Diss und Burnout

... und die Fragen, die sich davor und dabei ergeben.
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Diss und Burnout

Beitrag von ReinersLicht » 30.10.2018, 09:32

Hallo zusammen,
ich bin ganz schön verzweifelt und brauche eure Hilfe - folgender Fall ist passiert:
bin seit ein paar Jahren bei einem ganz schön strengem DV (gewesen) - hatte vor ein paar Monaten
ein Burnout-Syndrom und in Panik hab ich damals alles abgesagt und gekündigt. Beim DV und auch beim
Promotionsausschuss eine Nachricht geschrieben, dass ich das Vorhaben einstelle. Das war zutiefst falsch.
Das war vor 5 Wochen - jetzt kann ich wieder klarer denken und bereue das alles zutiefst und bin total
verzweifelt. Meint Ihr, ich kann da nochmal an den DV und Promotionsausschuss rangehen und das rückgängig machen?
Kennt jemand von euch einen solchen Fall? Schon mal so was erlebt? Freu mich auf jeden Ratschlag, was ich tun kann.

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Re: Diss und Burnout

Beitrag von spirograph » 30.10.2018, 12:19

Hi Reiners Licht,

tut mir leid zu hören, dass Du so eine schwerwiegende Krankheit hattest und dass die Umstände gewissermaßen dazu negativ beitrugen. Gut, dass Du dich wieder gefasst hast - DAS ist das Wichtigste von allem! Das, was Du schreibst, ist zutiefst menschlich. Und zu verstehen, also verstehbar. Ich gehe von mir aus: würde ein Studierender mir in ggf Abschlussphasen etwas derart Abruptes schreiben ala ich-schmeiße-hin (ob mit Nennung von Gründen oder nicht) würde ich stets Überforderung vermuten (mit ggf stärkeren Auswüchsen; aber erstmal nur meine Mutmaßung). Ich würde zurückfragen ganz vorsichtig, sondieren, Hilfe anbieten, Gespräch offerieren: Ist das bei Dir erfolgt oder ließ man Dich "so"ziehen?

In solchen Krankheitsszenarien sollte man keine Entscheidungen treffen, weil man nicht mehr fähig ist, klar zu sein/zu sehen. Aber diese Weisheit kommt zu spät. Ohnehin ist man in solchen Situationen nicht mehr so reflektiert zu sagen: "Ich bin total im Arsch, ich schmeiße den Scheiß hin --- Neeee! Neee! Erstmal noch nicht, das kann ich immer noch machen, erstmal gesund werden!". Ich kann mir vorstellen, dass Du damals die Ursache für deinen Zustand in der Diss/dem DV/dem ganzen Bums gesehen hast - und wie ein Tier aus einer Schnappfalle so schnell wie möglich die Ursache (ggf vermeintliche Ursache) abstellen wolltest, um angstfrei, unbesorgt zu sein!? Wer kann Dir das verdenken!!! Keiner. Vllt. gehst Du mit dieser Klarheit nochmal zu den Leuten, stellst Dich vor und die Umstände, erklärst Dich. Was Dich dazu brachte. Ich würde IMMER meinen Studierenden eine Tür offen lassen, aber ich würde auch niemanden SO ziehen lassen. Ich will alle zu ihrem Erfolg bringen, das ist mein Job (wenn nichts Krasses dagegen spricht). Ich weiß nicht, wie es andere handhaben, womöglich anders, aber Du kannst jetzt, befreit, gesundet doch noch einmal dorthin gehen und sie alle in dein großes Bild setzen und um eine zweite Möglichkeit bitten. Was hast Du - um es mal kaltschnäuzig zu formulieren - zu verlieren? Nichts. Gehe hin, von Mensch zu Mensch. Du wirst auf offene Ohren stoßen.

Und für alle, die jetzt argumentieren ala: "Ja, dann ist die DISS eben nichts für Dich! Wenn Du so schon....Zeichen von Schwäche, blabla!". Die Anfertigung einer Diss, mein Freund, soll barrierefrei sein, für alle möglich, egal ob der/diejeniger, der/die schreibt, eine Krankheit welcher Art auch immer hat. Auch Menschen mit psychischen Bedingungen sollen promovieren dürfen - es kann sein, dass jene länger brauchen (OH MEIN GOTTTTTT! Ironie! LÄNGER als who or what?) oder mehrere Anläufe, EGAL. Es muss möglich sein. Dissen darf nie einegsetzt werden als Selektionkriterium gegen Menschen mit Erkrankungen oder anderen Bedingungen. Das muss echt mal gesagt werden!

