Promotion aufgeben?

... und die Fragen, die sich davor und dabei ergeben.
Neue Fragen bitte hierher.

Chrissy
Neu hier
Beiträge: 1
Registriert: 06.06.2018, 20:59
Hat sich bedankt: 0
Danksagung erhalten: 0

Promotion aufgeben?

Beitrag von Chrissy » 06.06.2018, 21:19

Hallo,

vermutlich wurde schon öfters so ein Thema gestartet. Ich bin ziemlich am Ende und möchte gerne mit Gleichgesinnte sprechen. All meine Freunde und Familie (die nicht promovieren) können mich nicht ganz verstehen und sagen, dass ich es durchziehen soll.

Ich habe Anfang des Jahres mit meiner Promotion angefangen. Durch mein Studium bin ich schnell durchgerutscht und habe nun mit 24 Jahren einen Masterabschluss in der Biotechnologie (Schnitt 1,5). Meine Abschlussarbeit für den Master habe ich in einer Firma durchgeführt. Dadurch bin ich zu meiner Doktorandenstelle gekommen. Wie es das Schicksal wollte, wurde zu der Zeit, als ich in der Firma als Masterandin eingestellt war, eine Doktoranden- Stelle frei. Ich habe mich daraufhin beworben und nach mehreren Bewerbungsgesprächen habe ich die Doktorandenstelle bekommen. Alles schien perfekt zu sein, aber dennoch hatte ich immer Zweifeln gehabt, ob ich die Stelle wirklich anfangen soll, da ich nie wirklich zu den Musterstudenten gehört habe. Hier habe ich primär auf die Leute in meiner Umgebung gehört, die gesagt haben, dass es eine sehr gute Chance ist und eine Laborleiterstelle nach der Promotion schon fast sicher ist.

Für die Stelle musste ich knapp 200km von meiner Heimat wegziehen, was alles noch schwieriger gestaltet. Nun promoviere ich seit ein halbes Jahr und der Frust steigt stetig. Gefühlt will kein Versuch funktionieren und meine Motivation sinkt weiterhin. Ich habe mich noch nie zur Promotion berufen gefühlt und bin wirklich am Zweifeln, ob ich noch die 2 ½ Jahre durchziehen soll. Ich habe das Gefühl, dass mein Betreuer auch nicht viel von mir hält. Wenn es nach mir gingen würde, würde ich sofort abbrechen. Ich habe das Gefühl, dass ich der ganzen Sache nicht gewachsen bin und eigentlich nur promoviert habe, weil mir die tollte Gelegenheit in den Schoß gefallen ist. Das Einzige ist, was mich davon abhält ist, dass ich meine ganze Arbeitsgruppe im Stich lasse würde und ich auch nicht weiß, was ich als Alternative machen soll. Ich bin jetzt schon ziemlich am Ende und weiß nicht was ich machen soll. Wenn ich versuche mit Freunden und Familie darüber zu reden, kommt nur ein Kommentar, dass ich es schaffen werde und, dass ja kein Meister vom Himmel gefallen ist. Deswegen würde ich gerne hier nach Meinungen und Erfahrungen fragen, da wahrscheinloch nur Gleichgesinnte mich verstehen können. Über Antworten freue ich mich sehr.

Viele Grüße
Chrissy

Anzeige:

Sunny_2008
Beiträge: 3
Registriert: 24.10.2017, 17:58
Status: fast eingereicht
Hat sich bedankt: 0
Danksagung erhalten: 0

Re: Promotion aufgeben?

Beitrag von Sunny_2008 » 07.06.2018, 11:31

Huhu!

Ich kann deine Zweifel sehr gut verstehen. Ich hatte eine Doktorandenstelle an der Uni gehabt, wollte mein ganzes Leben nichts anderes als Forschung machen und will es auch nach wie vor nicht. Habe auch beste Chancen. Gehe auch davon aus, Summe cum laude zu promovieren. DENNOCH: Das Schreiben der Diss, diese ganze Phase war von A bis Z eigentlich ein großer Albtraum. Ich stand auch unmittelbar davor, aufzuhören. Und auch jetzt noch, wo ich auf das letzte Gutachten warte, die Frist hierfür in drei Wochen ausläuft.... Wenn ich nicht diesen überragenden Lebenstraum "Forschung" hätte, ich würde am liebsten jeden Moment an der Uni anrufen und denen sagen, sie können sich die Diss und den Titel sonst wo hinstecken.

