Themeneingrenzung

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Rotbaeckchen
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Themeneingrenzung

Beitrag von Rotbaeckchen » 09.10.2019, 15:52

Liebe Leute :blume:

vor einiger Zeit habe ich Euch hier um Rat bzgl Finanzierung und Wahl zwischen zwei Themen sowie Betreuern gefragt.

Derweil bin ich am Einarbeiten und versuche meinen sehr weit gefassten Themenbereich auf eine gute Forschungsfrage einzugrenzen.

Momentan fällt mir das sehr schwer: Ich lese neue Literatur, exzerpiere, finde eine Nische, bin Feuer und Flamme für einen Aspekt, mit dem sich mein Thema eingrenzen ließe - bald darauf kommen Selbstzweifel („kann ich das machen? Ist das relevant?“) und Angstgefühle („ich kann das Thema nicht pointiert eingrenzen, in eine tolle Forschungslücken gehen“).

Ich weiß nicht, wie lang ein solcher Prozess in den Geisteswissenschaften dauert und es stresst mich ungemein, noch kein Exposé verfasst zu haben (das möchte ich Ende des Jahres fertig haben, um es im Kolloquium zu diskutieren und mich damit für ein Stipendium zu bewerben), was ja ohne Themeneingrenzung nicht geht.

Mit meinem Betreuer habe ich noch nicht gesprochen - auch aus Angst, bisher zu wenig Brauchbares vorweisen zu können.

Wie war das bei Euch am Anfang der Diss mit der Themeneingrenzung? Habt ihr Tipps für mich, damit ich zuversichtlich und produktiv weiterarbeiten kann?

Danke an Euch und liebe Grüße

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Re: Themeneingrenzung

Beitrag von spirograph » 09.10.2019, 21:24

Hi,

interessantes Anliegen. Ich forsche vor dem Hintergrund einer erziehungswissenschaftlichen Problematik. Bei mir war es so, dass <mein> Problem, also der Aufhänger meiner Arbeit, häufig in Handbüchern dargestellt und moniert wurde. Vllt ist das bei Dir auch so; guck mal auf einschlägige Handbücher deines Fachbereiches/Objektbereiches, da führen Autor*innen häufig auch( aktuelle) Problematiken bzw. nach wie vor bestehende Problemlagen aus. Das kannst Du dann für Dich als Auftrag interpretieren.

Mmmh, klassischerweise liefert der Prof, der wo den Überblick hat, initial Hinweise, macht Fingerzeige auf drängende Problematiken in seinem/ihren Feld. Auch hält ein Lehrstuhlinhaber/in auch Ideen, Projekte und auch Desiderate noch von seiner Diss oder Habil (so Nebenschauplätze....Implikationen der Arbeit) meist in der Hand. Ggf. deinen Chef doch mal konkret anhauen, ob er n Wink geben kann? Ich könnte Dir - Pappnase as I am - sofort 5 drängende Probleme meines Themas nennen, welche ich nach meiner Diss, so Gott will, angehen wollen würde. Und wenn ich ditt schon so sagen kann, kann das dein Prof um Faktor 100000000. Tritt doch ruhig mit ihm in ein Gespräch darüber!

Viel Erfolg!

spiro

P.S.: Hab mal gehört: 1 Jahr Konzept/Problemaufwurf/Forschungslücke finden; 1 Jahr Erhebung/Recherche/Literatur; 1 Jahr zusammenschreiben...plus/minus...aber will sagen: die Konturierungsphase nimmt schon genauso Zeit in Anspruch wie das Zusammenschreiben auch. Man hat ggf das Gefühl, dass man nichts macht/ es nicht vorwärts geht, tatsächlich sondiert man explorativ und dies zieht immer kleiner Kreise, bis man ein Habitat hat, wo man ankern und entern kann.... :-)
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Re: Themeneingrenzung

Beitrag von Grounded » 09.10.2019, 23:57

Hey Rotbaeckchen,

im Promotionsprozess wirst du dich noch längere Zeit mit deiner Fragestellung beschäftigen. Daher wäre es meiner Erfahrung nach eine gute Idee, sich mit denjenigen Fragen auseinanderzusetzen, die dich selber wirklich interessieren - z. B. ich möchte neue Erkenntnisse darüber gewinnen, ob /was / welche/ wie/ warum/ wer/ wann/ wo/ wofür… . Idealerweise liegt deine Fragestellung im Forschungsbereich deines Betreuers. Im meinen Fall ist es so, und das hat mir schon durch einige Tiefen geholfen.

Oder ist es eher so, dass du dich nicht auf eine Fragestellung festlegen möchtest oder kannst?

