Erfahrungen der Historiker

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Wierus
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Re: Erfahrungen der Historiker

Beitrag von Wierus » 28.05.2018, 20:52

Apollo hat geschrieben:Nachdem ich mich als Chefarzt, Astronaut, Chirurg und Chemiker beworben habe, fiel in irgendeinem Vorstellungsgespräch das mit dem Dunning-Kruger. Hab ich aber nicht verstanden (paradox, oder nicht)?
Alles, was man über den Dunning-Kruger-Effekt wissen muss: https://youtu.be/MsYXrKrMVvI?t=39m43s

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Kalypter
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Re: Erfahrungen der Historiker

Beitrag von Kalypter » 01.06.2018, 10:07

Apollo hat geschrieben:
Wierus hat geschrieben: Ein drastisches Beispiel :D Aber ich stimme voll und ganz zu! Ähnliches habe ich auch schon öfter in ZEIT und SZ gelesen. Übrigens ist diese Ansicht im angelsächsischen Raum verbreiteter als bei uns. Auf youtube gibt es zig Videos von öffentlichen Uni-Vorlesungen, in welchen Professoren ihren Studenten darlegen, dass die Fachrichtung im Grunde zweitrangig ist und der Universitätsabschluss hauptsächlich den Sinn hat, potentiellen Arbeitgebern zu beweisen, dass man lernen (= arbeiten) will und kann; und dass man am Ende solcher Lerntätigkeit über solides, abrufbares Wissen verfügt.
Nachdem ich mich als Chefarzt, Astronaut, Chirurg und Chemiker beworben habe, fiel in irgendeinem Vorstellungsgespräch das mit dem Dunning-Kruger. Hab ich aber nicht verstanden (paradox, oder nicht)? Ich baue jetzt Sicherheitseinrichtungen für Kernkraftwerke, obwohl ich von Physik keine Ahnung habe, ausser dass es Nukular (Nu-ku-lar) heißt. 8)
:radioactive:
Dein Kommentar ist natürlich satirischer Natur - dennoch möchte ich der darin verborgenen Implikation widersprechen: Im geisteswissenschaftlichen Umfeld hat Wierus durchaus recht. Wenn man bei einer Zeitung, einem Verlag oder meinetwegen einer Stiftung arbeiten will, spielt es eine untergeordnete Rolle, ob man Philosoph, Germanist oder Historiker ist. Ausschlaggebend dürften hier (abgesehen vom "persönlichen Verkaufstalent") die eigenen beruflichen (Vor-)Erfahrungen, Fähigkeiten und Kontakte sein. Dass sich eine solche Beliebigkeit in den Naturwissenschaften verbietet, liegt auf der Hand.

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Re: Erfahrungen der Historiker

Beitrag von Nomen Nescio » 01.06.2018, 13:18

Apollo hat geschrieben:Ich baue jetzt Sicherheitseinrichtungen für Kernkraftwerke, obwohl ich von Physik keine Ahnung habe, ausser dass es Nukular (Nu-ku-lar) heißt. 8)
:radioactive:
Eine aus meiner Sicht ausreichend gute Motivationshilfe, dir nötige Kenntnisse schnellstmöglich anzueignen, wäre es, dich zu verpflichten, im A-Radius des AKW zu wohnen.
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Re: Erfahrungen der Historiker

Beitrag von Wierus » 11.06.2018, 16:26

Ich hatte die weiteren Reaktionen in diesem Thread völlig übersehen und erst beim Ausmisten der älteren Forumsbenachrichtigungen mitbekommen. Daher schon einmal ein "Sorry" im Voraus, sollte sich jemand durch das Aufwärmen älterer Kamellen auf den Schlips getreten fühlen. :D

Kalypter hat geschrieben:
01.06.2018, 10:07
Wenn man bei einer Zeitung, einem Verlag oder meinetwegen einer Stiftung arbeiten will, spielt es eine untergeordnete Rolle, ob man Philosoph, Germanist oder Historiker ist. Ausschlaggebend dürften hier (abgesehen vom "persönlichen Verkaufstalent") die eigenen beruflichen (Vor-)Erfahrungen, Fähigkeiten und Kontakte sein. Dass sich eine solche Beliebigkeit in den Naturwissenschaften verbietet, liegt auf der Hand.
Nein! Ich denke, an dieser Stelle liegt ein kleines Mißverständnis vor, denn eine pauschale "Beliebigkeit" gibt es weder in den MINT-Fächern, noch in den Geistes- und Sozialwissenschaften. Und so wie du es formuliert hast, klingt das für mich einmal mehr nach dem altbekannten Dünkel gegenüber letzteren Fächern.

