Angst vor Disputation

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Krissy87
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Angst vor Disputation

Beitrag von Krissy87 » 03.06.2019, 21:12

Hallo zusammen!

Nachdem ich in den letzten Wochen viel in diesem Forum gelesen habe, habe ich mich entschlossen, auch einen Beitrag zu veröffentlichen.

Ich habe Jura studiert und hatte immer gute Noten, alles lief stets am Schnürchen. Seit dem 2. Semester habe ich am Lehrstuhl meines späteren Doktorvaters jahrelang gearbeitet (der mit meiner Arbeit am Lehrstuhl stets sehr zufrieden war), der mir nach dem 1. Staatsexamen angeboten hat, bei ihm zu promovieren. Er gab mir das Thema vor. Ich habe die Promotion neben meinem Referendariat, später auch neben meiner Arbeit in der Justiz geschrieben und in der ganzen Zeit keine Unterstützung erfahren. Im Jahr 2014 habe ich einen Erstentwurf eingereicht, den mein Doktorvater größtenteils durchgewunken hat, wobei er für das Lesen über ein Jahr gebraucht hat. Ich sollte noch ein paar Sachen ändern, was ich in der Folge tat, und reichte die Arbeit (er wollte sie sich nicht nochmals vor der offiziellen Einreichung anschauen) im April 2017 ein. Monate und Monate, in denen ich immer wieder Alpträume wegen meiner Diss hatte, vergingen. Bei Nachfragen wurde ich stets vertröstet.

Im Februar 2019 (!!!) - laut Promotionsordnung haben die Korrektoren nur 3 Monate Zeit, um ihr Gutachten zu erstellen - habe ich die Gutachten erhalten. Und was soll ich sagen - das Erstgutachten ist nicht berauschend, aber noch ok, während das Zweitgutachten eine Katastrophe (rite) ist.

Ich habe von vornherein nicht erwartet, dass ich unter diesen Bedingungen (keine Betreuung, Arbeit nebenbei) gute Noten erhalten werde. Trotzdem hat es mich eiskalt erwischt und ich kann nachts nicht mehr schlafen. Ich war immer erfolgsverwöhnt, der Gedanke, mich nach diesem miesen Zweitgutachten vor die Prüfungskommission zu stellen, lässt mich nachts nicht mehr schlafen. Die Gutachten wurden mit einem Schreiben der Uni versandt, wonach ich mit meinem Doktorvater einen Termin zur Disputation abstimmen soll. Nachdem ich mich nicht gemeldet hatte, habe ich letzte Woche von der Uni einen Termin zur Disputation für Juni 2019 erhalten, den ich unter Berufung auf meine Vollzeittätigkeit absagen konnte. Das Dekanat hat mich abermals darauf verwiesen, mit meinem Doktorvater einen Termin abzustimmen.

Ich schäme mich unglaublich und weiß nicht, was ich machen soll. Ich strebe auch keine Karriere mehr in der Wissenschaft an, sondern habe einen Lebenszeitjob in der Justiz. Meine Familie und Freunde raten mir alle, es durchzuziehen, da ich es andernfalls irgendwann bereuen würde. Aber der Gedanke, mich wieder nach der Arbeit wochenlang mit dieser nicht mehr aktuellen Arbeit zu beschäftigen, ohne Unterstützung hinsichtlich des von mir erwarteten Vortrags in der Disputation und mich der Prüfungskommission, vor der ich mich schäme, zu stellen, macht mich einfach nur fertig. Außerdem hab ich Angst, dass ich in der mündlichen Prüfung durchfallen könnte.

Eine Kontaktaufnahme zu meinem Doktorvater, der wissenschaftlich sehr hohe Ansprüche hat, dürfte auch keinen großen Erfolg versprechen. Zumal er mir im Gespräch 2014 noch gesagt hat, er werde einen Juniorprofessor als Zweitkorrektor wählen, dann aber einen strengen Professor gewählt hat (weil der Experte auf meinem Thema sei....schön nur, dass dieser mir dann im Zweitgutachten vorwirft, mein Thema sei nicht mehr aktuell - das Thema wohlgemerkt, das mir mein Doktorvater zugewiesen hat...).

Ich habe die Promotion auf die zu leichte Schulter genommen. Jetzt hab ich die Quittung kassiert. Obwohl ich immer gesagt habe, es kommt mir nicht auf die Note an, fühle ich mich einfach nur mies und bin von mir selbst enttäuscht und beschämt. Der Einwand, ich hätte doch nebenbei promoviert, kann mich irgendwie nicht trösten.

Vielleicht hat jemand von euch einen Rat.

Danke im Voraus
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Re: Angst vor Disputation

Beitrag von daherrdoggda » 04.06.2019, 09:00

0.05% haben 2001-2016 in den Rechtswissenschaften endgueltig nicht bestanden (12/22792).

http://www.forschungsinfo.de/promotions ... php?ct=det
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Re: Angst vor Disputation

Beitrag von Grounded » 04.06.2019, 12:19

Liebe Krissy,

erste einmal: toll, dass du es bis hier hin geschafft hast! Und das trotz dieser widrigen Bedingungen, die du hier beschreibst: nebenberuflich, keine Betreuung, Doktorvater lässt sich ewig Zeit und zieht dann noch einen Prof als Zweitgutachter hinzu, der offenbar gar nicht zur Diskussion stand und deiner Diss ein rite verpasst.