Letzteres Jahr hatte ich btw so n krassen ich-schmeiß-den-Rotz-jetzt-hin-Moment. Ich stand vor ner riesigen Erhebung, die es galt zu analysieren. Ab nem gewissen Punkt war es nur noch öde - und da war noch nicht mal die Hälfte geschafft. Ich habs durchgezogen, aber mein meltdown war verständlich. Ich war ne Haaresbreite davor, das rote Telefon zu nehmen und alles abzusagen. Durch Krisensitzungen mit korrekten Leuten ging es dann aber. Ich habe gelernt, dass ich nur noch die Arbeit von einem Tag sehe. Nicht das Große. Nur noch heute und was ich heute reißen kann realistischerweise. Was morgen is, is morgen, datt sehe ich dann. In der Summer aber wird jeder Tag zu diesem Großen und iwann macht es fupp und das Ding ist fertig. Plus: Wenn man einen bestimmten Punkt überschritten hat, katalysiert sich das Tun: Et jeht schneller iwie (gefühlt?). Jetzt bin ich aufn flotten Weg: Drei Wochen ein Kapitel (gut, der Ergebnsteil dauert nun schon länger), aber die davor: drei Wochen/Kapitel. Ist recht überschaubar und für mich ok und machbar. Together the ants will conquer the elephant! Ha! :-) :-) :-)

Viele kennen deine struggles. Viele. Kannste glauben. Bist nich allein oder n schlechter Mensch. Ich habe einen Arzt getroffen, der is jeden Abend am Tisch vonner Pulle Korn eingepennt, der hat tagsüber operiert und damit das Zittern aufhört (und der operieren konnte!), hatter getrunken. Der war fertig as fuck hat aber "funktioniert" und - bisschen zynisch - tatsächlich gute OPs hinbekommen, weiß der Himmel wie.

Also: Alles Gute! Probiere dein Glück (nochmal). Hör nicht auf andere, die das nicht so sehen. Traue Dich! :-)


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Re: Diss und Burnout

Beitrag von Cybarb » 30.10.2018, 18:57

Hallo,

zu deiner konkreten Frage gibt es m. E. eine formale und eine nicht-formale Antwort.

Zunächst wäre zu klären, ob dein Promotionsverfahren formal bereits beendet im Sinne von abgebrochen wurde. Wenn ja, dann könnte es aufwändiger werden, es wieder neu zu beginnen.
Hierzu evtl. auch noch passend: Du schreibst nichts zu deiner Arbeitssituation. Das Wort "gekündigt" legt aber nahe, dass du einen Arbeitsvertrag hattest, in dem auch die Promotion geregelt war. Das ist also auch noch eine Baustelle, um die du dich kümmern müsstest.

Nicht-formal (also "menschlich") betrachtet: Klar kannst du versuchen, noch einmal den Kontakt zu DV und Promotionsausschuss zu suchen, um deine damalige Entscheidung zu revidieren. Mit einer psychischen Erkrankung lässt sich Manches begründen, was sich ansonsten nicht so einfach begründen ließe. Allerdings könnte es ratsam sein, sich professionelle Hilfe suchen, und zwar nicht nur als Unterstützung der Wiederaufnahme deines Promotionsverfahrens, sondern auch zur Behandlung. Denn auch wenn ich keine Fachkenntnisse im Bereich Burnout habe, scheint mir eine "Heilung" innerhalb von 5 Wochen recht schnell gegangen zu sein. Die Heilung manifester psychischer Erkrankungen dauert m. W. deutlich länger.

Noch eine andere Sache: Ich bin immer skeptisch, wenn jemand einen DV als "streng" bezeichnet und damit Abbrüche, Kündigungen, Unlust oder sonst was begründet.
Wie genau äußert sich diese Strenge?
Vielleicht hinterfragst du dich selbst mal kritisch, ob er wirklich Dinge verlangt, die du nicht leisten kannst, oder ob er einfach nur sehr hohe, aber letztlich erfüllbare Qualitätsanforderungen an deine Arbeit stellt.