Wenn ein Kernphysiker für eine wichtige wissenschaftliche Tätigkeit - etwa für Sicherheits- oder Kühltechnik in einem Atomkraftwerk - gesucht wird, dann ist das eine sehr stark eingegrenzte berufliche Position, die spezielle fachliche Detailkenntnisse voraussetzt, für die sich jegliche Beliebigkeit hinsichtlich der fachlichen Ausbildung tatsächlich verbietet.
ABER: Analog dazu wird eine Pädagogin/Therapeutin/Lehrerin für Kinder mit Sprach- und Entwicklungsstörungen spezielle fachliche und darüber hinaus auch psychologisch-medizinische Kenntnisse vorweisen müssen. Ebenso wird der Kandidat für eine Stelle als z.B. Kurator einer antiken Sammlung von mykenischen Schreibtafelfunden spezielle fachliche Kenntnisse benötigen, z.B. wird er das "Linear-B" und andere altertümliche Sprachen einigermaßen beherrschen müssen. Genauso werden für die Mitarbeit in einer Archivabteilung für frühmittelalterliche Schriftstücke ausschließlich Historiker mit fachlichem Schwerpunkt Mittelalter und herausragenden Mittellatein-Zusatzkenntnissen in Frage kommen.

Wenn überhaupt, dann ist "Beliebigkeit" nicht vom Studienfach, sondern von der jeweiligen Tätigkeit abhängig, d.h. auch für Naturwissenschaftler denkbar. Für die Mitarbeit in einem Naturwissenschaftsmagazin oder in der Redaktion einer Wissenssendung (Radio/TV/Inet) ist es zweitrangig, ob du Biologe, Geologe oder Elektrophysiker bist, Hauptsache du hast dir vorher journalistische und medienspezifische Zusatzkenntnisse neben dem Fachstudium angeeignet. Und als (Aushilfs-)Grundschullehrer für Mathe interessiert es am Ende kein Schwein, ob du in deinem Astrophysikstudium die Dichte des Quark-Gluonen-Plasmas als einziger exakt theoretisch voraussagen konntest, was zählt ist nur noch, dass die Kids am Ende Bruchrechnen können.

Ich hatte weiter oben als Beispiel ein Video gepostet, in welchem ein Informatik-Professor seinen Studenten mit auf den Weg gibt, dass sie als Informatiker mit nicht geringer Wahrscheinlichkeit in ihrem Berufsleben nichts mit Informatik zu tun haben werden. Er hat allerdings betont, dass diese Faustregel nicht nur für Informatiker, sondern für alle universitären Studienfächer gilt.

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Re: Erfahrungen der Historiker

Beitrag von spirograph » 26.06.2018, 16:31

Liebe Jane,

gern will ich Dir antworten. Ich kenne eine Historikerin, deren Werdegang ggf. interessant ist. Vorab, Sie hat von Beginn des Studiums gewusst, was da auf Sie zukommen könnte (ggf. Arbeitslosgkeit, lange Jobsuche). Nun gut, sie studierte fertig, schloss mit sehr gut ab und fand drei Jahre lang trotz Stapeln an Bewerbungen keine Arbeit. Sie bewarb sich Deutschlandweit, in der Schweiz, in Österreich, flog zu den Bewerbungen, es half alles nichts. Nebenbei arbeitete Sie in Museen u Gedenkstätten für 450 Euro. Es wurde ihr auf ihr Alg II angerechnet. Letzteres eine bittere Erfahrung. In der Zeit iher Arbeitslosigkeit fing sie mit ihrer Diss an, schrieb und recherchierte. Nun nach 3 Jahren fand sie einen Job in der Wirtschaft. Sie schrieb weiter an ihrer Diss, die sie inzwischen erfolgreich und mit sehr gut verteidigen konnte. In ihrem Job arbeitet sie festangestellt in Unbefristung für eine Erbenfirma. Sie kann ihren Job gut, mag ihn aber nicht besonders. Ihr Traum ist weiterhin Wissenschaft. Nun fängt Sie ihre Habil-schrift an. Sie ist so krass motiviert und bei der Sache, dass sie ihre Diss neben einer Vollzeitarbeit schrieb und fertig machte und nun das Gleiche bei der Habilschrift versucht. Ich bin da absolut guter Hoffnung. Sie bewirbt sich aber weiter um eine Stelle an der Uni, auch wenn Sie dafür ihre unbefristete, gut bezahlte Stelle aufgeben müsste.
Ggf. wäre ein Archivar*innenreferendariat was für Dich. Voraussetzung ist HSA in Geschichte, eine Promotion, Fremdsprachenkenntnisse (https://www.archivschule.de/DE/service/stellenanzeigen/ und https://www.archivschule.de/DE/ausbildu ... er-dienst/). :-)


Dir alles Gute,

spiro
Wie groß ist das Wort Claudels: „La vie, c’est une grande aventure vers la lumiere“ (Das Leben ist ein großes Abenteuer zum Lichte hin)

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