Späte berufsbegleitende Promotion - was meint ihr?

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Fritz Z
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Späte berufsbegleitende Promotion - was meint ihr?

Beitrag von Fritz Z » 11.11.2018, 15:27

Hallo zusammen,

ich habe mich heute hier angemeldet, um zunächst einmal eure Meinung zu meiner Idee zu erfahren und später ggf. auch konkretere Tipps zu erhalten.

Zu meiner Situation: Ich bin 42 Jahre alt, hatte nach einem recht guten Abi und Zivildienst zunächst angefangen, Pädagogik auf Diplom zu studieren, nach vier Semestern wechselte ich dann in Richtung Lehramt für Gymnasien mit den Fächern Biologie und Chemie. Die Gründe für den Wechsel waren einerseits die unklaren bzw. unbefriedigenden Berufsaussichten als Diplom-Pädagoge, aber auch das Gefühl, mich mit dem Studium, für das man nicht wirklich viel arbeiten musste, "unter Wert" zu verkaufen.
Neben dem Lehramtsstudium, das nach dem Wechsel natürlich Priorität hatte, verfolgte ich das Pädagogikstudium noch weiter, so das ich nach dem Ersten Staatsexamen, während ich auf das Referendariat wartete, letztendlich auch noch eine Diplomarbeit schreiben, mündliche Prüfungen absolvieren und damit auch das Pädagogikstudium beenden konnte. Die Arbeit wurde mit "sehr gut" bewertet, bestand in einer empirischen qualitativen Studie in einem bis dahin wenig bearbeiteten Gebiet, wurde in einem Fachverlag veröffentlicht und im Laufe der Jahre auch in diversen fach- und populärwissenschaftlichen Veröffentlichungen zitiert.
Schon damals stand die Idee im Raum, im Rahmen einer Dissertation weiter am Thema zu arbeiten, der eher explorativen qualitativen Studie eine aufwändigere quantitative folgen zu lassen, um validere Erkenntnisse zu erhalten. Es gab dazu auch ein erstes Gespräch mit dem die Diplomarbeit betreuenden Professor, dieser war meiner Idee nicht abgeneigt, letztendlich verfolgte ich das Thema aber nicht weiter, weil persönliche Krisen dazwischenkamen und ich auch den Einstieg ins "richtige" Berufsleben nicht noch weiter hinausschieben wollte.
Ich machte also mein Referendariat (das schlechter lief als meine Uni-Laufbahn), bekam bald darauf eine Beamtenstelle und arbeite momentan mehr oder weniger zufrieden als Lehrer an einer Gesamtschule. Die Arbeit war und ist halbwegs in Ordnung und macht zuweilen auch Spaß, eine wirkliche Erfüllung finde ich in ihr aber nicht. Ich merke, dass sie mich intellektuell nicht wirklich herausfordert und außerdem werde ich des Öfteren von dem Gefühl ergriffen, nicht genug aus meinem Leben gemacht zu haben. Vielleicht ist es so eine Art Midlife-Crisis, aber momentan frage ich mich, was da noch kommen soll. Lange Zeit habe ich intensiv Leistungssport im Ausdauerbereich betrieben, konnte dort Ziele verfolgen und mir Selbstbestätigung holen, durch Alter und Verletzungen ging es dort irgendwann nicht mehr weiter aufwärts. Eine Karriere in der Schulbürokratie reizt mich inhaltlich überhaupt nicht, der sich in Grenzen haltende Gehaltszuwachs würden meinen Lebensstil nicht signifikant ändern und "Oberstudienrat" klingt auch nicht wirklich sexy. Daher spiele ich mit dem (verrückten?) Gedanken, nochmal wissenschaftlich zu arbeiten, zumal sich in meinem damaligen Gebiet trotz der mittlerweile 14 dazwischen liegenden Jahre nicht allzu viel getan hat. Finanzielle Vorteile oder Pluspunkte für die berufliche Laufbahn erwarte ich keine, ich rechne eher damit (und wäre auch bereit), für das Vorhaben letztendlich deutlich draufzuzahlen. Da ich weder ein Haus abzubezahlen noch eine Familie zu ernähren habe, hätte ich auch die Möglichkeit, meine Arbeitszeit zu reduzieren, ohne in finanzielle Schwierigkeiten zu geraten.
Das Problem ist, das ich keinerlei Kontakte zur Uni mehr habe und der damalige Betreuer lange im Ruhestand ist. Was motiviert mich? Wie bereits gesagt: Das Gefühl, akademisch nicht das erreicht zu haben, was ich hätte erreichen können. Eine gewisse Unzufriedenheit mit meiner jetzigen Lebenssituation. Der (leichte) Ärger darüber, auf einem Gebiet Pionierarbeit geleistet und danach den konsequenten zweiten Schritt nicht gegangen zu sein. Und ganz ehrlich auch der Wunsch, mit einem Doktortitel meinem Ego zu schmeicheln.


