäre: man kann wirklich zu ALLEM promovieren, auch wenn das für Außenstehende (da schließe ich mich in diesem Fall ein) absolut trivial erscheinen mag.

Re: Thema formulieren - Erfahrungsberichte?

Verfasst: 09.06.2020, 01:41
von daherrdoggda
Das Thema hab ich mit den Betreuern ausgehandelt - was kann und will ich machen, was will ich lernen, und was ist fuer diese Gruppe relevant?

Re: Thema formulieren - Erfahrungsberichte?

Verfasst: 09.06.2020, 11:16
von langzeitstudi
Danke für eure Antworten!

Ich meinte mit Thema eher die Forschungsfragen, die Nische, die noch unbesetzt ist. Und tatsächlich hätte ich da was, jedoch scheint mir die Nische so groß, dass es für eine Diss alleine zu viel ist. (Mich wundert, dass dazu niemand bisher was gemacht hat. Ich würde ja ins Detail gehen, aber .... nicht so öffentlich.)
Im Projekt gibt es sehr spannende aktuelle Forschung und genug Potential für Paper. Das würde sicher Stoff für eine kumulative Diss hergeben und wäre sicher die pragmatischere Herangehensweise, es wäre aber nicht mehr das Themenfeld, das ich geplant hatte.

Ich will quasi ein Thema (A), das in meiner Disziplin total unterbeforscht ist mit Theorien und Methoden meiner Disziplin angehen. Schauen, was sich übertragen lässt und was nicht. Was meine Disziplin davon hat und auch was die anderen davon mitnehmen können. Eine Art (Rück)Eroberung des Felds durch meine Disziplin, oder auch einfach eine weitere Perspektive darauf.
Das Projekt in dem ich arbeite ist ein anderes solches Thema (B), das in meiner Disziplin kaum berücksichtigt wird, durchaus verwandt mit Thema A, aber doch anders. Beide in einer Diss abzuhandeln wäre viel zu viel. Nur Thema B anzugehen wäre eine Option, aber nicht so reizvoll wie das völlig unbeachtete Thema A.

Sorry für dieses ominöse Geschwurbel. Ich habe leider niemanden mit dem ich das ausdiskutieren könnte, eben weil es so Nischenthemen sind. Und die meisten Profs sind hart spezialisiert und nicht sonderlich offen für solche interdisziplinären cross-over Aktionen. (Dabei ist Interdisziplinarität doch eigentlich der heiße Scheiß mittlerweile, die Realität sieht dann leider anders aus.)

Re: Thema formulieren - Erfahrungsberichte?

Verfasst: 10.06.2020, 00:23
von Wierus
langzeitstudi hat geschrieben:
07.06.2020, 20:33
Ich habe ein grobes Themengebiet, beziehungsweise zwei, an anderen Schnittstelle ich mir etwas suchen will. Die potentiellen Betreuenden waren je aus einem der Bereiche, hatten zum anderen aber jeweils keine Ahnung und konnten mit der Idee der Verschneidung auch nicht so viel anfangen, obwohl es gerade m.E. aktuell und relevant wäre.
Die aktuelle Fachdiskussion auch an den fachlichen Rändern zumindest im Groben zu überschauen gehört immerhin zum Job von Professoren. Daher sollte mindestens 'Alarmstufe Gelb' aufleuchten, wenn Fachvertreter aus beiden anvisierten Fächern unabhängig voneinander wenig mit deinem Thema anzufangen wissen. Will heißen: Im Zweifelsfall ein anderes Thema finden oder eben zum 'langweiligen' Thema B greifen.

Re: Thema formulieren - Erfahrungsberichte?

Verfasst: 10.06.2020, 17:20
von johndoe
langzeitstudi hat geschrieben:
09.06.2020, 11:16


Ich will quasi ein Thema (A), das in meiner Disziplin total unterbeforscht ist mit Theorien und Methoden meiner Disziplin angehen. Schauen, was sich übertragen lässt und was nicht. Was meine Disziplin davon hat und auch was die anderen davon mitnehmen können. Eine Art (Rück)Eroberung des Felds durch meine Disziplin, oder auch einfach eine weitere Perspektive darauf.
Das Projekt in dem ich arbeite ist ein anderes solches Thema (B), das in meiner Disziplin kaum berücksichtigt wird, durchaus verwandt mit Thema A, aber doch anders. Beide in einer Diss abzuhandeln wäre viel zu viel. Nur Thema B anzugehen wäre eine Option, aber nicht so reizvoll wie das völlig unbeachtete Thema A.
Hängt sicher davon ab, wie ähnlich sich die Themen sind - das kannst du letztlich für dich beantworten. Aber ich hatte selbst die Erfahrung gemacht, dass Forschung in Thema A und parallel Arbeit in Thema B auf Dauer irrsinnig sind. Beides in der nötigen Tiefe anzugehen und sozusagen _zeitgleich_ Experte werden in 2 verschiedenen Fachgebieten war mir dann zu aussichtslos. Klar, wenn du wie Einstein Sachbearbeiter im Patentamt bist, hast du möglicherweise geistige Kapazitäten frei für Forschung ;) Aber mein Hauptjob hat schon einen stark konzeptionellen/forschenden Charakter und - da pflichten mir sicher einige hier bei - irgendwann ist der Punkt erreicht, wo das Hirn nicht noch mehr Komplexität parallel verarbeiten kann. Gut, ich arbeite Vollzeit in der Industrie ohne Uni-Bezug, d.h. meine Dissertation war generell Privatsache. Ich könnte mir vorstellen, dass du im Uni-Umfeld keinen derart harten Break hast zwischen Arbeit und Diss.

Ich hab irgendwann meine Diss von Thema A auf Thema B transferiert. Art der Forschungsfragen und Methodologie (darauf kams mir eigentlich am meisten an) konnte ich gut übertragen, die eigentliche Problemstellung für Thema B musste ich allerdings nochmal neu recherchieren. Dennoch: über die Jahre war es das wert, weil ich dann primär in Thema B zuhause war, sowohl im Job als auch in der Forschung. Die Doppelbelastung hielt sich damit zumindest fachlich in Grenzen.

Lange Rede - vll kannst du ja einen ähnlichen Transfer gestalten in deiner Situation, der jetzt am Anfang sicher noch einfacher zu gestalten ist.

Re: Thema formulieren - Erfahrungsberichte?

Verfasst: 15.07.2020, 17:56
von teilchenphysik196
Hallo Langzeitstudi,

interdisziplinäre Themen sind schwierig. Wenn beide Betreuer "hart spezialisiert" sind, werden die kaum Deine Anstrengungen zu würdigen wissen. Ich habe in Geschichte promoviert und in meiner Diss eine sprachwissenschaftliche Analyse gemacht mit einer Methode, die ich selber mit großem Aufwand entwickelt habe. Hat meine Betreuer null interessiert, die blieben bei dem, wo sie "hart spezialisiert" sind. Leider. Sprachliche Analysen werden eben in Linguistik gemacht, nicht am Historischen Institut. Punkt. Deine Sicht auf Interdisziplinäres werden Betreuer selten teilen. Ich würde auch eher bei Thema B bleiben, statt eine Schnittmenge anzustreben aus A und B.