Doktoranden in früheren Zeiten

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Marmens
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Doktoranden in früheren Zeiten

Beitrag von Marmens » 24.10.2018, 16:43

Hallo zusammen,

mein "Finanzgeber" erklärt des öfteren, es sei ganz normal als Doktorand und auch als Postdoc kein Geld zu verdienen (trotz gültigen Arbeitsvertrags!), denn zu seiner Zeit hätte man auch nichts verdient und sich stattdessen mit einem Nebenjob über Wasser gehalten. Möglicherweise glaubt er Wissenschaft mache genug Spaß um von Luft und Liebe zur Arbeit leben zu können.

So viel zum Hintergrund. Nun meine Frage: Falls er wieder mal mit so einem Schmarrn um die Ecke kommt, weiß jemand was Doktoranden früher (in der BRD der 50-80 Jahre) verdient haben?

Danke schon mal

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Sebastian
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Re: Doktoranden in früheren Zeiten

Beitrag von Sebastian » 24.10.2018, 19:36

Ich glaube, Du müsstest das Fach oder zumindest die grobe Richtung nennen...
Bei externen Promotionen in Jura z. B. war und ist das nach meinem Kenntnisstand eher die Regel als die Ausnahme. Sie mussten allerdings dann auch nicht am Lehrstuhl arbeiten o.ä.

Jack24
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Re: Doktoranden in früheren Zeiten

Beitrag von Jack24 » 24.10.2018, 22:44

Mitte der 90er waren es bei mir netto 1500 DM monatlich, halbe Stelle aus einem DFG Projekt. Das ging nach Tarif (Bat-O IIa/2) und war für alle gleich, unabhängig vom Fach. Für mich bedeutete es in etwa eine Verdopplung des Einkommens nach 5 Jahren Bafög Höchstsatz.

Ingenieure bekamen volle Stellen als Doktoranden, hieß es. Stipendiaten in DFG Graduiertenkolleg bekamen weniger als Bat IIa/2, zumindest wurde für sie nichts in die Rentenkasse und für Arbeitslosen- und Krankenversicherung eingezahlt. Letztere war selbst zu besorgen für 100 DM monatlich etwa.

Ganz früher konnten ohnehin überwiegend nur gut situierte Leute studieren, promovieren, und als Privatdozent die allfälligen Durststrecken überstehen. Es gab den Dr. ja auch als grundständigen Abschluss, und als Student hat man kein Einkommen, es sei denn man hat einen Job neben dem Studium.

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Re: Doktoranden in früheren Zeiten

Beitrag von Wierus » 25.10.2018, 01:14

Magister- und Diplomstudiengänge wurden erst im Laufe der 60er Jahre an allen Universitäten angeboten. Bis weit in die 80er Jahre hinein war es in vielen Fächern nicht unüblich, auch "grundständig" promovieren zu können, d.h. ohne vorherigen Studienabschluss das gesamte Studium direkt mit der Promotion abzuschließen. Mit Glück hat man das damals in 9-10 Semestern hinbekommen. Das reicht heutzutage in den meisten Fällen nicht einmal mehr für einen regulären Masterabschluss.

Eine Promotion im Jahre 1958 ist also bis zu einem gewissen Grad schon etwas anderes als eine Promotion im Jahre 2018.

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Re: Doktoranden in früheren Zeiten

Beitrag von caipirinha11085 » 25.10.2018, 08:27

Marmens hat geschrieben:
24.10.2018, 16:43
(trotz gültigen Arbeitsvertrags!)
Ich würde meinen, dass es noch nie üblich war, trotz Arbeitsvertrag das geschuldete Gehalt nicht zu bekommen. Sollte das bei dir der Fall sein, werden schlagfertige Antworten auf solche Ausreden kaum helfen.
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Re: Doktoranden in früheren Zeiten

Beitrag von flip » 25.10.2018, 12:06

Jack24 hat geschrieben:
24.10.2018, 22:44
Mitte der 90er waren es bei mir netto 1500 DM monatlich, halbe Stelle aus einem DFG Projekt. Das ging nach Tarif (Bat-O IIa/2) und war für alle gleich, unabhängig vom Fach. Für mich bedeutete es in etwa eine Verdopplung des Einkommens nach 5 Jahren Bafög Höchstsatz.