Gruß
Cyb

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Re: Diss und Burnout

Beitrag von ReinersLicht » 31.10.2018, 17:29

Hallo zusammen,
vielen Dank schonmal für eure Antworten. Also ich war/bin externer Doktorand und ja - er hat mich ziehen lassen ohne Nachfrage.
Die ganze Krankheitsgeschichte ist wohl ein Mix zwischen Anpassungssstörung und Burnout und passiert schon vor 4 Monaten. Ich
bin langsam wieder fitter, aber diese Geschichte war einfach nur dämlich. Wie Spiro geschrieben hatte, hatte ich in dem Moment
einfach Angst und musste alles loswerden. Ich konnte einfach nicht mehr klar denken. Ich werde jetzt wohl dem DV erstmal schreiben
und um ein Gespräch bitten. Auf jedenfall war der Abgang so einfach schlecht - wenn er mich weitermachen lässt gut - ansonsten werde
ich das Vorhaben vielleicht anderweitig unterbringen können. Falls Ihr sonst noch Tips habt - gerne. vg RL

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Re: Diss und Burnout

Beitrag von spirograph » 31.10.2018, 20:27

Hi ReinersLicht,

cool, dass Du antwortest. Eigentümlich, dass man dich einfach so hat ziehen lassen. Anscheinend/scheinbar ist da zwischen Euch in den Jahren keine tiefere persönliche Linie entstanden. Ala easy come, easy go. Mmmh. Hast Du denn in der "Absage-Mail" Gründe angegeben in irgendeiner Weise? Oder war das nur n Zweizeiler, den es zur Kenntnis zu nehmen galt?

Ja, schreibe deinem DV, ggf. kannst Du in der Mail schon eine Richtung des Erklärens andeuten ("aus Gründen von Krankheit vor xy Wochen...."). Dass der Kollege Prof ggf zwei Mal in die Mail guckt und nich einfach das Ding in n Skat drückt. So dass eine Explikation dann im persönlichen Gespräch vorgenommen werden kann.

Wichtig für Dich wäre auch festzustellen, dass solche Thriller-Freidreh-Momente zwar ggf schon noch mal vorkommen, aber Du damit umgehen kannst, sprich akzeptieren, abwarten, das täglich Machbare sehen, auch die Grenzenlosigkeit von solchen Unterfangen im Grunde zu verstehen, so dass der Eindruck von Knappheit in zeitlicher Hinsicht nicht so akut wirkt. Ich sage mir oft, wenn es im Kopf dufff-dufff-dufff macht und die Stimme aufploppt ("Das muss alles hier schnell fertig werden! Wie lang solln das noch dauern!?"): "Es dauert so lang, wie es dauert! Wenns hundert Jahre sind, sinds hundert Jahre! Pffff, andre machen jar nüschts. DA mach ich mich hier nich heiß jetzte!" Wie Rocky: It aint over, til its over! :-) Angst und den ganzen Bums kann man schon haben, man muss damit umgehen können. Angst und Co. sind zwar da, man fühlt das, aber das ist man nicht selbst. Meditation hilft oder überhaupt die Trennung von Emotion und dem Selbst, was zeitweise Träger von Emotion ist wie der Himmel, über den die Wolken ziehen....weißte? :-) Gefühle kommen und gehen, nur nich immer mit dem ´Selbst" da voll rein gehen. Das führt ggf zu solchen Roundhouse-Kicks, wo es für alle bedauerliche Absagen hagelt....muss doch nich sein. :-) :blume:

Falls dein DV keine Chance sieht, gehste woanders hin. Neues Spiel, neues Glück! Ziel nich ausn Augen verlieren! Aber das hast Du ja schon angedeutet. "Dran, drauf und drüber!" :-)

Dir alles Gute!

spiro
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Re: Diss und Burnout

Beitrag von flip » 01.11.2018, 02:05

ReinersLicht hat geschrieben:
31.10.2018, 17:29
Hallo zusammen,
vielen Dank schonmal für eure Antworten. Also ich war/bin externer Doktorand und ja - er hat mich ziehen lassen ohne Nachfrage.
Was genau hast du wie gekündigt?