Was ich damit sagen will: Denk langfristig! Du hast eine wahnsinnige Chance hier! Die Aussicht auf eine großartige und fixe Stelle, die zudem noch sehr gut bezahlt ist. Du hast da Sicherheit! Dein Arbeitgeber scheint auch in dir sehr viel zu sehen und Qualitäten abseits von "Mustersschüler" festzumachen.

200 km dafür vom Wohnort wegzuziehen ist auch nicht sehr weit, so hart es sich anhört. Aber Mobilität gehört leider dazu. Als ich jetzt Gespräche führte zur Auswahl des Förderungsprogramms für mein Nachfolgeprojekt, hätte ich meinen Gesprächspartnern gegenüber nicht erwähnen dürfen: "Hey, ich hab hier meinen Mann, Freunde und Familie. Ich möchte nicht für drei Jahre auf die andere Seite des Globus ziehen." -- Die hätten gesagt: Ich kann nach Hause gehen und sollte wir ein anderes Métier als Wissenschaft suchen.

Und mach dir keine Gedanken wegen vermeintlicher Musterschüler-Qualitäten. Das ist eines der allerletzten Qualifikationen, die du brauchst für eine Promotion (1,5 ist eh ein beachtlicher Schnitt).

Die Frage, die du dir vllt. stellen solltest: Kannst du deine Selbstzweifel überwinden und wirst du langfristig es nicht bereuen, wenn du es nicht machst?

Nomen Nescio
Beiträge: 963
Registriert: 31.05.2018, 17:29
Status: Dr. No
Hat sich bedankt: 3 Mal
Danksagung erhalten: 16 Mal

Re: Promotion aufgeben?

Beitrag von Nomen Nescio » 07.06.2018, 13:19

Ich stecke noch mitten drin, deshalb will ich mich auf einen Puntk beschränken:
Chrissy hat geschrieben:
06.06.2018, 21:19
Gefühlt will kein Versuch funktionieren und meine Motivation sinkt weiterhin
Ich zitiere meinen Prof sinngemäß: "Ein Experiment ist eine Frage , die sie an das Universum stellen. Auch wenn die Antwort NEIN lautet, ist dies eine Antwort, aus der sie etwas lernen können. Nach einem JA kann jeder Idiot weitermachen; lernen sie vor allem, nach einem NEIN die nächste Frage zu stellen"
Trollschutzerklärung: Ich halte mich aus threads mit erhöhtem Trollpotential heraus. Im Fehlerfall möge der Troll bitte "NEIN, ich bin nicht einverstanden." drücken.

Eva
Beiträge: 7480
Registriert: 06.07.2007, 17:35
Status: Dr. phil.
Hat sich bedankt: 6 Mal
Danksagung erhalten: 14 Mal

Re: Promotion aufgeben?

Beitrag von Eva » 07.06.2018, 13:21

Chrissy hat geschrieben:
06.06.2018, 21:19
Ich habe mich noch nie zur Promotion berufen gefühlt
Also diesen Satz finde ich schon bedenklich. Und die Tatsache, dass du schon nach so kurzer Zeit so grundlegend haderst. Versuch doch, dich jetzt nach einem anderen Job umzuschauen, parallel aber Job und Diss weiterzumachen - muss ja erstmal keiner wissen, dass du Absprunggedanken hegst. Vielleicht zeigt dir die Jobsuche, dass es sehr gute Alternativen für dich gibt, dann nichts wie weg! Vielleicht findest du aber auch raus, dass das, was du momentan machst, doch die für deine Situation beste Lösung ist.

Y That
Hat sich bedankt: 0
Danksagung erhalten: 0

Re: Promotion aufgeben?

