Promotion aufgeben?

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Anne78
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Re: Promotion aufgeben?

Beitrag von Anne78 » 09.06.2018, 13:29

Hallo Chrissy,
Die anderen haben vieles geschrieben, was ich auch so sehe: mögliches "Impostor-Syndrom", typisches erstes Tief usw. Auch die Hinweise von @Praktikum finde ich großteils sinnvoll, nämlich die einzelnen Faktoren mal genauer anzuschauen. Was mich aufhorchen lässt, ist der folgende Absatz:
Chrissy hat geschrieben:
06.06.2018, 21:19
Ich habe mich noch nie zur Promotion berufen gefühlt und bin wirklich am Zweifeln, ob ich noch die 2 ½ Jahre durchziehen soll. (...) Wenn es nach mir gingen würde, würde ich sofort abbrechen. Ich habe das Gefühl, dass ich der ganzen Sache nicht gewachsen bin und eigentlich nur promoviert habe, weil mir die tollte Gelegenheit in den Schoß gefallen ist. Das Einzige ist, was mich davon abhält ist, dass ich meine ganze Arbeitsgruppe im Stich lasse würde und ich auch nicht weiß, was ich als Alternative machen soll.
Das klingt, als fehle Dir wirklich die innere Motivation. Ist das wirklich so? Wenn ja: War das wirklich von Anfang an so, oder ist es eine aktuelle Phase?
Wenn es von Anfang an so war, wäre mein Rat ähnlich wie der von Eva: Nimm den aktuellen Job pragmatisch, mach weiter und finde parallel möglichst raus, was Alternativen sind. Wenn letzteres zutrifft (erst jetzt kommen die starken Zweifel), dann liegt es vielleicht doch eher an der momentanen Situation und Du flüchtest, was Dir in jedem anderen Job auch passieren könnte und wahrscheinlich auch passieren wird, sobald es nicht ganz rund läuft.
Insgesamt vertrete ich (anders als viele andere hier) den Standpunkt, dass man eine Promotion durchaus auch abbrechen kann, wenn sich herausstellt, dass das doch nichts ist, und dass das durchaus die souveränere Umgangsweise sein kann, als sich einfach weiterzuschleppen. Aber es sollte eben eine gut überlegte Entscheidung sein, mit der Du hinterher im Reinen bist (Allgemeinplatz, ich weiß, trotzdem m.E. richtig).
Alles Gute für die Entscheidungsfindung :blume:

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Re: Promotion aufgeben?

Beitrag von Vollkornpizza » 09.06.2018, 14:10

Hallo Chrissy,

ich möchte mich auch weitestgehend Eva und Anne anschließen. Kann man in deinem Bereich auch ohne Dr. beruflich Fuß fassen? Wenn ja, lass das mit der Promotion lieber. Du scheinst dich weder für die Forschung zu interessieren (und auch nicht mobil zu sein für eine Karriere in der selbigen) noch ist die Promotion ein wichtiges Lebensziel von dir. Es sind lange, harte Jahre (und mitunter bleibt es nicht bei 3 Jahren) und wenn man keine innere Motivation hat, ist es zu schwierig. Ich komme auch aus einer eher bildungsfernen Familie und kann mir vorstellen, dass es schwierig ist, deiner Familie den Abbruch zu erklären. Aber wenn du die Promotion durchziehst, musst du dich auch ständig erklären, weil sie nicht verstehen können, wie es ist und was du gerade machst. Man darf auch "tolle Chancen" sausen lassen, wenn sie nicht das richtige für einen sind. Habe Mut, dich gegen die Erwartungen deiner Familie und deinem Umfeld zu stellen. Du hast einen guten Abschluss und deine jetztige Firma wird dir ja wohl auch ein gutes Arbeitszeugnis schreiben, wenn sie so begeistert von dir sind. Es ist besser, früher an Abbruch zu denken als später. Carpe diem.

Viele Grüße
VP

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Re: Promotion aufgeben?

Beitrag von spirograph » 26.06.2018, 16:05

Liebe Chrissy,

wie meine Vorredner*innen es bereits angedeutet haben: das Zauberwort lautet Pragmatik. Das Leben, bestehend aus Arbeit/Berufausübung und Privates stellt Anprüche und Erwartungen, die man konkret pragmatisch angehen muss. Du hast gegenwärtig einen Vertrag über 3 Jahre, die mit der Erwartung einer Dissertation verbundne ist? Inwiefern? Ich kenne jemanden, der genauso so eine Stelle in einem Projekt hatte, aber nach einem halben Jahr dort davon absah, eine Diss in diesem (!) Zusammenhang anzufertigen. Er verkündigte dies, arbeitete dort weiter, erfüllt also auch die Tätigkeitsbeschreibung seines Arbeitsvertrages (guck mal nach!) und orientierte sich mit seine Diss neu/anders. Kein Arbeitsvertrag der Welt kann Dich daran binden, zu promovieren. Das ist eher ein By-Produkt. Im Sinne deines Arbeitsvertrages ist es legitim, so unterstelle ich mit meinem gegenwärtigen Wissensstand einmal, dass Du weiter beschäftigt bist und deine Tätigkeitsbeschreibung voll ausfüllst uns das ggf. mit der Promotion sein lässt. Letzteres ist doch kein Muss. Du findest bestimmt zig Stellen in deiner Branche ohne promoviert zu sein. Du guckst Dich um, bewirbst Dich ohne dass darüber andere Kenntnis haben und siehst zu, wo Du hinkommst. Alternativen, andere Wege usw. ergeben sich, that´s life. Du musst Dich nicht "schuldig" fühlen oder denken, dass Du jemanden abgrundtief enttäuschst. Du hast eine Qualifikation (Master) und suchst für Dich nach einer passenden Arbeitsstelle; die, die Du gerade hast ist eine Arbeitsstelle, aber noch nicht umfassend passend, also geht die Suche weiter. Wenn Du was hast, kündigst Du fristgenau, nimmt deinen Urlaub, der ggf. noch aussteht, und gehst deiner Wege. Vollkommen legitim! Habe ich schon x-mal gesehen, dass Menschen in dem Bereich zwar jetzt noch da und da "forschen", sich aber bei interamt.de umgucken und sich eigentlich wegbewerben. Stirbt keiner von. Ist der normale Lauf der Dinge.

Also, nur zu. Und nach einem halben Jahr von "Promotion" zu sprechen, nungut, das sind die ersten Anklänge davon, im Prinzip ersteinmal Orientierung, von einem gänzlichen, strukturierten Eintauchen in den Forschungsvorgang ist es m.M.n ggf. noch sehr zeitig zu sprechen. Insofern ist noch gar keine Bindung zum Thema, zum Prozess, zur gesetzten Aufgabe entstanden, so dass man es auch abgelegen kann - eben für jemanden anderes. Vollkommen ok. Promotion und der ganze Bums darum ist etwas, dass man tun kann. Freiwillig, man wird nicht gezwungen.

Alles Gute Dir,

spiro
Wie groß ist das Wort Claudels: „La vie, c’est une grande aventure vers la lumiere“ (Das Leben ist ein großes Abenteuer zum Lichte hin)

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