Momentan lese ich mich (wieder) ins Thema ein, ich habe mir eine Frist bis Weihnachten gesetzt, um zu schauen, ob mein Interesse von Dauer ist und sich konkretere Fragestellungen herauskristallisieren.

Was meint ihr?

Viele Grüße

F.

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spirograph
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Re: Späte berufsbegleitende Promotion - was meint ihr?

Beitrag von spirograph » 11.11.2018, 17:32

Hi Fritz Z,

ein Wort: MACH! :-)

Warum, will ich Dir gleich ausführen. Zu mir - damit Du das einordnen kannst: Lehrkraft, seit Jahren anner Uni als wiss Ma, nun volles Lehrdeputat, Diss bald rum. Es ist gut, dass Du so ehrlich bist. Das, was Du schreibst, so offen, das sagen ja nicht viele so frei. Ich ahnte das immer, deswegen habe ich sehr fix mit der Diss angefangen und neben dem Lehramt immer die Verbindung gehalten. Es ist gut und richtig, dass das mal einer schreibt, das es im Lehramt manchmal nu nich so ist, dass das einen intellektuell iwie fordern würde....räusper. Gut, dass Du es mal aussprichst. Im Bereich Lehramt in allen Formen, allen Fachdidaktiken, in der Schulpädagogik und Pädagogik gibt es - gerade im Hinblick auf Lehramt - Nachwuchsmangel. Das jemand mit SO viel Schulerfahrung und zwei Studien da nochmal an die Uni will, ist nicht nur selten, sondern beinahe gar nicht vorhanden. Du hast gute Chancen, will ich damit sagen. Ich kenne eine, die hat nochmal den Master nachgeholt und mit vier Kindern, alleinerziehend, promoviert als Lehrkraft und hat nu ne unbefristete wiss MA-Stelle. Die musste das - wie ich - nie machen mit den tingeltangel befristeten Stellen. Die is gleich voll eingestiegen, hatte sich sogar mal für ne Junioprofessur beworben. Dich stellen die, wenn Du fertig promoviert hast, sofort fest ein anner Uni. Mache ich jede Wette. Die Lehrkraft, hatte sich abordnen lassen und hatte ne halbe Uni-Stelle (hat Schulpraktika betreut, also Studierende kamen in ihre Schule/Unterricht unterrichteten, sie wertete das aus) und ne halbe Schulstelle (Montags und Dienstags je 4 h Schule :D ). Vllt wäre das was für Dich? Es gibt SOOOO viele Themen, die Bearbeitung bräuchten, die wenn man die sehr klar angeht, in 3 Jahren zu machen sind. Gerade wenn man wie Du in der Schule an der Quelle ist, um empirische Erhebungen zu machen! Kannste glauben nak nak.

Gibt bei interamt.de, bund.de (tolle Stellenportale, mit customized Suchmaske, kiek ma) auch viele Stellen an der Uni, unbefristete als Lehrkraft für besondere Aufgaben. Vllt wäre das was vorerst.

Ich will Dich gern dazu ermuntern: Mach das! Es wird Dich beflügeln und aufblühen lassen. Du siehst neue Sinnzusammenhänge. Du bist im Uni-Bereich most wanted! Is gerade Lehrkräftemangel, nur: Wer soll die alle ausbilden? Da fehlt es auch an Leuten! Die stellen dann immer auf so 2-3-Jahres Stellen Leute ein, die direkt vom Studium kommen: the blind leading the blind! Du hast Du aber alle Pfründe in der Hand!

Lass Dir hier nicht erzählen, dass das zu spät sei oder dass das keinen Sinn hat. Oder die tolle Frage nach dem Warum. So viele Promovierende, so viele Gründe. Und wenn Du 95 wärst, würde ich Dir das Gleiche erzählen! Mach! :-) Mit deinem Erfahrungsschatz könntest Du den Studis in den Seminaren aber was beibringen!!! Trau Dich! Nur zu!