Beitrag von Y That » 07.06.2018, 20:11

Hallo Chrissy,

einerseits kann ich mich Eva nur anschließen. Wenn du nicht mit dem Herzen dabei bzw. wirklich tragfähig motiviert bist, ist es wahrscheinlich immer schwierig, eine Promotion zu Ende zu bringen. Andererseits promoviere ich in einer ganz anderen Disziplin als du, sodass es mir schwerfällt, etwas wirklich Fundiertes dazu zu sagen.
Gibt es Möglichkeiten, dich professionell beraten zu lassen, z. B. durch eine Graduiertenakademie o. ä.? Vielleicht wäre das noch eine Option, bevor du dich endgültig dazu entscheidest, deine Promotion abzubrechen - denn dein post liest sich so, als ob da das schon klar hättest. Und nach einer professionellen Beratung hättest du vielleicht auch weitere Argumente, mit denen du deine Familie überzeugen könntest.

Viele Grüße
Nienna

daherrdoggda
Beiträge: 199
Registriert: 16.08.2015, 21:28
Status: rer nat
Hat sich bedankt: 19 Mal
Danksagung erhalten: 11 Mal

Re: Promotion aufgeben?

Beitrag von daherrdoggda » 08.06.2018, 06:27

Ich hab von vielen experimentellen NaWi-Kollegen gehoert, dass im ersten Jahr fast nix klappt. Im 2. Jahr hat man dann vll ein Poster und im 3. das erste Paper - oft kommt aber auch das erst am Ende der Promotion.
Im ersten Jahr wuerde ich nur hinschmeissen, wenn z.B. die Betreuung komplett schiefgeht und v.a. erst, wenn man eine Alternative gefunden hat.

praktikum
Beiträge: 320
Registriert: 13.02.2016, 05:35
Status: abgeschlossen
Hat sich bedankt: 0
Danksagung erhalten: 2 Mal

Re: Promotion aufgeben?

Beitrag von praktikum » 09.06.2018, 02:12

@TE
Ist das vielleicht gleichzeitig auch Deine erste (richtige) Arbeitsstelle? Das kann schon eine ernüchternde Erfahrung sein. Dazu kommt noch, dass Du anscheinend eher schlecht in den Job/Promotion gestartet bist und das Verhältnis mit dem Betreuer ist bereits angekratzt.
Du solltest ernsthaft analysieren, ob Du noch Ressourcen für intensivere Arbeit in Dir hast und ob Dir ein härteres Arbeiten nutzen würde. Falls es das nicht ist, dann solltest Du herausfinden, woran es wirklich hakt. Das kann beispielsweise die mangelnde Erfahrung im wissenschaftlichen Arbeiten sein oder zu hektisch angefangene Experimente. Eventuell würden hier z.B. entsprechende Kurse oder er Austausch mit anderen Doktoranden helfen. Es können aber fachliche Defizite sein, was direkt nach dem Studium gerne selber ausgeblendet wird. Ein Neustart der Einarbeitungsphase mit einem realistischen Zeitfenster sollte hier helfen.
Gerade eine weitere Einarbeitung/Fortbildung ist relativ am Anfang noch gut zu rechtfertigen und beim Chef zu kommunizieren. Daher war es sehr gut und wichtig, dass Du Dir die Probleme selber eingestanden hast. Das möchte ich an dieser Stelle ausdrücklich loben.

Irgendeine allgemeine Motivationsberatung oder ein Psychologe helfen Dir übrigens nicht, falls es nicht 100% an der Motivation liegt. Das kannst Du gerne versuchen, aber bitte nur parallel zur obigen Analyse. Außenstehende sehen oft einen rosigen Karriereweg und geben irgendwelche Motivationssprüche ab. Die verstehen Probleme in der wissenschaftlichen Laufbahn in der Regel einfach nicht.
Nomen Nescio hat geschrieben:
07.06.2018, 13:19
Ich zitiere meinen Prof sinngemäß: "Ein Experiment ist eine Frage , die sie an das Universum stellen. Auch wenn die Antwort NEIN lautet, ist dies eine Antwort, aus der sie etwas lernen können. Nach einem JA kann jeder Idiot weitermachen; lernen sie vor allem, nach einem NEIN die nächste Frage zu stellen"
So etwas hört man deswegen, weil das für denjenigen einfacher ist, als sich mit der Person vor ihm zu beschäftigen. Die Erwartungshaltung ist in in den meisten Fällen aber eine ganz Andere!!