Umso verwunderter bin ich, wenn ich das folgende lese:
Krissy87 hat geschrieben:
03.06.2019, 21:12

Ich schäme mich unglaublich und weiß nicht, was ich machen soll. Ich strebe auch keine Karriere mehr in der Wissenschaft an, sondern habe einen Lebenszeitjob in der Justiz. Meine Familie und Freunde raten mir alle, es durchzuziehen, da ich es andernfalls irgendwann bereuen würde. Aber der Gedanke, mich wieder nach der Arbeit wochenlang mit dieser nicht mehr aktuellen Arbeit zu beschäftigen, ohne Unterstützung hinsichtlich des von mir erwarteten Vortrags in der Disputation und mich der Prüfungskommission, vor der ich mich schäme, zu stellen, macht mich einfach nur fertig.
(...)
Ich habe die Promotion auf die zu leichte Schulter genommen. Jetzt hab ich die Quittung kassiert. Obwohl ich immer gesagt habe, es kommt mir nicht auf die Note an, fühle ich mich einfach nur mies und bin von mir selbst enttäuscht und beschämt. Der Einwand, ich hätte doch nebenbei promoviert, kann mich irgendwie nicht trösten.
Obwohl die Betreuung nicht stattgefunden hat und deine Promotionsbedingungen auch sonst eher hemmend als förderlich gewesen sind, suchst du die Gründe bei dir. Wenn du dein Selbstwertgefühl ein wenig steigern willst empfehle ich dir, weniger auf deine Leistung als auf die Leistung deines Betreuers zu schauen. Welche Note würdest du ihm für seine Betreuung geben?
Mit einer solchen aufrechten Haltung kannst du gestärkt in die Verteidigung gehen. Selbstbeschuldigungen und Selbstabwertung ist etwas, dass dich in dieser Situation sehr schwächt.
Und außerdem: Es wird lediglich deine Arbeit bewertet, nicht du als Person. Wenn man sich sehr mit seiner Leistung oder seinem Promotionsthema identifiziert ist das schwer zu trennen. Aber bitte werte dich nicht ab, nur weil die Benotung nicht deinen hohen Ansprüchen an dich selbst gerecht wird.

Liebe Grüße und ganz viel Erfolg
Grounded
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Re: Angst vor Disputation

Beitrag von caipirinha11085 » 04.06.2019, 14:57

Zwei Jahre für die Erstellung der Gutachten finde ich wirklich extrem. Tut mir leid für dich.

Ich kann verstehen, dass du mit den Noten nicht zufrieden bist, da sie offenbar nicht deinen sonstigen Leistungsstand widerspiegeln.
Trotzdem: Du hast dir diesen Grad schon fast vollständig erarbeitet und damit auch verdient. Die Disputatio ist die eher geringere Hürde. An deiner Stelle würde ich mir Urlaub nehmen, die Diss noch einmal durchlesen, mich in die neuesten Entwicklungen auf dem Thema einlesen und dann einen guten Vortrag vorbereiten und das Ding mitnehmen.
Lass dich nicht von den Profs einschüchtern, mit deiner Berufserfahrung diskutierst du mit ihnen auf Augenhöhe, auch wenn es sich anders anfühlen mag, da sie deine Arbeit benoten.

Viel Erfolg!
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Re: Angst vor Disputation

Beitrag von Jamilyn » 04.06.2019, 17:12

Hallo Krissy,

ich habe auch in einem meiner Gutachten ein rite bekommen, und mich ganz schrecklich damit gefühlt. Vor allem in der Vorbereitung der Verteidigung. Ich hatte große Angst, dass sie mich durchfallen lassen.
Aber ich habe es geschafft, mit dem Vortrag meine Note noch zu verbessern - und ich denke, das kannst du bestimmt auch. Du bereitest dich vor und übst ihn oft, und dann hältst du einen guten Vortrag. Dann verzeiht man dir auch eventuelle Lücken in der Diskussion.

Wie daherrdoggda sagt: es fällt nur ein sehr kleiner Anteil durch. Du wirst das schaffen. Vielleicht nicht mit der Note, auf die du richtig stolz wärst, aber du wirst durchkommen. Und da du den Job für danach schon hast, wird nach der Note im Endeffekt selten jemand fragen.

Kopf hoch :) du schaffst das!
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Re: Angst vor Disputation

Beitrag von Krissy87 » 04.06.2019, 20:31

Liebe Community-Mitglieder,

ich danke euch vielmals für eure aufmunternden und lieben Worte. Ich habe mich wirklich gefreut :)
Es hat mich zum einen erleichtert, mir hier unter "Leidensgenossen" alles von der Seele zu schreiben. Zum anderen habt ihr mir andere Blickwinkel auf das Ganze aufgezeigt, die mich aufheitern und mein Selbstwertgefühl steigern.