Ingenieure bekamen volle Stellen als Doktoranden, hieß es. Stipendiaten in DFG Graduiertenkolleg bekamen weniger als Bat IIa/2, zumindest wurde für sie nichts in die Rentenkasse und für Arbeitslosen- und Krankenversicherung eingezahlt. Letztere war selbst zu besorgen für 100 DM monatlich etwa.
Man kann also sagen: "Es hat sich nichts verändert." :D
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Re: Doktoranden in früheren Zeiten

Beitrag von spirograph » 25.10.2018, 12:41

...2004 in dem Dreh hat jemand btw mit ner halben Stelle ca. 900 Euro bekommen (Steuerklasse 1). 10 Jahre später wares es schon 12netto, gl Stklasse.
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Re: Doktoranden in früheren Zeiten

Beitrag von Leolina » 26.10.2018, 10:15

Meine Güte. Du kannst ihn ja mal fragen, ob er die Sklaverei auch für ganz normal hält.

Wir machen einen Job - wir werden bezahlt. Natürlich haben wir selbst auch was davon, aber jeder, der in irgendeinem Feld Karriere machen will, hat das, und muss sich nicht ständig mit diesem "Sei dankbar, dass wir Dich auch noch bezahlen, Du Wicht" herumschlagen.

Sowas ärgert mich vor allem aus dem Mund von Leuten, die selber in der Position waren. Man sollte sich doch als erfahrener Wissenschaftler freuen, dass es dem Nachwuchs besser ergeht, und der darum produktiver und weniger belastet arbeiten kann - anstatt künstlich Belastung zu erzeugen.

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Re: Doktoranden in früheren Zeiten

Beitrag von spirograph » 26.10.2018, 11:10

Da verharke ich mich mal kurz ein:

Mir wurde vor dem Auslaufen meiner ersten Stelle als wiss Mitarbeiterin von einem Pädagogik-Prof (damals Betreuer meiner Dr.-Arbeit, aber ich wechselte ihn nach diesem "Vorfall") gesagt - allen Ernstes - dass ich in Hartz IV promovieren könne. Er wusste - nehme ich an - dass ich Lehrerin bin, aber danach war ich mir seiner Zurechnungsfähigkeit nicht mehr richtig sicher. Er brachte die Worte heraus, wie als ob das eine Art gelungener Einfall wäre. Da brach etwas zwischen uns und er war f mich als Betreuer meiner Arbeit und auch als Faktor meine Lebensqualität damit gestorben. In dem Moment bin ich - die Folgen waren mir hupe - patzig geworden: "Ich denke nicht, dass das ihr Ernst ist. Und das Beste, was ich daraus mache, ist dass ich das überhört habe." Mit dem eye of the tiger. Er ruderte zurück. Wollte mir nicht zu nahe treten. Wurm. Päh.

Dann gab es noch eine zweite Begebenheit, ganz woanders. Ich bin nu wieder wiss MA im Qualifizierungsverlauf und ich habe ein volles Lehrdeputat (8 SWS). Nachdem ich dies als nonkonform mit der gesetzl Lage angemahnt hatte (die empfiehlt 4 SWS), musste ich zum Dekan. Der machte mich rund: "Das schaffen alle! Seien Sie froh, dass Sie hier diese Chance bekommen!". Chance? Auf burn-out? Auf jeden Tag, ob krank, gesund, im Urlaub, Weihnachten 15-20 Mails v Studierenden beantworten müssen (weil die sich sonst summieren wie abgeschlagene Drachenköpfe!), weil in den 5 Seminaren je 30 Leute drinsitzen??? 20 Abschlussarbeiten betreuen und begutachten??? 5 je und je andere Seminare vorbereiten, halten, Prüfungen abnehmen, die ganzen Hausarbeiten, stapelweise??? Und ein Arbeitsvertrag, der befristet ist durch die Anfertigung einer Diss...??? Ich bringe bestimmte Qualifikationen/Studienabschlüsse mit, die ich einsetze und dafür ein Entgelt erhalte. Like everybody else. Wasn fürne SCHANGSE? Chance auf Ausbeutung. Aber DAS illustriert wessen Geistes Kind da herrscht: Kein "normales" Arbeitsverhältnis, wo Arbeitskraft für Kohle (Profit!) eingesetzt werden, sondern iwas mit Nimbus und Nobles und ornamentes und florales. Was wofür man dankbar sein muss, auch wenn man keine Kohle sieht oder ausgebeutet wird. Wie als ob das ne Auszeichnung wäre, dort arbeiten zu dürfen. Also für mich nicht. Nich mehr, is durch. spiro: Buch = Ziegelstein!

