Kumulative Diss: Keine Kraft mehr kurz vor Ende

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Sebo85
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Kumulative Diss: Keine Kraft mehr kurz vor Ende

Beitrag von Sebo85 » 25.03.2018, 18:36

Hi alle zusammen,

also.. ich stehe kurz vor Eröffnung des Verfahrens und habe herbe Probleme das Ding fertig zu stellen. Die Arbeit ist kumulativ und basiert auf fünf Papern. Publiziert sind auch schon zwei und eines kam vor einem Monat zurück von einem B-Journal für Major Revisions (hätte ich nur vorher eröffnet!). Den DV freut es natürlich (da er natürlich mit darauf steht, wobei er nichts macht), aber ich kann kaum die Word-Datei öffnen.. Ich weiß, es klingt verrückt (wenngleich vermutlich etwas nachvollziehbar), aber ich kann mich nicht mal mehr konzentrieren beim Lesen dieses Papers. Die Gedanken wollen einfach nur weg - und der Umstand, dass mir die meisten Reviwerkommentare unmöglich erscheinen, macht es nicht einfacher. Gleichzeit 'wünscht' der Chef aber, dass es durchgeht - ohne wirklich hilfreich zu sein.

Bin ein wenig verzweifelt.. Da ist noch so viel zu tun, ich weiß nicht, was ich daran tun kann geschweige denn wo ich anfangen sollte und mein Vertrag mit der Uni ist auch abgelaufen. Bin dann arbeitslos und ohne Titel.
Wie kann ich es schaffen meine Motivation für diesen Mist wieder etwas herzustellen?

Bestimmt hat jemand ein wenig Erfahrung mit diesen extremen Motivationslöchern...
Danke im Voraus!

praktikum
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Re: Keine Kraft mehr kurz vor Ende

Beitrag von praktikum » 26.03.2018, 04:19

Was Du schilderst, klingt eher nach Stress. Also Stress durch den Aufwand, die Termine, Ärgernisse und die ganzen Gedanken, die Du Dir machst. Das erkennt man daran, dass Du Probleme beim Öffnen der Datei hast.
Es hat sogar einen Vorteil, dass Dein Vertrag ausgelaufen ist: Du kannst Dir Ruhepausen gönnen und Abstand gewinnen! Vielleicht reicht es schon, wenn Du einfach ein Wochenende gar nichts daran arbeitest. Das schließt auch ein, dass Du Deine Mails nicht abrufst. Das erscheint Dir jetzt vielleicht unrealistisch oder als ein unnötiges Verzögern, aber im (erschöpft) gestressten Zusand arbeitet man einfach schlechter. Insgesamt kannst davon sogar zeitlich profitieren.

Du solltest das nicht unterschätzen, denn eine Stresssymptomatik kann noch deutlich unangenehmer ausfallen. Soweit solltest Du es nicht kommen lassen. Lieber jetzt präventiv eingreifen, als in vier Wochen gegen die Wand zu fahren und eine echte Auszeit zu benötigen.

Streptokokkus
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Re: Keine Kraft mehr kurz vor Ende

Beitrag von Streptokokkus » 26.03.2018, 05:59

Das sehe ich genauso! Du brauchst dringend eine Pause!
Da ich auch an einer kumulativen Arbeit schreibe, kenne ich den Frust mit den Gutachten. Auch kenne ich unsinnige Anforderungen, die allerdings bei mir nicht unmöglich waren.
Laß den Artikel einfach ein paar Wochen liegen!

Sebo85
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Re: Keine Kraft mehr kurz vor Ende

Beitrag von Sebo85 » 26.03.2018, 09:24

Danke für die Einschätzungen! Das ist tatsächlich das, was auch die Familie sagt.. Nur ist der Druck immens, weil arbeitslos (bin praktisch Alleinverdiener), das Paper liegt schon zwei Monate und das Journal will baldmöglichst den neuen Draft. Auch der DV geht davon aus, dass das Ding schon so gut wie durch ist. Da wird er sich wundern...