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Re: Diss und Burnout

Beitrag von spirograph » 02.11.2018, 13:21

Hi,

mir ist noch was eingefallen zum Thema "Burn-Out"/ Erschöpfungsdepression und evtl. Hilfen. In so einem Fall lohnt es sich auch einmal, einen Arzt/Ärztin mit Schwerpunkt orthomolukulare Unterstützung aufzusuchen. Ich mache das. Ist eine Allgemeinärztin in Privatpraxis, die Vitaminogramme macht und da eben Unterstützung anbietet in Form von Aufbaukuren. Klingt erstmal nach "jaja, kannste unter Ulk verbuchen!", aber es hilft. Es wurde - weil ich Stress habe, kein Fleisch und Milchkram esse - ein krasser Vitamin B 12 - Mangel festgestellt, Vitamin B 6 is auch runter, Vitamin D, Folsäure, Eisen. Da kann man was machen. Zum Beispiel Vitamin B 12 Injektionen in die Bauchfettfalte, was kein heißes Ding ist und nach 2-3 Wochen habe ich mich agiler gefühlt. Kann man auch selbst machen (bei Fragen bitte fragen!) Um "wacher" zu werden im täglichen Betrieb gibt es - neben Kaffee - schonendere Verfahren: Tyrosin als reine Aminosäure in H2O eingerührt trinken, gibt "Fokus". https://www.zentrum-der-gesundheit.de/tyrosin-ia.html . Alles via amazon kaufbar. Für Entspannung/runter kommen gibt es Tryptophan, ebenso via amazon (hier besser Kapseln, das Zeug ist bitter und eher schlecht wasserlöslich). Es lohnt sich für Alternativen zu Kaffee auch mal nach MSM/ natürlichem Schwefel zu googeln oder via YouTube zu suchen. Kostet alles nicht viel, hilft aber!

Gerade bei "Stress" braucht der Körper mehr von dem Kram. Als ich der Ärztin erzählte, dass ich alle paar Monate mal Vitamin B 12 in 1000microgramm-Dosis durchfuhr es sie und sie sagte: "Das brauchen Sie jeden Tag!". Und Tatsache, seit ich das so handhabe, geht es mir besser.

Ersetzt alles keinen ärztlichen Rat. Nur Anregungen zum Googeln und zur Selbstinformation. Thread/Artikel kann auch verschoben werden. Danke. Aber es gibt in diesem Zusammenhang ggf auch Aufschluss darüber, wie andere - in dem Fall ich - mit Stress durch Uni u Diss umgehe auf eben jene Art. Gibt ja diverse Arten, wie man das konstruktiv auffangen kann und auch muss, um arbeitsfähig zu sein, zu bleiben oder wieder zu werden.

Viele Grüße,

spiro
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Re: Diss und Burnout

Beitrag von daherrdoggda » 02.11.2018, 21:08

Dieser Beitrag erklärt zumindest einiges XD
Aber er gehört eher in ein subforum zum Thema esoterik, solange keine ordentlichen quellen genannt werden ;)

ReinersLicht
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Re: Diss und Burnout

Beitrag von ReinersLicht » 03.11.2018, 14:10

Ich habe per Email dem Promotionsausschuss und dem DV geschrieben, dass ich das Vorhaben einstellen werde.
Das Verfahren war noch nicht eröffnet. Was ist denn jetzt rechtlich eigentlich passiert?

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Re: Diss und Burnout

Beitrag von Cybarb » 03.11.2018, 17:30

ReinersLicht hat geschrieben:
03.11.2018, 14:10
Ich habe per Email dem Promotionsausschuss und dem DV geschrieben, dass ich das Vorhaben einstellen werde.
Das Verfahren war noch nicht eröffnet. Was ist denn jetzt rechtlich eigentlich passiert?
Das kommt darauf an, was die relevanten Dokumente (Promotionsordnung, Promotionsvereinbarung) dazu sagen.

Möglich ist, dass du deine Promotionsvereinbarung einseitig aufgekündigt hast. Das kann, muss aber nicht bedeuten, dass im Zuge dessen deine Annahme als Doktorand widerrufen wurde.

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