Manchmal wünschte ich, ich hätte mich auf den TANZ nie eingelassen. All diese Einflüsterungen. Ich wünschte manchmal, ich würde 40h arbeiten, dann nach Hause gehen und zu Hause sein. Statt der ganzen Entgrenzung. Die Anlage ist SO gemacht, dass es nicht anders geht. Dass die Leute das auf sich nehmen, zu Hause Arbeiten lesen, vorbereiten, Orga machen...viel gratis labor. Uni mit Dekan sitzt in mein Nacken. Könnt ihr glauben nak nak. Keine Klage, just saying. Na immerhin gibts im November Jahressonderzahlung.

spiro

P.S.: Heute bin ich so weit, dass ich ein Kündigungsschreiben auf meinem Desktop habe. Die Vorstellung, mich jeden Tag frei machen zu können (Geld is genug gespart! Brauche nicht viel!), gibt mir Kraft. Ich liebe es Seminare (und allem, was dazu gehört; Abschlussarbeiten abwickeln im Rapport) zu geben, aber nicht in dem Umfang mit dem Druck der Diss. Die Idee, zu kündigen --- KEINE MAILS mehr --- NIE wieder dieses Postfach aufmachen mit lauter dunkel schwarzen Zeilen! --- dafür für 450 Euro Regale einräumen und die paar Kapitel meiner Diss runter reißen, abgeben, ab in den vollen Schuldienst oder n bisschen, paar Stunden Lehrerin sein, bisschen Kohle, bisschen was fürn Lebenslauf zum Draufschreiben --- mmmh, schwebt mir als unmittelbare Möglichkeit SEHR NAH vor Augen. Ich weiß, kein Mensch kündigt ne volle Stelle als ach-so-tolle wiss Mitarbeiterin (Ironie!)....mmmh, you dont know whats going on in da back. Naja. "Heute ist heute, morgen siehte Welt schon wieder ganz anders aus!"....
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Re: Doktoranden in früheren Zeiten

Beitrag von Marmens » 26.10.2018, 12:52

Danke für die Antworten bisher!

Nur ungern möchte ich allerdings nähre Angaben zu meinem Umfeld machen. Es wurde ja vom Forum-Admin in einem anderen Thema erwähnt, dass man mit Daten sparsam sein soll und falls mein Finanzgeber hier rein schaut, könnte das unschöne Konsequenzen haben. Nur so viel noch zum Hintergrund: es handelt sich um eine naturwissenschaftliche Fachrichtung. Dass ich nicht extern promoviere, habe ich ja schon erwähnt, da ich einen Vertrag habe. Allerdings kam es trotz des Vertrages zu schwerwiegenden Gehaltszahlungsschwierigkeiten durch fehlende Drittmittel des Projektes. Die näheren Details und Hintergründe zu den Mauscheleien kann und dürfte ich hier allerdings nicht ausführen. Ich kann mir nur vorstellen, dass Gelder zwischen den Finanzposten "Reisemittel" und "Personal" verschoben wurden. Anscheinend als Ausrede kam dann der Satz, dass man früher ja auch nichts verdient hätte.

Zumindest weiß ich auch, dass zu DDR-Zeiten Doktoranden ähnlich zu wissenschaftlichen Angestellten behandelt wurden und verglichen mit Berufsanfängern manche sehr wenig, andere aber auch sehr gut verdient haben (z.B. als Aspiranten). Da man das auf von der damaligen Zeit mit den niedrigeren Lebenshaltungskosten, staatlichen Subventionen und der damaligen Mangelwirtschaft aber schlecht mit der heutige BRD-Zeit vergleichen kann, bringen nähere Gehaltsangaben aus der DDR nichts. Zumindest konnten Doktoranden in der DDR sich aber selbst versorgen, wie mir gesagt wurde. Ich weiß nur nicht, wie die Situation in BRD-Zeiten aussah, als mein Finanzgeber promoviert hat.

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