Pause habe ich daher mehr oder minder auch ausversehen gemacht. Über's Wochenende sind wir mal weggefahren (mit Gedanken durchweg bei der Forschung) und unter der Woche saß ich dann halt mal vor Paper und Daten ohne dass etwas passiert ist. Schnell war ich dann auch wieder auf irgendwelchen Websites - Hauptsache nicht in die Datei schauen. Es ist schon so schlimm, dass ich Nachts nicht mehr richtig schlafen kann. Alles wegen eines ollen Textdokuments..! Finde ich irre.
Angesichts der Erwartungen kann ich mir wohl keine weitere Verzögerung zumindest mit dem Paper erlauben. Wenn das durch ist, kann ich für mein dann wirklich letztes Paper etwas Zeit lassen (war fast fertig, bis die Reviews reinkamen) und die Gesamtdiss.
Habt ihr da Tipps wie ich mich aufrappeln kann? Ich brauche nur 1-2 Wochen durchgehend Fokus und Konzentriertheit (ein Plan wäre auch nett ;()

Danke noch mal und vG

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Re: Kumulative Diss: Keine Kraft mehr kurz vor Ende

Beitrag von winniepooh » 26.03.2018, 20:29

Ui, das klingt wie bei mir in der Endphase... in den letzten Monaten der Diss, und vor allem in der Phase, in der ich die Gutachterkommentare einarbeiten musste, habe ich auch nahezu körperlich dagegen gesträubt das Word Dokument anzuklicken und aufzumachen. Es gab Tage, da habe ich es einfach nicht über mich gebracht. Was mir enorm geholfen hat, war es 1) das Word Dokument nie zu schließen :D (psychologisch hat es für mich einen Riesenunterschied gemacht, ob ich das Dokument neu öffne oder lediglich aus der Minimalisierung raushole) und 2) mich jeden Tag mit einem Kollegen, der auch an seiner Doktorarbeit geschrieben hat, in einem Café zu verabreden und dort zu arbeiten. So konnten wir uns immer gegenseitig motivieren (und volljammern :wink: ) und uns alle paar Stunden eine geplante Kaffee-/Mittagspause gönnen. Dieses in-Absprache-in-Etappen-arbeiten ("Nach diesem Kapitel/so und so vielen Seiten/diesem Abschnitt holen wir uns nen Kaffee") fand ich extrem hilfreich, um die Korrekturen nicht mehr als ein riesiges unüberwindbares Hindernis anzusehen, sondern als viele kleine Schritte, die jeweils mit einer netten Pause belohnt werden. Außerdem konnte ich mich morgens besser aufrappeln, wenn ich wusste, dass jemand auf mich wartet, und habe auch viel konzentrierter gearbeitet. Vielleicht würde dir das ja auch helfen?

flip
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Re: Keine Kraft mehr kurz vor Ende

Beitrag von flip » 26.03.2018, 22:18

Sebo85 hat geschrieben: Angesichts der Erwartungen kann ich mir wohl keine weitere Verzögerung zumindest mit dem Paper erlauben.
Warum?

Der gesunde Menschenverstand sagt mir, dass ich das andere Papier fertig mache und danach mit der Resubmission beginne...

praktikum
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Re: Keine Kraft mehr kurz vor Ende

Beitrag von praktikum » 27.03.2018, 14:22

Sebo85 hat geschrieben: Habt ihr da Tipps wie ich mich aufrappeln kann? Ich brauche nur 1-2 Wochen durchgehend Fokus und Konzentriertheit (ein Plan wäre auch nett ;()
Man muss sich im Studium manchmal quälen, aber wenn Du im Studium noch keine entsprechenden Techniken erarbeitet hast, wird das jetzt nicht so schnell funktionieren. Bitte fange bloss nicht mit Drogen oder externer Hilfe an.

Du bist in eine Situation geraten, die Dir offensichtlich nicht passt: Du hast noch eine Menge zu tun, aber eigentlich keine Zeit dafür bzw. wärest lieber schon komplett durch. Du musst aber akzeptieren, dass dies nicht der Fall ist. Das ist es auch egal, was Du oder Dein DV erwarten bzw. ob das finanziell nicht passt. Solange Du es aber nicht akzeptierst, dass Du noch Arbeit reinstecken musst, solange wirst Du Dich innerlich verweigern.