daherrdoggda hat geschrieben:
08.06.2018, 06:27
Ich hab von vielen experimentellen NaWi-Kollegen gehoert, dass im ersten Jahr fast nix klappt. Im 2. Jahr hat man dann vll ein Poster und im 3. das erste Paper - oft kommt aber auch das erst am Ende der Promotion.
Was Du so alles hörst ... :roll:
daherrdoggda hat geschrieben:
08.06.2018, 06:27
Im ersten Jahr wuerde ich nur hinschmeissen, wenn z.B. die Betreuung komplett schiefgeht und v.a. erst, wenn man eine Alternative gefunden hat.
Was verstehst Du denn bitte unter "komplett schiefgehen" ? STGB ? Intelligente Allgemeinplätze wie "erst hinschmeissen, wenn man eine Alternative gefunden hat" kann die TE sicher gebrauchen. :roll:

daherrdoggda
Beiträge: 199
Registriert: 16.08.2015, 21:28
Status: rer nat
Hat sich bedankt: 19 Mal
Danksagung erhalten: 11 Mal

Re: Promotion aufgeben?

Beitrag von daherrdoggda » 09.06.2018, 08:23

praktikum hat geschrieben:
09.06.2018, 02:12
Was Du so alles hörst ... :roll:

Was verstehst Du denn bitte unter "komplett schiefgehen" ? STGB ? Intelligente Allgemeinplätze wie "erst hinschmeissen, wenn man eine Alternative gefunden hat" kann die TE sicher gebrauchen. :roll:
Erklaer mir das Problem, von Erfahrungen zu berichten, statt einfach hilflose Kommentare wie diese zu schreiben.
Solche Kommentare helfen dem thread naemlich sicher nicht...
Dass keine Alternative vorhanden ist, kann man im ersten Post nachlesen. Erklaere also hier auch den Anlass solcher Kommentare.

Eva
Beiträge: 7480
Registriert: 06.07.2007, 17:35
Status: Dr. phil.
Hat sich bedankt: 6 Mal
Danksagung erhalten: 14 Mal

Re: Promotion aufgeben?

Beitrag von Eva » 09.06.2018, 10:35

Zum Thema "keine Alternative vorhanden": Der/die TE hat im ersten Post geschrieben
und ich auch nicht weiß, was ich als Alternative machen soll.
Das heißt ja nicht, dass es wirklich keine Alternative gibt, sondern nur, dass er/sie (noch) keine kennt, noch nicht gesucht hat etc. Insofern finde ich den Rat, erst nach Alternativen zu suchen, und dann die aktuelle Stelle aufzugeben, angebracht (zumal ich ihn selbst auch gegeben habe 8) :wink: ).

flip
Beiträge: 1039
Registriert: 02.11.2012, 02:50
Hat sich bedankt: 2 Mal
Danksagung erhalten: 20 Mal

Re: Promotion aufgeben?

Beitrag von flip » 09.06.2018, 11:05

Ahja, der Hobbypsychologie in mir erkennt typische Anzeichen des Impostor-Syndroms.

Studium Erfolgreich abgeschlossen, sehr gute Stelle ergattert und sobald es nicht ganz rund läuft, verspürt man den Zwang, sich gegenüber jedem rechtfertigen zu müssen.
Das zeigt sich allein allein schon dadurch, dass du denkst, dass es in 2,5 Jahren vorbei wäre. Also wenn von Anfang an die Uhr auf drei Jahre fixiert wurde.
Vergiss es. Und akzeptiere, dass Forschung nun mal nicht Studium ist, wo alles planbar ist. Dass im ersten Jahr nichts so recht klappen will, ist vollkommen normal. Nur hör auf, dann Ausreden à la "ich glaube, mein Betreuer mag mich nicht", zu erfinden. Wenn das wirklich so wäre, hättest du auch eine stichhaltige Begründung liefern können.

Wenn du natürlich nie promovieren wolltest und von Anfang an mit dem Vorsatz an die Arbeit gehst, dann kann das auch nichts werden. Also, gehe in dich, überlege ganz genau was die Vorteile und Nachteile deiner Position sind und ob es sich, ob deine Ansprechpartner wirklich so schlimm sind und ob es sich tatsächlich lohnt, weiter zu promovieren.

Und pssst, im wahren Leben laufen sehr viele Menschen mit "Dr" vor dem Namen herum, die ganz genau wissen was du gerade durchmachst.

Antworten
  • Vergleichbare Themen
    Antworten
    Zugriffe
    Letzter Beitrag