Liebe Grüße
Grounded

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Re: Themeneingrenzung

Beitrag von Cybarb » 10.10.2019, 08:26

Hallo,

ich war damals in einer vergleichbar komfortablen Situation, weil ich a) ein Thema aus meiner Magisterarbeit in meiner Diss. deutlich ausgebaut habe und b) dieses Thema tatsächlich nur rudimentär diskutiert worden war. Die Forschungslücke war also so groß, dass man nicht nur drüber stolpern musste, sondern beinahe reingefallen ist.
Das heißt, dass ich bereits für die Magisterarbeit die relevante Literatur beisammen hatte und "nur" noch das Exposé schreiben musste.

Nun zur Frage der Themeneingrenzung: Wenn es dir über die Sachebene so schwer fällt, könntest du es mal über die "Projektmanagementebene" probieren. Soll heißen: Nimm dir einen Zeitraum, den du für die Diss. aufwenden möchtest (bis zum Zeitpunkt der Einreichung), gerne inkl. Pufferzeiten für irgendwelche Widrigkeiten, von denen man hier im Forum bereits ausführlich gelesen hat. Und dann frage dich: Welches Thema kann ich in diesem Zeitraum bearbeiten?

Sagen wir mal, du willst in 40 Monaten fertig sein: Dann schaust du dir die Themen an, die dir zur Wahl stehen, und schneidest sie so lange zu, bis du den Eindruck hast, dass du ein Thema gefunden hast, das du in 40 Monaten bearbeiten kannst. Ein guter Überblick über die Quellenlage ist dafür natürlich unerlässlich, aber den scheinst du ja zu haben. Und neben der zeitlichen Machbarkeit muss das solcherart eingegrenzte Thema auch sachlich eine Einheit bilden.

Aber noch mal etwas anderes: Zu "meiner" Zeit, die nun nicht so ewig weit zurückliegt, hatte ich den Eindruck, dass die Leute solche Probleme in geringerem Maße hatten. (Ja, ich weiß, anekdotische Evidenz.) Da saß man in der fortgeschrittenen Phase in irgendwelchen Haupt- und Oberseminaren sowie Examenskolloquien, stand dadurch auch in Kontakt mit Doktoranden sowie Professoren, die nicht mehr nur irgendeinen Anfängerkram vermittelten, sondern auch Einblicke in die aktuelle Forschung gaben. Dadurch bekam man ganz automatisch einen Eindruck davon, wo noch Forschungslücken bestehen, womit sich andere Leute befassen, was offenbar geeignete Themen sind usw. - War das bei dir nicht so?

Gruß
Cyb

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Re: Themeneingrenzung

Beitrag von teilchenphysik196 » 10.10.2019, 18:36

Eine Diss ist irgendwie wie eine großer Berg Knetmasse. Man startet mit einem Plan, der sinnvoll klingt und fängt an zu formen. Manches funktioniert nicht, kippt um oder fällt runter. Dann muss man umplanen, kneten, formen, abtragen, feilen, anfügen. Immer wieder! Das ist eine kleine Abenteuerreise: man weiss nicht immer, wohin sie führt. Mitunter nach Amerika statt nach Indien. Das ist weder schlimm noch schlecht, sondern Teil des Prozesses. Bei meinem Thema hatte es sich bewährt, keine Gliederung anzufertigen, sondern vielmehr Fragen zu stellen. Ich habe mit einem recht vagen Konzept erst mal meine Archivalien aufgespürt und ausgewählt, aus ihnen zunächst qualitativ/quantitative Befunde erhoben und dann gefragt: Warum diesen Befund und warum jenen Negativbefund? Welcher Befund wäre denn zu erwarten gewesen? Wie lässt es sich erklären, dass es doch anders aussieht? Was wollten die Autoren der Archivalien mit dem erreichen, was ich gefunden habe? Das klingt alles so platt, führte aber zu spannenden Reflexionen - während mein Doktorvater riet, Negativbefunden doch bitte keine Aufmerksamkeit zu schenken. Aus Antworten entstanden neue Fragen, es war ein fortwährender Prozess aus Denken, Schreiben, Lesen, Ordnen, und neu ordnen. Die finale Struktur hatte ich in der tat erst ganz zum Schluss, als sich alle Mosaiksteine zu einem Gesamtbild fügten.
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Re: Themeneingrenzung

Beitrag von dr_superman » 11.10.2019, 09:21

Vielleicht habe ich das falsch verstanden, aber ich habe die diss angefangen, um eben ein bestimmtes Thema zu bearbeiten, ist das bei dir denn nicht der Fall?
Und mit der Arbeit wollte ich auch was bestimmtes erreichen.
Über die Jahre habe ich gesehen, wie in Forschung und Praxis damit umgegangen ist und das fand ich nicht gut
Also war die Fragestellung an sich ganz basal, eher so etwas wie : was gibt es überhaupt zu dem Thema und wie wird damit umgegangen?
Und dann habe ich eine Methode, einen Strang entwickelt, sozusagen Übergeordnet, der die fachlichen Bausteine unter einer neuen Perspektive diskutiert hat. Details und einige inhaltliche bzw methodische Bausteine kamen erst später.
Man kann vorher nicht alles abdecken, denn so intensiv hat man sich vorher damit noch nie beschäftigt. Das Kolloquium solltest du als Chance fuer Impulse sehen und nicht als Bühne
Zuletzt geändert von dr_superman am 11.10.2019, 09:25, insgesamt 1-mal geändert.