Ich werde nochmal über die ganze Sache nachdenken und hoffentlich bald eine Entscheidung - in welche Richtung auch immer - treffen. Meint ihr es ist taktisch klug, meinem Doktorvater zu sagen, dass ich mich aufgrund des miesen Zweitvotums fast nicht traue, zur Prüfung anzutreten?

Liebe Grüße in die Runde und vielen Dank!!

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Re: Angst vor Disputation

Beitrag von Grounded » 04.06.2019, 22:52

Liebe Krissy,

gerne! :blume:

Krissy87 hat geschrieben:
04.06.2019, 20:31
Meint ihr es ist taktisch klug, meinem Doktorvater zu sagen, dass ich mich aufgrund des miesen Zweitvotums fast nicht traue, zur Prüfung anzutreten?
Prinzipiell finde ich deine Idee gut. Dennoch wäre es vorteilhaft abschätzen zu können, wie er reagieren wird. Wie schätzt du deinen DV denn ein? Hat er Einfühlungsvermögen oder Verständnis? Hast du schon einmal offen mit ihm über deine Probleme oder die anderer Doktoranden gesprochen?

Liebe Grüße
Grounded
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Re: Angst vor Disputation

Beitrag von caipirinha11085 » 05.06.2019, 15:09

Krissy87 hat geschrieben:
04.06.2019, 20:31
Ich werde nochmal über die ganze Sache nachdenken und hoffentlich bald eine Entscheidung - in welche Richtung auch immer - treffen. Meint ihr es ist taktisch klug, meinem Doktorvater zu sagen, dass ich mich aufgrund des miesen Zweitvotums fast nicht traue, zur Prüfung anzutreten?
Je nachdem wie sehr du deinem DV vertraust. Ich würde es wohl so verpacken: Da das Zweitgutachten abgewichen ist von der Bewertung des Erstgutachtens und auch von dem, was du dir selbst vorgestellt hattest, machst du dir Gedanken, was dich in der Disputatio erwartet und ob er dir Tipps zur Vorbereitung geben kann.
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Re: Angst vor Disputation

Beitrag von teilchenphysik196 » 19.06.2019, 17:38

Hey Krissy, Du gehst freilich in die Prüfung! Was soll dort passieren? Bei meiner Disputation war es so, dass ich vieles aus meiner Diss nicht mehr parat hatte und die Literatur, die abgefragt wurde, nicht kannte. Das gab dann eine 2 und insgesamt noch ein magna. Lass Dir sagen, die Urteile der Gutachter sind sowas von subjektiv. Gib da nix drauf! Setz Dich in die Disputation, denk an Deine Berufserfahrung und daran, wie sich der Titel für Dich anfühlen wird. Du kannst echt stolz auf Dich sein - nebenberuflich promovieren ist eine Leistung, die Respekt verdient. Also, aufrappeln, Krone richten, weiter geht's!
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Re: Angst vor Disputation

Beitrag von Krissy87 » 24.06.2019, 17:13

Hallo ihr Lieben,

tut mir leid, dass ich mich so lange nicht mehr gemeldet habe. Ich habe mal 2 Wochen versucht, das Thema beiseite zu legen und zu entspannen, da ich wie gesagt sehr schlecht geschlafen habe und Alpträume hatte. Die Zeit hat gut getan, aber das Problem natürlich nicht gelöst. Ich bin und war fast so weit zu sagen, ich lasse es sein. Ich kann mich ja noch nicht mal überwinden, meinen blöden Doktorvater anzurufen. Im Grunde will ich es auch gar nicht. Der Kerl könnte sich ja auch mal melden (ist emeritiert), aber dazu lässt der ach so tolle Professor sich natürlich nicht herab... :?

Im Moment habe ich im Büro auch noch Dauervertretung eines kranken Kollegen. Und dann soll ich mich abends planlos und ohne Unterstützung noch an die Diss setzen (im Moment bei 35 Grad).... :stressed:

Es ist mir klar, dass es ein Versagen ist, wenn ich es nicht mache, das mich wahrscheinlich bis in mein Rentendasein (mindestens) verfolgt, da ich täglich Akten im Büro aufschlage, wo Anwälte mit Dr. Titeln aufkreuzen (und zum Teil keine intelligenten....) und das Thema immer wieder hochkommt. Oft denke ich, hätte ich auch in Ruhe nach dem 1. oder 2. Examen zu Ende promoviert...hätte hätte Fahrradkette. Dann hätte ich aber vlt meinen Traumjob nicht bekommen und hätte noch keine Lebenszeitstelle (ich war bei meiner Einstellung die jüngste Staatsanwältin in meinem Bundesland).

Habe auch mit zwei promovierten Kollegen gesprochen, die wussten auch keinen rechten Rat. Jedenfalls haben sie alle vor Antritt des Jobs ihre Diss komplett beendet.

Ich danke euch für eure Nachrichten und freue mich über weitere Nachrichten.

Viele Grüße und schwitzt nicht zu sehr :-)

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