Goethe btw hat mal gesagt, dass der Mensch immer dann glücklich sei, wenn er ein werdender ist. GENAU das schafft die Diss dir. Für manche sinds Kids oder n Hausbau oder der Trip nach Kambodscha. Für mich isses meine Diss. So wie Du schreibst, was Du mit dem Diplom (auch ne Leistung: zwei Studiengänge zu einer Zeit!) verbindest: Mach das! :-) Stelle Dich bei geeigneten Unis vor, googlen deine Fachbereiche, nehme per Mail (mit Lebenslauf) Kontakt auf, kontaktiere auch diese School of Education, die es nu überall gibt. Dort gibt es Kolloquien und Promotionsprogramme. Läuft ja grad die Qualitätsoffensive Lehrerbildung.

Bei Fragen frag!

Viele Grüße und go for it!

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Re: Späte berufsbegleitende Promotion - was meint ihr?

Beitrag von Cybarb » 11.11.2018, 17:50

Hallo,

ich sehe in deinem Beitrag nichts, was dagegen sprechen würde, es zumindest zu versuchen. Etwaige Bedenken (keine Zeit, zu wenig Geld etc.) räumst du selbst aus, also bleiben nur Gründe, die dafür sprechen.

Du wirkst überdies, als hättest du a) eine ausreichend starke Motivation, dich reinzuknien, und b) die nötige Selbstdisziplin, um dich systematisch wieder an das wissenschaftliche Arbeiten zu begeben. Damit bleibt nur ein (mögliches) Problem: Du wirst jemanden finden müssen, der die Arbeit betreut. Das ist keine unüberwindbare Hürde, sondern es wird von einer guten Vorbereitung, deiner Überzeugungskraft und ein wenig Glück abhängen, ob du jemanden findest. (Ich gehe davon aus, dass das Thema nicht so abseitig ist, sonst könnte es noch ein Problem werden, dass es niemanden interessiert oder sich niemand qualifiziert fühlt.)

Ich empfehle dir:
- Sondiere erst mal die Lage, wer überhaupt als Betreuer in Frage käme.
- Verfasse ein Exposé, in dem du natürlich auch fleißig die Diplomarbeit bzw. die Rezensionen dazu ausschlachtest, denn das scheint ja der Ausgangspunkt für die Dissertation zu sein.
- Entwirf einen Plan, wie du passende Betreuer kontaktierst, und überlege dir dabei auch, wie du sie überzeugst, weshalb sie die Betreuung übernehmen sollten. Im Idealfall werden sie bereits durch das Exposé überzeugt, aber du solltest auf etwaige Zweifel (extern, zu alt, zu lange aus der Wissenschaft raus etc.) eingehen können.

Viel Erfolg!
Cyb
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Re: Späte berufsbegleitende Promotion - was meint ihr?

Beitrag von Fritz Z » 11.11.2018, 21:46

Hallo Spiro, hallo Cyb,

vielen Dank für eure Antworten.

@Cyb: Danke für die Ermutigung: Das Goethe-Zitat ist mir leider unbekannt, die dahinter steckende psychologische Erkenntnis, welche besagt, dass Ankommen nicht glücklich macht, aber sehr wohl.... sage das immer meinen Schülern, wenn sie glauben, das nach dem Abi die Glückseligkeit über sie hereinbricht.

Auf neue Sinnfindung hoffe ich auch, ich merke, dass ich was Neues brauche und sehe in der Schule für mich keine entsprechende Perspektive. Das heißt nicht, dass ich nicht mehr als Lehrer arbeiten will, aber ich möchte noch was anderes erreichen als weitere 20 Jahre vor der Klasse stehen zu müssen. Klar böte sich an, ein Thema mit Schulbezug zu bearbeiten, aber momentan schwebt mir was anderes vor, meine Diplomarbeit hatte nichts mit Didaktik oder Schule überhaupt zu tun.

@Spiro:
Ich sehe auch in der Betreuerfindung das größte Problem und plane, so vorzugehen, wie du beschrieben hast. Momentan ist die Fragestellung noch zu unklar, so dasss ein Exposé noch nicht wirklich Sinn macht, aber ich setze mir die Frist, bis zum Ende der Weihnachtsferien ein solches erstellt zu haben. Dann heißt es (zunächst virtuelle) Klinken putzen und auf Erfolg hoffen. Danke auch dir für deine Tipps!
Sollte ich einen Betreuer finden, werde ich darüber nachdenken, eventuell meine Wochenstundenzahl zu reduzieren, vorher nicht.

Viele Grüße

F.

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