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Re: Themeneingrenzung

Beitrag von MrsKvothe » 11.10.2019, 09:25

Hallo :)

Meiner Erfahrung nach ist die Themenfindung manchmal enorm zäh. Sei es, weil man sich dies das und jenes und das auch noch und das da und... vorstellen kann und deswegen den Faden verliert oder gar nicht richtig weiß, wie man eigentlich weiter machen soll oder weil man da steht und sich fragt, was man eigentlich schreiben soll.
Ich finde dabei sehr wichtig im engen Kontakt mit dem Betreuer zu bleiben. Mir hat es sehr geholfen, mit meiner Doktormutter direkt zu sprechen, als ich die Idee hatte, mein Thema nochmal zu verändern. Weil ich sie so mit in den Entscheidungsprozess einbeziehe und vor allem direkt auch weiß, was sie dazu denkt. Genauer definieren und ausarbeiten muss sowieso ich.
Vor meiner jetzigen Stelle habe ich schon einmal den Versuch einer Dissertation gestartet und das wurde unter anderem deswegen nichts, weil der damalige Betreuer mir einfach nicht so helfen konnte, wie ich es gebraucht hätte. Die Themenfindung war ein einziger Krampf und endete damit, dass ich ein Jahr erstmal in der freien Wirtschaft gearbeitet habe, um den Kopf frei zu bekommen und neue Ideen zu finden.
Will heißen: wenn du dich dabei verloren fühlst, dann rede mit deinem Betreuer. Es geht ja nicht darum, dass du nichts hast, sondern, dass du viele Ideen hast und gerne eine externe Fachmeinung hören würdest. Vielleicht lassen sich ja auch zwei Bereiche verbinden oder es gibt noch einen spannenden Punkt, der alles andere in den Schatten stellt oder sowas. Seine Ideen mit anderen auszutauschen, finde ich immer sehr hilfreich.
Und wenn du nicht direkt zum Betreuer gehen möchtest, dann unterhalte dich doch evtl. mit Kollegen oder auch mit jemandem aus einem ganz anderen Bereich. Mein Freund hat mit meinem Bereich z.B. gar nichts zu tun und gerade deswegen oft die besten Ideen, die mir schon echt weiter geholfen haben. :D

Viel Erfolg!
teilchenphysik196 hat geschrieben:
10.10.2019, 18:36
...
Danke für deinen Beitrag, der trifft es glaube ich absolut auf den Punkt. Gefällt mir sehr gut!
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Re: Themeneingrenzung

Beitrag von teilchenphysik196 » 11.10.2019, 14:08

Mitunter ist es aber auch so, dass Probleme bei der Themenfindung drauf hindeuten können, dass das Thema Murks ist. Also dass der rote Faden fehlt und das Gesamtkonzept nicht stimmig ist. Meine Erfahrung ist (auch aus dem Verfassen von Fachaufsätzen heraus): Wenn man nicht in 5min einen vernünftigen Onepager schreiben kann, dann Finger weg von dem Thema. Auf 1 Seite sollte glasklar der rote Faden stehen: Forschungsfrage - Material - Methoden. Auswertung und Interpretation kommt später. Aber was ich wie weshalb untersuchen will, um was herauszufinden, das sollte schon klar sein. Wenn man nicht so genau sagen kann, was man aus welchen Gründen untersuchen will, das ist echt schlecht! Und mindestens genauso wichtig ist die Fähigkeit, nicht nur irgendeine, sondern eine interessante, spannende, clevere, verblüffende, gänzlich neue Forschungsfrage zu stellen.

Was auch wichtig ist: Nicht nur auf den Kopf, auch auf den Bauch hören! Etwas kommt einem merkwürdig vor, Dinge scheinen nicht zusammenzupassen, man hat seltsame Negativbefunde, kann nicht genau sagen, warum … das sind mitunter sehr wertvolle Dinge. Ich bin an sowas drangeblieben und bin über ganz konsequentes Ausformulieren neuer Forschungsfragen - warum kommt es mir seltsam vor? was genau löste dieses seltsame Bauchgefühl aus - weitergekommen.

Ja, und manchmal muss man einfach Glück haben! Ich hatte damals eine Hausarbeit geschrieben, an der ich schon gemerkt habe, welche große Forschungslücke sich hier auftat. Ich hatte haufenweise digital verfügbares, aber völlig unerschlossenes Archivmaterial und nahezu null Sekundärliteratur. Da kann man sich dann natürlich austoben.

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