Offensichtlich war Deine vorherige Zeitplanung fehlerhaft bzw. Du hast nicht genug Reservezeit eingebaut. Außerdem hast Du finanziell schlecht geplant, wenn Du gar kein Geld mehr hast und jetzt noch unbezahlt an der Doktorarbeit sitzt. Gestehe Dir das ein und arbeite jetzt kontinuirlich Schritt für Schritt weiter, dann wird alles gut werden. (Das Geld musst Du Dir notfalls eben leihen.) Sobald es voran geht, kommst Du vielleicht sogar von selber in ein Motivationshoch.

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Re: Kumulative Diss: Keine Kraft mehr kurz vor Ende

Beitrag von FerdiFuchs » 27.03.2018, 15:20

Eine konkrete Zeitmanagement-Technik, die man sehr schnell erlernen kann und die effektiv ist, ist die Pomodoro-Technik. Diese besteht darin, dass man die anstehenden Arbeiten in kleine Aufgaben zerlegt, die sich jeweils innerhalb von 25 Minuten erledigen lassen müssen. Die kleinen Aufgaben heißen Pomodoros und in der Regel kriegt man an einem produktiven Tag 13 bis 16 Stück davon weggeschafft.

Wichtig ist, dass man während eines Pomodoros alle Ablenkungen beiseite schiebt: Sobald man den Impuls verspürt, dass man gerade lieber etwas anderes machen will (z.B. E-Mails, Social Media, etc.), notiert man sich den Impuls kurz und geht ihm erst in der nächsten Pause zwischen den Pomodoros nach. Eine genauere Beschreibung gibt es z.B. hier.

Könnte mir gut vorstellen, dass diese Technik auch in diesem Fall was bringt, in dem das Hauptproblem der scheinbar übermächtige Umfang der Revision ist. Durch das Zerhacken der anstehenden Arbeiten in eine Anzahl von Mini-Paketen kriegt man es gemanagt.
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Re: Kumulative Diss: Keine Kraft mehr kurz vor Ende

Beitrag von Geuer » 28.03.2018, 10:20

Ich finde die Tipps von winniepooh sehr gut. Das Dokument öffnen ist der erste Schritt und es nicht schließen der zweite. Mir hilft das auch schon! Ich hab ansonsten einmal in der Woche mit einem Kumpel einen Diss-Tag. Wir treffen uns und machen an dem Tag nur Zeug für unsere Dissertationen (sind beide sonst anderweitig an der Uni beschäftigt), reden über Probleme, essen Mittag etc. Wir kommen da beide inhaltlich gut voran; in der Textproduktion eher nicht so gut; der Tag ist aber stets sehr motivierend und hilfreich.

Da ich abseits dessen kaum Austausch habe, habe ich mir angewöhnt, mir vor größeren anstehenden Arbeitspaketen kleinteiliger aufzuschreiben, was im Detail erledigt werden muss. Die kleinen Aufgaben sind dann meistens nicht so schlimm wie wenn man einen ganzen, unspezifischen Arbeitsblock vor sich hat. Diese Listen arbeite ich dann einfach nach und nach ab. Wichtig für mich ist, dass ich diese Listen physisch vor mir liegen habe und das Abhaken eines Arbeitsschrittes durch ein Häckchen und dickes nachzeichnen mit einem Marker "zelebriere". Mag sich albern anhören, aber mir verschafft das immer ein gutes Gefühl und am Ende des Tages gibt es eine Liste mit einer großen Reihe grün abgehakter Sachen; dann ist auch schon klar, was es die nächsten Tage konkret zu tun gibt.

Ich hab auch einige Leute im Freundeskreis, die auf die von FerdiFuchs beschriebene Promodoro-Technik schwören. Sollte man auf jeden Fall mal probieren, um festzustellen, ob das was für einen ist.

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Re: Kumulative Diss: Keine Kraft mehr kurz vor Ende

Beitrag von Sabeth » 31.03.2018, 17:30

Hallo,

ich würde versuchen, die Sache pragmatisch anzugehen - sich klarmachen, dass die eigene Situation de facto eine privilegierte ist und dass es schlimmere Situationen gibt. Eine psychologische Anlaufstelle, die es an vielen Universitäten gibt, könnte helfen, ebenso eine verhaltenspsychologische Intervention, die konkrete Hilfen benennt. Es gibt auch vermehrt Angebote zum Schreiben, wo auch Wert auf das Bearbeiten von Widerständen (oft in Verbindung mit der Rolle in der Familie) gelegt wird.

Ich wünsche Dir viel Glück!

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